Esther Bejarano übergibt Petition an Bundestag

https://www.juedische-allgemeine.de/politik/esther-bejarano-uebergibt-petition-an-bundestag/

Darin fordert die 95-jährige Holocaust-Überlebende, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu machen

07. Mai 2020 – 13. Ijar 5780

Esther Bejarano Foto: Gesche M. Cordes

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano wird am Donnerstag dem Bundestag eine Petition »8. Mai zum Feiertag machen!« übergeben. 

Die bislang 91.000 Unterschriften würden die Bundestagsvizepräsidentinnen Claudia Roth (Grüne) und Petra Pau (Linke) sowie die Bundestagsabgeordneten Canan Bayram (Grüne) und Cansel Kiziltepe (SPD) entgegennehmen, kündigte die Petitionsplattform »change.org« am Mittwoch in Berlin an. Die Petition hatte Bejarano gemeinsam mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) gestartet.

BEFREIUNG Darin fordert die 95-jährige Holocaust-Überlebende, den 8. Mai zum bundesweiten Feiertag zu machen. Das sei überfällig seit sieben Jahrzehnten. »Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes«, erklärte Bejarano. Eine weitere Petition auf der Petitionsplattform von Campact, »weAct«, sammelte mehr als 11.000 Unterschriften für das Anliegen. Nur in Berlin ist in diesem Jahr der 8. Mai ein einmaliger Feiertag wegen des 75. Jahrestages des Kriegsendes.

Die 1924 in Saarlouis geborene Esther Bejarano überlebte als Mitglied des »Mädchenorchesters« das deutsche Vernichtungslager Auschwitz und konnte vor 75 Jahren auf dem Todesmarsch der Häftlinge des KZ-Ravensbrück der SS entkommen. Sie ist Ehrenvorsitzende des VVN-BdA, Vorsitzende des Deutschen Auschwitz-Komitees und mit über 95 Jahren Sängerin der Hip-Hop-Band Microphone Mafia.  epd

Man darf nicht schweigen und nicht vergessen

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Mehrmals im Verlauf des Interviews klingelt das Telefon in Esther Bejaranos Wohnzimmer in Hamburg – das Treffen hat noch vor der Corona-Pandemie stattgefunden. Jedes Mal geht sie ran, aber immer mit dem Ziel, das Gespräch so schnell wie möglich zu beenden. „Ja, ich bin diese Holocaust-Überlebende“, sagt sie einmal, als jemand am anderen Ende der Leitung offenbar nicht gut vorbereitet ist, „da müssen Sie später wieder anrufen.“ Und legt auf. Anschließend versinkt sie wieder ganz tief in ihren großen Sessel.

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Dass Menschen Anrufer abwimmeln, wenn sie gerade etwas anderes zu tun haben, ist nicht ungewöhnlich. Bei Esther Bejarano ist es anders, sie kann eine Mauer um sich errichten, an der niemand vorbeikommt. Und die sie selber einreißt, sobald sie einmal ins Erzählen gekommen ist. „Ich will die Menschen aufklären, was damals geschah. Man darf nicht schweigen und nicht vergessen“, sagt sie. „Damals“, damit meint sie die NS-Diktatur.

Wer Esther Bejarano besucht, trifft eine kleine Frau mit grauen Haaren, die zart und resolut zugleich wirkt. 95 Jahre ist sie alt, sie hat Auschwitz überlebt, verlor im Holocaust ihre Eltern und ihre Schwester.

Offenen Brief an den Bundespräsidenten

Die geborene Esther Loewy aus Saarlouis, Tochter eines jüdischen Kantors, war 16 Jahre alt, als ihre geplante Ausreise nach Palästina scheiterte, sie Zwangsarbeiterin in Brandenburg wurde. Zwei Jahre später, 1943, deportierten die Nazis sie nach Auschwitz. Sie überlebte als Akkordeonspielerin im „Mädchenorchester“, kam dann ins KZ Ravensbrück, konnte schließlich von einem „Todesmarsch“ fliehen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Esther Bejarano einige Jahre in Israel, heiratete, bekam zwei Kinder – bis es die Familie 1960 nach Deutschland zurückzog. Von Hamburg aus mischt sie sich noch heute immer wieder ein in Debatten, sie geht in Schulen, tritt mit der Band Microphone Mafia auf, die auf verschiedenen Sprachen rappt. Damit das, was sie erleben musste, nie wieder passiert.

