Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht „Ein scharfer Wind bläst durch die Lande“

Von Tobias Barth, Lorenz Hoffmann und Hartmut Schade

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Eine der vielen Demonstrationen zu Ehren der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (1988) (picture alliance/dpa/ADN)
Demonstrationen zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (1988). (picture alliance/dpa/ADN)

Vor 100 Jahren, im Januar 1919, verhört ein Freikorpsoffizier in Berlin zwei Gefangene: die prominenten Führer des Spartakus-Aufstandes. Der anschließende Doppelmord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beendet die Revolte. Bis heute wird ihrer als Märtyrer gedacht.

Alljährlich Mitte Januar kommen Zehntausende zusammen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu gedenken. Liebknechts entschlossenes „Nein!“ zu den Kriegskrediten, sein Internationalismus und Antimilitarismus, den Luxemburg entschieden unterstützt, hatte die beiden Sozialdemokraten zu Verbündeten gemacht – gegen die große Mehrheit ihrer Partei.

Aus dem Gefängnis heraus (Luxemburg) beziehungsweise von der Front her (Liebknecht) gründeten sie 1916 die Spartakusgruppe. „Ein scharfer Wind bläst durch die Lande“ ist im „Spartacus“ Nummer 1 zu lesen, der von gezielten Verhaftungen und Einberufungen schreibt: Immer träfe es die linke Opposition: „So verröchelt der famose ‚Burgfrieden‘. Die Komödie ist ausgespielt, die Masken sind gefallen.“ Zwei Kriegsjahre später hängen Plakate in Berlin mit den Konterfeis und dem Aufruf: „Schlagt Liebknecht und Luxemburg tot!“

Luxemburg: Ikone eines menschlichen Sozialismus

Der Befehlsgeber der Mörder, Waldemar Pabst, ist Strippenzieher der Faschisierung und macht Karriere im Dritten Reich, später als Waffenhändler in der Bundesrepublik. Leute wie er sind es, gegen die die 68er-Studenten auf die Straße gehen und wieder Plakate mit Luxemburgs Konterfei tragen. Sie wird zur Ikone eines menschlichen Sozialismus gemacht, wird als poetische Briefeschreiberin, Feministin, Blumen- und Katzenfreundin entdeckt.

Im Osten Deutschlands sind „Karl und Rosa“ ein fest gefügtes Begriffspaar. Dort verehrt als kommunistischer Märtyrer, dienen sie auch der Selbstlegitimierung der SED – bis 70 Jahre nach dem Mord an den Dissidenten in der DDR Luxemburg beim Wort nehmen und die Freiheit der Andersdenkenden einfordern. Bis heute gehen in den Köpfen der Linken die beiden Revolutionäre als Gespenster in einem Europa der sozialen Widersprüche um. Als Untote – und weitgehend Unbekannte.

(Bearbeitung: mkn)

„Ein scharfer Wind bläst durch die Lande“
Eine Lange Nacht über Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
Von Tobias Barth, Lorenz Hoffmann und Hartmut Schade
Regie: Tobias Barth

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Rosa Luxemburg neu entdecken

Michael Brie

Ein hellblaues Bändchen zu »Freiheit für den Feind! Demokratie und Sozialismus«

160 Seiten | 2019 | EUR 12.00  
ISBN 978-3-89965-886-6 

Kurztext: Mit den Revolutionen von 1917 und 1918/19 stand in Ost- und Mitteleuropa der Sozialismus auf der Tagesordnung – aber welcher Sozialismus? Michael Brie rekonstruiert Rosa Luxemburgs Sicht und füllt eine Forschungslücke.

Inhalt & Leseprobe:


www.vsa-verlag.de-Brie-Luxemburg-neu-entdecken.pdf0.9 M

Auch hundert Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod hallen die Worte von Rosa Luxemburg aus ihrer Schrift »Zur russischen Revolution« nach, dass es um Diktatur »der Klasse, nicht einer Partei oder Clique …, d.h. in breitester Öffentlichkeit, unter tätigster ungehemmter Teilnahme der Volksmassen, in unbeschränkter Demokratie« gehe. Auch den Feinden müsse die Freiheit politischer Artikulation gewährt werden. Sie forderte direkt sozialistische Wege der Vergesellschaftung der Produktion.

