Grünes Wachstum ist eine Illusion

Grünes Wachstum ist eine Illusion

Foto: David McNew/Getty Images

This is not fine

Den größten Teil meines Erwachsenendaseins habe ich gegen den „Kapitalismus der Konzerne“, den „Konsumkapitalismus“ und die „kapitalistische Vetternwirtschaft“ gewettert. Ich habe lange gebraucht, bis mir klar wurde, dass nicht das Adjektiv das Problem darstellt, sondern das Nomen. Während andere den Kapitalismus gern und schnell abgelehnt haben, ging dies bei mir äußerst langsam und widerwillig vonstatten. Zum Teil lag das daran, dass ich keine klare Alternative erkennen konnte. Anders als manche Antikapitalisten konnte ich mich nie für den Staatskommunismus begeistern, mich hemmte sein quasi-religiöser Charakter. Im 21. Jahrhundert zu sagen „Der Kapitalismus versagt“ ist wie im 19. Jahrhundert zu sagen „Gott ist tot“. Das ist säkulare Blasphemie und erfordert ein Maß an Selbstvertrauen, das ich nicht hatte.

Doch mit zunehmendem Alter habe ich zwei Dinge erkannt. Erstens, dass es das System selbst ist und eben nicht nur eine bestimmte Ausprägung des Systems, das uns unaufhaltsam in eine Katastrophe taumeln lässt. Zweitens, dass man keine definitive Alternative parat haben muss, um sagen zu können, dass der Kapitalismus scheitert. Die Aussage steht für sich.

Das Scheitern des Kapitalismus erwächst aus zwei seiner bestimmenden Elemente. Das erste besteht in permanentem Wachstum. Wirtschaftswachstum ergibt sich zwangsweise aus dem Streben nach Kapitalakkumulation und Extraprofit. Ohne Wachstum bricht der Kapitalismus zusammen, auf einem endlichen Planeten führt permanentes Wachstum aber zwangsläufig in die ökologische Katastrophe.

Wir können nicht unendlich weiter wachsen

Diejenigen, die den Kapitalismus verteidigen, Weiterlesen Grünes Wachstum ist eine Illusion

„Unruhe herrscht weiter, wie immer“

Was kommt im neuen Jahrzehnt auf uns zu? Die optimistische Pessimistin Sibylle Berg über schlafende Populisten, das Netz und einfachen Sex.

Autorin Sibylle Berg über die neuen 20er

Die Autorin Sibylle Berg in einem schwarz-weiß-Bild

„Es geht um den Erhalt der Menschheit“, sagt Sibylle Berg Foto: Katharina Lütscher

Ein persönliches Gespräch sei nicht möglich, aber man könne gern Fragen per E-Mail schicken, heißt es im Vorfeld. Und deshalb gehen für dieses Interview über die Zukunft, das Leben und den ganzen Rest zahlreiche E-Mails eine Woche lang zwischen Zürich und Berlin hin und her. Beim Beantworten der Fragen sitze sie am Schreibtisch, trinke grünen Tee aus der Thermoskanne, im Hintergrund liefen Tierfilme oder Grime-Musik, schreibt Sibylle Berg. Am Ende ihrer Mails steht meist kurz und knapp: „Frau Berg. Chef“.

taz am wochenende: Frau Berg, wie werden die 20er Jahre?

Sibylle Berg: Ich nehme meine Glaskugel hervor, schließe die Augen, gehe in Kontakt zur Urmutter und … Als optimistische Pessimistin würde ich sagen – so wie wir aus 2019 herausgehen, wird es weitergehen, denn der Zustand der Welt wird sich ja nicht am 31. 12. ändern, zumal einige ungehorsame Länder sich mit ihrem Neujahrstag auch nicht an unsere Gepflogenheiten halten. Also – die Ermüdung vieler Bevölkerungen, ihre Wut gegen die Folgen der Globalisierung, das Fortschreiten des Neoliberalismus, die Unsicherheit und Überforderung werden eben so weitergehen wie der Klimawandel, die Gier, aber auch die Fortschritte der Wissenschaft und der Digitalisierung. Das heißt: Unruhe herrscht weiter. Wie eigentlich immer.

Inwiefern werden die neuen anders als die alten 20er – die 1920er?

