Lizenz zum Klima-Killen

Warum der Glaube an die CO2-Steuer illusionär ist und es keine „ökologische Marktwirtschaft“ geben kann

von Norbert Trenkle

1.

Von der CO2-Steuer zu sagen, sie erziele nicht die versprochenen Wirkungen, ist eine Verharmlosung. Aufs Ganze betrachtet, wird sie weder eine nennenswerte Reduktion der klimaschädlichen Emissionen bewirken, noch gar eine „ökologische Transformation“ der Marktwirtschaft einleiten, sondern ist vielmehr ein Freibrief, den sich die Gesellschaft ausstellt, um genauso weitermachen zu können wie bisher. Um das zu verstehen, braucht es nicht viel Phantasie. Ein wenig Erfahrungswissen genügt. Selbst wenn die Steuer hier und dort gewisse Einspareffekte beim CO2-Ausstoß bewirken mag, ist doch völlig absehbar, dass diese durch einen gesteigerten Ressourcenverschleiß an anderer Stelle konterkariert werden. Dieser Mechanismus ist längst bekannt und wurde in der Postwachstums-Literatur breit diskutiert. So werden etwa relative Einsparungen beim Energieerbrauch (z.B. effizientere Motoren) durch eine Ausdehnung des absoluten Verbrauchs überkompensiert (z.B. größere Autos und höhere Stückzahlen). Das ist der sogenannte materielle Rebound-Effekt. Des Weiteren liefern politische Maßnahmen mit einem ökologischen Anstrich die Legitimation dafür, die bestehende Produktions- und Lebensweise aufrechtzuerhalten und das Wirtschaftswachstum weiter anzukurbeln; denn schließlich wurde ja vorgeblich bereits ein relevanter Beitrag zur Erhaltung von Natur und Umwelt geleistet. Man spricht hier von dem politischen Rebound-Effekt. Typisches Beispiel dafür war die Einführung der Abgaskatalysatoren in den 1980er-Jahren, welche die PKWs „umweltfreundlich“ machen sollte, tatsächlich aber Weiterlesen Lizenz zum Klima-Killen

Das Manifest gegen die Arbeit zwanzig Jahre später. Nachwort zur vierten Auflage

Seit wir vor fast 20 Jahren das Manifest gegen die Arbeit veröffentlichten hat sich die fundamentale Krise des Kapitalismus nicht nur in ökonomischer Hinsicht rasant verschärft, sondern stellt zunehmend den Bestand der Warengesellschaft insgesamt in Frage. Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen schreitet ungebremst voran, die soziale Zerklüftung der Welt hat dramatische Ausmaße angenommen und auf politischer Ebene erleben wir eine unheimliche Wiederkehr kollektiver Identitäten, die mit dem Aufschwung nationalistischer, rechtsextremer und linkspopulistischer Parteien und Bewegungen einhergehen. Dass die quasi-religiöse Überhöhung der Arbeit darunter nicht gelitten hat, kann nicht verwundern, stellt sie doch ein konstitutives Element der modernen Subjektivität dar und verweist darin auf die zentrale Stellung der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft. Allerdings hat sich die arbeitsideologische Ausrichtung seit den 1990er Jahren in mancher Hinsicht verändert. Stand damals das Abfeiern der individuellen Leistungsbereitschaft im Mittelpunkt, gemäß dem neoliberalen Motto, wonach jeder und jede für das eigene Glück selbst verantwortlich zu sein habe, so ist mittlerweile die Anrufung der Arbeit wieder verstärkt in das Zentrum kollektiver Identitätskonstruktionen gerückt und flankiert ideologisch die nationalistische Abgrenzung und den rassistischen Ausschluss. Hinzu kommt die altbekannte, antisemitisch konnotierte Entgegensetzung von „ehrlicher Arbeit“ und „parasitärem Finanzkapital“, die im Zuge des anhaltenden Krisenprozess eine Renaissance erfahren hat. Neu ist das nicht. Schon in den 1990er Jahren mengten sich diese ideologischen und identitären Momente in den neoliberal dominierten Arbeitsfetischismus; wir haben das auch bereits im Manifest thematisiert. Allerdings prägen sie nun den Arbeitsdiskurs in zunehmender Weise

