»Das ist risikoscheu«

Am Wochenende ist der Aktionstag der Kampagne »Abrüsten statt Aufrüsten« mit bundesweiten, dezentralen Kundgebungen. Was erwarten Sie von den Protesten?

Die Kritik des Aktionstags ist einerseits richtig und notwendig. Ich bin auch sicher, dass sich viele aus dem Rheinmetall-entwaffnen-Bündnis an den Protesten beteiligen. In Berlin halten wir etwa einen Redebeitrag und mobilisieren dafür über die sozialen Medien. Andererseits gibt es hier in der Hauptstadt die immer gleiche Kundgebung vor dem Kanzleramt. Ich war schon auf einer ganzen Menge dieser Veranstaltungen, wenn es gut läuft, kommen 200 Teilnehmer*innen. Ambitioniert ist das nicht, sondern bequem und risikoscheu. Das Konservative ist fast schon Programm der Berliner Friedenskoordination. Bei »Rheinmetall entwaffnen« versuchen wir einen anderen Ansatz zu finden.

Daniel Seiffert

ist aktiv im Bündnis »Rheinmetall entwaffnen« und in der »Interventionistischen Linken«. Der Aktivist setzt sich für eine Erneuerung der Friedensbewegung ein. Mit Seiffert sprach Sebastian Bähr.

In der Zeitschrift »Friedensforum« hatten Sie jüngst die Friedensbewegung aufgefordert, sich neu aufzustellen. Warum?

Teile der Friedensorganisationen können und wollen sich vielleicht auch nicht angemessen auf die aktuellen Herausforderungen einstellen. Um das zu tun, müssten sie sich grundlegend erneuern, vom Alter her, aber auch mit ihrer Protestkultur. Sie müssten zudem viel offener sein für Kooperationen, sowie zugespitzter und konfrontativer in den Aktionsformen vorgehen.

Haben Sie ein Beispiel? 

Ich war 2019 auf dem Ostermarsch in Berlin. Der muss bezogen auf die Aktionsform nicht unbedingt radikaler werden, in dem Sinne, dass jetzt Büros der Rüstungslobby in der Friedrichstraße gestürmt werden oder so etwas. Aber auch hier konnte man sehen, dass der Ostermarsch einfach total überaltert ist. Immer die gleichen Leute bringen mit der Wandergitarre ihre Bühnenbeiträge, manchmal sogar tatsächlich dieselben wie aus den 70er Jahren. Wo bleibt da das Angebot für die Jugend? Das Problem der Überalterung kann man dabei anpacken, wenn man Konzepte von Nachwuchsarbeit und Empowerment ernst nimmt, Mitmachangebote schafft und interne Hierarchien abbaut.

Es geht aber auch um inhaltliche Themen, oder? Für die traditionelle Friedensbewegung spielte die Gefahr eines Atomkrieges eine zentrale Rolle. Junge Aktivist*innen scheint das kaum zu beschäftigen.

Ich nehme derzeit andere Gefahren als relevanter wahr. Gegenwärtig wird die technologische Schwelle zu autonomen und teilautonomen Waffensystemen überschritten, dennoch existieren dafür keinerlei internationale Systeme der Rüstungskontrolle. Das wird zu einer extremen Asymmetrie Weiterlesen »Das ist risikoscheu«

Dunkelfeld beleuchtet

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Einsätze wie der gegen Teilnehmer der G-20-Proteste in Hamburg haben selten Konsequenzen für Uniformträger (9.7.2017)

Rechtswidrige Polizeigewalt stellt in Deutschland ein erhebliches Problem dar. Diese Erkenntnis ist für viele linke Aktivisten nicht wirklich überraschend. Neu ist aber, dass sie jetzt erstmals wissenschaftlich untermauert wurde: Forscher der Ruhr-Universität Bochum halten in einem Zwischenergebnis fest, dass die Zahl der von unrechtmäßiger Polizeigewalt Betroffenen mindestens fünfmal so hoch ist wie offiziell erfasst.

Bei der Studie mit dem Titel »Polizeiliche Gewaltanwendungen aus Sicht der Betroffenen« handelt es sich um die erste einschlägige Opferbefragung im deutschsprachigen Raum. Über mehrere Wochen hinweg konnten Betroffene an einer anonymisierten Onlinebefragung teilnehmen. Die Ergebnisse seien nicht repräsentativ, wird in der Studie betont, sie erlaube aber »durchaus Schlussfolgerungen für die Gesamtsituation«, vor allem hinsichtlich des Dunkelfelds polizeilicher Gewaltanwendung.

