Die Wut der Wartenden

Das Aufatmen nach dem Machtwechsel in den Vereinigten Staaten von Amerika ist dieser Tage fast weltweit spürbar. Das Ergebnis aber war denkbar knapp: Über 70 Millionen Stimmen entfielen auf Donald Trump. Nur mit Mühe konnte der Herausforderer Joe Biden die einstigen demokratischen Hochburgen Wisconsin, Michigan und Pennsylvania zurückgewinnen. Die »blaue Wand«, welche die liberale Ostküste der USA traditionell vom konservativen »Bible Belt« trennt, steht erst einmal wieder.

Doch muss das nicht so bleiben. Denn ein problematischer Trend im Wahlverhalten, der sich schon länger abzeichnet, konnte auch bei der Abwahl Trumps nur im Ansatz gestoppt werden. Zwar legen Nachwahlumfragen nahe, dass geringer Verdienende mit Jahreseinkommen von weniger als 50 000 Dollar – wie auch die mittlere Schicht zwischen 50 000 und 100 000 Dollar – klar die Demokraten bevorzugt haben, nämlich zu 57 beziehungsweise 56 Prozent. Trump hingegen obsiegte mit 54 Prozent bei Einkommen über 100 000 Dollar. Dennoch ist auffallend, dass der Anteil der Trump-Stimmen unter den geringer Verdienenden mit rund 41 Prozent dem von 2016 entspricht. So bestätigt auch die jüngste Wahl in den USA, was sich schon beim Brexit-Referendum und im Erfolg von Parteien wie dem Rassemblement National in Frankreich und auch der deutschen AfD zeigte: Lohnabhängige vor allem aus industriellen Krisenregionen stimmen erheblich häufiger für rechte Parteien als zu früheren Zeiten.

Thomas Gerstenkamp

ist Journalist und promovierter Politikwissenschaftler. Er veröffentlichte verschiedene Titel zum Thema, unter anderem 2007 »Die Krise der Kerle – Männlicher Lebensstil und der Wandel der Arbeitsgesellschaft (Lit Verlag, 184 S., brosch., 17,90 €) und 2010 »Geschlechterkampf von rechts: wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren« (Friedrich-Ebert-Stiftung, online frei verfügbar).

Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Jena, fragt in seinem gerade erschienenen Buch »In der Warteschlange« nach den Ursachen dieses Phänomens. Der Band, der neben neuen Texten auch bereits veröffentlichte Beiträge aus Fachzeitschriften in leicht überarbeiteter Form enthält, präsentiert Befunde der empirischen Forschung aus vier Jahrzehnten. Der Wissenschaftler, der sich bereits am Rande seiner Dissertation mit dem Thema beschäftigt hat, möchte mit dieser Zusammenstellung eine »rechte Tiefengeschichte« erzählen, »die sich im Zeitverlauf radikalisiert«.

In der – neu geschriebenen – Einleitung berichtet Dörre von irritierenden Erfahrungen, die er Ende der 1980er Jahre bei Lehrgängen im Bildungszentrum der IG Metall in Sprockhövel bei Bochum machte. Engagierte gewerkschaftliche Jugendvertreter, die sich tagsüber an der Politischen Ökonomie von Karl Marx abgearbeitet hatten, gaben beim abendlichen Bier offen zu, die damals in der alten Bundesrepublik aufkommende Partei »Die Republikaner« zu wählen, die man in gewisser Weise als Vorläuferin der AfD bezeichnen kann: »Gerechtigkeitsvorstellungen adressierten sie vornehmlich an einen nationalen Wohlfahrtsstaat, der diese Ansprüche jedoch immer weniger gewährleisten konnte.«

Erstarrte Weltbilder

Als Hintergrund dessen diagnostiziert Dörre eine »Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter, als die Arbeiterschaft noch respektiert wurde und die ihr Angehörigen noch Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Aufstieg hatten«. Von dieser Beobachtung ausgehend zieht er eine lange Entwicklungslinie hin zum inzwischen auch parlamentarisch etablierten Rechtspopulismus. Diese Linie reicht vom Frust der Ostdeutschen in der Nachwendezeit über die wachsende Globalisierung und Prekarisierung von Arbeit in den Nullerjahren bis zu den sozialen Folgen der Finanzkrise und den Ressentiments gegen Geflüchtete nach 2015.