Die Kritik der Arbeit bleibt daher so aktuell wie eh und je. Jedoch hat sich in den letzten zwanzig Jahren nicht nur die gesellschaftliche Krise weiter zugespitzt; auch die Wertkritik ist in ihrer theoretischen Entwicklung nicht stehen geblieben. Mit einem geschärften begrifflichen Instrumentarium sind wir heute in der Lage, den Krisenprozess nicht nur in seinen ökonomischen und politischen, sondern auch in seinen subjektiven und ideologischen Dimensionen in vieler Hinsicht präziser zu analysieren. Es ist unmöglich, das hier ausführlich darzustellen, doch sollen einige wichtige Aspekte zumindest kurz skizziert werden. Wer diese weiterverfolgen möchte, sei auf die Texte verwiesen, die sich in den Endnoten finden.[1]

***

Beginnen wir zunächst mit einigen Bemerkungen zur ökonomischen Entwicklung im engeren Sinne. Es könnte vielleicht mit Blick auf die blanken empirischen Daten so scheinen, als hätten wir uns im Manifest mit dem Satz, wonach der „Verkauf der Ware Arbeitskraft … im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein (wird), wie im 20. Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen“ [2], etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Dennoch Weiterlesen Das Manifest gegen die Arbeit zwanzig Jahre später. Nachwort zur vierten Auflage

Über sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen

Donnerstag, 10. Januar 2019
18 – 20 Uhr
FH Bielefeld, Hörsaal C1

Das Marxsche Kapital beginnt nicht zufällig mit der Analyse der Ware. Die Ware ist nicht nur die „Elementarform des kapitalistischen Reichtums“, sondern steht für eine ganz bestimmte Form gesellschaftlicher Beziehung. Eine Beziehung, in der die Menschen von ihren eigenen Produkten beherrscht werden, wie von einer Naturgewalt.
Die viel beschworenen „Sachzwänge“ wie Wirtschaftswachstum, Konkurrenz, Rentabilität etc. sind allesamt Ausdruck dieser verrückten Form von Gesellschaftlichkeit. Dieser wohnt aber auch eine entfesselte historische Dynamik inne, die sie selbst an ihre absoluten historischen Grenzen führt. Doch das ist keine gute Nachricht, denn die fundamentale Krise des Kapitalismus, die wir derzeit durchleben, hat katastrophischen Charakter.
Einen Ausweg innerhalb der warengesellschaftlichen Ordnung gibt es nicht, es bedarf vielmehr einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation. Dafür ist aber die konsequente Kritik der Warengesellschaft eine wesentliche Voraussetzung. Der Vortrag bietet eine kurze Einführung in die Grundlagen der wertkritischen Theorie um die Zeitschrift Krisis, die sich seit über dreißig Jahren dieser Aufgabe verschrieben hat.

via https://www.lilabi.net/events/ueber-sachliche-verhaeltnisse-der-personen-und-gesellschaftliche-verhaeltnisse-der-sachen-einfuehrung-in-die-kritik-der-warengesellschaft-alias-kapitalismus/

Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation

versão portugesa

Ein Gespräch über die Entstehung und Entwicklung der Wertkritik, die fundamentale Krise des Kapitalismus und den fortschreitenden gesellschaftliche Irrationalismus

Interview mit Ernst Lohoff und Norbert Trenkle (Gruppe Krisis)
von Marcos Barreira und Javier Blank (Rio de Janeiro)[1]

Zu Beginn würden wir gerne ein wenig über die Anfänge des theoretischen Projekts der Zeitschrift Krisis, die seit über 30 Jahren existiert, und den Kontext der deutschen Linken in den 1980er-Jahren, sprechen. Wie kam es zur Entstehung der Zeitschrift und welche waren die anfänglichen Ziele? 

Ernst Lohoff: Anfang der 1980er-Jahre war die neomarxistische Welle, die im Gefolge der 1968er-Bewegung alle westlichen Länder erfasst hatte, auch in der BRD am Abflauen. Vor allem die akademische Linke geriet damals zunehmend in den Sog postmodernistischer Ansätze. Und auch die Protestlandschaft hatte sich gegenüber der ersten Hälfte der 1970er-Jahre grundlegend verändert. Gruppen mit einem allgemeinen antikapitalistischen Anspruch zerfielen oder wurden marginalisiert. Stattdessen beherrschten Ein-Punkt-Bewegungen die Szene – in der BRD waren das vor allem die Ökologie- und die Friedensbewegung.

