Rettet den Kapitalismus vor sich selbst

AFP
Obdachloser Mann in New York City.

In den meisten Industrieländern hat die Marktwirtschaft große Teile der Gesellschaft im Stich gelassen. Die Wahl von US-Präsident Donald Trump und das britische Brexit-Referendum vor drei Jahren bestätigten es; diejenigen unter uns, die sich lange mit Einkommensstatistik befasst haben, wussten es schon vorher. Nirgendwo trifft das mehr zu als in den Vereinigten Staaten. Obwohl Amerika lange als Aushängeschild des Versprechens auf marktwirtschaftlichen Individualismus galt, weist Amerika heute eine höhere Ungleichheit und eine geringere soziale Mobilität nach oben auf als die meisten anderen Industrieländer. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA sinkt mittlerweile, nachdem sie zuvor ein Jahrhundert lang angestiegen war. Und für die unteren 90 Prozent der Einkommensverteilung stagnierten die realen (inflationsbereinigten) Löhne: das Einkommen eines typischen amerikanischen Arbeiters liegt heute etwa so hoch wie vor 40 Jahren.  

Unterdessen versuchten viele europäische Länder es Amerika gleichzutun, und Staaten, denen das gelang, insbesondere Großbritannien, leiden jetzt unter ähnlichen politischen und sozialen Konsequenzen. Die USA waren wohl das erste Land, in dem eine Mittelschichts-Gesellschaft geschaffen wurde, aber Europa hinkte nie weit hinterher. Nach dem Zweiten Weltkrieg übertraf es die USA in vielerlei Hinsicht, wenn es darum ging, seinen Bürgerinnen und Bürgern Chancen zu eröffnen. Durch eine Vielzahl politischer Maßnahmen etablierten die europäischen Länder den modernen Wohlfahrtsstaat, um die Menschen sozial abzusichern und wichtige Investitionen in Bereichen zu tätigen, wo der Markt allein zu wenig Mittel aufwenden würde.

Dieses europäische Sozialmodell leistete diesen Ländern jahrzehntelang gute Dienste. Den europäischen Regierungen gelang es, die Ungleichheit in Schach zu halten und trotz der Globalisierung, des technologischen Wandels und anderer disruptiver Kräfte die wirtschaftliche Stabilität aufrechtzuerhalten. Als im Jahr 2008 die Finanzkrise und anschließend die Eurokrise losbrachen, erging es den europäischen Ländern mit den stärksten wohlfahrtsstaatlichen Systemen, insbesondere den skandinavischen Ländern, am besten. Denn Weiterlesen Rettet den Kapitalismus vor sich selbst

Ist der Euro noch zu retten?

https://www.project-syndicate.org/commentary/next-euro-crisis-italy-by-joseph-e–stiglitz-2018-06/german

Joseph E. Stiglitz

Universal Images Group via Getty Images

NEW YORK – Der Euro steuert möglicherweise auf eine neuerliche Krise zu. Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, hat eine Regierung gewählt, die sich am besten als euroskeptisch beschreiben lässt. Dies sollte niemanden überraschen. Die Gegenreaktion in Italien ist eine weitere vorhersehbare (und vorhergesagte) Episode in der langen Saga eines schlecht konzipierten Währungssystems, in dem die dominante Macht, Deutschland, die notwendigen Reformen behindert und auf einer Politik beharrt, die die dem System innewohnenden Probleme verschärft, wobei sie eine Rhetorik verwendet, die scheinbar die Absicht verfolgt, Leidenschaften anzuheizen.

Italien hat sich seit der Einführung des Euro wirtschaftlich schlecht entwickelt. Sein reales (inflationsbereinigtes) BIP des Jahres 2016 war dasselbe wie das des Jahres 2001. Aber auch für die Eurozone als Ganze läuft es nicht gut. Zwischen 2008 und 2016 ist ihr reales BIP insgesamt um bloße 3% gestiegen. Im Jahr 2000 – ein Jahr nach Einführung des Euro – war die US-Volkswirtschaft lediglich 13% größer als die der Eurozone; 2016 waren es 26%. Nach einem realen Wachstum von rund 2,4% in 2017 – was nicht genug war, um die durch ein Jahrzehnt der Misere verursachten Schäden Weiterlesen Ist der Euro noch zu retten?