Den Begriff der »Tiefengeschichte« hat Dörre dabei von Arlie Russell Hochschild übernommen. Die kalifornische Soziologin veröffentlichte noch vor Trumps Wahlsieg im Jahr 2016 die Ergebnisse intensiver Feldforschungen in Louisiana, einer Hochburg der rechten Tea-Party-Bewegung. Ihre Studie »Fremd in ihrem Land – Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten« wurde erst verspätet ins Deutsche übersetzt. Eindrucksvoll berichtet sie vom widersprüchlichen Denken Weiterlesen Die Wut der Wartenden

Newton und Mendelejew irrten, Marx nicht?

von Ulrich Busch

Der Unterschied zwischen Mainstream und Non-Mainstream, zwischen den Economics, wie sie sich üblicherweise in den Lehrbüchern und Medien finden, und Auffassungen, die davon abweichen, ist wohl in keiner Disziplin größer als in der Ökonomie. Umso mehr ist es anzuerkennen, wenn Ökonomen immer wieder versuchen, mit ihren alternativen Theorien und Überzeugungen gegen die etablierte Lehre anzukämpfen und vor deren Übermacht nicht zu kapitulieren.

Trotz aller Würdigung, die Karl Marx 2017 und 2018 offiziell zuteil geworden ist, gehören die Marxsche ökonomische Theorie und der gesamte Marxismus zum Non-Mainstream. Das heißt, sie finden in Lehrbüchern, sofern überhaupt, nur eine marginale Erwähnung und ihre Erklärungsansätze spielen in der aktuellen wissenschaftlichen Debatte so gut wie keine Rolle. Die schon 1867 von Marx beklagte „Verschwörung des Schweigens“ hat seitdem weiter zugenommen. Ausgenommen hiervon ist lediglich der „linke“ antikapitalistische Diskurs, worin Altmarxisten, junge Suchende und „bunte Linke“ über sozialökonomische Alternativen zum gegenwärtigen Kapitalismus debattieren. Die hier diskutierten Auffassungen haben aber oftmals mit der originären Theorie von Karl Marx nur noch wenig zu tun. Sie speisen sich zunehmend aus anderen, auch aus nichtwissenschaftlichen Quellen, was nicht zuletzt ihre Vulgarisierung zur Folge hat. Dem arbeiten die Autoren vorliegenden Buches, die Wirtschaftswissenschaftler Klaus Müller und Stephan Krüger, kräftig entgegen, indem sie versuchen, „dem Marxschen Original gerecht zu werden, modische Umdeutungen Weiterlesen Newton und Mendelejew irrten, Marx nicht?

Elon Musk entdeckt „Das Kapital“

Beobachter der amerikanischen Politik sind vielleicht überrascht, dass Elon Musk, der siebtreichste Mensch der Welt, aufmerksam den Marxismus studiert. Wenn er neben der Leitung seiner Unternehmen Tesla, SpaceX und noch weiteren die Zeit findet, befasst er sich offenbar eingehend mit dem berühmten dreibändigen Werk von Marx, Das Kapital.

In einem Tweet von letzter Woche zog Musk das Fazit seines Studiums. „Das Kapital in Kurzform“, schrieb er, laufe darauf hinaus: „Gib es mir umsonst“.

Elon Musks Tweet: „Das Kapital in einer Nussschale – Gib es mir umsonst“

Fürwahr eine großartige Einsicht! Musk will damit vermutlich sagen, dass Sozialisten alles umsonst haben wollen, tatsächlich spricht er aber eine wichtige Wahrheit aus: Die kapitalistische Klasse eignet sich den Mehrwert „umsonst“ an. Die Quelle der Profite, die sie akkumuliert, ist „unbezahlte Arbeit“. Das bedeutet, dass der Wert, den die Arbeiter produzieren, ihren Lohn übersteigt.

