Soziologin Cornelia Koppetsch Wer wählt AfD – und warum?

Moderation: Thorsten Jantschek

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Die Soziologin Cornelia Koppetsch sitzt auf einer Terrasse (Fotograf: Jan-Christoph Hartung)
Das neue Buch der Soziologin Cornelia Koppetsch heißt „Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im Zeitalter der Globalisierung“. (Fotograf: Jan-Christoph Hartung)

Die AfD ist kein ostdeutsches Phänomen, wie die Soziologin Cornelia Koppetsch erklärt, auch wenn sie dort die höchsten Stimmenzuwächse verbuchen kann. Ihre Anhänger kommen aus allen Milieus. Sie alle eint das gemeinsame Gefühl, Verlierer zu sein.

Die AfD könnte bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen stärkste Partei werden. Das sagen zumindest einige Umfrageinstitute voraus. Der Rechtspopulismus scheint also auch in Deutschland endgültig in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.

Die Soziologin Cornelia Koppetsch hat mit ihrem aktuellen Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ den Nerv der Zeit getroffen. Es rangiert auf Platz 1 der Sachbuchbestenlisten von „ZEIT“, ZDF und Deutschlandfunk Kultur.

Anhänger finden sich im Hauptnarrativ nicht wieder

Im Deutschlandfunk Kultur erklärt sie, dass die Anhängerinnen und Anhänger der AfD aus sehr verschiedenen Milieus stammen, die alle das Gefühl eint, auf die ein oder andere Weise Verlierer zu sein. In diesem Zusammenhang spricht sie von einer „Querfront der Verlierer“.

Die Wählerinnen und Wähler der AfD kommen aus allen Schichten und aus allen Parteien, wie Koppetsch erklärt. Sie alle verbindet, dass sie sich mit Entgrenzungen bisher gültiger Kategorien wie der von Mann und Frau, Ernährer, Deutscher etc. genauso wenig zurechtfinden wie mit den Veränderungen der Gesellschaft durch Migration einerseits und mit der Akzeptanz neuer Lebensstile insgesamt andererseits.

Kurz: Sie alle verbindet, dass sie ihre bisherigen Privilegien bedroht sehen und sich im Hauptnarrativ der Gesellschaft nicht mehr wiederfinden.

„Neogemeinschaften“ bilden sich heraus

In der Folge kapseln sich Weiterlesen Soziologin Cornelia Koppetsch Wer wählt AfD – und warum?

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Mitwisser der Todesmärsche

Spätestens jetzt durfte niemand mehr behaupten, er habe von den Naziverbrechen nichts gewusst. Über Land, mitten durch die Dörfer trieb die SS in der Endphase des Zweiten Weltkrieges die KZ-Häftlinge, pferchte sie nachts in Scheunen oder auf Sportplätze, erschoss die Erschöpften, die nicht mehr weiterkonnten, ließ die Leichen teilweise am Straßenrand liegen – weshalb später von Todesmärschen gesprochen wurde.

Die Bevölkerung schaute zu. Selten half jemand mit Wasser und Brot. Dass Entflohene versteckt und so gerettet wurden, das war die Ausnahme – die Menschen zu denunzieren und an die SS auszuliefern, war die Regel. In mehr als einem Ort machten Volkssturm, Reichsarbeitsdienst und Hitlerjugend Jagd auf die KZ-Häftlinge. Auch Zivilisten schossen auf Häftlinge – zumindest aber vergruben sie eilig die Leichen, um keine Probleme zu bekommen, wenn sowjetische oder US-amerikanische Soldaten einrücken. Martin Clemens Winter bezeichnet die Ereignisse als das letzte nationalsozialistische Gesellschaftsverbrechen. Der Historiker hat seine Dissertation zur Rolle der deutschen Bevölkerung bei den Todesmärschen verfasst. Als dickes Buch ist es unter dem Titel »Gewalt und Verbrechen im ländlichen Raum« im Metropol-Verlag erschienen. Mörder, die nicht zu den Wachmannschaften gehörten, sind später am ehesten noch in der sowjetischen Besatzungszone verurteilt worden. Doch auch hier wurde nur ein Bruchteil der Täter zur Rechenschaft gezogen. Begünstigt wurde dies vielfach durch ein Kartell des Schweigens, das die Mörder unter den Nachbarn schützte.

Fakten

Am 21. April 1945 trieb die SS mehr als 30 000 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen auf einen Todesmarsch Richtung Nordwesten.

Für 132 im Belower Wald bei Wittstock umgekommene KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen war bereits 1945 auf dem Friedhof im nahe gelegenen Grabow ein Gedenkstein errichtet worden. Der erste Gedenkstein am Originalschauplatz, dem 1945 mit Stacheldraht und einer Postenkette gesicherten Waldlager, folgte im Jahr 1965.

1975 wurde im Belower Wald ein Mahnmal eingeweiht. Es steht heute noch.

Seit 1976 kennzeichnen 120 einheitliche Gedenktafeln die Routen des Todesmarsches zwischen Sachsenhausen und Schwerin, wo die Häftlinge befreit worden sind.

1981 wurde das Todesmarschmuseum eröffnet.

2002 erfolgte ein neonazistischer Brandanschlag auf das Museum, der einen der beiden Räume zerstörte.

2010 wurde die Gedenkstätte im Belower Wald nach einer Neukonzeption wiedereröffnet. Es gibt hier nun auch eine Freiluftausstellung.

Kürzlich stellte der Historiker Clemens Martin Winter in dieser Gedenkstätte sein Buch über die Todesmärsche und die deutsche Bevölkerung vor.