3.375 Personen machten bei der Befragung Angaben über aus ihrer Sicht rechtswidrige polizeiliche Gewalt. Jeder solche Einzelfall ist aus grundrechtlicher Sicht ein Problem. Das wird noch durch den Umstand verschärft, dass 55 Prozent der Fälle sich in Zusammenhang mit einer Demonstration oder anderen politischen Aktion ereignen (etwa Blockaden, Besetzungen oder anderen Formen zivilen Ungehorsams) – also bei Wahrnehmung eines für eine Demokratie unverzichtbaren Grundrechts. 25 Prozent ereignen sich bei anderen Großveranstaltungen wie Fußballspielen oder Volksfesten, der Rest etwa bei Polizeieinsätzen wegen Ruhestörung, Sachbeschädigungen usw. Häufig habe sich die Polizeigewalt gegen Personen gerichtet, die »eigentlich« gar nicht im Fokus des Polizeieinsatzes standen, die aber beispielsweise von einer Räumung oder einer Einkesselung mitbetroffen waren.

Die hohe Bedeutung politischer Ereignisse Weiterlesen

Polizeigewalt : Die falsche Staatsgewalt

Bochumer Kriminologen haben erstmals systematisch rechtswidrige Polizeigewalt in Deutschland untersucht. Sie sind überrascht, wie gravierend die Folgen für Opfer sind.

Die Polizei darf grundsätzlich Gewalt anwenden, sie muss aber verhältnismäßig sein. Hier halten zwei Polizisten eine Demonstrantin bei Protesten am 1. Mai 2019 in Berlin fest. © Odd Anderson/​AFP/​Getty Images

Dreieinhalb Jahre und zwei Gerichtsverhandlungen später sagt Sven W., dass er sich noch immer von Polizisten fernhält, wenn er sie sieht. Seine Erfahrung mit Polizeigewalt in Deutschland beginnt auf dem Christopher Street Day 2016 in Köln. Er habe zwei Frauen bei einem Streit mit einem Mann in einem Fast-Food-Restaurant geholfen, sagt W., und sei dann selbst für einen Angreifer gehalten worden. 

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Ein Polizist habe ihn geohrfeigt, zuvor habe er sich gewehrt, sagt W. Später hätten ihn Polizisten mit Kabelbindern gefesselt, geschlagen und getreten, homophob beleidigt, in eine Arrestzelle eingesperrt und sieben Stunden später nur mit einer Unterhose bekleidet freigelassen. „Ich hatte Schmerzen am ganzen Körper“, sagt W., der heute 28 Jahre alt ist. Ein Arzt habe ihm eine Schädelprellung, eine Verletzung am Handgelenk und Blutergüsse attestiert.

Seine Schilderungen hatte der junge Mann mit Bildern kurz nach dem Vorfall auf Facebook veröffentlicht, sie sind auch in Medienberichten und Gerichtsunterlagen dokumentiert. Sven W. war nicht selbst vor Gericht gezogen, sondern wurde angeklagt: Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, er habe versucht Polizisten zu verletzen und Widerstand geleistet. Gerichte in zwei Instanzen sprachen W. von dem Vorwurf frei. Beim zweiten Freispruch im Frühjahr 2019 schließlich entschuldigte sich der Kölner Richter bei Sven W. und sagte, dass er sich für das Verhalten des Staates schäme. Trotzdem will die Staatsanwaltschaft das Urteil erneut überprüfen lassen. Die Kölner Polizei distanzierte sich ausdrücklich vom Vorwurf der Gewalt. Gegen die Polizisten, die W. für die Tat verantwortlich macht, wird ermittelt, bestraft wurden sie bisher nicht. 

