AirBnB lässt die Mieten steigen

»Ich habe versucht, die Anbieterstruktur bei AirBnB zu verstehen. Teilen die Leute nur nebenher freie Zimmer? Das trifft auf einen gewissen Anteil zu. Aber den Daten zufolge werden überraschend viele Unterkünfte angeboten, bei denen die Sharing-Absicht infrage gestellt werden kann«, sagt Felix Mindl.

In seinem Anfang des Monats erschienen Aufsatz »Home-sharing, ein Geschäftsmodell mit lokalen Nebenwirkungen«, nennt der Wirtschaftswissenschaftler auf Basis der auf der Internetseite insideairbnb.com zur Verfügung gestellten Daten sehr aufschlussreiche Zahlen. Demnach wurde in seinem Untersuchungszeitraum in der ersten Jahreshälfte 2015 etwas mehr als die Hälfte der Zimmer oder Wohnungen länger als 90 Tage vermietet. »Es ist nur schwer vorstellbar, sein privates Zuhause im Rahmen einer nichtgewerblichen Nebentätigkeit für mehr als 90 Tage im Jahr zu vermieten«, schreibt Mindl. In jenem Zeitraum waren auch 72 Prozent der fast 7000 angebotenen Unterkünfte komplette Wohnungen. Für ihn ist klar, dass es sich in dieser Form nicht um das Teilen von Wohnraum handelt und durch AirBnB mit großer Wahrscheinlichkeit Wohnungen vom normalen Mietmarkt genommen werden.

Mindl hat noch klarere Belege dafür, dass die Zweckentfremdung von Wohnraum als Ferienunterkünfte ein Geschäftsmodell geworden ist. Über 200 der von ihm als professionell eingestuften Vermieter boten zwei Wohnungen an, weitere 66 sogar drei. Und 75 Gastgeber hatten vier oder mehr Wohnungen im Angebot – zusammengezählt 522 Stück. Es lohnt sich, an Touristen zu vermieten. Der durchschnittliche Jahresumsatz für eine ganze bei AirBnB angebotene Wohnung liegt bei fast 17 000 Euro – Das ist mehr als das doppelte der durchschnittlichen Langzeit-Jahresmiete. Im Einzelfall kann das noch sehr viel einträglicher sein. In einem Prozess, den eine Italienerin gegen das Berliner Bezirksamt Pankow führte, kam heraus, dass sie durch die Vermietung als Ferienwohnung nach Abzug der Kosten einen Reingewinn von 26 700 Euro in einem Jahr erzielt hatte. Eine Weile wurde es ausländischen Immobilienanlegern von entsprechenden Agenturen regelrecht schmackhaft gemacht, die Kreditraten für die teuren Eigentumswohnungen über die Vermietung an Touristen abzustottern. Ganze Häuser gehören so italienischen oder israelischen Kleinanlegern.

»Als Wirtschaftswissenschaftler finde ich den Grundgedanken der Sharing-Ökonomie, Effizienzgewinne zu ermöglichen, interessant. Das macht für mich Sinn«, so Mindl. Doch bei seiner Untersuchung wurde klar, dass die zahlreichen Kritiker von AirBnB recht haben und das Modell tatsächlich dem Markt Wohnraum entzieht.

Die automatisiert vom Projekt insideairbnb.com gesammelten über 22 500 derzeit bei AirBnB gelisteten Angebote von AirBnB in Berlin. Rot: ganze Wohnungen, Grün: Einzelzimmer, Blau: Einzelbetten.

Die automatisiert vom Projekt insideairbnb.com gesammelten über 22 500 derzeit bei AirBnB gelisteten Angebote von AirBnB in Berlin. Rot: ganze Wohnungen, Grün: Einzelzimmer, Blau: Einzelbetten.

Foto: Screenshot: insideairbnb.com

»Um die These zu überprüfen, ob AirBnB spürbar den Wohnraum verknappt, habe ich Weiterlesen AirBnB lässt die Mieten steigen

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Die rot-rot-grüne Koalition hat sich auf Eckpunkte für ein neues Gesetz des Landes geeinigt, mit dem die Höhe der Mieten in Berlin reguliert wird.

Mietenstopp und Mietendeckel kommen

FAQ

https://www.linksfraktion.berlin/themen/th/mieten-und-wohnen/mietendeckel/

Was ist der Stand der Dinge? 

Die rot-rot-grüne Koalition hat sich auf Eckpunkte für ein neues Gesetz des Landes geeinigt, mit dem die Höhe der Mieten in Berlin reguliert wird. Der Senat hat die Eckpunkte in seiner Sitzung am 18. Juni 2019 beschlossen. 

