Brexit: Sorge vor dem Verlust europäischer Werte

DPA
„Das strategische Verlustgefühl, das ich empfinde, ist ein kulturelles.“

Seit 2016 treibt mich eine Frage um: Welche ist wohl die letzte europäische Stadt, die ich als EU-Bürger besuchen werde? Jetzt habe ich die Antwort: Es ist Bonn. Gerade komme ich aus der Stadt Beethovens wieder, in der nicht nur die Deutsche Post, sondern auch große Teile des Öffentlichen Dienstes in Deutschland beheimatet sind.

Seit die Regierung nach Berlin zurückkehrte, ist Bonn ein beschaulicher, ein ruhiger Ort. Die Universität ist allgegenwärtig und ihre Mitarbeiter sowie Studierenden machen fast 15 Prozent der Bevölkerung aus. Im größten Theater der Stadt wird gerade Georges Feydeaus Komödie Ein Floh im Ohr aufgeführt, das Opernhaus zeigt eine Version von Beethovens Fidelio, das von der Notlage politischer Gefangener in der Türkei handelt, und im Programmkino läuft Jessica Haussners Little Joe. Das Essen war gut, das Bier ausgezeichnet und die Gespräche – zu meinem Glück in perfektem Englisch – anregend. 

Und genau das ist es, was wir Britinnen und Briten hinter uns lassen: die Möglichkeit, einen einstündigen Flug zu nehmen und mit minimalem Aufwand mit einem der stabilsten und erfolgreichsten Wirtschaftsräume der nördlichen Hemisphäre Handel zu betreiben und mit den 500 Millionen am besten ausgebildeten Menschen der Welt in Austausch zu treten.

Die offene Flanke der EU in ihrer Rolle zwischen nationaler und supranationaler Souveränität wurde zu einer Spielwiese für unternehmerische Interessen.

Nur, weil eine Weiterlesen Brexit: Sorge vor dem Verlust europäischer Werte

https://www.neues-deutschland.de/m/artikel/1010356.die-mauern-werden-fallen-die-das-eigentum-schuetzen.html

Foto: imago/ZUMA Press

Haben Sie die Matrix-Filme gesehen?
Ja.
Und wie haben Sie Ihnen gefallen?
Ich habe lediglich den ersten Teil gesehen. Er war gut. Er ist ein Teil des Weltbildes, das davon ausgeht, dass Informationstechnologie und virtuelle Realität nur zum Desaster führen.
Für den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis sind die Matrix-Filme eine Metapher dafür, wohin sich die Gesellschaft aufgrund der technologischen Revolution entwickeln könnte. Demnach besteht die Gefahr, dass die Menschheit zum Sklaven der Technologie und nicht von der Technologie befreit wird.
Varoufakis bringt da ein gutes Argument an. Doch meine These ist anders.
Sie sind optimistischer.
Die technologische Revolution bringt uns mit rasanter Geschwindigkeit in eine Situation, in der wir alle in Überfluss leben könnten. Und Überfluss ist gut. In einer wirklichen Überflussgesellschaft kann es keine Klassen und keine Unterdrückung geben. Die Technologie macht den utopischen Sozialismus erst möglich.
Bisher hat es der Kapitalismus immer geschafft, seine Krisen zu meistern und technologische Errungenschaften für sich produktiv zu machen. Wieso sind Sie so optimistisch?
Der Kapitalismus hat seine Krisen immer überstanden, indem er sich verändert hat. Die Veränderungen waren so groß, dass viele Menschen glaubten, dass diese nicht möglich seien. Und als die Veränderungen eintraten, sagten sie, dass es nun kein Kapitalismus mehr sei.
Was war für diese Transformationen notwendig?
Es brauchte neue Waren, die die Konsumenten unbedingt kaufen wollten, wie Autos oder Fernseher. Und dafür waren höhere Löhne notwendig.
Die müssen bekanntlich erstmal erkämpft werden.
Das Interessante daran ist, dass neue Maschinen normalerweise Arbeiter ersetzen und die Löhne senken. Doch dies versuchen die Arbeiter zu verhindern und zwingen die Unternehmen so zu tatsächlichen technologischen Innovationen. Das Resultat ist, dass für die neuen Jobs dann Menschen mit höheren Qualifikationen gebraucht werden, die wiederum höhere Löhne bekommen. So haben die Innovationen der vergangenen 200 Jahre die Fähigkeiten der Arbeiter erhöht, anstatt sie zu zerstören.
Und die digitale Revolution ist anders?
Sie zerstört den Wert. Was sie erschafft, sind Waren, die billiger sind und nicht teurer. Deswegen gibt es keine Notwendigkeit mehr für höhere Löhne. Stattdessen werden Millionen unnötiger, schlechter, prekärer Jobs geschaffen, weil man nicht den Mut hat, alles zu automatisieren und das Maß der gesellschaftlich notwendigen Arbeit radikal zu reduzieren. Diese Bullshit-Jobs – wie David Graber sie nennt – gibt es nur, damit sich die Menschen weiterhin Waren kaufen können. Denn ohne Job hat man kein Geld und ohne Geld kann man sich kein Smartphone kaufen.
Der deutsche Ökonom Marcel Fratzscher geht davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt zunehmend polarisieren wird – in einige wenige gut bezahlte Jobs für Hochqualifizierte und eine Vielzahl schlecht bezahlter Stellen für Geringqualifizierte.
Kurzfristig hat er recht. Dabei wird es aber nicht so sein, dass nur die Akademiker ihre Stelle behalten, während die einfachen Angestellten gefeuert werden. Auch bei den Hochbezahlten gibt es viele Rationalisierungsmöglichkeiten, wie Beispiele bei den Juristen zeigen.
Und auf lange Sicht?
Die ganzen Fortschritte in der Technologie, bei der Software und Weiterlesen