Wie sieht das im Einzelnen aus?

Das Kapital analysiert die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus‘, des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, das heute die gesamte Welt beherrscht. An den Anfang seiner Untersuchung stellt Marx die grundlegende Einheit dieses Wirtschaftssystems – die Ware.

Die Gesellschaft verfügt über einen Bestand an lebendiger Arbeitskraft, das heißt, sie besitzt die Fähigkeit, alles zu produzieren, was das Leben erfordert, von Nahrungsmitteln und Wohnraum bis zu Transport- und Kommunikationstechnologie. Als Folge der Arbeitsteilung zwischen den Produzenten nehmen die Produkte dieser Arbeit die Form von Waren an. Autos und Smartphones, Nahrungsmittel und Häuser, alles wird von verschiedenen Individuen und Industrien produziert und auf dem Markt gekauft und verkauft.

Die komplexe Funktionsweise des modernen Kapitalismus basiert auf einem einzigen Gesetz, das Marx als erster im Einzelnen untersucht hat: dem Wertgesetz. Es besagt, dass der Wert einer Ware durch die Menge an Arbeitszeit bestimmt wird, die zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendig ist. Der Wert eines Automobils von Tesla etwa ist größer als der Wert von einem Liter Milch, weil in die Produktion des Autos mehr menschliche Arbeit eingeht als in die Produktion von einem Liter Milch. Auf dem Markt werden Waren gegen andere Waren desselben Werts ausgetauscht (bzw., mit dem Aufkommen von Geld, derselben Geldmenge).

Wenn aber Waren auf der Grundlage der Arbeit, die zu ihrer Produktion notwendig ist, ausgetauscht werden, woher kommt dann die Ungleichheit? Weshalb kommt ein enormer finanzieller Reichtum nur einer dünnen Gesellschaftsschicht zugute, während diejenigen, die die Arbeit tatsächlich leisten, nämlich die Arbeiterklasse, immer mehr verarmt?

Elon Musks Nettovermögen beträgt 70 Milliarden US-Dollar. Das ist mehr als das Zweimillionenfache des mittleren jährlichen Einkommens in den Vereinigten Staaten (31.000 Dollar). Bedeutet das etwa, dass Musk mit seinen 49 Jahren so viel gearbeitet hat wie 2 Millionen Menschen in einem ganzen Jahr? Selbst wenn wir annehmen würden, dass Musk besonders fleißig ist, geht die Rechnung nicht auf.

Tesla-Chef Elon Musk (AP Photo/Jae C. Hong)

Die Quelle der Ungleichheit, erklärte Marx, liegt im besonderen Charakter einer bestimmten Ware, die auf dem Markt gekauft und verkauft wird: der Ware Arbeitskraft. Umgangssprachlich verkauft der Arbeiter seine Arbeit an den Kapitalisten. Das stimmt aber so nicht. Was der Arbeiter dem Kapitalisten verkauft, ist nicht seine Arbeit, sondern die Ware Arbeitskraft, die Fähigkeit zu arbeiten, die in die Produktion und den Wert aller anderen Waren eingeht.

Der Besitzer der Produktionsmittel (z. B. Musks Tesla-Fabrik in Vermont, Kalifornien) kauft die Arbeitskraft der Arbeiter. Das bedeutet, er kauft die Arbeitskraft dieser Arbeiter zu einem bestimmten Lohn bzw. Gehalt.

Wie der Wert jeder anderen Ware bestimmt sich auch der Wert dieser besonderen Ware, der Arbeitskraft, durch das Quantum an Arbeit, das zu ihrer Herstellung notwendig ist, und das die Menge an Gütern hervorbringt, die für das Überleben und die Reproduktion der Arbeiter erforderlich ist. Je weniger es braucht, um sein Überleben und die Reproduktion der nächsten Generation von Lohnarbeitern zu sichern, desto ärmer ist der Arbeiter, und desto billiger ist seine Arbeitskraft.

