Impfstoff. Made in Geld

Von Stephan Kaufmann

Es ist so weit – die ersten Menschen erhalten in Großbritannien den neuen Corona-Impfstoff, und die Denkfabrik Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) weiß schon, wem wir das zu verdanken haben: »Impfstoff. Made in Sozialer Marktwirtschaft«, betitelt sie eine ganzseitige Anzeige in verschiedenen Zeitungen.

Das Lob mag zunächst überraschen, wird die INSM doch von Eigentümern deutscher Unternehmen finanziert und versucht sich daher seit Jahren an dem Kunststück, den Sozialstaat zu würdigen und gleichzeitig gegen die Sozialkosten für ihre Finanziers zu agitieren. Dies führt bei ihr regelmäßig zu Klagen, das Soziale sei zwar schön und gut, aber zu teuer geworden, und die Bundesregierung »zeige keine Ambitionen, den Anstieg der Gesundheitskosten zu senken«. Lobend zum Sozialstaat äußert sich die INSM selten, außer im Fall von Hartz IV, das sie als »Erfolgsrezept« sieht.

In ihrer Anzeige zum Corona-Impfstoff allerdings verweist die INSM gar nicht so sehr auf das Soziale, sondern auf etwas anderes: »Freiheit und Wettbewerb sind Grundpfeiler der Sozialen Marktwirtschaft. Sie sorgen dafür, dass Forscher und Unternehmen innovative Produkte entwickeln, die allen nutzen: ein Impfstoff gegen Corona! Die Mainzer Biontech SE hat der weltweiten Pandemiebekämpfung damit zu einem großen Durchbruch verholfen.«

Nun könnte man darauf hinweisen, dass es weniger »Freiheit und Wettbewerb« waren, die Biontech zum Impfstoff verhalfen, sondern planmäßige Forschung, Testreihen und vor allem: Geld. Und das stellte weniger die Freiheit zur Verfügung, sondern der Staat: Über 400 Millionen Euro erhielt Biontech von der EU und der Bundesregierung. Dazu kamen ungezählte Millionen für klinische Studien an den Unikliniken sowie milliardenschwere staatliche Abnahmegarantien.

Man könnte auch darauf hinweisen, dass die Entwicklung des Impfstoffes nicht nur Geld kostet, sondern auch Geld bringen soll, und dass dies der Grund ist, warum Biontech und Pfizer ihn überhaupt herstellen: Für Profit entwickeln Unternehmen in der Marktwirtschaft »innovative Produkte«, die »allen nützen«, die sich aber nicht alle leisten können. Wer nicht zahlen kann, bleibt in der Welt von Freiheit und Wettbewerb ungeimpft.

Aus demselben Grund unterlässt die Privatwirtschaft auch jede Pandemiebekämpfung, die sich nicht lohnt. Wenn die meisten Opfer im finanzschwachen Afrika zu erwarten sind, halten sich die Konzerne vornehm zurück. Umgekehrt wird im System von Freiheit und Wettbewerb auch noch der absurdeste Quatsch hergestellt, wenn er eine gute Rendite verspricht. So hat das Auktionshaus Sotheby’s allein im Dezember bisher 42 Millionen Dollar mit dem Verkauf von Luxus-Uhren eingenommen. Stephan Kaufmann

Impfstoff für die Welt

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Weltweit Begehrt: Coronaimpfstoff (30.10.2020)

Die chinesische Regierung hat erklärt, jeden erfolgreichen Coronaimpfstoff, den das Land entwickelt, als öffentliches Gut zur Verfügung zu stellen. Angesichts der aktuell ermutigenden Testergebnisse in der Entwicklung will Beijing, dass die Vakzine nach ihrer Zulassung vor allem auch mit afrikanischen Staaten geteilt werden, berichtete die Tageszeitung South China Morning Post am Sonnabend. Bereits im Juni hatte der chinesische Präsident Xi Jinping als Vorsitzender des China-Afrika-Sondergipfels für Solidarität gegen Covid-19 erklärt, dass afrikanische Staaten zu den ersten gehörten, denen ein chinesischer Impfstoff zur Verfügung gestellt werde. Am 21. November betonte er beim G-20-Gipfel erneut, dass Beijing seine Zusage einhalten werde, »anderen Entwicklungsländern Hilfe und Unterstützung zu leisten« und sich dafür einsetzen werde, »Impfstoffe als globales öffentliches Gut für Menschen auf der ganzen Welt zugänglich und erschwinglich zu machen«.

