»Nationalisten und Patrioten sind Idioten«

Konstantin Wecker über Kapitalismus, Neoliberalismus und einen neuen Faschismus

Konstantin Wecker: »Nationalisten und Patrioten sind Idioten«

Foto: imago/Lindenthaler

Herr Wecker, Sie haben aus aktuellem Anlass ein neues Album herausgebracht, eine Sammlung »antifaschistischer Lieder«. Wie faschistisch ist unsere Gesellschaft?

Ich habe die Befürchtung, dass es sehr schnell gehen könnte, dass Europa faschistisch wird. Viele Anzeichen deuten gerade darauf hin, nicht zuletzt die Ausschreitungen in Chemnitz vor wenigen Wochen. Das total Erschreckende für mich ist, dass ich mir noch vor zwei Jahren nicht hätte vorstellen können, dass so etwas möglich ist. Dass es so plötzlich passierte, macht mir Angst. Mein Aufruf an alle demokratisch gesinnten Menschen ist daher: Wir müssen jetzt zusammenhalten!

Konstantin Wecker

Als Reaktion auf eine von Rechtsextremen dominierte Demonstration im sächsischen Chemnitz hat Konstantin Wecker das Album »Sage Nein!« veröffentlicht. Darauf versammelt sind »antifaschistische Lieder« aus der langen Karriere des Münchener Musikers und Komponisten, zum Teil textlich aktualisiert oder auch mehrsprachig übersetzt. Im Interview mit Ralf Krämer spricht Wecker über den Erfolg von AfD und FPÖ, die Verbindung von Kapitalismus und Faschismus und erklärt, warum er mit dem Wort »Stolz« nicht viel anfangen kann. Foto: imago/Lindenthaler

Es gab schon in den letzten 30 Jahren immer wieder Ausschreitungen und Anschläge, die Anlass gaben, gegen Neonazis und Rassismus zu demonstrieren. Was macht den Unterschied aus?

Jetzt geht es um Menschen, die eigentlich von sich weisen würden, Nazis zu sein. Sie haben aber trotzdem dasselbe Gedankengut und kein Problem damit, sich mit Nazis abzugeben. Vor zehn Jahren gab es die bekennenden Neonazis, und der Rest der Gesellschaft hat sich von denen distanziert.

Sie halten nichts von der These, dass es auch in Deutschland schon lange ein größeres Spektrum potenzieller Wähler einer rechtspopulistischen Partei gibt, die sich aber jetzt erst zunehmend an die Öffentlichkeit trauen?

Doch, mittlerweile bin ich leider auch davon überzeugt.

Innerhalb der AfD scheint die Frage, wie rechts die Partei nun wirklich sein will, immer wieder umstritten.

Bei der AfD gibt es vielleicht noch ein paar, die sagen, dass sie sich nicht mit Nazis abgeben wollen. Aber Weiterlesen »Nationalisten und Patrioten sind Idioten«

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Editorial: Diese Geste …

http://www.melodieundrhythmus.com/mr-1-2017/editorial-diese-geste/
editorial
Ob neurechter Kulturrassismus, neokonservative Kriegsideologie, Paläokonservatismus, rechtspopulistische Heimattümelei, Neonazismus – die Front des Rechtstrends in der westlichen Welt und Osteuropa wird breiter. Leider sind immer auch Popmusiker als Propagandisten für Unsägliches zur Stelle. Die Popularität von Phänomenen wie Pro-Pegida-Hip-Hop, Rock Against Communism (die Bewegung erlebt ihren zweiten Frühling) und National Socialist Black Metal ist ein Anzeichen dafür, dass der große Traum der Rechten, kulturelle Hegemonie zu erlangen, eines Tages Realität werden könnte.