Die Kräfteverhältnisse verteilen sich vermutlich neu. China und Indien werden zunehmend wichtiger, ich raune – ich liebe dieses Raunen, während ich in meine Glaskugel schaue –, Pisa-Studie, chinesische Kinder, die dem Rest der Welt um drei Jahre voraus sind, der Wille, reich zu werden. Europa beschäftigt sich währenddessen in weiten Teilen mit einem rückwärtsgewandten Populismus, westliche Männer weinen um das Schwinden ihrer Weiterlesen „Unruhe herrscht weiter, wie immer“

schöner, neoliberaler ablenkungsversuch

sibylle berg (@SibylleBerg)
schöner, neoliberaler ablenkungsversuch. „fang bei dir an, wenn du die welt retten willst.“ Das ist zu klein gedacht. Das System Kapitalismus muss revolutioniert werden. Ich mach das gerne, muss nur schnell noch tee kochen
ZDF heute (@ZDFheute)
Wir müssen für den #Klimaschutz unser „Leben verändern“: Bundestagspräsident Schäuble #CDU fordert Abstriche etwa bei Urlaubsreisen. „Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif“ #FridayForFuture #Weihnachten #weihnachtenundklimakrise#Klimapaket #CO2 zdf.de/nachrichten/he…

Das ABC de Kapitalismus

Von Vivek Chibber

10 € (statt 15 €) + Versand

Politische Organisierung ist schwer – politische Bildung muss es nicht sein: Alle drei Bände des ABC des Kapitalismus als Set zum Preis von zwei: Jetzt Bestellen

Über den Autor

Vivek Chibber ist Professor für Soziologie an der New York University und Herausgeber der marxistischen Theoriezeitschrift Catalyst. Auf Deutsch erschien neben dem ABC des Kapitalismus von ihm Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals (Dietz Berlin, 2019).

Band I: Kapitalismus verstehen

ISBN: 978-3-948608-01-9
Einzelpreis: 5,00 €

Im ersten Band beschreibt Vivek Chibber, wieso Menschen im Kapitalismus gruppiert in Klassen leben. Kapitalistinnen sind nicht von bloßer Gier angetrieben, sondern durch Marktmechanismen, die einen enormen Reichtum hervorbringen – aber nicht zum Vorteil der Mehrheit der Menschen. Arbeiterinnen können in diesem System ihr Leben nur verbessern, wenn sie gemeinsam handeln. Mit einem Vorwort von Oliver Nachtwey, Professor für Soziologie an der Universität Basel und Autor von Die Abstiegsgesellschaft.

Band II: Kapitalismus und Staat

ISBN: 978-3-948608-02-6
Einzelpreis: 5,00 €

Der zweite Band des ABC des Kapitalismus handelt davon, wie Reichtum und politische Macht zusammenwuchsen und wie sich im Staat das große Geld durchsetzen kann. Vivek Chibber erzählt, wie sich in Demokratien die Interessen des Kapitals gegen die der Bevölkerungsmehrheit durchsetzen können – obwohl sie zahlenmäßig eigentlich im Nachteil sein müssten. Mit einem Vorwort von Nils Kumkar, Soziologe an der Universität Bremen und Übersetzer der drei Bände. 

Band III: Kapitalismus und Klassenkampf

ISBN: 978-3-948608-03-3
Einzelpreis: 5,00 €

Im dritten Band des ABC des Kapitalismus geht es um die Bedeutung von Arbeiterinnenkämpfen für alle anderen Bewegungen. Vivek Chibber beschreibt, wie heute eine klassenbasierte politische Strategie aussehen kann – und wieso es oftmals so schwierig ist, sie zu organisieren und aufrechtzuerhalten. Mit einem Vorwort von Ines Schwerdtner, Chefredakteurin von Jacobin.de.

Jetzt das ABC als Set bestellen

Book Launch in Berlin

Am Freitag, den 25. Oktober 2019, stellt Vivek Chibber zusammen mitLoren Balhorn (Jacobin Redakteur) das ABC des Kapitalismus an der Humboldt Universität zu Berlin vor.

Anmelden: Facebook-Event
Ort: HU Berlin Dorotheenstr. 26, Hörsaal 208
Beginn: 18:00 Uhr

Sammelbestellungen für Lesegruppen

Wenn du das ABC gemeinsam mit Anderen lesen willst und mehr Exemplare brauchst, schreib uns eine Mail an clubs@jacobin.de für ein ABC-Paket.