Was Sven W. durchmachen musste, ist kein Einzelfall – so der Befund einer aktuellen Studie zur Polizeigewalt. Demnach kommt es immer wieder vor, dass Menschen durch Polizeigewalt schwer verletzt werden. Für die Studie wurden 3.375 Fragebögen von Betroffenen rechtswidriger Polizeigewalt ausgewertet. Fast drei Viertel (71 Prozent) der Befragten gaben darin an, körperliche Verletzungen bei dem Gewalteinsatz erlitten zu haben. Jeder Fünfte von ihnen trug demnach sogar schwere Verletzungen wie Knochenbrüche, Gelenkverletzungen oder Verletzungen an Augen und Ohren davon. „Man sieht, dass die polizeiliche Gewaltausübung in gar nicht so wenigen Fällen massive Folgen für die Betroffenen hat, sowohl was körperliche Verletzungen als auch psychische Belastungen angeht“, sagte der Leiter der Studie, der Kriminologe Tobias Singelnstein. Der Zwischenbericht der Studie der Ruhr-Universität Bochum zur Körperverletzung im Amt durch Polizisten und Polizistinnen liegt ZEIT ONLINE vor.  

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Studie bricht mit einem Tabu

Repräsentativ sind die Ergebnisse den Forschern zufolge nicht. „Allerdings lassen sich aus den Befunden durchaus Schlussfolgerungen für die Gesamtsituation ziehen“, heißt es in dem Zwischenbericht. Eine Befragung, die sich auf die Erfahrungen Betroffener stütze, sei ein gängiger Ansatz, um das Dunkelfeld in einem Kriminalitätsbereich zu erforschen.

Dass so viele Menschen teilnahmen, zeige, welche Relevanz das Thema für die Betroffenen habe. „Die Polizei gesteht sich noch nicht in ausreichendem Maß ein, dass sie ein Problem mit rechtswidriger Polizeigewalt hat, was in Deutschland zwar nicht riesig groß ist, aber in jeder Polizei dazugehört“, sagte der Studienleiter Singelnstein zu ZEIT ONLINE.  

Die Untersuchung der Bochumer Kriminologen ist die erste systematische Forschung zu rechtswidriger Polizeigewalt in Deutschland. Sie bricht mit einem Tabu, indem sie erstmals Licht in eine dunkle Ecke des staatlichen Gewaltmonopols bringt. Denn wenn es um Polizeigewalt geht, verweisen Vertreter von Polizeigewerkschaften in der Regel darauf, dass es sich um Einzelfälle handele. Einige politische Aktivistinnen sprechen dagegen von systematischer Polizeigewalt.

Der Zusatz „rechtswidrig“ ist in der Diskussion um Polizeigewalt entscheidend – denn unter gewissen Bedingungen darf die Polizei natürlich Gewalt anwenden. Sie soll dafür sorgen, dass Regeln und Gesetze, die sich die Gesellschaft gegeben hat, eingehalten werden – und es Konsequenzen hat, wenn man das nicht tut. Polizisten müssen dabei aber nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit vorgehen. Sie sollen gerade so viel Zwang und Gewalt anwenden wie für ihre Aufgaben nötig und so wenig wie möglich. 

Das Dunkelfeld ist mehr als fünfmal so groß wie das Hellfeld

Die Gegenwehr der Betroffenen ist erstaunlich gering: Der Studie zufolge erstattete nur etwas weniger als jeder Zehnte (9 Prozent) der Betroffenen, die den Bochumer Kriminologen von ihren Erfahrungen berichteten, eine Anzeige. Die Gründe, warum sich Opfer von Polizeigewalt gegen eine Anzeige entschieden, werfen kein gutes Licht auf Polizisten. Am häufigsten nannten die Betroffenen: Eine Anzeige hätte nichts gebracht, weil Polizisten ohnehin keine Folgen zu befürchten hätten. Dann folgte die Begründung, dass man den Täter ohnehin nicht identifizieren könne. Auf Platz drei steht die Furcht, eine Gegenanzeige zu erhalten.

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Entsprechend ist davon auszugehen, dass die Zahl der Fälle von rechtswidriger Polizeigewalt deutlich höher liegt als bislang bekannt. Die Statistik der Staatsanwaltschaften aus dem Jahr 2018 geht von rund 2.000 Fällen aus. „Nach unseren bisherigen Befunden kann man davon ausgehen, dass das Dunkelfeld mehr als fünfmal so groß ist wie das Hellfeld, das wir in der Statistik sehen“, hatte Singelnstein bereits im Juli gesagt. Etwa 80 Prozent aller Fälle von Polizeigewalt werden also nie angezeigt. „Die mangelnde Identifizierbarkeit der Beamten ist ein großes Problem, das sich auf das Anzeigeverhalten der Betroffenen und die Erledigungsentscheidungen der Staatsanwaltschaften auswirkt“, sagte Tobias Singelnstein zu ZEIT ONLINE. Wenn ein Opfer nicht wisse, wen es anzeigen solle, rechne es sich kaum Chancen auf Erfolg aus und gebe eher keine Anzeige auf. Der Staatsanwaltschaft wiederum fehlten bei einer Anzeige gegen Unbekannt Ermittlungsansätze und der Fall könne eher eingestellt werden.