Hat der Kapitalist einmal diese Ware, die Arbeitskraft, gekauft, hat er das Recht, darüber zu verfügen. Das tut er, indem er dem Arbeiter Arbeit zuweist. Aber, und darauf kommt es an, die Menge an Arbeit, die der Arbeiter leistet – am Fließband, im Geschäft, in der Landwirtschaft – übersteigt den Wert seiner eigenen Arbeitskraft (der sich in seinem Lohn niederschlägt). Anders gesagt: ein Arbeiter erarbeitet mehr, als der Wert der zu seinem Lebensunterhalt benötigten Güter beträgt.

Es gibt einen Überschuss bzw. Mehrwert, die Differenz zwischen dem Wert, den der Arbeiter schafft, und dem, was zu seinem Lebensunterhalt notwendig ist. Je stärker die Ausbeutung (je mehr der Kapitalist aus dem Arbeiter herauspressen kann) und je geringer die Kosten der Arbeitskraft (je weniger er dem Arbeiter bezahlt), desto größer ist der erzielte Mehrwert.

Das Produkt seiner Arbeit gehört nicht dem Arbeiter, sondern dem Kapitalisten. Wenn dieser die Waren auf dem Markt verkauft, realisiert er den Mehrwert, der erzielt wurde, in der Form von Profit.

Auf diese Weise zieht die kapitalistische Klasse als Ganze massenhaften Mehrwert aus der Arbeiterklasse als Ganzer. Dieser Mehrwert wird dann unter den verschiedenen Teilen der kapitalistischen Klasse im Kampf auf dem Markt aufgeteilt, mittels des Preismechanismus, des Wettbewerbs, durch Manipulation, Handelsbeschränkungen, etc. Marx analysiert diese komplexen Sachverhalte in Das Kapital. Was im Kampf auf dem Markt aufgeteilt wird, ist aber durch die Verausgabung der Arbeitskraft der Arbeiterklasse bereits erzeugt worden.

Es läuft darauf hinaus, dass der Profit und der Reichtum des Kapitalisten nicht das Ergebnis seiner eigenen Arbeit ist, sondern der Arbeit anderer, der Arbeiter. „Den Mehrwert“, erklärt Marx in seinem vorhergehenden Werk, Lohn, Preis und Profit, „oder den Teil des Gesamtwerts der Ware, worin die Mehrarbeit oder unbezahlte Arbeitdes Arbeiters vergegenständlicht ist, nenne ich Profit.

Oder, extrem vereinfacht à la Musk: „Gib es mir umsonst.“

Auf eine Sache muss man aber näher eingehen, um die gegenwärtige Situation zu verstehen. Es geht um die Art und Weise, wie die herrschende Klasse ihre Kontrolle über den Staatsapparat nutzt, vor allen Dingen während der letzten vier Jahrzehnte, um enorme Geldmittel direkt auf die Finanzmärkte, d. h. auf die Bankkonten der Superreichen zu lenken.

Als Antwort auf die Coronavirus-Pandemie hat die amerikanische herrschende Klasse durch die Notenbank der USA Billionen von Dollar an die Wall Street umgeleitet, und damit die Aktienwerte auf ungeahnte Höhen getrieben.

Diese massive Rettungsaktion für Unternehmen und Banken – eine andere Version von Musks „Gib es mir umsonst“ – wurde Ende März von beiden Parteien durch die beinahe einstimmige Verabschiedung des CARES Act durchgeführt. Musks Reichtum rührt selbst zu einem großen Teil aus solchen Finanzoperationen. Als Ergebnis der anschwellenden Aktienkurse inmitten steigender Sterbezahlen und sozialen Elends hat Musk sein Nettovermögen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres verdreifacht.

Dem Anschein nach musste die Notenbank einfach nur das nötige Geld drucken; doch alle Geschenke an die Reichen müssen durch die Ausbeutung der Arbeiter, die alle Werte schaffen, bezahlt werden.

