Sich niemals dumm machen lassen

Der politische Kampf wird nicht an der Ladentheke gewonnen: Wolfgang Fritz Haug wird 85 Jahre alt. Ein aktueller Blick auf seinen Bestseller »Kritik der Warenästhetik«.

Erniedrigtes Konsumobjekt: der Ladenhüter

Photocase/giftgruen

Der Todfeind des Kapitalismus ist der Ladenhüter. Wolfgang Fritz Haugs These, 1971 in seiner »Kritik der Warenästhetik« formuliert, ist noch immer so simpel wie radikal, so einleuchtend wie weitreichend: Einmal produziert, muss eine Ware ihren Weg über die Ladentheke finden. Waren werden im Kapitalismus wegen ihres Tauschwerts produziert, einzig der zu erwartende Profit rechtfertigt ihr Dasein. Der Motor kapitalistischer Reproduktion ist die Mehrwertproduktion, nur das beständige Mehr hält die Maschinerie in Gang.

Wolfgang Fritz Haug

Wolfgang Fritz Haug wurde am 23. März 1936 in Esslingen geboren. Nach seinem Studium war er von 1979 bis 2001 Professor für Philosophie an der Freien Universität in Berlin.

Von 1996 bis 2001 war er Gründungsvorsitzender des Berliner Instituts für kritische Theorie (InkriT), er gründete zudem 1959 den Argument-Verlag und die Zeitschrift »Das Argument«. Zu seinen bekanntesten Werken zählen »Kritik der Warenästhetik« und »Faschismus und Ideologie«. Er gibt außerdem bis heute das »Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus« heraus.

War für Karl Marx noch der Gebrauchswert das Komplement zum Tauschwert, entwickelt Haug seinen Begriff vom »Gebrauchswertversprechen«. Im Zuge des BRD-»Wirtschaftswunders« der 50er und 60er Jahre füllten sich die Wohnungen in Westdeutschland mit Kühlschränken, Fernsehgeräten und Waschmaschinen. Es trat, anders formuliert, eine gewisse Wohlstandssättigung der Konsument*innenschaft ein, während die strukturelle Gier nach Mehrwert im Hintergrund weiterwirkte, nach Akkumulation lechzte.

Neue Bedürfnisse mussten also geweckt werden, jenseits des zum bloßen Überleben Notwendigen, womit Beautyprodukte auch den vormals stolz nach Schweiß müffelnden Herren schmackhaft gemacht wurden und das Waschpulver vom den Zweck erfüllenden Mittel zum Markenartikel avancierte. Administriert wurden diese Bedürfnisse einer nunmehr kaufkräftigen Konsument*innenschaft durch eine umfassende Ästhetisierung der Warenwelt, das Versprechen eines Gebrauchswerts: »Der Schein wird für den Verkaufsakt so wichtig – und faktisch wichtiger – als Sein.« Damit Weiterlesen Sich niemals dumm machen lassen