Die Initiatoren des Projekts Krisis sahen in diesen Entwicklungen Symptome einer fundamentalen Krise radikaler Kapitalismuskritik, an der die Neue Linke ein gehöriges Maß an Mitschuld trug. Vor allem ein entscheidendes Versäumnis trieb uns um: Die Neue Linke hatte Weiterlesen Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation

Zur Geschichte und Entwicklung der Wertkritik

Neu auf www.krisis.org

Soeben erschienen ist ein ausführliches Interview mit Ernst Lohoff und Norbert Trenkle zur Geschichte und Entwicklung der Wertkritik. Darin beschreiben diese die wichtigsten Stationen im Prozess der Theoriebildung und die Schwerpunkte der Kritik der letzten dreißig Jahre. Sie erläutern zentrale wertkritische Begriffe und Kategorien und zeigen, wie diese seit den 1980er und 1990er Jahren weiterentwickelt worden sind, um die Analyse zu schärfen.

Die beiden Krisis-Autoren verweisen dabei nicht nur auf die Präzisierung und Neujustierung der Krisen- und Geldtheorie im Anschluss an das Buch Die große Entwertung, sondern auch auf die Subjektkritik und die Untersuchungen zu den subjektiven Verarbeitungsformen der Krise (Rassismus, Islamismus, Antisemitismus, „Kampf der Kulturen“ etc.) sowie zur dramatisch verschärften Verfallsdynamik der Politik. Das Interview enthält eine umfangreiche Bibliographie, die es ermöglicht, die angesprochenen Aspekte und Themen weiter zu verfolgen und zu vertiefen.

Das Interview führten Marcos Barreira und Javier Blank (Rio de Janeiro) durch. Deshalb erscheint es zeitgleich auf portugieisich und auf deutsch:

Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, „Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation“

Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, „É preciso uma nova perspectiva de emancipação social“

Die Krise der liberalen Demokratie und der Aufstieg der Neuen Rechten (Vortrag auf dem Krisis-Seminar 2018 – Audio)

http://www.krisis.org/2018/die-krise-der-liberalen-demokratie-und-der-aufstieg-der-neuen-rechten-vortrag-auf-dem-krisis-seminar-2018-audio/

Die Krise der liberalen Demokratie und der Aufstieg der Neuen Rechten (Vortrag auf dem Krisis-Seminar 2018 – Audio) 

Vortrag von Norbert Trenkle im Rahmen des Krisis-Seminars am 21. September 2018

Teil 1: Die liberale Demokratie: Selbstverwaltung der Warenbesitzer

Teil 2: Die Epoche der liberalen Demokratie und ihre Krise

Teil 3: Demokratische Regression und die Hilflosigkeit des Liberalismus

Gesellschaftliche Emanzipation in Zeiten der Krise

http://www.krisis.org/2015/gesellschaftliche-emanzipation-in-zeiten-der-krise/
Thesen zur Tagung: Was ist links heute? (a)
von Norbert Trenkle (Gruppe Krisis)

1. Als vor gut 25 Jahren der sogenannte Realsozialismus zusammenbrach, war die liberal-demokratische Öffentlichkeit davon überzeugt, das „westliche System“ von Marktwirtschaft und Demokratie sei historisch als Sieger aus dem „Wettstreit der Systeme“ hervorgegangen. Der berühmte Satz von Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ machte allenthalben die Runde, und die traditionelle Linke verlor den Boden unter den Füßen. Nur wenige kritische Stimmen stellten sich dieser euphorischen Stimmung entgegen. Der Westen – so ein Bonmot – habe nicht gesiegt, sondern sei nur übrig geblieben. Nicht allgemeiner Wohlstand werde nun ausbrechen, sondern der entfesselte Kapitalismus könne nun, ohne ein gegnerisches System, seine zerstörerische Gewalt umso ungehemmter entfalten. Aus wertkritischer Perspektive, wie sie im Umfeld der Zeitschrift Krisis entwickelt worden war, stellte sich die Sache noch einmal anders dar. Mit dem Staatsozialismus, so unsere Analyse, ging keinesfalls ein alternatives gesellschaftliches System zu Ende; vielmehr handelte es sich um ein Regime nachholender kapitalistischer Modernisierung unter staatlich-autoritären Vorzeichen, das an seine historischen Grenzen stieß, weil es seiner Struktur zu starr und unbeweglich war, um auf den Zug der dritten industriellen Revolution aufspringen zu können, die neue Produktivitätsstandards durchgesetzt hatte. Den Zusammenbruch dieses Regimes interpretierten wir insoweit aber auch zugleich als den Auftakt für eine fundamentale Krise der gesamten kapitalistischen Produktionsweise, die letztlich an der von ihr selbst entfesselten Hyperproduktivität ersticken musste (vgl. Stahlmann 1990; Kurz 1991). Diese Krisendiagnose wurde vielfach infrage gestellt; und eine Zeitlang konnte es so scheinen, als sei sie von der realgesellschaftlichen Entwicklung grandios widerlegt worden. Doch nun, mit einer zeitlichen Verzögerung von einem Vierteljahrhundert, gerät das kapitalistische Weltsystem mit furchterregender Geschwindigkeit aus allen Fugen. Um die Ursachen und den Charakter dieser entfesselten Dynamik zu verstehen, müssen wir zunächst einen Blick zurück auf die Verlaufsform der letzten zweieinhalb Jahrzehnte werfen.

