Israel nach Lieberman-Rücktritt

Gastkommentar

Am 12. November im israelischen Verteidigungsministerium in Tel Aviv: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (Mitte r.), Verteidigungsminister Avigdor Lieberman (Mitte l.) und Generalstabschef Gadi Eizenkot (2. v. r.). Zwei Tage später trat Lieberman zurück

Foto: Amos Ben Gershom/GPO/dpa

Prof. Moshe Zuckermann ist Soziologe und Historiker. Er lebt in Tel Aviv. Aktuelle Buchveröffentlichung: Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit. Westend-Verlag, Frankfurt am Main 2018

Avigdor Liebermans Rücktritt als Verteidigungsminister Israels entspringt klarem politischen Kalkül. Ob es Neuwahlen zu Beginn des kommenden Jahres geben wird, ist noch nicht ausgemacht; dies hängt davon ab, ob sie im machtpolitischen Interesse Benjamin Netanjahus liegen werden. Vor wenigen Wochen sah es noch ganz danach aus, im Moment ist es wieder ungewiss. Sollte es aber Neuwahlen geben, stünde Lieberman im Hinblick darauf, was sich in den letzten Tagen im militärischen Konflikt mit der Hamas im Gazastreifen zugetragen hat, schlecht da. Denn während Netanjahu sich eher moderat gerierte, was das Ausmaß des Einsatzes des israelischen Militärs bei der neuerlichen Gewalteskalation anbelangt, war Lieberman der Meinung, man müsse viel härter vorgehen, als von Netanjahu zugelassen. Netanjahu konnte sich bei seinem relativ gemäßigten Kurs Weiterlesen Israel nach Lieberman-Rücktritt

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Die Crux mit dem abstrakten Juden

Moshe Zuckermann über Israel, falsch verstandene Solidarität und ein Problem der Deutschen

Foto: imago/UID

Herr Zuckermann, haben Sie Ihre neue Streitschrift explizit aus Ingrimm verfasst, weil auch Sie als israelischer Staatsbürger mit jüdischen Wurzeln zuweilen als »Antisemit« beschimpft werden?

Natürlich ist mein neues Buch auch erfahrungsgesättigt, biografisch unterfüttert. Aber mich interessiert das Phänomen der Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs generell. Wenn man als Israeli auf die Knechtung der Palästinenser hinweist, gilt man als Israelhasser oder selbsthassender Jude.

Moshe Zuckermann

imago/imagebroker

Moshe Zuckermann, Jg. 1949, ist Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. In diesem Herbst brachte der Kritiker der israelischen Politik und Gesellschaft eine neue Streitschrift auf den Buchmarkt, die sich speziell an deutsche Leser wendet: »Der allgegenwärtige Antisemit oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit« (Westend, 256 S., br., 20 €). Mit dem marxistischen Wissenschaftler sprach in Berlin Karlen Vesper.

Foto: imago/imagebroker

Sie sind in Tel Aviv geboren, mit ihren Eltern 1960 in die Bundesrepublik übergesiedelt und mit 21 Jahren nach Israel zurückgekehrt. Was bewog Sie zu diesem Schritt?

Ich war damals noch Zionist. Meine Eltern sind als Holocaustüberlebende 1948 nach Palästina eingewandert. Mein Vater stammte aus Lodz, meine Mutter aus einem Dorf nahe Lublin. Beide haben 90 Prozent ihrer Familie verloren. Die Kibbuzim waren aber letztlich für mich keine Option, denn ich bin Marxist. Für mich ist der Sozialismus nicht in kleinen Oasen zu verwirklichen. Die Kibbuzim waren natürlich eine wichtige Etappe Weiterlesen Die Crux mit dem abstrakten Juden

Berliner Buchpremiere »Der allgegenwärtige Antisemit« mit Moshe Zuckermann

https://youtu.be/_sYpl3G5t3Y

Der allgegenwärtige Antisemit

https://www.westendverlag.de/buch/der-allgegenwaertige-antisemit/

oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit

oder die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit

Ein Ungeist geht um in Deutschland – in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus werden wahllos und ungebrochen Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Nicht-Juden des Antisemitismus bezichtigt. Die Debattenkultur in Deutschland ist vergiftet und die Realität völlig aus dem Blickfeld des Diskurses geraten. Deutsche solidarisieren sich mit einem Israel, das seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet, und wer das kritisiert, wird schnell zum Antisemiten. Moshe Zuckermann nimmt in seinem Buch den aktuellen Diskurs schonungslos in den Blick und spricht sich für eine ehrliche Auseinandersetzung mit der deutsch-israelischen Geschichte aus.

Jetzt auf DVD: »Losgelöst von allen Wurzeln …« − der Film

Melodie und Rythmus
http://www.melodieundrhythmus.com/aktuelles/losgeloest-film/

Eine Wanderung zwischen den jüdischen Welten

Begleitet von ihrem langjährigen Freund, dem Schauspieler Rolf Becker, sprachen Esther Bejarano, Sängerin und ehemaliges Mitglied des Mädchenorchesters von Auschwitz, und Moshe Zuckermann, Historiker und Kunsttheoretiker aus Tel Aviv, auf zwei von der Kulturzeitschrift Melodie & Rhythmus (M&R) initiierten Veranstaltungen in Berlin und Hamburg über ihre jüdischen Erfahrungen mit der untergegangenen Welt der Diaspora, ihr Leben im Täterland und im modernen zionistischen Staat. M&R und die Tageszeitung junge Welt präsentieren eine Filmdokumentation mit ausgewählten Szenen.
Die Premiere des rund zweistündigen Films wird am Donnerstag, den 2. Februar, 19 Uhr,

mit Rolf Becker in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6, Berlin, stattfinden. Der Eintritt ist frei.
Nähere Informationen und Kontakt: http://www.melodieundrhythmus.com/mr-1-2017/losgeloest/
Die DVD erhalten Sie im M&R-Onlineshop für 9,90 Euro pro DVD, zzgl Versandkosten von 3,90 Euro.