In den Fragebögen schilderten die Betroffenen den Forschern zufolge sehr unterschiedliche Fälle. „Rechtswidrige Polizeigewalt kann in allen Einsatzsituationen vorkommen, aber es gibt Schwerpunkte“, so Singelnstein. So berichteten Betroffene in etwas mehr als der Hälfte der Fragebögen (55 Prozent) von rechtswidriger Polizeigewalt bei Demonstrationen oder politischen Aktionen. „Aus grundrechtlicher Sicht ist es sehr problematisch, dass rechtswidrige Polizeigewalt offenbar gerade bei Versammlungen häufiger vorkommt“, sagte der Kriminologe.

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Stöße und Schläge, Einsatz von Pfefferspray

In einem weiteren Viertel der Fälle wurden die Befragten bei Fußballspielen oder anderen Großveranstaltungen Opfer von rechtswidriger Polizeigewalt. Eine mögliche Erklärung dafür seien „etablierte Konfliktverhältnisse“ zwischen der Polizei und ihrem Gegenüber, so Singelnstein. „In den Situationen, in denen es häufiger zu Konflikten kommt, kommt es auch eher zu rechtswidrigen Handlungen.“ Das restliche Fünftel der Fälle umfasse sehr unterschiedliche Einsätze – etwa Kontrollen oder Fälle, in denen die Polizei wegen eines Konflikts gerufen wurde.   

Insgesamt waren die befragten Opfer von Polizeigewalt in der Studie eher jung, zu knapp drei Vierteln männlich und höher gebildet. 16 Prozent der Befragten hatten einen Migrationshintergrund. Doch wer Opfer von Polizeigewalt wird, hängt auch vom Ort und der Situation des Geschehens ab. In der Stichprobe der Studie traf es bei Demonstrationen oder politischen Aktionen häufiger als in anderen Einsätzen Frauen oder Personen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordneten, sowie Schüler und Studierende.

Menschen mit Migrationshintergrund werden am ehesten bei Einsätzen außerhalb von Großveranstaltungen oder Demonstrationen Opfer rechtswidriger Polizeigewalt – etwa bei Kontrollen, wie die Wissenschaftler berichten. Hier sieht Studienleiter Singelnstein noch Forschungsbedarf: „Wir haben Diskriminierungsaspekte abgefragt, aber die müssen wir uns noch genauer ansehen.“

Die Betroffenen schilderten in der Studie die unterschiedlichsten Formen von Gewalt. Sehr häufig berichteten die Befragten von Stößen und Schlägen; häufig davon, von Polizistinnen festgehalten, hart angefasst, getreten oder unrechtmäßig gefesselt worden zu sein. Bei Großveranstaltungen, vor allem bei Fußballspielen, spielt der Studie zufolge der Einsatz von Pfefferspray eine große Rolle. Nur sehr vereinzelt berichteten Befragte, dass die Polizisten ihre Schusswaffen oder Elektroschockpistolen einsetzten.

Opfer erfahren selten Gerechtigkeit

Die Folgen der Gewalt sind für die Betroffenen der Studie zufolge beträchtlich: Ein Drittel der Betroffenen ließ sich nach einem Vorfall von einem Arzt behandeln, neun Prozent nahmen psychologische Hilfe in Anspruch. Jeder Fünfte (19 Prozent) berichtete von Schlafstörungen, etwa zehn Prozent der Befragten zogen sich sogar aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Opfer von Polizeigewalt zu werden verschlechtert auch das Bild, das Bürgerinnen und Bürger von der Polizei haben: 85 Prozent gaben an, Wut, Angst oder Unwohlsein zu verspüren, wenn sie nach der Gewalterfahrung wieder auf Polizisten trafen.

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Der Zwischenbericht dokumentiert eine überraschende Schwere der Verletzungen. Dieses Bild könne aber auch dadurch zustande kommen, schränken die Studienautorinnen ein, dass besonders schwer Verletzte in der Befragung überrepräsentiert sind: Die Betroffenen haben womöglich ein höheres Bedürfnis, von ihrem Leid zu erzählen. 

