Audio: „Besser es sterben Menschen als die Wirtschaft bricht ein“ Die Coronakrise als Offenbarungseid des Kapitalismus

von Lothar Galow-Bergemann

Was ist aus der Coronakrise zu lernen? Immer lauter werden die Stimmen aus Wirtschaft und Politik, die letztendlich darauf hinauslaufen, lieber mögen viele Menschen sterben als die Wirtschaft einbrechen. Wollen wir dieser barbarischen Logik wirklich folgen? Oder müssen wir nicht im Gegenteil aus einem Wirtschaftssystem aussteigen, das ins Wanken gerät, wenn seine hehren Prinzipien ewiges Wachstum und Maximalprofit nicht mehr funktionieren? Es ist mit Händen zu greifen, dass wir keine Wirtschaft brauchen, die sich um den Daxkurs dreht.  Wir brauchen eine, die den Stofflichen Reichtum zum Mittelpunkt hat, den wir wirklich zum Leben brauchen, um unsere Lebens-Mittel im weitesten Sinne. Den Abstrakten Reichtum der Kapitalverwertung müssen wir jetzt dringend hinter uns lassen. Es wird und muss harte gesellschaftliche Auseinandersetzungen um diese existentielle Frage geben. Denn außer in den Geschichtsbüchern darf der Kapitalismus keinen Platz mehr haben. 

Link https://archive.org/details/200327lgbbesseressterbenmenschen

Großbritannien oder: Das Ende der Resignation | Blätter für deutsche und internationale Politik

https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/juni/grossbritannien-oder-das-ende-der-resignation

von David Graeber
Kann Hoffnungslosigkeit einfach langweilig werden? Es besteht tatsächlich Grund zur Annahme, dass in Großbritannien gerade eine solche Geisteshaltung aufkommt. Nennen wir sie: Pessimismusverdrossenheit.
Seit nunmehr fast einem halben Jahrhundert hat die britische Kultur, besonders auf der Seite der Linken, aus der Verzweiflung eine Kunstform gemacht. In diesem Land wurde „No Future“ zum Motto einer ganzen Generation, der nächsten und schließlich noch einer weiteren Generation. Angefangen mit dem Zerfall seines Empires über den Zerfall seiner Industriestädte bis hin zum derzeitigen Zerbröseln seiner Sozialstaatlichkeit schien das Land jede nur denkbare Variante der Verzweiflung erkunden zu wollen: Verzweiflung als Ausdruck der Wut, der Resignation oder einer Laune, des Stolzes oder insgeheim genossener Lust. Nun aber scheint damit endlich Schluss zu sein.
Oberflächlich und aus der Ferne betrachtet erweckt Großbritannien den Eindruck, es gebe sich einem der seltsameren Anfälle masochistischer Selbstzerstörung hin, welche die Weltgeschichte verzeichnet. Seit dem Wahlsieg von 2010 hat sich die konservative Regierung, erst mit den Liberal Democrats als Koalitionspartner und jetzt in Eigenregie, darauf verlegt, Vieles von dem systematisch abzuwickeln, was ein gutes und anständiges Leben auf der Insel ermöglichte. Den Anfang machte die konservative Führung, indem sie das Universitätssystem abwrackte, das einstmals der Stolz des Vereinigten Königreichs war. Zugleich nahm sie die großartigste Ressource für das Selbstwertgefühl und die Würde der Nation ins Visier: die universalen Gesundheitsgarantien des National Health Service. All dies geschieht im Namen einer Wirtschaftsdoktrin: der Austerität. An die angeblich zwingend gebotene fiskalische Disziplinierung glaubt niemand wirklich, so gut wie jeder beklagt aber deren Ergebnisse – einschließlich Premierminister David Cameron, der privatim über den Niedergang der öffentlichen Dienste bei sich zuhause klagte. Gerechtfertigt wird diese Politik als Reaktion auf eine existenzielle Krise, die gar nicht existiert.
Wie konnte es dazu kommen? Es hat den Anschein, dass die gesamte politische Klasse sich in den Fallstricken des bizarr erfolgreichen Narrativs verfangen hat, das die Tories nach dem Finanzcrash von 2008 an die Macht brachte und von dem sie immer noch leben, obwohl seine Konsequenzen längst jeder Menschlichkeit, ja dem gesunden Menschenverstand selbst Hohn sprechen.
Boom Crash Opera
So gut wie jede seinerzeit amtierende Regierung wurde nach dem Crash ausgewechselt. Deren jeweilige politische Richtung entschied in der Regel darüber, welchen Ursachen man die Krise nachträglich zuschrieb und welches Narrativ sich öffentlich durchsetzen konnte. In den Vereinigten Staaten machte man George W. Bush für den Zusammenbruch verantwortlich, so dass die CEOs und Hedgefonds-Manager, die Bush bei Sponsorentreffs als seine „Basis“ zu rühmen pflegte, öffentlich in Misskredit gerieten. Zwar kam nicht einer dieser Leute vor Gericht, aber die meisten Amerikaner waren überzeugt, dass sie dorthin gehört hätten.
Im Vereinigten Königreich, wo Gordon Brown von der Labour Party in der Downing Street 10 amtiert hatte, fand dagegen das Narrativ der konservativen Opposition breite Zustimmung. Demzufolge resultiere die britische Krise Weiterlesen Großbritannien oder: Das Ende der Resignation | Blätter für deutsche und internationale Politik

Von der Deindustrialisierung zur Deklassierung

http://www.streifzuege.org/2015/von-der-deindustrialisierung-zur-deklassierung
09 Okt 2015 

Zur Kategorisierung schwindender Industriebelegschaften
Streifzüge 64/2015
von Franz Schandl
Unter Deindustrialisierung verstehen wir einen Schrumpfungs-, Zerschlagungs- und Liquidierungsprozess des industriellen Potenzials (Arbeitskräfte, Maschinen, Gebäude, Know-how). Zentral ist der Verlust von Industriearbeitsplätzen, die von der Industrie selbst nicht kompensiert werden können. Kennzeichnend ist, dass immer weniger Arbeit und somit auch Arbeiter zur Herstellung bestimmter Produkte notwendig sind, aber auch, dass (nicht nur aufgrund der niedrigen Qualifikation) die verbleibende notwendige Arbeitskraft anderswo billiger eingekauft werden kann.
Deindustrialisierung heißt aber nicht, dass die Form der Produktion von Massenwaren sich grundsätzlich ändert, es wird ja weiterhin industriell gefertigt. Deindustrialisierung funktioniert vorerst als räumlich fixierter und auch zeitlich forcierter Abzug des industriellen Potenzials. Wo und wann und auch wie das vonstattengeht, darüber entscheidet primär die globale Konkurrenz. Man braucht inzwischen auch immer weniger Fabriken, um das proportional nötige Weltquantum herzustellen. Und um es auf die konkrete Ebene der Standorte herunterzubrechen: Strümpfe werden weiterhin in Strumpffabriken hergestellt, aber eben nicht mehr in dieser oder jener Weltregion.
Wertrevolutionen
Viele Betriebe rechnen sich nicht mehr, sie waren zu wenig spezialisiert, dafür verfügten sie über Überkapazitäten (Maschinen wie Arbeiter), die einfach nicht mehr gebraucht wurden. Weiterlesen Von der Deindustrialisierung zur Deklassierung