Wie geht es nun weiter? 

Die beschlossenen Eckpunkte werden nun von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen zu einem Gesetzentwurf ausgearbeitet. Dabei müssen noch viele Details geklärt werden. Der Gesetzentwurf wird dann ebenfalls vom Senat beschlossen und schließlich ins Abgeordnetenhaus eingebracht. Das Gesetz soll noch Ende dieses Jahres beschlossen werden und im Januar 2020 in Kraft treten. Die Regelungen sollen rückwirkend mit dem Beschluss der Eckpunkte im Senat gelten.

Was ist geplant? 

Eigentümer auf Kriegspfad

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In Hamburg forderten Protestierende am 2. Mai 2019 vor dem Rathaus einen Mietendeckel

Angesichts des von der »rot-rot-grünen« Koalition in Berlin angestrebten »Mietendeckels« drohen Eigentümer nach Medienberichten, die Wohnkosten früher als bisher geplant zu erhöhen.

Nach einem Bericht des Tagesspiegels vom Sonntag haben Hausverwalter im Gespräch mit der Zeitung angekündigt, noch vor dem 18. Juni Mieterhöhungsankündigungen zu versenden. Am 18. Juni will der Senat die Eckpunkte des geplanten Gesetzes zum Einfrieren der Mieten beschließen. In Kraft treten soll es erst im kommenden Jahr, jedoch geht auch der Chef des Berliner Mietervereins, Reiner Wild, davon aus, dass die Verordnung »rückwirkend zum Datum des Senatsbeschlusses gelten wird«. Allenfalls bis zum 18. Juni hätten die Vermieter demnach noch Zeit für Mieterhöhungen. Spätere Erhöhungen wären ungültig. Weil erst vor wenigen Wochen der neue Mietspiegel mit abermals gestiegenen ortsüblichen Vergleichsmieten veröffentlicht wurde, sei ohnehin wieder Spielraum für Erhöhungen.

jW-Shop Broschüre 17. Juni 1953

Treffen dürften die Mieterhöhungen vor allem Mieter eher günstiger Wohnungen von privaten Eigentümern, die nicht wie bei der Deutschen Wohnen bereits bis an die Grenzen des Zulässigen belastet werden. So drängt laut Tagesspiegel zum Beispiel der mittelständisch geprägte Verband »Haus und Grund« seine Mitglieder, Mieterhöhungen zu verschicken.

Derweil klagen bundesweit rund 96 Prozent der mittelständischen Betriebe laut einer Umfrage über Probleme, Mitarbeiter zu finden, weil für diese zuwenig bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung stehe. Der Immobilienboom und steigende Mieten verschärften die Personalknappheit zusätzlich, berichtete die Welt am Sonntag unter Berufung auf die noch unveröffentlichte, im Auftrag der genossenschaftlichen Banken erstellte Untersuchung »Mittelstand im Mittelpunkt«. Beinahe jedes vierte befragte Unternehmen klage darüber, dass Wohnungsmangel und hohe Mieten die Anwerbung von Fachkräften erschwerten. Auch Ökonomen beobachteten, dass die gestiegenen Mieten Arbeitnehmer weniger mobil machen. Wer auf der neuen Stelle zehn Prozent mehr verdienen könne, am neuen Arbeitsort aber 50 Prozent mehr Miete zahlen müsse – für den lohne sich der Jobwechsel kaum noch. Für die Studie hatten Ökonomen des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) eine Umfrage der DZ-Bank unter 1.500 mittelständischen Unternehmen ausgewertet. (jW)

Es braucht eine neue Bodenreformdebatte

Die Diskussion um bezahlbare Mieten ist in aller Munde. Allerdings wird kaum darüber gesprochen, wie bedeutsam die Bodenfrage für bezahlbares Wohnen und die Bekämpfung der Wohnungsnot ist. Während die Bundesregierung dieses wichtige Thema weiterhin verschläft und hinter verschlossenen Türen eine Regierungskommission produktive Beiträge vermissen lässt, hat DIE LINKE. im Bundestag mit ihrer Alternativen Bodenkonferenz „Wem gehört die Stadt?“ gezeigt, wie es anders geht.