Selten erfahren Betroffene Gerechtigkeit: Aus der Statistik der Staatsanwaltschaften wussten die Forscher bereits vor ihrer Untersuchung, dass 2018 nur in rund zwei Prozent der Fälle gegen Polizistinnen und Polizisten Anklage wegen Körperverletzung im Dienst erhoben wurde.

Die Befragungen von Opfern bestätigen dieses Bild. So wurden 93 Prozent der in der Studie untersuchten Ermittlungen gegen Polizisten eingestellt – meist, weil sich der Tatverdacht nicht belegen ließ. Wurden Polizisten tatsächlich angeklagt, endeten nur sieben der insgesamt rund 3.400 Fälle in der Stichprobe der Forscher damit, dass ein Polizist verurteilt wurde, viermal erging ein Strafbefehl. „Ich halte es für eines der größten Probleme, dass Betroffene den Eindruck haben, sie können sich nicht durchsetzen und ihre Anzeige habe keinen Erfolg“, sagte der Kriminologe Singelnstein. Sein Fazit: „Die Polizei ist nicht gut darin, mit kritischen Fragen von außen selbstbewusst und konstruktiv umzugehen.“

Hoher Aufwand sollte Missbrauch der Studie vorbeugen

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) widerspricht. „Ich will, dass wir eine rechtsstaatliche Polizei haben und wir wissen, dass Polizisten auch Fehler machen“, sagte Oliver Malchow zu ZEIT ONLINE. Er begründet die hohen Einstellungsquoten damit, dass Gerichte und Staatsanwälte das als rechtswidrig empfundene polizeiliche Verhalten am Ende eben oft doch als rechtmäßig bewerteten. Die GdP hatte die Methodik der Bochumer Studie mehrfach kritisiert. „Ich kenne Leute, die online an der Befragung teilgenommen haben und sich etwas ausgedacht haben“, sagte Malchow. Ihm sei nicht klar, wie Studienleiter Singelnstein sicherstelle, dass die geschilderten Erfahrungen auch tatsächlich überprüft werden.

Die Autoren der Polizeigewalt-Studie schreiben dagegen, die Befragten hätten 39 Minuten für die Beantwortung des Fragebogens einplanen müssen. Dieser hohe Aufwand habe Missbrauch vorgebeugt. Außerdem seien insgesamt 303 Fragebögen aussortiert worden, die nicht plausibel erschienen. Insgesamt wurden mehr als 5.600 Fragebögen ausgefüllt, aussortiert wurden hier außerdem Eingaben von Zeugen, die nicht selbst betroffen waren.

Die Arbeit der Forscher geht nun weiter: In einem zweiten Teil der Studie werden aktuell Interviews mit Staatsanwälten, Rechtsanwältinnen, Richtern und Polizistinnen geführt. Ein Abschlussbericht soll im Frühjahr 2020 folgen.

Einer der Teilnehmer aus der Opferbefragung der Studie war Sven W., der junge Mann aus Köln. Auch für ihn geht es weiter: W. wartet darauf, ob die Revision der Staatsanwaltschaft gegen seinen Freispruch zugelassen wird. Ihn beschäftige das Gewalterlebnis, das mehr als drei Jahre her ist, noch immer. „Gerechtigkeit wäre für mich, dass diese Polizisten eine Strafe bekommen und nicht mehr im Polizeidienst arbeiten dürfen“, sagt er. 

G20-Doku: Materialsammlung zu Polizeigewalt und Behinderung der Presse

https://netzpolitik.org/2017/g20-doku-materialsammlung-zu-polizeigewalt-und-behinderung-der-presse/
Constanze12.07.2017
Wer bei den Protesttagen gegen den G20-Gipfel in Hamburg Polizeigewalt oder Einschüchterungen gegen Pressevertreter oder Anwälte aufgezeichnet hat, kann sein Material auf einer neuen Dokumentationsseite zur Verfügung stellen. „G20 Doku“ trägt Vorfälle zusammen und versucht damit, zur Aufklärung der Geschehnisse in Hamburg beizutragen.