Das steht hinter dem Drängen der herrschenden Klasse nach einer Rückkehr an die Arbeit, obwohl die Pandemie völlig außer Kontrolle geraten ist. Musk selbst forderte am Entschiedensten, alle Beschränkungen für die Ausbreitung der Pandemie aufzuheben und den Bundeszuschuss für Arbeitslose nicht zu verlängern. Arbeiter müssen zurück an die Arbeit gezwungen werden, um Mehrwert und Profit zu produzieren.

Gegen Ende des ersten Kapitels von Das Kapital resümiert Marx glänzend die Dynamik der kapitalistischen Entwicklung und ihre revolutionären Konsequenzen. Seine Worte gewinnen in der heutigen Situation große Bedeutung:

Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.

Manche argumentieren vielleicht, dass Musk in seinem Tweet über Das Kapital nicht die Absicht hatte, den Prozess der kapitalistischen Ausbeutung der Arbeiterklasse zusammenzufassen. Vielleicht meinte er die Arbeiter und wollte sagen, sie wollen alles umsonst, wenn sie gegen ihre Ausbeutung protestieren?

Diese Lesart ließe Musk wie einen Ignoranten und Aufschneider aussehen, wenn nicht wie einen Rassisten. Wenn Arbeiter seinen Tweet aber so verstehen, werden sie antworten, dass sie eine Gesellschaft aufbauen wollen, in der der Produktionsprozess demokratisch kontrolliert wird und die Produkte menschlicher Arbeit auf der Basis von Gleichheit und des menschlichen Bedarfs verteilt werden, statt einige Wenige massiv zu bereichern. Sie werden sagen: Die Expropriateure müssen enteignet werden, und mit Musk könnten wir anfangen.

Zweierlei Kapitalismen

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picture alliance/CPA Media

Litten unter einem noch höheren Ausbeutungsgrad als das weiße Industrieproletariat: Sklaven auf einem Baumwollfeld im südlichen Bundesstaat Georgia, USA (um 1860)

»Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie.«

(Karl Marx, 1847)

Das Bild und die Videosequenz eines öffentlich vollzogenen Lynchmords gingen im Mai dieses Jahres um die Welt. George Floyd wurde in aller Öffentlichkeit, in Anwesenheit weiterer Polizisten, langsam zu Tode gefoltert. Sichtbar wurde zum wiederholten Mal die Bedenkenlosigkeit, mit der Schwarze auch wegen kleinster Delikte nackter Gewaltanwendung ausgesetzt sind. Dabei ging fast immer eine wesentliche Dimension verloren, nämlich der Ort, an dem der Mord stattfand: vor einem typischen Drugstore, wie es Hunderttausende in den USA gibt, im Süden der Stadt, und zwar gerade an der Grenze eines Häuserblocks, der seit Jahrzehnten dem offiziell seit 1968 verbotenen sogenannten Redlining unterliegt, das heißt jener Aufteilung des Stadtgebiets in vier Zonen, die dafür gesorgt hat, dass Schwarze in fast allen größeren US-amerikanischen Städten segregiert sind.

Lange Tradition der Segregation

Redlining steht für die unterste Kategorie, wenn es um die Vergabe von Hypotheken geht. Während die Einstufung als grüne, blaue oder weiße Zone günstige Hypotheken bedeutet und damit als direkte Unterstützung, ja als »affirmative Action« (die gezielte Gewährung gesellschaftlicher Vorteile für bestimmte soziale Gruppen; jW) für weiße Hausbesitzer gelten kann, signalisiert die Farbe Rot eine Gefahrenzone. Das Gebiet gilt als »hazardous«, als gefährlich, da sich dort in der Mehrzahl »Coloured People« sowie »Poor Jews« ansiedeln, die in einem Kreislauf systematischer Unterfinanzierung gefangen sind. Für Schulen oder Parks gibt es kein Geld, nur für eine Polizei, die die Weißen in ihren Bezirken schützt und die Schwarzen in ihren Ghettos in Schach hält.