Esther Bejarano ist in großer Sorge um die Zukunft. In einem Offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte sie Weiterlesen Man darf nicht schweigen und nicht vergessen

8. Mai als Tag der Befreiung etablieren

Bereits 40.000 unterstützen Esther Bejeranos Forderung nach einem gesetzlichen Feiertag

Esther Bejarano Foto: dpa

Die Petition der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano für einen gesetzlichen Feiertag am 8. Mai wird bereits von mehr als 40.000 Menschen unterstützt. Als nächstes Ziel waren am Montag auf der Plattform change.org 50.000 Unterschriften angegeben.

Die 95-Jährige, die das NS-Vernichtungslager Auschwitz und das KZ Ravensbrück überlebt hat, hatte die Petition vor wenigen Tagen zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkriegs gestartet.

Niederschlagung Der 8. Mai, so schrieb Bejarano in ihrem Appell sei »ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann«. Das sei seit sieben Jahrzehnten überfällig, so die 95-Jährige. Und es helfe »vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes.«

Die Überlebende des Mädchenorchesters von Auschwitz hatte sich bereits in einem offenen Brief am 26. Januar »an die Regierenden und alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen« gewandt.

»Die militärische Zerschlagung des Faschismus durch die Alliierten, Partisanen und Partisaninnen sowie Widerstandskämpfer und -Kämpferinnen als Befreiung zu begreifen«, so Bejarano in ihrer Petition weiter, »bedeutet die richtigen Schlüsse zu ziehen und auch so zu handeln. Es ist nicht hinnehmbar, dass 75 Jahre danach extreme Rechte in allen deutschen Parlamenten sitzen und in immer rascherer Folge Mord auf Mord folgt.«

Netzwerke Die Lehren des 8. Mai umzusetzen, bedeute unter anderem »AfD, NPD und ihre Verbündeten aufzuhalten, das Treiben gewalttätiger und mordender Neonazis zu unterbinden, ihre Netzwerke in Polizei, Bundeswehr aufzudecken und aufzulösen, einzugreifen, wenn Jüdinnen und Juden, Muslime, Roma und Sinti und andere, die nicht in das Weltbild von Nazis passen, beleidigt und angegriffen werden.«

Geflüchtete müssen in Deutschland aufgenommen und die Logik des Militärischen durchbrochen werden, fordert Bejarano.

Bejarano forderte darüber hinaus dazu auf, »Geflüchtete in Deutschland aufzunehmen, die Logik des Militärischen zu durchbrechen und Waffenexporte zu verhindern und die Diffamierung und Behinderung demokratischer und antifaschistischer Gruppen und Organisationen durch Geheimdienste und Finanzämter zu beenden.«

Der 8. Mai müsse daher ein Feiertag werden, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann, betonte Bejarano zum Start der Petition einen Monat vor dem 75. Jahrestag: Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis geboren und ist Vorsitzende des Deutschen Auschwitzkomitees. Heute ist sie auch als Sängerin der Hip-Hop-Band Microphone Mafia bekannt. epd/ja

Petition unterschreiben

change.org


Ich überlebte als Mitglied des „Mädchenorchesters“ das deutsche Vernichtungslager Auschwitz und konnte vor 75 Jahren auf dem Todesmarsch der Häftlinge des KZ-Ravensbrück der SS entkommen. Ich bin Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der BRD e.V und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes -Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten.

Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes. Dies schrieb ich in einem offenen Brief am 26. Januar 2020 „an die Regierenden und alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen“.

Die militärische Zerschlagung des Faschismus durch die Alliierten, Partisan*innen und Widerstandskämpfer*innen als Befreiung zu begreifen, bedeutet die richtigen Schlüsse zu ziehen und auch so zu handeln. Es ist nicht hinnehmbar, dass 75 Jahre danach extreme Rechte in allen deutschen Parlamenten sitzen und in immer rascherer Folge Mord auf Mord folgt.