2. Schon bald nach dem historischen Einschnitt von 1989 erhielt der euphorische Optimismus seine ersten Dämpfer. Der Einmarsch Saddam Husseins in Kuwait stellte die geopolitische Architektur im Nahen und Mittleren Osten infrage und warf die Frage nach einer „Neuen Weltordnung“ nach dem Ende der Blockkonfrontation auf; die anschließende Intervention des Westens unter Führung des USA bewirkte nur eine sehr prekäre und vorübergehende Stabilisierung. Weiterlesen Gesellschaftliche Emanzipation in Zeiten der Krise

Die große Entwertung. Norbert Trenkle über die fundamentalen Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise


http://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta151018.php?xtmc=trenkle&xtcr=1

Weiterführende Informationen zur Sendung

Die große Entwertung.
Über die fundamentalen Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise

Norbert Trenkle
Sendezeit: So. 18.10.2015, 7.30h

mp4-Videodownload

Zum Vortrag

Auch sieben Jahre nach dem Ausbruch der großen Wirtschafts- und Finanzkrise herrscht über deren Ursachen immer noch Unklarheit. Während zumeist die übertriebene Aufblähung von Kredit und Spekulation dafür verantwortlich gemacht wird, besteht die Politik der Krisenbekämpfung im Kern genau darin, durch eine gigantische Geldzufuhr die Finanzmärkte in noch größerem Ausmaß aufzupumpen. Dieses widersprüchliche Vorgehen entspringt einem Pragmatismus, der durchaus funktional ist. Denn die jahrzehntelange Aufblähung des Finanzüberbaus ist , so Norbert Trenkle, nicht die Ursache der wirtschaftlichen Verwerfungen, sondern stellt einen Mechanismus zur Aufschiebung einer viel grundlegenderen Strukturkrise da, die ihnen Ausgangspunkt bereits in den 1970er Jahren hat. Die Akkumulation von Kapital beruht seitdem auf einem Vorgriff auf zukünftigen Wert. Doch dieser Vorgriff auf die Zukunft stößt zunehmend an seine Grenzen. Der nächste Kriseneinbruch zeichnet sich daher bereits am Horizont ab.

Zur Person

Norbert Trenkle, geboren 1959, aufgewachsen in Südamerika, studierte Wirtschaftswissenschaften in Göttingen und widmete sich schon während seines Studiums der Kritik dieser Fachdisziplin. Seit 1988 lebt er in Nürnberg und ist Redakteur und Mitherausgeber der gesellschaftskritischen Theorie-Zeitschrift Krisis Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft, die sich der Neuformulierung von Kapitalismuskritik jenseits des traditionellen Marxismus verschrieben hat. In dieser Funktion hat er zahlreiche theoretische und journalistische Artikel veröffentlicht sowie einige Bücher herausgegeben. Außerdem ist er bundesweit und international als Referent tätig. Sein Geld verdient er hauptsächlich mit der Arbeit in einem migrantischen Ausbildungsverein in Nürnberg.