Seit Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise werden das »Lösungsmodell« Krieg, Entdemokratisierung und Durchsetzung autoritärer Regimes – auch Regime Changes – angewendet. Selbst die brutalste Form bürgerlicher Herrschaft scheint (wieder) eine Option zu sein. »Der Faschismus hat gezeigt, wie man den Terror institutionalisiert, um das kapitalistische System zu retten«, schrieb Herbert Marcuse 1973 angesichts der zahlreichen von den USA in stallierten Militärjuntas in Südamerika und der gewaltsamen Transformation Chiles zum Testlabor des totalen Marktes. Eine aus guten Gründen unterschlagene Wahrheit: Der Neoliberalismus ist nicht gewählt worden – er wurde an die Regierung geputscht.
Marcuses Analysen sind bedrückend aktuell. Warnte er doch davor, sich blind darauf zu verlassen, dass die allgemeine Verblendung nie stark genug werden kann, um den Faschismus durch demokratische Wahlen an die Macht zu bringen. Das Kopfan- Kopf-Rennen im US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen einer von Wall Street, Rüstungsindustrie und saudi-arabischen IS-Unterstützern gesponserten Neocon- Kriegstreiberin mit dem Potenzial, einen Dritten Weltkrieg anzuzetteln, und einem größenwahnsinnigen Oligarchen, der die Sozial-, Umwelt- und Emanzipationspolitik ins Postkutschen-Zeitalter zurückkatapultieren möchte, hat deutlich gemacht: Nichts ist unmöglich.
Entsprechend entdeckt die Kulturindustrie ihre Möglichkeiten. Sei es die sukzessive Aufweichung der noch nie besonders klaren Grenzen nach rechts (2016 präsentierte MTV Unplugged zum ersten Mal einen Künstler mit Blut-und-Boden-Akzenten) oder die Zurichtung des Antifaschismus zur Marke, wie sie von Labels und Bands aus dem Subkultur-Milieu, u. a. durch Kooperationen mit der Modebranche, betrieben wird: Überall profitiert die Unterhaltungsindustrie von der allgemeinen Verunsicherung und Verwirrung in der Gesellschaft – vor allem von der Invalidität der Linken. Natürlich auch in der genuin rechts angesiedelten und zunehmend rabiat agierenden »bürgerlichen Mitte«: Karrierebewusste Mainstream-Musikanten posieren vor Bundeswehrpanzern (und anderem für völkerrechtswidrige Militärinterventionen tauglichem Gerät) oder profilieren sich als Jubelperser der »Agenda 2010«: »Es ist alles so getrieben von Angst«, echauffiert sich Punkrocker Bela B, der sich für einen »sympathischen Millionär« hält, über den wachsenden Unmut der Bevölkerung. »Uns geht’s total gut in diesem Land. Wir haben die geringste Arbeitslosenzahl seit der Wende.«
Mit derartiger Ignoranz der Macht wird nolens volens der Harmoniegesang zu den rechten Tönen derer angestimmt, die ganz genau wissen, was sie wollen, und den vielen Millionen, die durch die neoliberale Umverteilung von unten nach oben in die Armut gestürzt werden, zum Ausdruck, aber keineswegs zu ihrem Recht verhelfen wollen. Die Zeichen stehen günstig. Die Linke sei auf theoretischer und intellektueller Ebene »weit zurückgefallen und hat weitgehend ihre eigenen Ideale verraten«, frohlockte unlängst ein führendes Organ der Neuen Rechten. Die Sängerinnen der völkischen Frauenband Les Brigandes aus Frankreich haben längst verstanden, dass diese Diagnose nicht abwegig ist. »Diese Geste … diese Geste …«, fordern sie mit einem nonchalanten Lächeln unausgesprochen, aber eindeutig zum Tabubruch auf: Warum eigentlich nicht mal wieder den rechten Arm heben? Ja, geht’s noch?!
Liebe Leser, lassen Sie uns mit einer Gegenkultur antworten, die nicht das kleinere Übel predigt, sondern den längst fälligen Wiederaufbau einer schlagkräftigen Fundamentalopposition vorantreibt und die das Credo aller Antifaschisten wieder Praxis werden lässt. ¡No pasarán!
Susann Witt-Stahl

Chefredakteurin M&R
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Die Innenseite des Klassenkampfes

https://www.jungewelt.de/2016/12-19/069.php
Pädagogische Dressurakte können seelische Schäden erzeugen, von denen der Rechtspopulismus profitieren kann. Einige Anmerkungen zur Sozialpsychologie des Faschismus in Vergangenheit und Gegenwart

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In Krisenzeiten werden die vermeintlich anderen dämonisiert und aus dem imaginierten Kollektiv ausgeschlossen. Die Voraussetzung dafür ist eine Gefühllosigkeit, die oftmals Folge gesellschaftlich erzeugter psychischer Deformierungen ist – Pegida-Demonstration in Dresden am 9.1.2016
Foto: Wolfgang Rattay/Reuters
Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gefängnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. In der Edition des Georg-Büchner-Clubs erschien im Juli 2016 unter dem Titel »Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst« der zweite Band seiner »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«. Dort hat er soeben unter dem Titel »Es ist besser, stehend zu sterben als kniend zu leben! No pasarán!« auch ein Bändchen über den Spanischen Bürgerkrieg veröffentlicht.

Eines Tages erzählte mir ein Gefangener, er verspüre gelegentlich Lust, einem Bettler den Hut wegzutreten. Ich war schockiert und begann mich zu fragen, wie es sein kann, dass angesichts der Not eines Mitmenschen der eine den Impuls verspürt zu helfen, der andere aber Wut auf einen »Schmarotzer« entwickelt, der sein Brot nicht »im Schweiße seines Angesichts« verdient. Wie kommt es zu derart unterschiedlichen Reaktionen? Die Fragestellung weitete sich im Laufe der Zeit aus: Warum tendieren manche Menschen nach links, werden zu libertären Sozialisten, Kommunisten oder Anarchisten, und warum werden andere zu Rechten oder Faschisten? Ich bin im Kontext meiner Beschäftigung mit dem Spanischen Bürgerkrieg erneut auf dieses Problem gestoßen. Geht es lediglich um ideologische Prägungen, die meist in der Pubertät erfolgen und Weichen für die Entwicklung in die eine oder andere Richtung stellen? Der eine trifft in der sensiblen Phase der Orientierungssuche auf eine Gruppe Linker, der andere gerät an Faschisten. Solche Zufälle spielen sicher eine Rolle, aber ganz so einfach scheint es nicht zu sein. Die Entscheidung für die eine oder die andere Seite hat ihre triebmäßige Basis und wurzelt in psychischen Prozessen, die entweder lebendig mäandern und pulsieren oder eingefroren und erstarrt sind.

