Die polarisierende Pandemie

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Die Bundesregierung rühmt sich, die sozialen Härten der Coronakrise politisch aufgefangen zu haben. Zu Unrecht, argumentiert der Armutsforscher Christoph Butterwegge: Während der Pandemie sind die Reichen reicher geworden und die Armen ärmer. 

In der Covid-19-Pandemie hat sich die soziale Ungleichheit auf der ganzen Welt zum Teil drastisch verschärft.[1] Dafür ist allerdings nicht primär SARS-CoV-2 verantwortlich, denn vor diesem Virus sind, was seine Infektiosität betrifft, alle Menschen gleich. Doch weil sich deren Gesundheitszustand, Arbeits- und Lebensbedingungen sowie Einkommens-, Vermögens- und Wohnverhältnisse stark voneinander unterscheiden, sind auch die Infektionsrisiken sehr ungleich auf einzelne Gruppen verteilt.

Ungerecht ist nicht das Virus an sich, sondern die Klassengesellschaft, auf deren Mitglieder es trifft. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, Machtstrukturen und Verteilungsmechanismen bewirken, dass Covid-19 den Trend zur sozioökonomischen Polarisierung verstärkt. Die Pandemie erzeugt schwere wirtschaftliche Verwerfungen und macht so das Kardinalproblem der Bundesrepublik, die wachsende Ungleichheit,[2] nicht bloß wie unter einem Brennglas sichtbar, sondern wirkt auch als Katalysator, wodurch sich die Ungleichheit weiter verschärft. Die Pandemie wirkt polarisierend – ökonomisch, sozial und politisch.

Von der Pandemie am stärksten betroffen sind die Immun- und die Finanzschwächsten – zwei Gruppen, die sich personell nicht zufällig überlappen. Denn sozial bedingte Vorerkrankungen wie Asthma bronchiale, Adipositas (Fettleibigkeit), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder COPD (Raucherlunge), katastrophale Arbeitsbedingungen beispielsweise in der Fleischindustrie sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse erhöhen das Risiko für eine Infektion und einen schweren Krankheitsverlauf beträchtlich. Die Hauptleidtragenden der Pandemie sind die überwiegend einkommens- und immunschwachen Obdach- und Wohnungslosen, aber auch andere Bewohner*innen von Gemeinschaftsunterkünften wie Strafgefangene oder Geflüchtete. Ähnliches gilt für Suchtkranke, Erwerbslose, Geringverdiener*innen oder Kleinstrentner*innen.

Länger geltende Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Einrichtungsschließungen zerstören die ohnehin brüchige Lebensgrundlage der ärmsten Menschen. So führen das Ausbleiben von Passant*innen und die Furcht vor Infektionen manchmal zum Totalausfall der Einnahmen von Bettler*innen oder Pfandsammler*innen. Auch die Schließung der meisten Lebensmitteltafeln erhöht die finanzielle Belastung Bedürftiger. Zudem leeren Hamsterkäufer*innen oft ausgerechnet Regale mit preiswerten Grundnahrungsmitteln.

»Zu den Hauptprofiteuren der Krise gehören einige der derzeit profitabelsten Unternehmen.«

Aufgrund der stärkeren Krisenbetroffenheit gering entlohnter Berufsgruppen hat das Armutsrisiko im unteren Einkommensbereich stark zugenommen. Wissenschaftler*innen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gelangen zu dem Ergebnis, „dass die besser entlohnten Arbeitskräfte in Deutschland im Mittel in deutlich Weiterlesen Die polarisierende Pandemie

Ausnahme&Zustand – Rosa-Luxemburg-Stiftung

rosalux.de

4 Minuten


Ausnahme&Zustand Staffel 3

Ausnahme&Zustand ist zurück!

Ab dem 9. Februar sprechen wir wieder live mit Expert*innen und Aktivist*innen aus Bewegung, Kultur und Politik.

Jeden Dienstag um 19 Uhr widmen wir uns aktuellen Themen rund um die Covid-19 Pandemie.
Wie hat der seit Monaten andauernde Ausnahmezustand unser Leben verändert?
Wie steht es um linke Bewegungen und Ideen? Schaltet ein, wir freuen uns auf eure Fragen!

