Das Kapital wohnt nicht

von Peter Samol

Dieser Text erschien ursprünglich in der Jungle World vom 02.05.2019.


In Großstädten des europäischen Auslands sind schier unbezahlbare Mieten nichts Neues. In London, Paris, Barcelona und vielen anderen Metropolen ist Wohnraum für Normalverdiener schon seit langem äußerst knapp. Insofern ließe sich von den Mietsteigerungen in deutschen Städten auch zynisch von einer Aufholjagd sprechen.

Begünstigt wird die derzeitige Entwicklung der Wohnkosten in deutschen Städten durch Fehler der Vergangenheit. Um die Jahrtausendwende gab es eine Privatisierungswelle, in deren Verlauf viele Gemeinden ihre Finanzen durch den Verkauf des kommunalen Weiterlesen Das Kapital wohnt nicht

Werbeanzeigen

Von der Angst zu versagen


sieben tage, sieben nächte
 

Unsere Angebote finden Sie auf: https://www.neues-deutschland.de/abo/ 
Weitere Beiträge des nd finden Sie auf:
 https://www.neues-deutschland.de

Von der Angst zu versagen 

Deutschland, so wird lobend hervorgehoben, sei eine »Leistungsgesellschaft«. Auf das Individuum bezogen bedeutet das, dass jedes Mitglied dieser Gesellschaft konfrontiert ist mit Leistungsansprüchen, die von außen an es gestellt werden. Werden diese äußeren Ansprüche vom Individuum erfolgreich zu den eigenen gemacht, sind Versagensängste die unausweichliche Folge. »Die Angst zu versagen, einer Anforderung nicht zu genügen, erlebt jeder in seinem Leben«, erklärt das Internetportal http://www.angst-verstehen.de. 

Aber nicht nur Menschen versagen. Für liberale Ökonomen ist die aktuelle Wohnungskrise ein klassischer Fall von »Marktversagen«. Laut ihrer Theorie bezeichnet Marktversagen die Situation, wenn der Markt nicht dazu führt, dass hochwertige Qualität zum günstigsten Preis (effizient) angeboten wird. Der Markt für Immobilien versagt derzeit also letztlich, weil die steigende Nachfrage nach Wohnraum nicht zu einem steigenden Angebot mit der Folge sinkender oder weniger schnell steigender Preise führt. Der Marktmechanismus »funktioniert nicht«, heißt es dieser Tage. 

Das ist natürlich albern. Es ist ja gerade der »Marktmechanismus«, der den Eigentümern von Wohnraum ermöglicht, die Wohnungs-Nachfrager mit dem knappen Angebot zu erpressen. Das ist Marktlogik. Was hier »versagt«, ist also nicht der Marktmechanismus, sondern die Ökonomen bei der Erklärung der Realität. Sie unterstellen dem Markt eine Aufgabe – bezahlbaren hochwertigen Wohnraum schaffen –, an der er scheitern soll. Doch scheitern kann man nur an Aufgaben, die einem gestellt sind. Und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, gehört beim Markt nun mal nicht dazu. Er ist bloß der Ort, an dem sich Nachfrage und Angebot treffen und einen Machtkampf ausfechten. »Es gibt kein Marktversagen«, sagte mal der Ökonom Hajo Riese, »der Markt macht halt, was er macht.«

Die Wohnungskrise blamiert lediglich das Ideal des Marktes, das seine Fans mit sich herumtragen. Und mit der Rede vom »Marktversagen« versuchen sie, dieses Ideal gegen die Realität zu behaupten. Das geht auch noch auf anderem Wege: indem man dem Staat die Schuld am Marktergebnis gibt. Wie zum Beispiel die FDP: Statt Immobilien zu enteignen, müsse die Politik »andere Rahmenbedingungen« fürs Bauen schaffen. Doch »in Berlin und anderen Metropolen versagt dabei die Politik«. 

Auch auf diese Weise lässt sich der Markt in Schutz nehmen: Man macht den Staat für die Wohnungskrise verantwortlich, weil sie den Markt nicht gehindert hat, die Preise nach oben zu treiben. Eine schöne Kausalität, nach der allerdings auch die Polizei schuld trägt am Verbrechen, das sie nicht verhindert hat. 

