Martin Sonneborn: „Das ist nicht Rassismus, das ist Schuhcreme“

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Berliner Zeitung

BerlinWir treffen Martin Sonneborn, den Ex-Chefredakteur des Satiremagazins Titanic und Mitbegründer der Partei „Die Partei“, am Stuttgarter Platz in Charlottenburg. Sonneborn sitzt seit 2014 im EU-Parlament als Fraktionsloser, vergangenes Jahr ist ihm der Wiedereinzug geglückt. Der Parlamentarier ist gut gelaunt, aber verkatert. Immer wieder sprechen ihn Leute an und wollen wissen, wer er ist.

Berliner Zeitung: Lieber Herr Sonneborn, Harald Schmidt hat einmal gesagt, dass er heute seine Sendung nicht mehr machen könnte, weil seine Witze zu viele Menschen beleidigen würden.

Martin Sonneborn: Er dürfte jedenfalls nicht nur Polenwitze machen, sondern müsste auch Bulgaren und Rumänen beleidigen, um im Netz nicht einseitig als Polenhasser angefeindet zu werden. Smiley. Aber ja, er würde viele Shitstorms produzieren. Das ist eine bedenkliche Entwicklung, die Satire und Gesellschaft derzeit nehmen. Zu meiner Zeit galt bei Titanic: „Klares Ja zum Nein!“ Wir waren einfach gegen alles. Heute beobachte ich besorgt, dass es darum geht, Anliegen zu unterstützen, Minderheiten zu schützen. Das ist aber nicht die Aufgabe von Satire. Wenn man politisch korrekt arbeiten muss, schadet das der Kunst.

Was waren denn so Ihre schlimmsten Überschreitungen, die heute No-Gos wären?

Wir hatten anlässlich von Bundespräsidentenwahlen oft aggressive Titel, etwa einen strahlenden Roberto Blanco mit der Titelzeile: „Warum nicht mal ein N****?“ Als Hildegard Hamm-Brücher antrat, haben wir „Zwei gute Gründe für Hamm-Brücher“ geliefert und auf dem Cover weibliche Brüste abgebildet. Das würde man heute nicht mehr machen können. Aber wir mussten das nicht erklären damals. Es war Kunst. Es war gesellschaftskritisch. Es war Satire. Damit war es auch geschützt.

Erleben Sie viele Shitstorms?

Ich gehe relativ unbeschadet durch die Zeit. Aber auch bei mir melden sich unbedarfte 17-Jährige, die sich über alte Aktionen beschweren. Vor zehn Jahren hatten wir ein Wahlplakat. Ich hatte mich schwarz angemalt und plakatiert: „Ick bin ein Obama!“ Das war kurz nach Obamas Besuch und der hysterischen Verehrung, die die Berliner diesem – zumindest nicht unproblematischen – Politiker entgegengebracht haben. Ich wollte das persiflieren. Ein US-Journalist hat mich danach nachts angerufen und gefragt, ob das nicht rassistisch sei. Ich sagte: „Das ist kein Rassismus, das ist Schuhcreme.“ Blackfacing als Phänomen war damals niemandem von uns bekannt. Auch wenn ich das heute nicht wiederholen würde, finde ich die Aktion immer noch in Ordnung. Ich bin kein Rassist. Ganz im Gegenteil. Wir kämpfen seit Jahren für humanistische Ideale und gegen Rechtsradikale. Manchmal sogar erfolgreich. Nach unseren Aktionen sind schon DVU-Landtagsabgeordnete und FDP-Kreisvorsitzende zurückgetreten. Wenn dann empörte Jungmänner, -frauen und -diverse kommen, ein schwarzes Gesicht sehen und im Netz „Rassist“ schreien, würde ich ihnen am liebsten einen Link zu unseren „heute-show“-Filmen schicken. Aber ich diskutiere da nicht. Aus Gründen.

Martin Sonneborn 2014 im EU-Parlament.Foto: European Union 2014 – EP/Thierry Roge

Können Sie denn nachvollziehen, dass man Blackfacing in einem anderen Kontext als rassistisch empfindet?