Die Lehren des 8. Mai umzusetzen, bedeutet für uns:

  • AfD, NPD und ihre Verbündeten aufzuhalten,
  • das Treiben gewalttätiger und mordender Neonazis zu unterbinden, ihre Netzwerke in Polizei, Bundeswehr aufzudecken und aufzulösen,
  • einzugreifen, wenn Jüdinnen und Juden, Muslime, Roma und Sinti und andere, die nicht in das Weltbild von Nazis passen, beleidigt und angegriffen werden,
  • Geflüchtete in Deutschland aufzunehmen,
  • die Logik des Militärischen zu durchbrechen und Waffenexporte zu verhindern und
  • die Diffamierung und Behinderung demokratischer und antifaschistischer Gruppen und Organisationen durch Geheimdienste und Finanzämter zu beenden.

Sonntagsreden, die Betroffenheit zeigen, reichen nicht. Es muss gestritten werden für die neue Welt des Friedens und der Freiheit, die die befreiten Häftlinge im Schwur von Buchenwald als Auftrag hinterlassen haben. Ein offizieller bundesweiter Feiertag wäre dafür die regelmäßige Verpflichtung. – Nicht nur, aber eben auch an jedem 8. Mai.

Deshalb: Achter Mai – arbeitsfrei! Zeit für Antifaschismus!

Esther Bejarano und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes -Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA)

Foto: Ulf Stephan | R-mediabase

Esther Bejarano kritisiert Gemeinnützigkeits-Entzug von Verein

Die Holocaust-Überlebende fordert Bundesregierung auf, Entscheidung rückgängig zu machen

Esther Bejarano Foto: Gesche M. Cordes

Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano hat die Bundesregierung aufgefordert, gegen die Aberkennung der Gemeinnützigkeit für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) vorzugehen.

»Als zuständiger Minister der Finanzen fordere ich Sie auf, alles zu tun, um diese unsägliche, ungerechte Entscheidung der Aberkennung der Gemeinnützigkeit der Arbeit der VVN-BdA rückgängig zu machen und entsprechende Gesetzesänderungen vorzuschlagen«, schrieb Bejarano in einem offenen Brief an Finanzminister Olaf Scholz (SPD), der am Montag veröffentlicht wurde.

«kränkung» Die 94-jährige Ehrenvorsitzende der VVN-BdA bezeichnete die Entscheidung vor dem Hintergrund alltäglicher rechtsextremer Bedrohungen als »Kränkung«. »Das Haus brennt – und Sie sperren die Feuerwehr aus!«, schrieb sie.

Die Vereinigung wurde von Überlebenden der deutschen Konzentrationslager gegründet, nimmt aber auch jüngere Antifaschisten auf. Das Berliner Finanzamt für Körperschaften I hatte dem Verein die Gemeinnützigkeit entzogen, weshalb ihm nun nach eigenen Angaben hohe Steuernachzahlungen drohen. In einem Schreiben des Finanzamts wird die Entscheidung damit begründet, dass der Verein in den Verfassungsschutzberichten Bayerns seit Jahren als linksextreme Vereinigung geführt wird.  dpa

Jetzt auf DVD: »Losgelöst von allen Wurzeln …« − der Film

Melodie und Rythmus
http://www.melodieundrhythmus.com/aktuelles/losgeloest-film/

Eine Wanderung zwischen den jüdischen Welten

Begleitet von ihrem langjährigen Freund, dem Schauspieler Rolf Becker, sprachen Esther Bejarano, Sängerin und ehemaliges Mitglied des Mädchenorchesters von Auschwitz, und Moshe Zuckermann, Historiker und Kunsttheoretiker aus Tel Aviv, auf zwei von der Kulturzeitschrift Melodie & Rhythmus (M&R) initiierten Veranstaltungen in Berlin und Hamburg über ihre jüdischen Erfahrungen mit der untergegangenen Welt der Diaspora, ihr Leben im Täterland und im modernen zionistischen Staat. M&R und die Tageszeitung junge Welt präsentieren eine Filmdokumentation mit ausgewählten Szenen.
Die Premiere des rund zweistündigen Films wird am Donnerstag, den 2. Februar, 19 Uhr,

mit Rolf Becker in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6, Berlin, stattfinden. Der Eintritt ist frei.
Nähere Informationen und Kontakt: http://www.melodieundrhythmus.com/mr-1-2017/losgeloest/
Die DVD erhalten Sie im M&R-Onlineshop für 9,90 Euro pro DVD, zzgl Versandkosten von 3,90 Euro.