»Früh in der Kindheit«, berichtet Theodor W. Adorno in seinem Buch »Minima Moralia«, »sah ich Weiterlesen Die Innenseite des Klassenkampfes

Mit allen, die es ehrlich meinen

http://www.jungewelt.de/m/2016/02-02/049.php
Thema / Markell Mann und Julia Meier / 02.02.2016
Dem Faschismus die Massenbasis unmöglich machen: Am 18. Januar 2…

Christian Ditsch.de
Die Bundesrepublik braucht eine starke antifaschistische Bewegung. Seit Jahresbeginn hat die Hetze gegen Flüchtlinge und Migranten weiter zugenommen, die Zahl der Anschläge auf Asylbewerberheime wächst zudem. Bereits im vergangenen Jahr begann auf diesen Seiten eine Debatte darum, wie ein moderner Antifaschismus aufgestellt sein muss. Den Anfang machte am 13. Mai Jürgen Lloyd von der Deutschen Kommunistischen Partei. Am 28. Mai schrieb Peter Schaber vom Lower Class Magazine, Antifaschisten müssten sich den Antiimperialismus wieder aneignen. Marcus Staiger, bekannt aus der deutschen Hiphop-Szene, äußerte sich auf diesen Seiten am 11. Juli über den Zusammenhang von Patriotismus und Neofaschismus. Zum 6. Januar 2016 stellte sich dann die »Offensive gegen Rechts«, ein erfolgreiches österreichisches Bündnis, vor. Im Folgenden legt die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) ihr Konzept eines Antifaschismus dar, der sich an den Interessen der Werktätigen orientiert. (jW)
Pegida auf den Straßen, AfD in den Talkshows, brennende Flüchtlingsheime und Badeverbot für Ausländer. Droht uns heute in Deutschland der Faschismus? Das Lebensinteresse der großen Mehrheit in dieser Gesellschaft spricht dagegen. Wer lernt, arbeitet oder studiert, hat zumeist kein Interesse an einer Terrorherrschaft, dessen Opfer man selber werden würde, genauso wenig haben das Erwerbslose. Doch sogar denen die nicht arbeiten müssen, weil sie ausreichend Kapital besitzen, kann nicht einfach unterstellt werden, nach dem Faschismus zu streben. Bislang konnte sich das Kapital in der Bundesrepublik noch stets auf die parlamentarische Demokratie verlassen. Sie integriert die Menschen nach wie vor relativ erfolgreich in das bestehende System und sorgt damit für die Stabilität der Verhältnisse.
Unabwendbar ist der Faschismus also nicht. Weder wird er unvermeidlich zur Herrschaftsform, noch steht fest, dass es auf alle Zeit eine faschistische Bewegung im Kapitalismus gibt. In bestimmten Situationen bietet sich der Faschismus den Herrschenden jedoch an. Weiterlesen Mit allen, die es ehrlich meinen

Deutscher Faschismus 2.0: das weltweite Erfolgsmodell – die Gesellschaft der Angst

http://www.nachrichtenspiegel.de/2015/10/29/deutscher-faschismus-2-0-das-weltweite-erfolgsmodell-die-gesellschaft-der-angst/

Digital StillCamera
Donnerstag, 29. Oktober 2015. Eifel. In welcher Zeit leben wir eigentlich? Blöde Frage, oder? Und doch interessiert mich Ihre Antwort. Antworten aus den USA zeigen, dass wir – angeblich – am „Ende der Geschichte“ angekommen sind: nach dem Ende der Sowjetunion hat die demokratische Zivilgesellschaft ihr Endziel erreicht, die Geschichte hat alles ausdiskutiert, unsere Aufgabe ist es nur noch, sie zu rekonstruieren und gemütlich im Wohnzimmer zu diskutieren. Eine feine Vorstellung, oder? Damit hat die demokratische Zivilgesellschaft die Ideale eines Adolf Hitler … bzw. die Ideale seiner heute noch wirksamen Anhänger … vollendet in die Tat umgesetzt. Hitler gab vor, was der Deutsche brauchte: ein Radio (Fernsehen war damals noch nicht in großem Umfang realisierbar), ein Auto (samt Autobahnen), einen Kühlschrank und natürlich: eine Wohnung, wo er mit seiner Frau und seinen Kindern allein vor sich hin lebte: ein erfolgreiches Lebensmodell, dass die Nürnberger Prozesse unbeschadet überstand und noch siebzig Jahre später den Alltag des ganzen deutschen Volkes (ja, der ganzen, zivilisierten Welt) bestimmt – ohne, dass sich jemand groß darüber aufregt. Weiterlesen Deutscher Faschismus 2.0: das weltweite Erfolgsmodell – die Gesellschaft der Angst