„Erst mal den Finanzsektor vergesellschaften“

„Erst mal den Finanzsektor vergesellschaften“

Foto: Philipp Plum für der Freitag

„Warum sollten wir jungen Leute den Kapitalismus unterstützen?“ Gute Frage, Grace Blakeley

Grace Blakeley ist Ökonomin und erst 26, aber auf bestem Wege, in Großbritannien zur Stimme einer Generation zu werden: jener Millennials nämlich, die überzeugt sind, dass in einem der kapitalistischsten Länder der Erde die Zeit reif für den demokratischen Sozialismus ist.

der Freitag: Frau Blakeley, Sie werden als führende Vertreterin des „millennial socialism“ gehandelt. Wie kommt es, dass gerade so viele junge Leute den Sozialismus für sich entdecken? Und dass junge Frauen, man denke an Alexandria Ocasio-Cortez, diese Bewegung anführen?

Grace Blakeley: Nun, warum sollten wir jungen Leute den Kapitalismus unterstützen, wenn wir davon ausgehen können, dass wir in unserem Leben nie irgendeine Form von Kapital besitzen werden?

Nicht aus materiellem Interesse, okay. Aus ideologischen Gründen vielleicht?

Na klar! Vielleicht stehen deshalb vor allem Frauen an der Spitze dieser Bewegung, weil die Logik des Kapitalismus, das „Konkurriere oder stirb“, immer weniger junge Leute im Allgemeinen und junge Frauen im Besonderen überzeugt.

Warum ist die Renaissance des Sozialismus gerade in den USA und Großbritannien so stark?

Ein Grund sind die Hauspreise. Es ist für die jungen Leute in diesen Ländern klar, dass sie nie Wohnungseigentum besitzen werden. Dazu kommt, dass die meisten jungen Menschen nicht damit rechnen, dass es für sie eine Altersversorgung geben wird. Warum sollten wir ein System stützen, das uns keine Perspektive bietet?

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Nachschlag: Gelungene Aufklärung

Neo Magazin Royale | Do. 22.15 Uhr, ZDF Neo

Man mag von Jan Böhmermann halten, was man will, aber das gestern ausgestrahlte »Neo Magazin Royale« ist ein aufklärerisches Glanzstück. Prinz Georg Friedrich von Preußen, Ururenkel Kaiser Wilhelms II., will bekanntlich Entschädigung für die nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone vorgenommenen Enteignungen. Im Rahmen einer kleinen Geschichtsstunde zeigt Böhmermann, dass die Hohenzollern glühende Anhänger Adolf Hitlers waren – und eine Entschädigung nach bestehender Gesetzeslage deshalb nicht in Frage kommt (als Zusatzinformation gibt es sämtliche Gutachten zu dem Fall unter www.hohenzollern.lol. Gelungen ist auch die Gegenüberstellung der Forderungen des Prinzen mit denen der Herero, an denen das Deutsche Reich 1904 in »Deutsch-Südwest« einen Völkermord verübte. Als Gast fordert der deutsche Sprecher der Herero, Israel Kaunatjike, dass die Regierung, wenn sie den Prinzen entschädige, auch die Herero und andere Opfer deutscher Großmachtpolitik entschädigen müsse.(row)

Kein Recht auf Rendite, aber ein Grundrecht auf Wohnen

von Sabine Nuss

Wer im Sommer 2019 in Berlin der mietenpolitischen Auseinandersetzung folgte, wurde Zeuge einer ideologischen Schlammschlacht: Die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Katrin Lompscher, hatte als Reaktion auf die gestiegenen Mieten in der Stadt einen Entwurf für ein „Gesetz zur Mietenbegrenzung im Wohnungswesen in Berlin“ vorgelegt. Er sah unter anderem vor, die Mieten für fünf Jahre einzufrieren, eine Mietobergrenze einzuführen und Mieten möglicherweise sogar abzusenken. Explizit ausgenommen wurden seit 2014 fertiggestellte Immobilien, und weitere Sonderregelungen sollten „unbillige Härten“ für Vermieter vermeiden. Noch bevor jedoch irgendein Gesetz beschlossen war, wusste manch ein Vertreter der Immobilienbranche, dass damit die „linke Baubrigade“[1] die Hauptstadt auf direktem Weg zurück in die DDR führen würde. Diese schrille Polemik übertönt die Debatte, die eigentlich geführt werden müsste: eine Grundsatzdebatte über das Eigentum an Wohnraum.

Als Gründe für steigende Mieten werden meistens das Bevölkerungswachstum in den Städten und zu wenig Neubau genannt. Diese Diagnose ist nicht falsch. Stadtsoziologen haben in den letzten Jahren allerdings rauf und runter analysiert, dass die Gründe tiefer liegen: So wurde etwa Weiterlesen Kein Recht auf Rendite, aber ein Grundrecht auf Wohnen

Das Patriarchat kocht

Das Patriarchat kocht

Foto: Mark Wilson/Getty Images

„Greta Thunberg ist 16 Jahre alt. Und das sind erwachsene Männer“

Manchmal merkt man nicht, wie konditioniert man eigentlich ist, bis man jemanden trifft, der es eben nicht ist. Sicher, ich bin vielleicht recht unverblümt in meinen Texten, aber ich sage immer noch Entschuldigung, wenn mich jemand auf der Straße anrempelt. Ich lächle, wenn andere sich – nun ja – schwierig verhalten. Schließlich bin ich in einem bestimmten Alter und wurde bewusst oder unbewusst dazu erzogen, ein freundlicher Mensch zu sein.