Bisher gibt es keine zusammenhängende Analyse, wie sich diese Vorstellungen bei Rosa Luxemburg herausgebildet haben und durch welche Widersprüche sie geprägt waren. Michael Bries Schrift stellt Luxemburgs gelebten und lebendigen Sozialismus in den Mittelpunkt.


Der Autor:

Michael Brie arbeitet als Referent für »Theorie und Geschichte des Sozialismus« am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Von ihm erschienen bei VSA: die hellblauen Bändchen POLANYI neu entdecken (2015) und LENIN neu entdecken (2017). Er gibt zudem bei VSA: die »Beiträge zur kritischen Transformationsforschung« heraus. 

Rosa Luxemburg aus der Haft zur Lage der russischen Revolution

https://www.jungewelt.de/m/artikel/340361.l%C3%B6sung-aufstand-in-deutschland.html

Im September 1918 äußerte sich Rosa Luxemburg aus der Haft zur Lage der russischen Revolution

»Die Rettung der Ehre der russischen Revolution ist in dieser Schicksalsstunde identisch mit der Ehrenrettung des deutschen Proletariats und des internationalen Sozialismus«: Spartakisten in den Straßen Berlins

Foto: Gemeinfrei

Rosa Luxemburg: Die russische Tragödie. Zuerst anonym erschienen in: Spartacus Nr. 11 vom September 1918. Hier zitiert nach: Spartakusbriefe. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 453–460

Seit dem Brest-Litowsker Frieden (am 3. März 1918 schlossen die sogenannten Mittelmächte – Deutschland, Österreich, das Osmanische Reich und Bulgarien – in Brest-Litowsk einen »Friedensvertrag« mit Sowjetrussland. Dieser Raubfrieden sah große territoriale Verluste für Russland vor; jW) ist die russische Revolution in eine sehr schiefe Lage geraten. Die Politik, von der sich die Bolschewiki dabei haben leiten lassen, liegt auf der Hand: Friede um jeden Preis, um eine Atempause zu gewinnen, inzwischen die proletarische Diktatur in Russland auszubauen und zu befestigen, soviel wie irgend möglich an Reformen im Sinne des Sozialismus zu verwirklichen und so den Ausbruch der internationalen proletarischen Revolution abzuwarten, sie zugleich durch das Beispiel Russlands zu beschleunigen. Da die absolute Kriegsmüdigkeit der russischen Volksmassen und zugleich die militärische Desorganisation, die vom Zarismus hinterlassen war, die Fortsetzung des Krieges sowieso zu einem aussichtslosen Verbluten Russlands zu machen schienen, so war ohnehin kein anderer Ausweg als schleuniger Abschluss des Friedens möglich. Dies war die Rechnung von Lenin und Genossen. (…)

Worüber sie sich leider täuschten, war die Hoffnung, um den Preis dieser Kapitulation eine wirkliche Atempause zu erkaufen, durch einen Separatfrieden sich aus dem Höllenbrand des Weltkrieges wirklich retten zu können. Sie zogen die Tatsache nicht in Betracht, dass die Kapitulation Russlands in Brest-Litowsk eine enorme Stärkung der imperialistisch-alldeutschen Politik, damit gerade die Schwächung der Chancen einer revolutionären Erhebung in Deutschland bedeuten und nicht den Abschluss des Krieges mit Deutschland herbeiführen würde, sondern bloß den Anfang eines neuen Kapitels dieses Krieges. (…)

Die Bolschewiki haben sicher verschiedene Fehler in ihrer Politik Weiterlesen Rosa Luxemburg aus der Haft zur Lage der russischen Revolution

Nationalitätenfrage und Autonomie

Nationalitätenfrage und Autonomie

Sind „Nationalitätenfrage und Autonomie“ auch im Zeichen von Europäischer Union und Globalisierung noch eine Frage oder ist dieses zu Beginn des 20. Jahrhunderts diskutierte Thema eher durch der Zeiten Lauf überholt?