Insgesamt 714 000 KZ-Häftlinge gab es, als die Todesmärsche begannen. Unter ihnen befanden sich 202 000 Frauen. Zehntausende Häftlinge sind bei der Räumung der Konzentrationslager und auf den Transporten noch gezielt ermordet worden oder wegen der Strapazen zugrunde gegangen. af

#MarchAgainstRacism 2019: Termine

(Stand: 5.3.2019)

In Deutschland

  • Aachen: Infostand einer lokalen Gruppe gegen Rechts am 16.3. einen auf dem Neumarkt
    während des Wochenmarktes von 9-14 Uhr
  • Bad Vilbel: Infostand der Omas gegen Rechts am 16.3. von 10-16 Uhr mit Flyern, Gesang und Gesprächen am Niddaplatz
  • Bamberg: Stolperstein-Putzaktion des Bamberger Bündnisses gegen Rechtsradikalismus und Rassismus am 16.3. von 11-12.30 Uhr, Beginn am Gabelmann mit Redebeiträgen und Abschlussveranstaltung im Lui20, Begegnungscafe für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund
  • Berlin:
    • Demo am 16.3. gemeinsam mit Bündnispartner*innen ab 14 Uhr am Wittenbergplatz (Flyer) (Facebook)
    • Kundgebung mit Picket-Line des Bündnis Neukölln u.a. am 21.3. von 17-18 Uhr am U-Bahnhof Rudow (Flyer)
  • Weiterlesen #MarchAgainstRacism 2019: Termine

NEU: Zeitung zur Europawahl 2019

Zur Europawahl am 26. Mai 2019 haben wir eine 8-seitige Zeitung erstellt. Alle, die wie wir finden, dass Rassismus keine Alternative ist, sind herzlich eingeladen, die Zeitung zu bestellen und zu verteilen.

Die Zeitung enthält unter anderem Argumente gegen die AfD, sie setzt sich sowohl mit dem Personal als auch dem Programm der Partei auseinander. Sie bringt einen Überblick über den Aufstieg der extremen Rechten in der EU ebenso wie über den Widerstand in ganz Europa. Und nicht zuletzt gibt die Zeitung Infos und Anregungen darüber, wie wir den Kampf gegen die AfD organisieren, ausweiten und vernetzen können, und lädt ein, dabei mitzumachen.

Hier bestellen –>

 

Seite 5

AntiBa – der Barbarei entgegentreten

(Audio)

Antifaschismus in Zeiten von AfD und Djihadismus

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 25. Januar 2019 in Hameln

Seit fünf Jahren explodieren Dumpfbackentum und Gewalt. 2014 skandierten erstmals seit 1945 wieder Massenaufmärsche in Deutschland „Tod den Juden!“ Organisiert wurden sie von Islamisten, Nazis und Linksreaktionären, deren antisemitischer Hass gegen Israel sie zusehends zusammenführt. Weltweit häufen sich djihadistische Terroranschläge auf jüdische Einrichtungen, auf Symbole von Religionskritik, Meinungs- und Redefreiheit und auf Menschen, die einfach nur ihr Leben genießen oder feiern wollen.

Doch damit nicht genug. Schon bald nach dem kurzlebigen „Sommermärchen“ von 2015 offenbarte sich im kollektiven Herbeiphantasieren einer angeblichen „Flüchtlingskrise“ eine tief sitzende Menschenfeindlichkeit großer Teile der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Kaschiert wird sie mit der Floskel, „wir“ könnten ja schließlich „nicht alle aufnehmen“. Ein rassistischer und gewalttätiger Mob agiert gegen Geflüchtete und wirkliche oder eingebildete MuslimInnen. Die AfD Weiterlesen AntiBa – der Barbarei entgegentreten

Das Blaue Wunder, von Thomas Freyer , Ulf Schmidt | Staatsschauspiel Dresden

„So geht’s nicht weiter. Etwas muss sich ändern. Grundlegend und sofort.“ Davon überzeugt, bricht eine Gruppe Dresdner Bürger zu neuen Ufern auf. Natürlich per Schiff; die Dresdner sind erfahrene Dampfschifffahrer. Der Kurs ihrer Reise geht hart nach rechts, ihr Logbuch ist das „Blaue Buch“, in dem die Grundlinien für eine alternative Zukunft beschrieben werden.
Verrückt, auf wie viele Fragen dieses Buch eine Antwort hat! Natürlich darauf, wie das Zusammenleben auf dem Schiff organisiert werden muss, und was dabei die Frauen zu tun und zu lassen haben, und wie man die Geburtenrate steigert, damit am Ende der Reise die Richtigen in der Mehrzahl sind. Steht alles drin im „Blauen Buch“. Ebenso, was man mit einer erfahrende Schiffsmannschaft macht, von denen keiner eine Deutsche oder ein Deutscher ist …
Das „Blaue Buch“ gibt Antworten, wo andere nur Fragen stellen. Mit Fragen aber kommt keiner zu neuen Ufern. Ressentiments und Zweifel bringen vom rechten Kurs ab! Gut, dass die Passagiere davon nicht gequält werden. Sie kämpfen dafür, dass das „Blaue Buch“ konsequent umgesetzt wird. 
Wenn einigen das übertrieben und radikal erscheint, sei’s drum: Für einen Kurswechsel braucht es Entschlossenheit. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wenn Dresden die Hauptstadt der Bewegung werden soll, dann darf nicht gekleckert werden. 
Volker Löschs neue Inszenierung spielt mit grotesker Überzeichnung durch, was passiert, wenn die politischen Forderungen der neuen Rechten kompromisslos umgesetzt werden. Und fragt: Wer leistet in Dresden Widerstand dagegen?