Nächste Folge Ausnahme&Zustand: 02.03.2021

Gewinner und Verlierer der Corona-Krise – Ein Gespräch mit Fabio De Masi

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Ausnahme&Zustand #22

Am 2.3. um 19 Uhr Live aus dem Studioe der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Reihenweise Pleiten, Existenzen vor dem Aus: Vor allem die Gastronomie, die Kreativbranche, Teile des Einzelhandels und des Dienstleistungsgewerbes sind von den wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns betroffen. Die Hilfen laufen schleppend an und kommen eher den Großkonzernen als dem Mittelstand oder den Soloselbstständigen zu Gute. Während Lufthansa neun Milliarden Euro bekommen hat, werden Hartz4-Bezieher*innen mit einem einmaligen Zuschuss von 150 Euro abgespeist. Die Absurdität der „Schuldenbremse“ zeigt sich in der ersten Krise. Wie müssten finanzielle Hilfen und Investitionen in die gesellschaftliche Infrastruktur aussehen, damit sie gerecht und wirtschaftlich sinnvoll sind? Wer sind die Profiteure der Corona-Krise und wie kann man sie an der Bewältigung der Krise beteiligen?

Mit Fabio De Masi, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und finanzpolitischer Sprecher der LINKEN im Bundestag und deren Obmann im Wirecard-Untersuchungsausschuss, wollen wir linke wirtschafts- und finanzpolitische Ansätze diskutieren, die der Krise gewachsen sind. Die ein oder andere Frage zum Wirecard-Skandal und ob er deswegen nun von österreichischen Agenten bespitzelt werden sollte, werden wir uns allerdings auch nicht verkneifen können.

Letzte Sendung

Kino, Krise, Pandemie

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Ausnahme&Zustand #21 mit Wolfgang M. Schmitt Junior

«Viele Etappen des Kinosterbens liegen bereits hinter uns, aber so schlecht wie jetzt sah es noch nie aus», sagt der Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt.
Während Konzerne wie Disney und Netflix Rekorde an der Börse feiern, befindet sich die Kino-Branche in einer dramatischen Krise. Das Publikum bleibt aus, für Schauspieler*innen und Techniker*innen wird die Prekarität existenzbedrohend. Geplante Produktionen müssen ausfallen oder sind aufgrund von komplexen Hygienekonzepten nicht umsetzbar.

Gemeinsam mit dem Macher des YouTube Kanals «Die Filmanalyse» sprechen wir über die Film- und Fernsehindustrie in Zeiten der Pandemie.
Wir diskutieren über Wege aus der Kino-Krise und darüber, wie das Kino die Pandemie reflektiert und was uns der Film in diesen Zeiten bieten kann.

Pandemie-Vorsorge Weltbiodiversitätsrat fordert Strategiewechsel im Kampf gegen Viren

Junge Orang-Utans, die in die Fänge von Wilderern geraten sind

Junge Orang-Utans, die in die Fänge von Wilderern geraten sind

Foto: Wahyudi / AFP

Auf erschreckende Weise zeigt die Ausbreitung des Coronavirus, was passiert, wenn die Natur außer Kontrolle gerät. Als im vergangenen Dezember im chinesischen Wuhan die ersten Fälle einer rätselhaften Lungenkrankheit auftraten, ahnte noch niemand, das daraus eine weltweite Pandemie werden würde. Nach offiziellen Angaben ist das Virus auf einem Tiermarkt auf den Menschen übergegangen – aber noch immer fahnden Wissenschaftler nach den genauen Umständen. Corona hat die Welt kalt erwischt.

Manche Biologen und Virologen waren allerdings kaum überrascht. Seit Jahren hatten sie vor Krankheiten gewarnt, die von Tieren auf den Menschen übergehen und erhebliches Gefahrenpotenzial bergen. Im Kampf gegen solche sogenannten Zoonosen hat der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) nun ein Umdenken gefordert. Denn das Auftreten von Zoonosen ist kein Zufall. Die Ausbreitung werde vollständig durch menschliche Aktivitäten angetrieben, heißt es in einem nun veröffentlichten Bericht, an dem 22 führende Experten aus aller Welt beteiligt waren.