Damit wird China im Kampf gegen Covid-19 zum Hoffnungsträger armer Staaten. Von denen befürchten nämlich viele, dass sie bei der Verteilung der Impfstoffe erst später zum Zug kommen. Gegenüber der US-Nachrichtenagentur AP erklärte der Chef der Afrikanischen Zentren für Krankheitsbekämpfung und Prävention, John Nkengasong, am Donnerstag, der Kontinent habe über zwei Millionen Infizierte registriert und sei bereits in der Vergangenheit bei der Verteilung von Medikamenten vernachlässigt worden.

Im April wurde unter Federführung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Initiative Covax gegründet, die sich für einen gerechten Zugang zu Covidimpfstoffen einsetzt. Ihr haben sich bislang mehr als 150 Länder angeschlossen, darunter China und Weiterlesen Impfstoff für die Welt

Erfolg mit Symbolkraft

jungewelt.de

Volker Hermsdorf

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Alexandre Meneghini /REUTERS

»Eine medizinische, wissenschaftliche und solidarische Macht«: Kubanische Ärzte auf dem Weg zu einem internationalistischen Einsatz (Havanna, 4.6.2020)

 

Hintergrund:Corona in Kuba

Die kubanischen Behörden haben am Donnerstag abend (Ortszeit) ein drastisches Maßnahmenpaket angekündigt, um einen in Havanna und einigen anderen Städten festgestellten starken Anstieg von Coronaneuinfektionen einzudämmen. Der 11,2 Millionen Einwohnern zählenden Inselrepublik war es bisher weltweit mit am besten gelungen, das Virus in Schach zu halten. Die täglichen Neuinfektionen konnten auf ein Minimum reduziert werden, und die Zahl der Todesopfer liegt mit knapp 0,8 pro 100.000 Einwohner weit unter den Werten anderer Länder der Region. Die Statistik der Johns-Hopkins-Universität bescheinigte Kuba am Freitag mit bisher 3.806 Infizierten, von denen 3.195 als geheilt gelten und 92 verstorben sind, eine noch immer günstige Situation.

Gesundheitsminister José Ángel Portal schlug jedoch Alarm, weil allein auf den vergangenen Monat mehr als 1.200 Neuinfektionen entfallen waren. Francisco Durán García, der Direktor für Epidemiologie des Gesundheitsministeriums, bezeichnete die Situation nach einem Ausbruch in Havanna als besorgniserregend. Ohne energische Maßnahmen werde das Erreichte in Frage gestellt, warnten Experten. Deshalb werde zunächst für die Zeit vom 1. bis zum 15. September eine teilweise Ausgangssperre für die Hauptstadt verhängt, kündigte Havannas Gouverneur Reinaldo García an. Zwischen 19 und fünf Uhr dürfen keine Personen- oder Gütertransporte stattfinden. Fahrten mit privaten Pkw und Motorrädern sind in dieser Zeit verboten.

Ausnahmeregelungen gelten für den Transport von Nahrungsmitteln und für lebensnotwendige Dienstleistungen. Betriebe, die keine unverzichtbare Produktion oder prioritäre Dienste ausführen, werden bis auf eine Mindestzahl von Mitarbeitern geschlossen. Wo möglich, sollen Beschäftigte ihre Tätigkeit in Tele- und Heimarbeit ausüben. Feiern und Veranstaltungen sind untersagt, der Reiseverkehr nach und aus Havanna wird eingeschränkt und an den zwölf Zugangspunkten zur Stadt kontrolliert. (vh)

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Am Montag hatte Kuba als erstes lateinamerikanisches Land mit der klinischen Erprobung eines eigenen Impfstoffes gegen SARS-CoV-2 an zunächst 20 Freiwilligen zwischen 19 und 59 Jahren begonnen. Da in den ersten 48 Stunden außer einem nicht ungewöhnlichen leichten Schmerz an der Einstichstelle keine unerwünschten Nebenwirkungen aufgetreten seien, werde das im Finlay-Institut für Impf­stofforschung entwickelte Serum mit der Bezeichnung »Soberana 01« am kommenden Montag zusätzlich 20 Probanden im Alter zwischen 60 und 80 Jahren injiziert, kündigte Vicente Vérez, der Direktor der Einrichtung, an. Danach würden die Tests bis zum 30. Oktober in einer zweiten Phase mit Hunderten weiteren Freiwilligen fortgesetzt und die Ergebnisse am 15. Februar 2021 veröffentlicht werden, erklärte Vérez am Mittwoch. Er teilte außerdem mit, das international renommierte Institut hoffe, bereits im Oktober mit den klinischen Studien für einen zweiten Impfstoffkandidaten beginnen zu können. 

Trotz der seit Monaten ständig verschärften US-Blockade Weiterlesen Erfolg mit Symbolkraft