Ursprünglich gehörte die von Rosa Luxemburg unter dem eingangs genannten Titel zwischen Sommer 1908 und Sommer 1909 in Fortsetzungen geschriebene und veröffentlichte Schrift zu einer heftig diskutierten politischen Streitfrage in der europäischen Arbeiterbewegung. Im Meinungsstreit äußerten sich neben anderen auch Rosa Luxemburg, Karl Kautsky und Wladimir Lenin. In den folgenden Jahrzehnten wurden, wenn überhaupt, lediglich Teile des Luxemburgischen Erbes veröffentlicht, diese (ausgenommen jene Texte in den „Gesammelten Werken“, die im Dietz-Verlag zu Berlin erschienen sind) zudem nicht immer korrekt übersetzt oder gehäuft mit begrifflichen Ungereimtheiten versehen und nicht in den tatsächlichen historischen Zusammenhang gestellt.

Holger Politt ist nunmehr für die erstmalige vollständige Herausgabe in deutscher Sprache ohne Änderungen und Kürzungen, die sprachlich dem Original adäquate Übersetzung und vor allem auch für die sachkundige Erschließung des vor einem Jahrhundert erschienen Textes zu danken. Werk und Wirken Rosa Luxemburgs zeigen sich nicht nur mit europäischer Politik und Geschichte zu Anfang des 20. Jahrhunderts verbunden. Rosa Luxemburgs Schrift erweist sich nach einem Jahrhundert Erfahrungen mit zahlreichen lokalen und zwei Weltkriegen, nach jahrzehntelanger Erfahrung mit staatssozialistischer Nationalitätenpolitik sowie den bis heute andauernden politischen Auseinandersetzungen und Kriegen um nationale Fragen und Autonomie im Zeitalter Weiterlesen Nationalitätenfrage und Autonomie

Dossier – Rosa Luxemburg als antinationale Marxistin

http://jungle-world.com/artikel/2014/01/49096.html
jungle-world.com – Archiv – 01/2014 – Dossier – Rosa Luxemburg als antinationale Marxistin
Als Ikone der Revolution über die politischen Lager hinweg berühmt, übte Rosa Luxemburg als marxistische Theoretikerin nur einen begrenzten Einfluss auf die kommunistische Bewegung aus. Ihre hellsichtige Kritik »Zur russischen Revolution«, 1918 im Gefängnis skizziert und heut­zutage mannigfach zitiert, wurde erst drei Jahre nach Luxemburgs Ermordung von Paul Levi herausgegeben. Levi war 1920 Vorsitzender der KPD gewesen, doch als er Luxemburgs Text veröffentlichte, war er schon wieder Mitglied der SPD. Die KPD hatte ihren ehemaligen Vorsitzenden 1921 als »Verräter« ausgeschlossen. Dass ausgerechnet Levi Luxemburgs Schrift »Zur russischen Revolution« herausgab, machte sie für die parteikommunistische Linke nicht attraktiver. Luxemburgs umfangreichste Studie, »Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus«, die sie vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht hatte, wurde von den Auffassungen über den Imperialismus verdrängt, die Wladimir I. Lenin 1916 in »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« entwickelte. An Lenins Position knüpfte in den zwanziger Jahren der marxistisch-leninistische Antiimperialismus an, der auf eine Symbiose von nationaler und sozialer Befreiung setzte. Luxemburgs Werk »Nationalitätenfrage und Autonomie«, das 1908/09 als Artikelserie in der polnischen Zeitschrift Przeglad Socjaldemokratyczny erschien, liegt überhaupt erst seit 2012 vollständig auf Deutsch vor. Bislang galt Weiterlesen Dossier – Rosa Luxemburg als antinationale Marxistin