Das Coronovirus ist seit der Spanischen Grippe von 1918mindestens die sechste globale Gesundheitspandemie, die ihren Ursprung in der Tierwelt hat. Ungefähr 70 Prozent aller neu auftretenden Krankheiten sind Zoonosen – bekannte Beispiele sind Ebola, Zika oder das Nipah-Virus. Aber auch Influenza Weiterlesen Pandemie-Vorsorge Weltbiodiversitätsrat fordert Strategiewechsel im Kampf gegen Viren

Nach der Pandemie ist vor der Krise: Warum sich die Welt ändert – Kolumne – DER SPIEGEL

Dieser Rest des Sommers ist doch hervorragend geeignet, um nachzudenken, was einen wirklich glücklich macht, findet Sibylle Berg.

Dieser Rest des Sommers ist doch hervorragend geeignet, um nachzudenken, was einen wirklich glücklich macht, findet Sibylle Berg.

Foto: Kathrin Ziegler / Getty Images

Gleich ist er zu Ende, der Sommer. Die ersten Blätter werden schon braun und das Jahr, nun ja. Das bedeutete für viele Menschen Trauer. Weil jemand, den man liebt, krank war oder verstarb. Oder weil der Traum endete, unverletzlich zu sein.

Erstaunlich, dieses Gefühl der Unsicherheit, auf einmal. Dabei könnte es uns ständig begleiten, dieses Wissen um die Fragilität der Welt, der Gesundheit, der Gewohnheiten. Und weil das keiner aushält, verdrängt man es meist und tut, als wäre alles für immer. Als wäre alles ein Naturgesetz. Unser Leben, die Familie, der Job, der Garten, der Urlaub.

Dieses angebrochene Jahr zeigt uns die eigene Ohnmacht. Nichts wurde versprochen, nichts ist sicher. Ein Virus, ein Krieg, eine Naturkatastrophe, ein Unfall, ein Blitz – kann einem alles nehmen. Das ist doch kaum auszuhalten, dass nichts Unzerstörbarkeit besitzt.

Und wollten wir nicht reduzieren, alles?

Die einen verdrängen, die anderen sind voller Sorgen und viele wollten sich für ihre neu gewonnene Erkenntnis so gern belohnen. Verreisen müsste man. Aber – wohin? Und womit? Und wollten wir nicht reduzieren, alles? Weg von Konsum, der nicht glücklich macht, so hieß es. Aber macht es glücklich, mit den eigenen Leuten auf den Brocken zu tigern, oder zum Murtensee, oder ins Weinland, und alles, was man sieht, sind Leute wie man selbst, und was man hört dito. Dann doch lieber zu Hause bleiben, auf dem Balkon: Komm, wir machen es uns auf Balkonien nett.

Doch da geht es nicht weg, das Gefühl, nur ein Mensch unter Milliarden zu sein, der Natur ausgeliefert, als deren Teil sich zu betrachten die meisten verlernt haben, so schön versiegelt und eingezäunt hatten wir sie. Und nun soll das alles sein? Der Blick auf den Parkplatz, den Schatten der Bäume, die man immer sieht, und nun werden sie schon gelb?

Irgendjemand schrieb irgendwo in die Weiten des Netzes, dass ich immer moralisch überlegen tue. Ja nun, dachte ich. Was soll sein? Soll ich in den Untiefen meiner Gedanken kramen, um sie hier aufzuschreiben? Das machen doch schon genug andere Kolumnist*innen. Lame, wie wir Britinnen sagen.

Ich tue nicht überlegen, ich versuche herauszufinden, wie man mit diesem kurzen Leben zurechtkommt, ohne allzu viel Schaden anzurichten und ohne zu unglücklich zu sein. Sich gegen die Welt, wie sie einem scheint, aufzulehnen, ist ein Weg. Aber er ist unsicher, denn keinem ist es vergönnt, mehr als einen winzigen Bruchteil des Ganzen zu begreifen.