Selbstverständlich. Aber ich war nie auf Konsens aus. Titanic ist ein Minderheitenprogramm. Es gibt vielleicht eine Million Leute in Deutschland, die diesen Humor verstehen. Insofern bin ich Widerspruch gewohnt. Ich kann mir auch vorstellen, wie schwer es Schwarze in Deutschland haben. Rassismus existiert – und muss bekämpft werden. Satire aber ist eine Kunstform, unsere Notwehr gegen den zunehmend irrer werdenden Kapitalismus. Wenn man jeder möglichen Kritik Rechnung trägt, dann dürfte man frei nach Robert Gernhardt nur noch Witze machen über Wüsten und unentdeckte Planeten. In jedem anderen Fall könnte man Betroffene kränken. Heute verteidigen die Menschen auf Facebook ihre Partikularinteressen. Leider übersehen sie, dass das die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft nicht löst, sondern vergrößert.

Ich habe einen polnischen Hintergrund.

Das tut mir leid.

Harald Schmidts Polenwitze waren seinerzeit schon in der Kritik. Er musste zum polnischen Botschafter gehen und sich erklären. Ich wurde damals gefragt, ob ich Polenwitze okay finde. Da sagte ich: „Ja, aber nur, wenn sie gelungen sind.“ Kann man sich darauf einigen?

Ein guter Standpunkt. Früher waren Satiriker immer auf der Suche nach Tabuthemen. Heute ist das anders. Im Netz gelte ich einigen als Antisemit, Antichrist, Rassist – mit misogynen Zügen. Neuerdings auch als Ableist, weil ich kritisiere, dass Schäuble im Fall Griechenlands mit einer fast autistischen Beharrlichkeit auf der wirtschaftlichen Filetierung Griechenlands bestanden habe. Es kamen schnell Vorwürfe, dass ich Autismus als abwertenden Begriff benutze. Dabei hatte ich autistische – also konzentrierte, beharrliche – Wiederholung ganz wertfrei gemeint.

Waren die Menschen früher gelassener?

Na ja, es gab früher auch schon Shitstorms. Analoge halt. Aber dieses bewusste Missverstehen, um beliebige Inhalte zu skandalisieren und sich selbst auf der vermeintlich richtigen Seite moralisch positionieren zu können, die Intention einer Aktion gar nicht mehr zu hinterfragen, sondern stumpf auf Attribute zu reagieren, das ist neu. Die Qualität der Beleidigungen ist es nicht. Seitdem die Bild-Zeitung nach der sogenannten WM-Bestechung vor Jahren mal mein Gesicht auf dem Titel hatte und ihre Leser aufrief, mich anzurufen und mir die Meinung zu geigen, kenne ich alle gängigen Äußerungen von Wutbürgern: „Im Rechtsstaat gehören Leute wie Sie ins KZ!“

Kennen Sie eigentlich Jan Böhmermann?

Ja, ich schätze seine Arbeit. Ich habe ihm mal ein Zeugnis ausgestellt. Für ZDFneo. Ich habe schriftlich bestätigt, dass er ein sehr guter Satiriker ist. Und bei der Erdogan-Sache habe ich ihm Asyl angeboten. Weiterlesen Martin Sonneborn: „Das ist nicht Rassismus, das ist Schuhcreme“

“Ich empfinde alles, was andere Parteien machen, als unfassbar langweilig”

Nico Semsrott ist zweiter Spitzenkandidat der Satirepartei Die PARTEI. Mit ze.tt hat er über langweilige Kommunikation anderer Parteien, enttäuschte SPD-Wähler*innen und den Körpergeruch von Rechtsextremen gesprochen.

Nico Semsrott ist nach Martin Sonneborn Spitzenkandidat der Satirepartei Die PARTEI. Foto: Andreas Hopfgarten

Die Satirepartei Die PARTEI ist im Wahlkampfmodus. Erst kürzlich lief im ZDF der Wahlwerbespot, den sie der zivilen Seenotrettungorganisation Sea-Watch überlassen haben, und der dazu aufruft, das Sterben im Mittelmeer zu beenden. Den Wahlwerbespot, der eigentlich keiner ist, haben auf Youtube fast 300.000 Menschen gesehen. Zum Vergleich: Der Europawahlwerbespot der SPD hat nur knapp über 50.000 Views.

Martin Sonneborn sitzt seit 2014 für die PARTEI im Europaparlament. Er kandidiert auch bei der diesjährigen Europawahl am 26. Mai. Und dieses Jahr hofft nicht nur er auf den Wiedereinzug – Die PARTEI möchte einen zweiten Kandidaten ins Parlament hieven: den 33-jährigen Nico Semsrott. Wir haben mit ihm gesprochen.

ze.tt: Wie konnte es passieren, dass ausgerechnet die PARTEI den ernsthaftesten Wahlwerbespot aller Parteien gezeigt hat? Weiterlesen “Ich empfinde alles, was andere Parteien machen, als unfassbar langweilig”