George Floyd starb am Rand einer solchen »roten« Zone; die vorwiegend weiße Polizeigruppe wusste natürlich, in welchem Bezirk sie patrouillierte. Spontane Protestaktionen hatte es auch bei ähnlichen Vorfällen gegeben, doch dieses Mal gewannen sie an Fahrt: Die bereits seit 2014 bestehende »Black Lives Matter«-Bewegung organisierte ähnliche Proteste gegen Polizeigewalt in fast allen größeren US-amerikanischen Städten. Die Bewegung griff auch Weiterlesen Zweierlei Kapitalismen

„Erde“ – Natur, „Arbeiter“ – Mensch – Das Blättchen

Die Menschen finden sich in ein verhaßtes
Müssen, weit leichter als in eine schwere Wahl.
Friedrich Schiller, nach Volker Braun

„Adam Smith und andere Denker der so genannten Klassischen Nationalökonomie entdeckten die Existenz des Marktes und der Marktwirtschaft als natürliche Ordnung“, ist im Umfeld des „Ludwig von Mises Institute“ zu lesen. Schon der Nachfolger dieser Denker, Karl Marx, wusste, dass „die kapitalistische Produktion … nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses (entwickelt), indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ Das war scharfsinnig beobachtet. Man muss die Aussage allerdings als Tendenz, nicht als „Gesetz“ lesen. Denn der Kapitalismus ist ein lernfähiges System, das bisher jede Schwächung in Innovation verwandeln konnte. Ob weiterhin?
Was den „Arbeiter“ angeht, so ist – in Industriestaaten – dessen Ruin dank der politisch organisierten Arbeiterbewegung einigermaßen gestoppt, ja ins Gegenteil verkehrt: Institutionen wie Gewerkschaften, Sozialversicherungen, Tarifverträge, Mitbestimmung und eine staatliche Gesetzgebung führten zu steigender Lebenserwartung und höherem Lebensstandard der Menschen; der Anstieg der Massenkaufkraft Weiterlesen „Erde“ – Natur, „Arbeiter“ – Mensch – Das Blättchen

Du lebloses, verdammtes Automat!

Du lebloses, verdammtes Automat!

Foto: Alexander Koerner/Getty Images

Voll süß aber

Fünf Milliarden Menschen benutzen Smartphones. Durch Suchanfragen, das Verschicken von Fotos und Nachrichten und Online-Käufe generieren sie damit einen nicht enden wollenden Strom an Daten. Für Timo Daum sind diese das „Gold des digitalen Kapitalismus“. Der studierte Physiker Daum erhielt 2018 für Das Kapital sind wir den Preis „Das politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dort legte er eine wunderbare Einführung in den digitalen Kapitalismus vor und scheute nicht, aktuelle Diskussionen um Digitalisierung klug mit marxistischer Terminologie zu verbinden.

Daran schließt er nun in seinem aktuellen Buch Die Künstliche Intelligenz des Kapitals an. Hier stellt er die Frage, was mit all den Daten, die wir tagtäglich produzieren, so passiert und wie sie ver- und ausgewertet werden. Ein entscheidender Aspekt hierfür ist Künstliche Intelligenz (KI) – eine Technologie, die mehr und mehr in Massenprodukte einfließt und zum wichtigen Markt wird. Daum begibt sich auf eine historische und begriffliche Spurensuche: Was ist eigentlich Intelligenz? Und ist das ein adäquater Begriff für Software, deren Reaktionen wir intuitiv für intelligent halten und damit großes Vertrauen schenken? Wie lernen Algorithmen? Lassen sich ihre Schlussfolgerungen verstehen? Und woher kommt die Idee von KI?

Wenn heute davon die Rede ist, Weiterlesen Du lebloses, verdammtes Automat!