Auch für die Fans des Marktes gilt eben die alte Weisheit: Parteilichkeit geht nicht ohne Abstriche bei der Logik. Stephan Kaufmann

Bundesausgabe vom Sa, 13.04.2019 – Seite 2

(nd E-Paper – 13.04.2019)

Hier finden Sie den vollständigen Artikel: http://epaper.neues-deutschland.de/eweb/nd/2019/04/13/a/2/1418165/

»Verwertungsdynamik kennt keine Grenzen«

B S 01.jpg

Symbol des Widerstands: Mieter in der Berliner Karl-Marx-Allee protestieren gegen den Verkauf von rund 800 Eigentumswohnungen an den Konzern »Deutsche Wohnen«

Trinken Sie gerne Freibier, Herr Holm?

Ab und zu trinke ich Bier, es muss aber kein Freibier sein. Mit Sicherheit stimmt beim Biertrinken, was auch fürs Wohnen gilt: Man sollte sich weigern, völlig überhöhte Preise zu bezahlen.

Maren Kern, Chefin des »Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen«, strengte diesen Vergleich jüngst mit Blick auf das Volksbegehren »Deutsche Wohnen und Co enteignen« an: »Bei Freibier sind auch alle dafür. Aber einer muss das Freibier immer bezahlen.« Was fällt Ihnen dazu ein?

Für mich klingt das nach hilfloser Polemik, zumal es ja nicht um Freibier, sondern die Übernahme der Brauerei geht. Aber das Stammtischniveau dieses Vergleichs passt ins Bild: In den Reaktionen aus der Immobilienwirtschaft auf die Enteignungsforderung werden bisher relativ wenige Sachargumente angeführt. Statt dessen gibt es diskreditierende historische Vergleiche, nach dem Motto: »Da kommt die DDR 2.0«. Die Immobilienwirtschaft scheint das Aufbegehren der Mieterinnen und Mieter über Jahre ignoriert zu haben und wirkt jetzt angesichts der Radikalität der Forderungen nicht gut vorbereitet.

Sie beschäftigen sich seit den 1990er Jahren wissenschaftlich mit Stadtpolitik. Konnte man die aktuellen Zuspitzungen damals absehen?

Sowohl die wissenschaftliche Begleitung als auch die politische Mobilisierung orientieren sich ja immer an den aktuellen Konfliktlagen. Es ist nicht so, als hätte es etwa in den 2000er Jahren keine wohnungspolitischen Auseinandersetzungen in Berlin Weiterlesen »Verwertungsdynamik kennt keine Grenzen«

Miete und Rendite

http://www.jungewelt.de/m/2016/03-23/012.php
Bauboom in der deutschen Hauptstadt. Die Bewohner zahlen die Zec…

Bauboom in der deutschen Hauptstadt. Die Bewohner zahlen die Zechen
Daniel Naupold/dpa
Was in den letzten 25 Jahren an Wohn- und Geschäftshäusern in Berlin errichtet wurde, ist uniform, gesichtslos, langweilig. Phantasielose Kästen, die nur zwei Kriterien zu erfüllen haben: billig im Bau, profitabel bei der Vermarktung. Das führt zwangsläufig zur Normierung.
Das Verhältnis von Architektur und Städtebau war und ist unter allen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht spannungsfrei. Trotz aller augenfälliger Bedeutung handelt es sich nur um einen Nebenkriegsschauplatz. Das eigentliche Schlachtfeld findet auf privatem Baugrund und Boden statt. Jedes Stück Land auf dieser Erde, käuflich erworben und im Grundbuch verewigt, ist in der Regel Spekulationsobjekt. Erst recht, wenn darauf Häuser errichtet werden. Der Eigentümer und Bauherr ist naturgemäß immer auch Spekulant: Er baut für den Profit und nicht für die Bewohner. Selbst wenn es nur ein Einfamilienhaus ist. Warum sonst beklagen Weiterlesen Miete und Rendite