Zu Beginn der Konferenz präsentierte Caren Lay (MdB), stellvertretende Vorsitzende und mietenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Bundestag ihr „Thesenpapier für eine soziale Bodenpolitik“. Darin zeigte sie zahlreiche Stellschrauben für eine zeitgemäße und nachhaltige Bodenpolitik auf. Im Kern müsse es darum gehen, den Anteil öffentlichen Eigentums an Grund und Boden zu halten und massiv auszubauen. Als Zielmarke wurde 30% öffentliches Eigentum formuliert. Dies sei ein zentraler Baustein, um die Mietenfrage zu lösen. Lay plädierte zudem für die Einführung einer Bodenpreisbremse sowie steuerrechtliche Maßnahmen, um Spekulation mit Boden einzudämmen. 

Im Anschluss machte Franz-Georg Rips, Präsident des Deutschen Mieterbunds in einem Grußwort deutlich, wie wichtig es ist, der Finanzialisierung des Wohnungsmarkts entgegenzuwirken: „Wohnen gehört in öffentliche Hand und nicht dahin, wo Geld verdient wird“. Als Mitglied der Baulandkommission stellte er der Regierung ein überaus schlechtes Zeugnis aus. Der Eröffnungsvortrag von Dr. Andrej Holm (Stadtsoziologe, HU Berlin) griff die Argumente auf und betonte, wie wichtig ein Bruch mit der Marktlogik, insbesondere im Bereich der Bodenpolitik sei. Er verwies auf gelungene Beispiele aus Wien, wie beispielsweise Widmungspreise, um Spekulationen einzuschränken und soziale Bodenpolitik zu ermöglichen. Weiterhin forderte er eine gesellschaftspolitische Debatte rund um das Thema Boden. Frauke Burgdorff (Ausschuss Bodenpolitik der Deutschen Akademie für Städtebau) zeigte in ihrem Vortrag noch einmal die ökonomischen Implikationen der Preisentwicklung der letzten Jahre auf. Wenn die Bodenpreise stärker steigen als die Baupreise, dann müsse der Hebel für bezahlbares Wohnen beim Boden angesetzt werden, so ihr Fazit. Zu großen Teilen bestätigt wurde sie in ihrer Analyse von Prof. Dr. Arno Bunzel, stellvertretender Institutsleiter am Deutschen Institut für Urbanistik. Zum Abschluss der ersten Diskussionsrunde bezeichnete er den Koalitionsvertrag als einen bodenpolitischen Offenbarungseid. Er verdeutlichte, dass die vorherrschenden politischen Instrumente nicht ausreichend sind, um den Anstieg der Bodenpreise zu stoppen und bekräftige die Forderung von Caren Lay nach einer Bodenpreisbremse. 

In der von Pascal Meiser (MdB) moderierten zweiten Diskussionsrunde wurden Weiterlesen Es braucht eine neue Bodenreformdebatte

Das Kapital wohnt nicht

von Peter Samol

Dieser Text erschien ursprünglich in der Jungle World vom 02.05.2019.


In Großstädten des europäischen Auslands sind schier unbezahlbare Mieten nichts Neues. In London, Paris, Barcelona und vielen anderen Metropolen ist Wohnraum für Normalverdiener schon seit langem äußerst knapp. Insofern ließe sich von den Mietsteigerungen in deutschen Städten auch zynisch von einer Aufholjagd sprechen.

Begünstigt wird die derzeitige Entwicklung der Wohnkosten in deutschen Städten durch Fehler der Vergangenheit. Um die Jahrtausendwende gab es eine Privatisierungswelle, in deren Verlauf viele Gemeinden ihre Finanzen durch den Verkauf des kommunalen Weiterlesen Das Kapital wohnt nicht

Von der Angst zu versagen


sieben tage, sieben nächte
 

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Von der Angst zu versagen 

Deutschland, so wird lobend hervorgehoben, sei eine »Leistungsgesellschaft«. Auf das Individuum bezogen bedeutet das, dass jedes Mitglied dieser Gesellschaft konfrontiert ist mit Leistungsansprüchen, die von außen an es gestellt werden. Werden diese äußeren Ansprüche vom Individuum erfolgreich zu den eigenen gemacht, sind Versagensängste die unausweichliche Folge. »Die Angst zu versagen, einer Anforderung nicht zu genügen, erlebt jeder in seinem Leben«, erklärt das Internetportal http://www.angst-verstehen.de. 

Aber nicht nur Menschen versagen. Für liberale Ökonomen ist die aktuelle Wohnungskrise ein klassischer Fall von »Marktversagen«. Laut ihrer Theorie bezeichnet Marktversagen die Situation, wenn der Markt nicht dazu führt, dass hochwertige Qualität zum günstigsten Preis (effizient) angeboten wird. Der Markt für Immobilien versagt derzeit also letztlich, weil die steigende Nachfrage nach Wohnraum nicht zu einem steigenden Angebot mit der Folge sinkender oder weniger schnell steigender Preise führt. Der Marktmechanismus »funktioniert nicht«, heißt es dieser Tage. 