Leben wir schon im Postkapitalismus? Zur Kritik der Thesen von Paul Mason

http://jungle-world.com/artikel/2016/16/53881.html
jungle-world.com – Archiv – 16/2016 – Disko – 
Nun also Paul Mason. Nach Antonio Negri und Michael Hardt, Naomi Klein, David Graeber und Thomas Piketty wird sein Buch über den »Postkapitalismus« zum alljährlichen linken Diskurstänzchen im Feuilleton bitten dürfen. Eine erste Vorstellung seiner Thesen lockte immerhin bereits vor Erscheinen des Buches etwa 1 200 Besucherinnen und Besucher ins Berliner Haus der Kulturen der Welt. Die Zeit räumte für ein Interview mit dem Journalisten und ehemaligen Trotzkisten gleich die ersten beiden Seiten ihres Feuilletons frei. Auch der obligatorische Marx-Vergleich darf nicht fehlen.
Hatte Paul Krugman 2014 in der New York Times Pikettys Studie über die globale Vermögensungleichheit in leichter Verkehrung des Originaltitels noch als »Das Kapital des 21. Jahrhunderts« gefeiert, so gilt Mason dem britischen Guardian, für den er lange Zeit gearbeitet hat, als »würdiger Nachfolger von Marx«. Immerhin: Dass er das nicht ist und auch nicht sein will, betont der Sohn einer Grundschullehrerin und eines LKW-Fahrers aus dem nordenglischen Leigh selbst. Als »radikaler Sozialdemokrat«, als der er sich versteht, bietet er vielmehr statt einer Kritik der politischen Ökonomie ein »modulares Projektdesign« an, an dem sich »Menschen, Bewegungen und Parteien auf dem Weg zur postkapitalistischen Gesellschaft orientieren können«, wie es im »Guide to Our Future« – so der Originaluntertitel des Buchs – formuliert wird. Einen Masterplan also.
Marx und die Matrix. Willkomen im Postkapitalismus

Marx und die Matrix. Willkomen im Postkapitalismus (Foto: Jungle World [m])
Darin darf nichts fehlen. Auf knapp 370 Seiten – zieht man Fußnotenapparat und Register ab – hastet Mason durch die vergangenen zwei Jahrhunderte: von den Ursprüngen des Kapitalismus und seinen Zyklen über den Aufstieg und Weiterlesen Leben wir schon im Postkapitalismus? Zur Kritik der Thesen von Paul Mason