Maybe ja, vielleicht nein, eher nein

Der Bruchteil, den ich verstehe, ist: Weiterlesen Nach der Pandemie ist vor der Krise: Warum sich die Welt ändert – Kolumne – DER SPIEGEL

Demokratisch durch die Pandemie! – VVN-BdA

vvn-bda.de

X-TM GmbH – http://x-tm.de

8. April 2020

Die Corona-Pandemie stellt die Welt plötzlich vor tödliche Gefahren. Das Virus interessiert sich dabei nicht für Politik. Politisch sind allerdings die Reaktionen der Regierungen und Parteien.

Zahlreiche Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten wurden innerhalb kurzer Zeit weltweit eingeführt. Diese Maßnahmen sind objektiv notwendig, um ein Massensterben zu verhindern. Gleichzeitig wird erkennbar, dass in dieser Krise in vielen Ländern bereits zuvor erkennbare autoritäre und restriktive Entwicklungstendenzen verstärkt und beschleunigt werden.

Innerhalb der EU gilt dies insbesondere für die Regierung Ungarns, die die parlamentarische Arbeit auf unbestimmte Zeit hat aussetzen lassen.

Auch in Deutschland gibt es von Seiten der Bundes- und Landesregierungen problematische Äußerungen, Erwägungen, Gesetzesvorhaben und teilweise auch Maßnahmen.

Begleitet werden diese Tendenzen ebenfalls in vielen Ländern durch extrem rechte, xenophobe, rassistische und insbesondere antisemitische Verschwörungstheorien, die sich auf Ursprung, Verbreitung und Folgen der Corona-Pandemie beziehen.

Zu dieser Situation fordert die VVN-BdA folgendes:

  • Begriffe wie „Ausgangssperre“, „Ausnahmezustand“ und „Krieg“ haben in der Krisenbewältigung nichts zu suchen. Sie machen unnötig Angst und suggerieren militärische Lösungen für medizinische und gesellschaftliche Probleme.
  • Alle Verordnungen und Maßnahmen müssen konkret begründet, zeitlich befristet, auch durch unabhängige Experten bewertet und ausgewertet werden und auf das notwendige Maß beschränkt sein. Dies gilt jeweils auch für zeitliche Verlängerungen.
  • Verordnungen und Maßnahmen müssen Gegenstand parlamentarischer Kontrolle sein.
  • Gesetzgeberische Prozesse, insbesondere die sich auf Krisenbewältigung beziehen, sind auf die Zeit nach der Pandemie zu verschieben. Gute Gesetze brauchen Zeit zur Reflexion.
  • Notwendige Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum sind mit Augenmaß durchzusetzen. Spaziergänger sind keine Verbrecher.
  • Politische Aktivitäten im öffentlichen Raum, die die notwendigen Einschränkungen beachtet, müssen selbstverständlich möglich sein.
  • Besonders gefährdet sind Obdachlose und Geflüchtete. Sie bedürfen einer besonders guten Fürsorge, nicht martialischer Abschottung. Es müssen Maßnahmen für eine angemessene Unterbringung ergriffen werden, z. B. in Hotels.
  • Die gefährlichen Lagern an der EU-Außengrenze und in Griechenland müssen aufgelöst und die Geflüchteten evakuiert und dezentral untergebracht und versorgt werden.
  • Deutschland muss endlich den Kindern und Jugendlichen, zu deren Aufnahme sich „Solidarische Städte“ bereiterklärt haben, aufnehmen.
  • Das Militär kann Transport- und Hilfsdienste leisten, aber nicht Ordnungsmacht im Inneren sein. Die Trennung von Polizei und Militär ist unabdingbar. Bundeswehrsanitätskräfte sind der zivilen Leitung zu unterstellen.
  • Die EU muss den Missbrauch der Pandemie zur Festschreibung strukturell antidemokratischer Ziele in ihren Mitgliedsstaaten unterbinden.
  • Verschwörungstheoretische Erklärungsmuster, auch wenn sie vorgeben „für das Volk“ zu sprechen, sind zurückzuweisen. Die Krise nutzen wollende faschistische Gruppen sind aufzulösen.
  • Nach Abschluss der Pandemie bedarf es einer breiten gesellschaftlichen Auswertung: Welche Maßnahmen haben sich im Nachhinein als richtig erwiesen, auf welche könnte in einem ähnlichen Fall verzichtet werden?