Das ist natürlich albern. Es ist ja gerade der »Marktmechanismus«, der den Eigentümern von Wohnraum ermöglicht, die Wohnungs-Nachfrager mit dem knappen Angebot zu erpressen. Das ist Marktlogik. Was hier »versagt«, ist also nicht der Marktmechanismus, sondern die Ökonomen bei der Erklärung der Realität. Sie unterstellen dem Markt eine Aufgabe – bezahlbaren hochwertigen Wohnraum schaffen –, an der er scheitern soll. Doch scheitern kann man nur an Aufgaben, die einem gestellt sind. Und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, gehört beim Markt nun mal nicht dazu. Er ist bloß der Ort, an dem sich Nachfrage und Angebot treffen und einen Machtkampf ausfechten. »Es gibt kein Marktversagen«, sagte mal der Ökonom Hajo Riese, »der Markt macht halt, was er macht.«

Die Wohnungskrise blamiert lediglich das Ideal des Marktes, das seine Fans mit sich herumtragen. Und mit der Rede vom »Marktversagen« versuchen sie, dieses Ideal gegen die Realität zu behaupten. Das geht auch noch auf anderem Wege: indem man dem Staat die Schuld am Marktergebnis gibt. Wie zum Beispiel die FDP: Statt Immobilien zu enteignen, müsse die Politik »andere Rahmenbedingungen« fürs Bauen schaffen. Doch »in Berlin und anderen Metropolen versagt dabei die Politik«. 

Auch auf diese Weise lässt sich der Markt in Schutz nehmen: Man macht den Staat für die Wohnungskrise verantwortlich, weil sie den Markt nicht gehindert hat, die Preise nach oben zu treiben. Eine schöne Kausalität, nach der allerdings auch die Polizei schuld trägt am Verbrechen, das sie nicht verhindert hat. 

Auch für die Fans des Marktes gilt eben die alte Weisheit: Parteilichkeit geht nicht ohne Abstriche bei der Logik. Stephan Kaufmann

Bundesausgabe vom Sa, 13.04.2019 – Seite 2

(nd E-Paper – 13.04.2019)

Hier finden Sie den vollständigen Artikel: http://epaper.neues-deutschland.de/eweb/nd/2019/04/13/a/2/1418165/

»Verwertungsdynamik kennt keine Grenzen«

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Symbol des Widerstands: Mieter in der Berliner Karl-Marx-Allee protestieren gegen den Verkauf von rund 800 Eigentumswohnungen an den Konzern »Deutsche Wohnen«

Trinken Sie gerne Freibier, Herr Holm?

Ab und zu trinke ich Bier, es muss aber kein Freibier sein. Mit Sicherheit stimmt beim Biertrinken, was auch fürs Wohnen gilt: Man sollte sich weigern, völlig überhöhte Preise zu bezahlen.

Maren Kern, Chefin des »Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen«, strengte diesen Vergleich jüngst mit Blick auf das Volksbegehren »Deutsche Wohnen und Co enteignen« an: »Bei Freibier sind auch alle dafür. Aber einer muss das Freibier immer bezahlen.« Was fällt Ihnen dazu ein?

Für mich klingt das nach hilfloser Polemik, zumal es ja nicht um Freibier, sondern die Übernahme der Brauerei geht. Aber das Stammtischniveau dieses Vergleichs passt ins Bild: In den Reaktionen aus der Immobilienwirtschaft auf die Enteignungsforderung werden bisher relativ wenige Sachargumente angeführt. Statt dessen gibt es diskreditierende historische Vergleiche, nach dem Motto: »Da kommt die DDR 2.0«. Die Immobilienwirtschaft scheint das Aufbegehren der Mieterinnen und Mieter über Jahre ignoriert zu haben und wirkt jetzt angesichts der Radikalität der Forderungen nicht gut vorbereitet.

Sie beschäftigen sich seit den 1990er Jahren wissenschaftlich mit Stadtpolitik. Konnte man die aktuellen Zuspitzungen damals absehen?

Sowohl die wissenschaftliche Begleitung als auch die politische Mobilisierung orientieren sich ja immer an den aktuellen Konfliktlagen. Es ist nicht so, als hätte es etwa in den 2000er Jahren keine wohnungspolitischen Auseinandersetzungen in Berlin Weiterlesen »Verwertungsdynamik kennt keine Grenzen«