»Europa ist mehr als ein Stück Papier«

http://www.neues-deutschland.de/artikel/985070.europa-ist-mehr-als-ein-stueck-papier.html

0b93668c873aa3598fc5c6a3dd71bf06.jpg

Foto: AFP/Win McNamee
Herr Stiglitz, kennen Sie Yanis Varoufakis persönlich?

Ja, ich habe ihn mehrmals getroffen. Er ist eine sehr dynamische Person und ein sehr guter Ökonom. Ich bin sehr beeindruckt von seiner Einschätzung der Wirtschaftslage.
FLüchtlinge

Joseph E. Stiglitz

Joseph E. Stiglitz beriet den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton in Wirtschaftsfragen und wurde 1997 Chefökonom der Weltbank. Weil er deren Politik nicht mittragen wollte, trat er 1999 unter Protest von seinem Posten zurück. Im Jahr 2001 erhielt Stiglitz für sein Forschungswerk den Wirtschaftsnobelpreis. Der 72-jährige Ökonom gilt als dezidierter Kritiker der Globalisierung unter neoliberalem Vorzeichen und der vorherrschenden Krisenpolitik. Mit ihm sprach Simon Poelchau über Griechenland und das demokratische Defizit in Europa.

Und was halten Sie von seiner Zeit als griechischer Finanzminister?

Varoufakis weiß, was gemacht werden müsste. Doch er konnte seine Partner in der Eurozone nicht von seinen Ideen überzeugen. Niemand hätte ein Alternativprogramm durchbringen können.
Der Verhandlungsausgang lag also nicht an Yanis Varoufakis?

Er hat viel Kritik für seinen flamboyanten Stil abbekommen. Ihm wurde vorgeworfen, dass er die anderen Verhandlungspartner vor den Kopf gestoßen habe. Als ob es ansonsten ein anderes Kreditprogramm für Griechenland gegeben hätte. Aber weder Giorgos Papandreou noch Antonis Samaras konnten ein besseres Ergebnis aushandeln. Auch bei einer anderen griechischen Regierung wäre also nichts anderes herausgekommen.
Warum sind sie alle gescheitert?

Nicht die griechischen Regierungen, sondern die Kreditgeber-Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist gescheitert. Die Troika als Ganzes verweigerte sich einer guten Wirtschaftspolitik. Dabei gab es auch innerhalb der Troika unterschiedliche Positionen.
Sie meinen die Forderung des IWF nach einer Umstrukturierung der griechischen Schulden.

Der IWF ist erst vor kurzem damit an die Öffentlichkeit gegangen, doch er spricht sich schon seit längerem dafür aus.
Nun hat der IWF seit kurzem einen neuen Chefökonom – Maurice Obstfeld. Wird sich da etwas an seiner Position ändern?

Ich konnte mit Obstfeld noch nicht über das Thema sprechen. Sein ökonomisches Denken unterscheidet sich aber nicht wesentlich von dem seines Vorgängers Olivier Blanchard. Deswegen wird es höchstwahrscheinlich keine großen Veränderungen bei der Position des IWF geben.
Warum konnte sich der IWF in Bezug auf eine Umstrukturierung der Schulden innerhalb der Troika nicht durchsetzen?

Er konnte Berlin nicht überzeugen. Und ohne Deutschland gibt es keine Schuldenumstrukturierung. Dabei wäre dies eine sehr wichtige Maßnahme. Ohne eine Umstrukturierung ist eine wirtschaftliche Depression garantiert. Das ist ganz einfach.
Was wäre sonst noch notwendig, um Griechenland aus der Krise zu führen?