Sozial-ökologischer Umbau und die Wachstumsfrage

10. Dezember 2019 | Allgemein

Sozial-ökologischer Umbau und die Wachstumsfrage

von Ralf Krämer

Das immense Wirtschaftswachstum der letzten 100 Jahre war mit ebenso immensem Wachstum des Ressourcenverbrauch, der Umweltbelastungen und der Freisetzung von Treibhausgasen verbunden. Es liegt daher nahe, ein Ende des Wirtschaftswachstums oder sogar eine wirtschaftliche Schrumpfung als unverzichtbare Bedingung für eine Lösung der ökologischen und Klimakrise zu betrachten, auf Englisch „Degrowth“ also. Das Augenmerk richtet sich dabei auf das übliche Maß des Wirtschaftswachstums, das Wachstum des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zumal dieses von „wirtschaftsfreundlichen“ Kräften wie ein Selbstzweck und als der Indikator für Wohlstand und Fortschritt behandelt wird, was es nicht ist.

Doch die Angelegenheit ist Weiterlesen Sozial-ökologischer Umbau und die Wachstumsfrage

„Erst mal den Finanzsektor vergesellschaften“

„Erst mal den Finanzsektor vergesellschaften“

Foto: Philipp Plum für der Freitag

„Warum sollten wir jungen Leute den Kapitalismus unterstützen?“ Gute Frage, Grace Blakeley

Grace Blakeley ist Ökonomin und erst 26, aber auf bestem Wege, in Großbritannien zur Stimme einer Generation zu werden: jener Millennials nämlich, die überzeugt sind, dass in einem der kapitalistischsten Länder der Erde die Zeit reif für den demokratischen Sozialismus ist.

der Freitag: Frau Blakeley, Sie werden als führende Vertreterin des „millennial socialism“ gehandelt. Wie kommt es, dass gerade so viele junge Leute den Sozialismus für sich entdecken? Und dass junge Frauen, man denke an Alexandria Ocasio-Cortez, diese Bewegung anführen?

Grace Blakeley: Nun, warum sollten wir jungen Leute den Kapitalismus unterstützen, wenn wir davon ausgehen können, dass wir in unserem Leben nie irgendeine Form von Kapital besitzen werden?

Nicht aus materiellem Interesse, okay. Aus ideologischen Gründen vielleicht?

Na klar! Vielleicht stehen deshalb vor allem Frauen an der Spitze dieser Bewegung, weil die Logik des Kapitalismus, das „Konkurriere oder stirb“, immer weniger junge Leute im Allgemeinen und junge Frauen im Besonderen überzeugt.

Warum ist die Renaissance des Sozialismus gerade in den USA und Großbritannien so stark?

Ein Grund sind die Hauspreise. Es ist für die jungen Leute in diesen Ländern klar, dass sie nie Wohnungseigentum besitzen werden. Dazu kommt, dass die meisten jungen Menschen nicht damit rechnen, dass es für sie eine Altersversorgung geben wird. Warum sollten wir ein System stützen, das uns keine Perspektive bietet?

Der Kapitalismus Weiterlesen „Erst mal den Finanzsektor vergesellschaften“

Nachschlag: Gelungene Aufklärung

Neo Magazin Royale | Do. 22.15 Uhr, ZDF Neo

Man mag von Jan Böhmermann halten, was man will, aber das gestern ausgestrahlte »Neo Magazin Royale« ist ein aufklärerisches Glanzstück. Prinz Georg Friedrich von Preußen, Ururenkel Kaiser Wilhelms II., will bekanntlich Entschädigung für die nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone vorgenommenen Enteignungen. Im Rahmen einer kleinen Geschichtsstunde zeigt Böhmermann, dass die Hohenzollern glühende Anhänger Adolf Hitlers waren – und eine Entschädigung nach bestehender Gesetzeslage deshalb nicht in Frage kommt (als Zusatzinformation gibt es sämtliche Gutachten zu dem Fall unter www.hohenzollern.lol. Gelungen ist auch die Gegenüberstellung der Forderungen des Prinzen mit denen der Herero, an denen das Deutsche Reich 1904 in »Deutsch-Südwest« einen Völkermord verübte. Als Gast fordert der deutsche Sprecher der Herero, Israel Kaunatjike, dass die Regierung, wenn sie den Prinzen entschädige, auch die Herero und andere Opfer deutscher Großmachtpolitik entschädigen müsse.(row)