„Kapitalismus aufheben“ Interview

https://m.youtube.com/watch?v=4SREAehDuSA&t=1s

Stefan Meretz und Simon Sutterlütti haben 2018 das Utopie und Transformations-Buch „Kapitalismus aufheben“ veröffentlicht. In diesem ersten Teil des Interviews sprechen sie über Motivation für das Buch und den Schreibprozess selbst.

Das Buch gibt es frei online zugänglich unter https://commonism.us/

Beim Verlag findet ihr das Buch hier: https://www.vsa-verlag.de/nc/buecher/…

Eine bessere Gesellschaft muss erlernt werden

Interview: „Eine bessere Gesellschaft muss erlernt werden“

Die Angst vor der Klimaerwärmung eint die heutige Schülergeneration. „Wir können die Welt nicht retten, indem wir uns an die Spielregeln halten. Die Regeln müssen sich ändern“, sagt Greta Thunberg. Ist das Commoning eine Antwort? – Foto: Jörg Farys/Fridays for Future

Das Commoning legt seinen Fokus aufs Machen. Politisch Aktiven ist das oft suspekt. Sie kritisieren, Commoning verändere nicht die eigentlichen Ursachen unserer sozialen und ökologischen Probleme. Auf der anderen Seite gibt es inzwischen Linksintellektuelle, die im Commoning eine „revolutionäre Bewegung“ sehen und dazu eine Theorie entwickeln. 

ÖkologiePolitik: Herr Sutterlütti, was fasziniert Sie an den Commons?

Simon Sutterlütti: Erlauben Sie es mir, dreifach zu antworten. Zum einen praktizieren Commons eine neue Form des Zusammenlebens und Re-/Produzierens – eine neue Form, die richtungsweisend ist. Reform und Revolution betonen Prozess und Bruch, doch ihnen fehlt der dritte entscheidende Moment: Aufbau des Neuen. Eine inkludierende Gesellschaft fällt nicht nach der Revolution vom Himmel und wenn sie tatsächlich die Bedürfnisse der Menschen zum Inhalt haben soll, kann sie nicht durch staatliche Restrukturierungen erreicht werden. Eine bessere Gesellschaft lässt sich nicht einfach „von oben“ verordnen, sondern muss „unten“ erlernt, entwickelt und aufgebaut werden. Commons sind die Keimformen der Utopie, unser Experimentierfeld und die Praxis des Aufbaus. Zweitens können wir in Commons heute Momente einer Utopie erleben. In emanzipatorischen Bewegungen gibt es häufig einen Fokus auf politisch-staatliches Engagement: Doch wer immer darauf drängt, dass sich „oben“ etwas Entscheidendes ändert, der wird auf Dauer enttäuscht und frustriert sein, wenn sich hier nur kleine Verschiebungen erreichen lassen. Ich erlebe dann immer wieder einen Rückzug vom gesellschaftlichen Engagement, der Fokus schwenkt auf das Private, auf das individuelle oder familiäre Glück. Ein – hoffentlich glückendes, aber notwendig eingeschränktes – Einrichten im Bestehenden. Commons bieten eine weitere Alternative jenseits eines privatisierten Möglichst-gut-Einrichtens und eines politisch-abstrakten Kämpfens. Sie versuchen heute schon Räume einer anderen gesellschaftlichen Logik, die wir Inklusionslogik nennen, aufzubauen. Damit die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft am Leben bleibt, dürfen wir uns nicht nur an Symptomen abarbeiten und Kämpfe gegen übermächtige Gegner führen, sondern müssen vor Ort ein positives Gegenmodell zur gegenwärtigen Praxis der Ausbeutung von Mensch und Umwelt entwickeln und leben – für uns selbst und andere. Commons sind für viele eine überzeugende und ansteckende Alltagspraxis. Drittens war und sind Commonsräume für meine eigene Politisierung und mein Leben entscheidend. Ich setze mich ein für eine solidarische, ökologische Gesellschaft, weil ich in Hausbesetzungen und Wohnraumkämpfen, Jugendzeltlagern und Theoriewochenenden erfahren habe, dass soziale Räume auf Basis von kollektiver Verfügung und Freiwilligkeit nachhaltig wirken, Menschen motivieren und ein neues Miteinander schaffen. In Vorträgen erlebe ich häufig, dass für Menschen mit Commons-Erfahrungen die Utopie kein unerreichbarer Wunsch, sondern deutlicher reale Möglichkeit ist. Diese reale Möglichkeit der Utopie ist Grundlage jedes Engagements und heute für viele verloren: Der Kapitalismus ist zwar keine gerechte oder ökologische Gesellschaft, aber scheint die am wenigsten schlechte.