Europa als Ganzes braucht eine Politik, die Wachstum erzeugt. Griechenland braucht Investitionen. Die Europäische Investitionsbank könnte da kurzfristig einspringen, etwa indem sie Kredite an kleine griechische Unternehmen vergibt, damit diese überleben können. Langfristig wäre ein europaweiter Solidaritätsfonds zur Stabilisierung der Wirtschaft sinnvoll. Aus dem könnten zum Beispiel einige Kosten der Arbeitslosigkeit bezahlt werden, falls ein Land in eine Krise gerät. Auch wenn Griechenland keine weiteren großen Staatsdefizite haben sollte, dürfen von dem Land keine Haushaltsüberschüsse verlangt werden. Diese Maßnahmen würden Griechenland wieder auf den Wachstumspfad bringen und es ihm leichter machen, seine Schulden zu senken. Die Maßnahmen, die Griechenland aufgebürdet wurden, verschlimmern jedoch die Schuldenkrise. Weiterlesen »Europa ist mehr als ein Stück Papier«

„Deutschland ist das Problem“

Quelle: http://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/deutschland-ist-das-problem/ar-AAcJSZT?ocid=iehp

© 2015 DW.COM, Deutsche Welle
Die US-amerikanischen Medien berichten intensiv über die Griechenland-Krise. Die deutschlandkritischen Stimmen überwiegen. Aber es gibt auch abweichende Meinungen. Aus Washington Gero Schließ.

„Macht Merkel Griechenland zu einem Pariastaat?“, fragt das Magazin „Newsweek“ mit provokanter Schärfe. Und CNBC sagt voraus: „Deutschland wird der Verlierer sein, nicht Griechenland.“ Der US-Fernsehsender ergänzt seine düstere Vorhersage mit einem aktuellen Statement des Nobelpreisträgers Joseph E. Stiglitz: „Deutschland ist das Problem, nicht Griechenland“. Die deutschlandkritischen Stimmen in den amerikanischen Medien sind im Verlauf der Griechenland-Krise immer lauter geworden. „Deutsche Macht polarisiert Europa“, titelt das einflussreiche „Wall Street Journal“ am vergangenen Dienstag und zitiert in seinem Artikel den spanischen Austeritätskritiker Pablo Iglesias mit dem Satz „Wir wollen nicht deutsche Kolonie werden“.

Und Paul Krugman, der einflussreiche linke Kolumnist der „New York Times“, fordert in einem Kommentar mit dramatischem Impetus: „Stoppt das Bluten!“ Krugman vergleicht Angela Merkel und die europäischen Regierungschefs mit mittelalterlichen Medizinmännern, die den Patienten Griechenland zur Ader lassen. Doch statt Gesundung stelle sich nur weiteres Siechtum ein.

Ähnlich scharfe Töne kommen von der Wall Street. Im Finanzblog „Zero Hedge“, der die Entwicklungen an der Börse analysiert, wird Merkel mit den Verträgen von Versailles in Verbindung gebracht. Ihr gehe es vor allem um deutsche Hegemonie, liest man.

Sündenbock und Unschuldslamm

Werden die US-Medien also überschwemmt von einer Welle antideutscher Ressentiments? Ist Angela Merkel für sie der Sündenbock und Griechenland das Unschuldslamm? Der Washingtoner Wirtschaftsexperte und Europakenner Jacob Kirkegaard läßt diesen Eindruck nicht gelten. „Die linken Kommentatoren wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman haben eine ziemlich antideutsche Position“, räumt er gegenüber der Deutschen Welle ein. Aber die Griechenland-Krise sei für sie nur ein „Stellvertreterkrieg“ in der innenpolitisch motivierten Debatte um die richtige Wirtschaftspolitik, in der beide Männer vehement für die Steigerung von Konsum und Nachfrage plädieren. Weiterlesen „Deutschland ist das Problem“