Was ist der Wert? Was soll die Krise?

http://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise/

Überarbeitung eines Referates, gehalten am 24. Juni 1998 an der Universität Wien
francais: Qu’est-ce que la valeur, qu’en est-il de la crise?
spanisch: ¿Qué es el valor? ¿Qué significa la crisis?
Norbert Trenkle
Der Bogen, den ich schlagen möchte, ist sehr weit gespannt. Er führt von der allergrundsätzlichsten Ebene der Werttheorie oder vielmehr der Wertkritik – also von der Ebene der Grundkategorien der warenproduzierenden Gesellschaft: Arbeit, Wert, Ware, Geld – zur Ebene, auf der diese Grundkategorien als verdinglichte und fetischistische, als scheinbar „natürliche“ Tatsachen und „Sachzwänge“ erscheinen. Auf dieser Ebene – der Ebene von Preis, Profit, Lohn, Zirkulation etc. – treten zugleich die inneren Widersprüche der modernen Warengesellschaft offen zutage; dort erweist sich ihre letztliche historische Unhaltbarkeit: und zwar in Gestalt der Krise. Es ist klar, dass ich hier in der gebotenen Kürze nicht mehr als eine Skizze davon liefern kann, hoffe aber, dass es mir gelingt die wesentlichen Zusammenhänge einsichtig zu machen.
Um einen Ausgangspunkt zu gewinnen, möchte ich mit einer Kategorie beginnen, die gemeinhin als völlig selbstverständliche Bedingung menschlicher Existenz hingenommen wird: der „Arbeit“. Diese Kategorie bleibt auch im Marxschen Kapital weitgehend unproblematisiert und wird dort als anthropologisches Merkmal eingeführt, das für jede Gesellschaft überall und immer gilt. „Als Bildnerin von Gebrauchswerten“, schreibt Marx, „als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln“ (MEW 23, 57).
Ganz so unproblematisch, wie es in diesem Zitat erscheint, ist die Kategorie „Arbeit“ für Marx freilich nicht. An anderen Stellen, insbesondere in den sogenannten Frühschriften, schlägt er da weitaus kritischere Töne an. In einem erst in den 1970er Jahren veröffentlichten Manuskript zur Kritik am deutschen Nationalökonomen Friedrich List spricht er sogar ausdrücklich von der Aufhebung der Arbeit als Voraussetzung von Emanzipation. Er schreibt dort: „Die ‚Arbeit‘ ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der ‚Arbeit‘ gefasst wird …“ (Marx 1972, S. 436). Auch im Kapital selbst finden sich Passagen, die noch an diese frühe Einsicht erinnern. Doch geht es mir hier nicht darum, die Ambivalenzen im Marxschen Denken in bezug auf die „Arbeit“ nachzuzeichnen (vgl. dazu etwa Kurz 1995), sondern ich möchte direkt zu der Frage kommen, was es mit dieser Kategorie auf sich hat. Ist die „Arbeit“ tatsächlich eine anthropologische Konstante? Können wir sie als solche zum unproblematischen Ausgangspunkt einer Analyse der Warengesellschaft machen? Meine Antwort ist ein eindeutiges Nein.
Marx unterscheidet zwischen abstrakter und konkreter Arbeit und nennt dies den spezifischen Doppelcharakter der Arbeit in der warenproduzierenden Gesellschaft. Damit legt er nahe (und spricht es auch explizit aus), dass erst auf der Ebene dieser Verdoppelung oder Aufspaltung ein Abstraktionsprozess stattfindet. Abstrakt ist die abstrakte Arbeit, insofern sie von den konkreten stofflichen Eigenschaften und Besonderheiten der jeweils spezifischen Tätigkeiten: etwa Schneiderarbeit, Tischlerarbeit oder Metzgerarbeit, absieht und sie auf ein gemeinsames Drittes reduziert. Marx übersieht hier aber (und der Marxismus hat ohnehin kein Problembewusstsein auf dieser Ebene entwickelt), dass bereits die Arbeit als solche eine Abstraktion ist. Und zwar nicht einfach eine Denkabstraktion, wie Baum, Tier oder Pflanze, sondern eine historisch durchgesetzte, gesellschaftsmächtige Realabstraktion, die die Menschen unter ihre Gewalt zwingt. Weiterlesen Was ist der Wert? Was soll die Krise?