In den 1980er Jahren stand ich zögerlich vor einem Selbstverteidigungsklasse – Feministinnen machten früher viele solche Sachen – unsicher, ob ich anklopfen sollte oder nicht – nur weil ich fünf Minuten zu spät dran war. Jetzt, da ich älter geworden bin, gefalle ich mir selbst wesentlich mehr – und alle anderen wesentlich weniger. Und ich lasse mir oft von jüngeren Frauen Tipps geben.

Die merkwürdigen Reaktionen einiger Männer auf Greta Thunberg, die rein gar nichts mit ihrer dringlichen und absolut notwendigen Botschaft bezüglich der Klimakrise zu tun haben, zeigen Weiterlesen Das Patriarchat kocht

„Wir müssen die Eigentumsfrage neu stellen“

„Wir müssen die Eigentumsfrage neu stellen“

Foto: Hahn + Hartung für der Freitag

„Arbeitslos? Das ist in der Hartz-IV- Republik eben keine Lappalie“

Naturschützer gehen mit Gewerkschaftern für eine ökologisch-soziale Transformation auf die Straße: Beim Klimastreik war das nicht zum ersten Mal der Fall. Überwindet da etwa die gesellschaftliche Linke gerade ihre tiefen Gräben?

Das wäre ganz im Sinne Hans-Jürgen Urbans, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall seit 2007, beim Gewerkschaftstag im Oktober stellt er sich wieder zur Wahl. Seit Jahren arbeitet er emsig daran, die Linke zu verbinden, statt sie zu trennen – so etwa im Band Neosozialismus, in dem er eine „Mosaiklinke“ skizziert, die trotz all ihrer Konflikte gemeinsam für eine Alternative zum gegenwärtigen Kapitalismus kämpft. Im VSA-Verlag ist nun sein neues Buch Gute Arbeit in der Transformation erschienen.

der Freitag: Herr Urban, sollten SUVs verboten werden?

Hans-Jürgen Urban: Das ist wohl weder realistisch noch die Lösung aller Probleme.

Ich war neulich in Eisenach, bei Opel: Die Belegschaft feierte den Start der Produktion eines neuen SUV-Modells und forderte noch mehr Modelle in noch mehr Schichten.

Produktion bedeutet Beschäftigung! Zugleich ist offensichtlich, dass der gegenwärtige Trend, immer größere und verbrauchsstärkere Fahrzeuge zu bauen, in die Sackgasse führt. Wir brauchen Weiterlesen „Wir müssen die Eigentumsfrage neu stellen“

Was ist bürgerlich, und wenn ja, wie viele?

Darf man, darf sich die AfD ›bürgerlich‹ nennen? Manchmal gibt ein scheinbar oberflächlicher Streit unfreiwillig Aufschluss über Veränderungen unterm Radar des unmittelbar Beobachtbaren. Tagebuch des politischen Umbruchs (1)

1. Warum Tiefenbohrung in einem medialen Kurzzeitaufreger? 

Darf man, darf sich die AfD ›bürgerlich‹ nennen? Manchmal gibt ein scheinbar oberflächlicher Streit, der nach ein bis zwei Wochen aus den Medien verschwunden ist, unfreiwillig Aufschluss über Veränderungen unterm Radar des unmittelbar Beobachtbaren. Der Disput um die ›Bürgerlichkeit‹ der AfD fällt in diese Kategorie. Er eignet sich deswegen als Beitrag zur Erkundung, Vermessung und Befragung des neuen parteipolitisch-parlamentarischen Zyklus (Horst Kahrs) und seines ökonomisch-gesellschaftlichen Unterbaus. 

Wenn die AfD für sich beansprucht, eine ›bürgerliche‹ Partei zu sein, will sie damit einerseits auf das Terrain akzeptierter politischer MitspielerInnen gelangen, mithin das Stigma abstreifen, das ihr in den meisten gesellschaftlichen Kreisen außerhalb ihrer AnhängerInnen anhaftet. Zum anderen möchte sie damit auch – ohne zugleich auf ihre Rolle als Protestpartei verzichten zu wollen – den Unionsparteien und der FDP signalisieren, dass sie einen Platz am Tisch eines gemeinsamen politischen ›Lagers‹ beansprucht. Wer zum selben Lager gehört, dem unterstellt man für gewöhnlich, zusammenarbeiten zu wollen. Derlei Ansprüche der AfD werden bislang nahezu unisono von allen anderen etablierten Parteien zurückgewiesen.

Eine ideologiekritische Tiefenbohrung dazu, was als ›bürgerlich‹ in Anspruch genommen, behauptet, verteidigt, in Schutz genommen, angegriffen oder diffamiert wird, erweist sich als überraschend aufschlussreich. Abseits ihres tagesaktuellen Nachrichtenwerts fungiert die Debatte um die ›Bürgerlichkeit‹ der AfD wie Weiterlesen Was ist bürgerlich, und wenn ja, wie viele?