Krieg für den nächsten Krieg

http://www.jungewelt.de/m/2015/11-28/112.php

Wochenendbeilage / 28.11.2015
Rosa Luxemburg alias »Junius« (Aufnahme von 1915)

wikimedia.org/Commons/Bundesarchiv/Bild 183-14077-006 / Unknown / CC-BY-SA

Seit dem 18. Februar 1915 war Rosa Luxemburg im »Berliner Weibergefängnis« für ein Jahr inhaftiert. Sie schrieb dort im Frühjahr 1915 eine Broschüre über »Die Krise der Sozialdemokratie«, die 1916 unter dem Pseudonym »Junius« erschien. Außerdem verfasste sie einen Entwurf zu Thesen, die auf der Konferenz der Gruppe »Internationale« in der SPD Anfang 1916 gebilligt und nach redaktioneller Bearbeitung als »Leitsätze über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie« u. a. als Flugblatt und als Anhang zur »Junius-Broschüre« illegal im deutschen Kaiserreich verbreitet wurden. Im Dezember 1915 fand die vorbereitende Diskussion über diese Thesen in der Gruppe »Internationale« statt. Sie war aus einer Zusammenkunft von SPD-Mitgliedern, die gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten durch die SPD-Reichstagsfraktion waren, am 4. August 1914 in der Wohnung Rosa Luxemburgs hervorgegangen.
1. Der Weltkrieg hat die Resultate der vierzigjährigen Arbeit des europäischen Sozialismus zunichte gemacht, indem er die Bedeutung der revolutionären Arbeiterklasse als eines politischen Machtfaktors und das moralische Prestige des Sozialismus vernichtet, die proletarische Internationale gesprengt, ihre Sektionen zum Brudermord gegeneinander geführt und die Wünsche und Hoffnungen der Volksmassen in den wichtigsten Ländern der kapitalistischen Entwicklung an das Schiff des Imperialismus gekettet hat.
2. Weiterlesen Krieg für den nächsten Krieg

Rosa Luxemburgs »Akkumulation des Kapitals«

http://www.vsa-verlag.de/

Ingo Schmidt (Hrsg.)
Die Aktualität von ökonomischer Theorie, Imperialismuserklärung und Klassenanalyse
168 Seiten | 2013 | EUR 16.80 

ISBN 978-3-89965-557-5
Kurztext: 100 Jahre nach der Erstausgabe der »Akkumula­tion des Kapitals« 

erkunden die Autoren, was sich von Rosa Luxemburg über den globalen Kapitalismus der Gegenwart und sozialistische Strategien für die Zukunft lernen lässt.
Leseprobe:

www.vsa-verlag.de-Schmidt-Luxemburgs-Akkumulation-des-Kapitals.pdf 128 K

Rosa Luxemburg gilt vielen als Heldin, aber nur wenigen als theoretische oder strategische Inspiration. Sozialdemokraten und Kommunisten stoßen sich an ihrer Geringschätzung der Parteiarbeit, Feministinnen ist sie zu marxistisch und Marxisten gilt ihre Theorie der Kolonisierung nicht-kapitalistischer Räume als krasse Fehlinterpretation von Karl Marx‘ Kapital.
Andererseits lesen sich Luxemburgs ökonomische Analysen, als seien sie 

vor dem Hintergrund der Strukturanpassungsprogramme des IWF, der 

Privatisierung sozialer Dienste oder der Durchkapitalisierung von Lebens­welten und moralischen Ökonomien geschrieben. Rosa Luxemburgs politische Texte lassen die sozialen Kämpfe der Gegenwart als Lernprozesse erscheinen, aus denen sich neue Arbeiterklassen und ein neuer Internationalismus entwi­ckeln können.
Die Beiträge in diesem Band behandeln Fragen der ökonomischen Theorie, des Sozialismus im 20. und 21. Jahrhundert, des Militarismus und Imperialismus, der sozialen Reproduktion und der globalen Klassenanalyse.
Mit Beiträgen von: Riccardo Bellofiore (Universität Bergamo), Klaus Dörre (Universität Jena), Paul LeBlanc (La Roche College, Pittsburgh), Michael Löwy (Centre National de la Recherche Scientifique, Paris), Ingo Schmidt (Athabasca University, Kanada), Marcel van der Linden (International Institute of Social History, Amsterdam).

Der Herausgeber:

Ingo Schmidt leitet das Labour Studies-Programm am Centre for Interdisciplinary Studies der Athabasca University, Kanada.