Die große Entwertung. Über die fundamentalen Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise

http://www.tele-akademie.de/begleit/ta151018.htm
Weiterführende Informationen zur Sendung
Norbert Trenkle

Sendezeit: So. 18.10.2015, 7.30h
Zum Vortrag
Auch sieben Jahre nach dem Ausbruch der großen Wirtschafts- und Finanzkrise herrscht über deren Ursachen immer noch Unklarheit. Während zumeist die übertriebene Aufblähung von Kredit und Spekulation dafür verantwortlich gemacht wird, besteht die Politik der Krisenbekämpfung im Kern genau darin, durch eine gigantische Geldzufuhr die Finanzmärkte in noch größerem Ausmaß aufzupumpen. Dieses widersprüchliche Vorgehen entspringt einem Pragmatismus, der durchaus funktional ist. Denn die jahrzehntelange Aufblähung des Finanzüberbaus ist , so Norbert Trenkle, nicht die Ursache der wirtschaftlichen Verwerfungen, sondern stellt einen Mechanismus zur Aufschiebung einer viel grundlegenderen Strukturkrise da, die ihnen Ausgangspunkt bereits in den 1970er Jahren hat. Die Akkumulation von Kapital beruht seitdem auf einem Vorgriff auf zukünftigen Wert. Doch dieser Vorgriff auf die Zukunft stößt zunehmend an seine Grenzen. Der nächste Kriseneinbruch zeichnet sich daher bereits am Horizont ab.
Zur Person
Norbert Trenkle, geboren 1959, aufgewachsen in Südamerika, studierte Wirtschaftswissenschaften in Göttingen und widmete sich schon während seines Studiums der Kritik dieser Fachdisziplin. Seit 1988 lebt er in Nürnberg und ist Redakteur und Mitherausgeber der gesellschaftskritischen Theorie-Zeitschrift Krisis Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft, die sich der Neuformulierung von Kapitalismuskritik jenseits des traditionellen Marxismus verschrieben hat. In dieser Funktion hat er zahlreiche theoretische und journalistische Artikel veröffentlicht sowie einige Bücher herausgegeben. Außerdem ist er bundesweit und international als Referent tätig. Sein Geld verdient er hauptsächlich mit der Arbeit in einem migrantischen Ausbildungsverein in Nürnberg.

Ausgewählte Veröffentlichungen

Gottverdammt modern. Warum der Islamismus nicht aus der Religion erklärt werden kann, Nürnberg 2015, http://www.krisis.org/2015/gottverdammt-modern

Mülldeponie des Kapitals. Die Grenzen des finanzkapitalistischen Krisenaufschubs und der Irrwitz der „Sparpolitik“ (zusammen mit Ernst Lohoff), in Jungle World, 23/2012, http://jungle-world.com/artikel/2012/23/45618.html

Die große Entwertung. Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind (zus. mit Ernst Lohoff), Münster 2012

Aufstieg und Fall des Arbeitsmanns. Zur Kritik der modernen Männlichkeit, In: Andreas Exner u.a.(Hrsg.): Grundeinkommen. Soziale Sicherheit ohne Arbeit, Wien 2007, http://www.krisis.org/2008/aufstieg-und-fall-des-arbeitsmanns

Kulturkampf der Aufklärung.Wie die „westlichen Werte“ zu einer aggressiven Stammesreligion mutieren, in: Krisis 32, Münster 2008, http://www.krisis.org/2008/kulturkampf-der-aufklaerung

Die metaphysischen Mucken des Klassenkampfs. Über die stummen Voraussetzungen eines merkwürdigen Retro-Diskurses, in: Krisis 29, Münster 2005, http://www.krisis.org/2005/die-metaphysischen-mucken-des-klassenkampfs

Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs (Hrsg. zusammen Ernst Lohoff, Karl-Heinz Lewed und Maria Wölflingseder), Münster 2004, http://www.krisis.org/navi/dead-men-working

Gebrochene Negativität. Anmerkungen zu Adornos und Horkheimers Aufklärungskritik, in: Krisis 25, Bad Honnef 2002, http://www.krisis.org/2002/gebrochene-negativitaet

Manifest gegen die Arbeit, Gruppe Krisis (zus. mit Ernst Lohoff und Robert Kurz), Erlangen 1999, http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit

Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit (Hrsg. zus. mit Ernst Lohoff und Robert Kurz), Hamburg 1999, http://www.krisis.org/1999/feierabend-elf-attacken-gegen-die-arbeit

Was ist der Wert? Was soll die Krise?, in: Streifzüge 4/1998, Wien, http://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise

Fast alle weiteren Texte unter: http://www.krisis.org/navi/norbert-trenkle