Polizisten benutzen Pfefferspray gegen eine Sitzblockade. All rights reserved g20-doku.org

Die Aufarbeitung der Geschehnisse beim G20-Gipfel ist in vollem Gange. In der Öffentlichkeit werden derzeit vor allem die Randale im Schanzenviertel und das Anzünden von Autos sowie die politischen Konsequenzen daraus diskutiert. Allerdings ist es ein Kennzeichen unserer Zeit, dass für die Protesttage jede Menge digitales Dokumentationsmaterial vorliegt. Daher wurden auch Fälle von mutmaßlich rechtswidriger Polizeigewalt und Übergriffe auf Pressevertreter aufgezeichnet. Eine Dokumentationsplattform sammelt nun die Vorkommnisse und bietet die Möglichkeit, Hinweise zu Quellen wie Videos und Fotos zu schicken: Auf https://g20-doku.org/ werden dann die Bild- und Tonaufnahmen dokumentiert und zusammengestellt.
Hilf mit! Mit Deiner finanziellen Hilfe unterstützt Du unabhängigen Journalismus.

protest-filming

Digitale Aufzeichnungen entstanden überall während der G20-Proteste. Bild: CC BY 2.0, Thorsten Schröder.

Der Regierende Bürgermeister der Hansestadt, Olaf Scholz (SPD), erklärte heute in seiner Regierungserklärung zum G20-Gipfel das Verhalten der Polizei geradezu als heldenhaft. Dass auch Polizisten zu ungerechtfertigter Gewalt gegriffen haben, ist bereits belegt. Neben Material zu Gewalteinsätzen der Polizei gegen Demonstranten, Umstehende und Medienleute umfasst die Sammlung auch Vorfälle, die Einschüchterungen und Drohungen gegen Anwälte zeigen oder eine Behinderung ihrer Arbeit dokumentieren. Die schon im Vorfeld kritisierten Grundrechtseinschränkungen sowie Gewaltanwendungen sollen so zusammengetragen und belegt werden.
Auch auf einer zweiten Aktionsseite mit dem Namen Police Brutality at G20 summit (Polizei-Brutalitäten beim G20-Treffen) werden dokumentierte Fälle von Polizeigewalt mit den jeweiligen Belegen zusammengestellt.
Die Plattformen sollen helfen, die wichtigen Fragen, die sich nach dem G20-Gipfel stellen, mit belegten Vorfällen ernsthaft diskutieren zu können: Wie weit darf Gewalt gegen Protestierende, Pressevertreter und Anwälte gehen? Welche Grenzen des Rechtsstaats wurden überschritten? Was machen eigentlich Terrorbekämpfungseinheiten mit Sturmgewehren bei Gipfel-Protesten? Die Sammlung kann dazu beitragen, die vom Deutschen Journalisten-Verband in einem Schreiben an BKA-Präsident Holger Münch geforderte Aufklärung der Gewalt gegen G20-Berichterstatter zu leisten.
Bilder, Filme und auch Informationen
Wer möglicherweise rechtswidrige Polizeigewalt wahrgenommen hat, kann Links zum Material über die Hinweis-Seite der G20-Doku zur Verfügung stellen. Wurden Aufnahmen gemacht und dabei Gewaltvorfälle oder Behinderungen von Journalisten beobachtet und gefilmt, kann man sich so daran beteiligen, die Vorkommnisse zu dokumentieren.
Neben Bildern und Filmen sucht das Doku-Team auch Informationen zu den jeweiligen Fällen:
Wir versuchen bei jedem dokumentierten Fall so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Den Zeitpunkt des Vorfalls könnt ihr, je nachdem wieviele Informationen wir haben, am Zeitpunkt der Veröffentlichung des jeweiligen Beitrages ablesen.
Über den Autor/ die Autorin
constanze
Constanze Kurz ist promovierte Informatikerin, Autorin und Herausgeberin mehrerer Bücher, ihre Kolumne „Aus dem Maschinenraum“ erscheint im Feuilleton der FAZ. Sie ist ehrenamtlich Sprecherin des Chaos Computer Clubs. Sie forschte an der Humboldt-Universität zu Berlin am Lehrstuhl „Informatik in Bildung und Gesellschaft“ und war Sachverständige der Enquête-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestags. Sie erhielt den Werner-Holtfort-Preis für bürger- und menschenrechtliches Engagement, den Toleranz-Preis für Zivilcourage sowie die Theodor-Heuss-Medaille für vorbildliches demokratisches Verhalten. Kontakt: constanze(at)netzpolitik.org (OpenPGP), Telefon: +49-30-92105-9846.

Veröffentlicht 12.07.2017 16:16 Uhr