Die Gespräche mit Georg Fülberth: Einführung in den Marxismus (1–8)

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Zeitschrift Marxistische Erneuerung verhandelt aktuelle Klassenfragen

Verknüpfung von Menschenrechten und sozialer Frage: Unteilbar-Demo in Berlin (13.10.2018)

Foto: Christoph Soeder/dpa

Z. – Zeitschrift Marxistische Erneuerung: Klassen und neue Klassendiskussion. 256 S., zehn Euro, Bezug: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Postfach 700 33 46, 60553 Frankfurt am Main, E-Mail: redaktion@zme-net.de

Das neue Heft der Z. – Zeitschrift Marxistische Erneuerung mit der Nummer 116 beginnt im Editorial mit den folgenden einleitenden Worten zur aktuellen Lage: »Die Bundesrepublik ist eine kapitalistische Klassengesellschaft. Was ist heute aber anders als zum Beispiel vor 50 Jahren, als mit der 68er-Bewegung die Klassendebatte in die öffentlichen Diskurse zurückkam?« Das erneut wachsende »Interesse an Klassenanalyse, Klassentheorie und Klassenpolitik« hängt aus Sicht der Redaktion des Blattes »mit der zunehmenden sozialen Polarisierung, mit wachsenden Ungleichheiten in den Verteilungsverhältnissen und einem offeneren, ungenierteren ›Klassenkampf von oben‹« zusammen.

Welche sozialen Veränderungen also legen den Grund für Populismus und für Rechtsentwicklung und bedingen gleichzeitig die relative Schockstarre der linken Kräfte? Diesem Fragenkomplex gehen mehrere Autorinnen und Autoren mit marxistischem Rüstzeug auf den Grund. Dabei konstatieren sie einen immensen Aufarbeitungsbedarf an marxistischer Klassenanalyse und deren Methodik im Hinblick auf die gegenwärtigen Veränderungsprozesse. Acht sehr instruktive Beiträge zur Analyse der Klassenstruktur, der Klassenlage, des Klassenbewusstseins und der Gewerkschaften als vermeintlicher oder realer Klassenorganisationen der abhängig Beschäftigten formen den Schwerpunkt »Klassen und neue Klassendiskussionen« in dem vorliegenden Heft.

Klaus Dörre beschreibt in seinem Beitrag »Die Bundesrepublik – eine demobilisierte Klassengesellschaft« das aktuelle sozialwissenschaftliche Manko: »Vieles, was im Gefolge der 1968er-Bewegungen wissenschaftlich wie politisch an Erkenntnisfortschritt erreicht worden war, ist heute in Vergessenheit geraten oder gänzlich verloren gegangen. Deshalb wird die aktuelle Klassendiskussion aus wissenschaftlicher Perspektive oftmals sehr oberflächlich geführt.« Dörre erteilt kulturalistischen Ansätzen eine Absage, da sie das schnelle Auseinanderklaffen von immens wachsendem Besitz und Vermögen und gleichzeitiger Verarmung nicht zu erklären vermögen. In der Bundesrepublik und in anderen westlichen Staaten, so sein Befund, haben sich »demobilisierte Klassengesellschaften« herausgebildet, die zudem immer größere Differenzierungen aufwiesen. Hier setzt der besagte »Klassenkampf von oben« an. Um die Angehörigen dieser beherrschten Klassen wieder zu mobilisieren, bedarf es aus Dörres Sicht eines neuen breiten Bündnisses: »Wie das funktionieren kann, hat zuletzt ›Unteilbar‹ eindrucksvoll demons­triert. Die erfolgreiche Mobilisierung einer Viertelmillion Menschen beruhte auf der bewussten Verknüpfung von Menschenrechten und sozialer Frage.«

Weitere Analysen steuern Nicole Mayer-Ahuja, André Leisewitz/John Lütten, Ralf Krämer, Jörg Goldberg, Jörn Boewe, Hans-Jürgen Urban und Christian Stache bei. Es folgen Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, zu Streiks und Arbeitskämpfen, zum Rechtsrutsch in Weiterlesen Zeitschrift Marxistische Erneuerung verhandelt aktuelle Klassenfragen

Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation

versão portugesa

Ein Gespräch über die Entstehung und Entwicklung der Wertkritik, die fundamentale Krise des Kapitalismus und den fortschreitenden gesellschaftliche Irrationalismus

Interview mit Ernst Lohoff und Norbert Trenkle (Gruppe Krisis)
von Marcos Barreira und Javier Blank (Rio de Janeiro)[1]

Zu Beginn würden wir gerne ein wenig über die Anfänge des theoretischen Projekts der Zeitschrift Krisis, die seit über 30 Jahren existiert, und den Kontext der deutschen Linken in den 1980er-Jahren, sprechen. Wie kam es zur Entstehung der Zeitschrift und welche waren die anfänglichen Ziele? 

Ernst Lohoff: Anfang der 1980er-Jahre war die neomarxistische Welle, die im Gefolge der 1968er-Bewegung alle westlichen Länder erfasst hatte, auch in der BRD am Abflauen. Vor allem die akademische Linke geriet damals zunehmend in den Sog postmodernistischer Ansätze. Und auch die Protestlandschaft hatte sich gegenüber der ersten Hälfte der 1970er-Jahre grundlegend verändert. Gruppen mit einem allgemeinen antikapitalistischen Anspruch zerfielen oder wurden marginalisiert. Stattdessen beherrschten Ein-Punkt-Bewegungen die Szene – in der BRD waren das vor allem die Ökologie- und die Friedensbewegung.

Die Initiatoren des Projekts Krisis sahen in diesen Entwicklungen Symptome einer fundamentalen Krise radikaler Kapitalismuskritik, an der die Neue Linke ein gehöriges Maß an Mitschuld trug. Vor allem ein entscheidendes Versäumnis trieb uns um: Die Neue Linke hatte Weiterlesen Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation

Heinrich Heine und Karl Marx – Freunde, Partner, Gegner

Bild Heinrich Heine

Porträt von Heinrich Heine, gemeinfrei

Heinrich Heine war ein Grenzgänger zwischen Literatur und Journalismus und ein politischer Intellektueller, bevor der Begriff erfunden wurde. In den vorrevolutionären Jahren 1843/44 wurde seine Dichtung auch durch die Begegnung mit Karl Marx besonders politisch. Wie eng waren Heine und Marx? Wie haben sie sich gegenseitig ideologisch beeinflusst – und wie eben auch nicht?

Es steht außer Frage, dass Heine ein “in jeder Hinsicht politischer Schriftsteller” war. Dieser Themenkomplex fand allerdings erst durch die Politisierung der westdeutschen Gesellschaft in den 1960er-Jahren in der Forschung in der alten Bundesrepublik einige Beachtung. Dies lag sicher auch an den ideologisch bedingten Barrieren des Kalten Krieges, denn in der DDR galt Georg Lukacs Diktum von Heine als “Ideologe[n] des Weiterschreitens der demokratischen Revolution seiner Zeit zur proletarischen” lange Zeit als Grundlage der dortigen Forschung. Entscheidend hierfür war die Bekanntschaft zwischen Heine und Karl Marx in der Mitte der 1840er Jahre. Diese wurde in der westdeutschen Forschungsliteratur dann als Reaktion entweder verschwiegen oder bagatellisiert. Inzwischen lässt sich die Frage nach einer politischen Verbindungslinie zwischen Heine und Marx ideologisch unvoreingenommen stellen. Wer hat wen beeinflusst – Heine Marx oder umgekehrt? Wie war das persönliche Verhältnis, was verband sie, was trennte sie?

Der wichtigste Bezugspunkt im politischen Denken Heines war ähnlich wie bei den meisten Intellektuellen seiner Zeit die Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Heine übernimmt von Hegel insbesondere die Vorstellung, dass alle historischen Taten nur Ausfluss bereits existierender Ideen Weiterlesen Heinrich Heine und Karl Marx – Freunde, Partner, Gegner