Wo liegt der Unterschied zwischen der herrschenden neoliberalen und der von Commons gelebten Praxis? Weiterlesen Eine bessere Gesellschaft muss erlernt werden

Audio: Kapitalismus aufheben

Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken

Vortrag von Simon Sutterlütti 

gehalten am 11. Januar 2019 in Stuttgart

Der Weg zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft scheint verstellt. Vorstellungen von Reform und Revolution und die hoffnungsvollen Utopien,Sozialismus und Kommunismus, sind für viele verloren. Ist der Raum der Hoffnung also verschlossen? Mithilfe zweier neuer Theorieansätze möchte Simon Sutterlütti, gemeinsam mit Stefan Meretz Autor des Buches «Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken», diesen Raum wieder öffnen: Während die kategoriale Utopietheorie versucht, Utopie als Raum menschlich-gesellschaftlicher Möglichkeiten zu begreifen, rückt die Aufhebungstheorie den Aufbau neuer gesellschaftlicher Formen in das Zentrum der Transformation. Die kategoriale Utopietheorie entwirft kein plausibles Bild einer Utopie, sondern untersucht die grundsätzlichen Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwicklung. Bei der Aufhebungstheorie wiederum geht es weniger um die Frage, wie wir politisch-staatliche Macht gewinnen können, sondern darum, wie sich überhaupt freie Formen der Vergesellschaftung herausbilden. Denn eine freie Gesellschaft entsteht weder spontan, noch ist sie Ergebnis eines Entwurfs am Reißbrett. Sie kann nur von sich befreienden Menschen selbst geschaffen werden.

Der Vortrag nimmt die Utopie in den Fokus, während der Workshop am nächsten Tag die Transformation ins Zentrum rückt.

Simon Sutterlütti ist Soziologe, aktiv im Commons-Institut und bei der Gruppe 180grad und zusammen mit Stefan Meretz Autor des 2018 erschienen Buches Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken (VSA-Verlag / Rosa-Luxemburg-Stiftung).

Veranstaltung in Kooperation mit der AG Commons der Solidarischen Landwirtschaft Stuttgart , der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württtemberg und Emanzipation und Frieden

Kapitalismus aufheben

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Commonismus klingt nicht nur wie Kommunismus

14.09.2018

/ Kultur

Commonismus klingt nicht nur wie Kommunismus

Simon Sutterlütti und Stefan Meretz stellen ihre Utopie der Aufhebung des Kapitalismus und einer »Freien Gesellschaft« vor

Von Christian Schorsch

Dieses Buch richtet sich an all jene, die das Träumen nicht verlernt haben und auch das Mantra der Alternativlosigkeit zum Gegenwärtigen nicht akzeptieren wollen. Der Soziologe Simon Sutterlütti und der Informatiker Stefan Meretz, beide aktiv im Commons-Institut (letzter dessen Mitbegründer), sind der Meinung, dass gesellschaftliche Utopien im öffentlichen Raum kaum mehr stattfinden. Sie wollen zur Belebung einer Debatte über gesellschaftlich transformierende Ideen anregen.

Die Autoren definieren als Ziel ihrer Utopie eine »Freie Gesellschaft«, die sich einerseits von jedweder Herrschaft und andererseits von systemischen Sachzwängen befreit hat. Im Kapitalismus handeln die Menschen erzwungenermaßen profitorientiert und damit zunehmend auch an ihren eigentlichen Bedürfnissen vorbei, was sich letztlich in verschiedenartigen Krisen und Entwicklungswidersprüchen ausdrückt. »Es ist wichtig, die gesellschaftliche Vermittlung im Kapitalismus zu verstehen«, betonen die Autoren. »Die Qualität des Kapitalismus ist die ›unbewusste Gesellschaftlichkeit‹. Sie entsteht, wenn zwei Dynamiken zusammenkommen: Die gesellschaftliche Vermittlung stellt sich «hinter dem Rücken» der Menschen her (Selbständigkeit) und dreht das Verhältnis von subjektiv gewollter Bedürfnisbefriedigung (sozialer Prozess) und objektiv erzwungener Verwertung (sachlicher Prozess) um. Das Moment der Selbständigkeit, das jeder Gesellschaft zugrunde liegt, wird im Kapitalismus zur Verselbstständigung von Sachzwängen gegenüber den Bedürfnissen der Menschen. Wir Weiterlesen Kapitalismus aufheben