Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation

versão portugesa

Ein Gespräch über die Entstehung und Entwicklung der Wertkritik, die fundamentale Krise des Kapitalismus und den fortschreitenden gesellschaftliche Irrationalismus

Interview mit Ernst Lohoff und Norbert Trenkle (Gruppe Krisis)
von Marcos Barreira und Javier Blank (Rio de Janeiro)[1]

Zu Beginn würden wir gerne ein wenig über die Anfänge des theoretischen Projekts der Zeitschrift Krisis, die seit über 30 Jahren existiert, und den Kontext der deutschen Linken in den 1980er-Jahren, sprechen. Wie kam es zur Entstehung der Zeitschrift und welche waren die anfänglichen Ziele? 

Ernst Lohoff: Anfang der 1980er-Jahre war die neomarxistische Welle, die im Gefolge der 1968er-Bewegung alle westlichen Länder erfasst hatte, auch in der BRD am Abflauen. Vor allem die akademische Linke geriet damals zunehmend in den Sog postmodernistischer Ansätze. Und auch die Protestlandschaft hatte sich gegenüber der ersten Hälfte der 1970er-Jahre grundlegend verändert. Gruppen mit einem allgemeinen antikapitalistischen Anspruch zerfielen oder wurden marginalisiert. Stattdessen beherrschten Ein-Punkt-Bewegungen die Szene – in der BRD waren das vor allem die Ökologie- und die Friedensbewegung.

Die Initiatoren des Projekts Krisis sahen in diesen Entwicklungen Symptome einer fundamentalen Krise radikaler Kapitalismuskritik, an der die Neue Linke ein gehöriges Maß an Mitschuld trug. Vor allem ein entscheidendes Versäumnis trieb uns um: Die Neue Linke hatte Weiterlesen Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation

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Zur Geschichte und Entwicklung der Wertkritik

Neu auf www.krisis.org

Soeben erschienen ist ein ausführliches Interview mit Ernst Lohoff und Norbert Trenkle zur Geschichte und Entwicklung der Wertkritik. Darin beschreiben diese die wichtigsten Stationen im Prozess der Theoriebildung und die Schwerpunkte der Kritik der letzten dreißig Jahre. Sie erläutern zentrale wertkritische Begriffe und Kategorien und zeigen, wie diese seit den 1980er und 1990er Jahren weiterentwickelt worden sind, um die Analyse zu schärfen.

Die beiden Krisis-Autoren verweisen dabei nicht nur auf die Präzisierung und Neujustierung der Krisen- und Geldtheorie im Anschluss an das Buch Die große Entwertung, sondern auch auf die Subjektkritik und die Untersuchungen zu den subjektiven Verarbeitungsformen der Krise (Rassismus, Islamismus, Antisemitismus, „Kampf der Kulturen“ etc.) sowie zur dramatisch verschärften Verfallsdynamik der Politik. Das Interview enthält eine umfangreiche Bibliographie, die es ermöglicht, die angesprochenen Aspekte und Themen weiter zu verfolgen und zu vertiefen.

Das Interview führten Marcos Barreira und Javier Blank (Rio de Janeiro) durch. Deshalb erscheint es zeitgleich auf portugieisich und auf deutsch:

Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, „Es bedarf einer neuen Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation“

Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, „É preciso uma nova perspectiva de emancipação social“

Erweiterter Selbstmord

https://jungle.world/artikel/2018/31/erweiterter-selbstmord?page=all

02.08.2018

Donald Trumps Handelskonflikte mit der EU und China

Wie der Trump’sche Handelskrieg die kapitalistische Weltordnung erschüttert.

Sind so kleine Hände: Trump und Juncker treffen sich im Weißen Haus, 25. Juli

picture alliance / Kevin Dietsch

Wie schon Clausewitz wusste, beginnen Kriege erst mit der Verteidigung. Der EU-Führung scheint klar zu sein, dass das auch für Handelskriege gilt. Jedenfalls hat sie angesichts der von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium nur mit mehr oder minder symbolischen Maßnahmen geantwortet. Im Juli traten Zölle auf Bourbon-Whiskey, Erdnussbutter und ähnliche Nischenprodukte in Kraft. Parallel dazu reichte die um Schadensbegrenzung bemühte EU Klage bei der Welthandelsorganisation WTO ein, wohl wissend, wie wenig die US-Administration sich um einen für sie ­ungünstigen Richterspruch scheren wird. Ansonsten signalisiert die EU, mit der schwachen Hoffnung, die US-Regierung vielleicht doch noch ab­zuschrecken, dass mit der Einführung von Strafzöllen auf Autos die »rote ­Linie«, wie es oft heißt, überschritten wäre.

Während der transatlantische Handelsstreit nach dem »Deal« zwischen Jean-Claude Juncker und Trump erst einmal vor sich hin schwelt, stehen die Zeichen im Konflikt der USA mit China auf Eskalation. Das liegt zum einen an der Taktik der chinesischen Regierung, die auf Weiterlesen Erweiterter Selbstmord

Wenn Reichtum Reichtum vernichtet

http://www.krisis.org/2015/wenn-reichtum-reichtum-vernichtet
Der inverse Kapitalismus und seine Grenzen
von Ernst Lohoff
In der sozialwissenschaftlichen Diskussion hat sich als Bezeichnung für die aktuelle Entwicklungsstufe unseres Wirtschaftssystems der Begriff des Finanzmarktkapitalismus eingebürgert. Bedeutete bis in die 1970er Jahre hinein Kapitalakkumulation vor allem die Vermehrung des in der Güterproduktion eingesetzten Kapitals, so hat diese heute in allererster Linie die beschleunigte Anhäufung von Finanzpapieren zum Inhalt. Bereits Karl Marx unterschied zwischen fiktivem Kapital, das unseren finanziellen Reichtum abstrakt vermehrt, und fungierendem Kapital, das unseren sinnlich-stofflichen Reichtum konkret vergrößert. Mit dem Siegeszug des fiktiven Kapitals ist die Auslöschung des sinnlich-stofflichen Reichtums, mithin unserer Lebensgrundlagen, absehbar.
Eine Analyse des Kapitalismus in seiner heutigen Gestalt muss dem Aufstieg der Finanzindustrie zum eigentlichen Wirtschaftsmotor Rechnung tragen. Aber welche Funktion und welchen Charakter haben Kapitalmarktwaren und warum konnten die Geld- und Kapitalmärkte zum eigentlichen Motor der Wirtschaft aufsteigen?

Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen, dürfte kaum jemand an die Marxsche Theorie denken. Dem landläufigen Verständnis führt die Kritik der Politischen Ökonomie alle Kapitalbildung auf die Vernutzung lebendiger Arbeit zurück und betrachtet das Finanzmarkttreiben als Nullsummenspiel, bei dem nur vorhandener Reichtum neu verteilt wird. Diese Auffassung fällt aber weit hinter die Erkenntnisse zurück, die Marx tatsächlich in seinem theoretischen Hauptwerk entwickelt hat. Im Kapital wird keineswegs unterstellt, dass Kapitalbildung immer auf vorgängige Wertproduktion zurückgehen muss. Weil Marx systematisch zwischen sinnlich-stofflichen Reichtum einerseits und abstrakten Reichtum andererseits unterscheidet, kann er begrifflich zwischen zwei Grundtypen von Kapital höchst unterschiedlicher Herkunft differenzieren: Weiterlesen Wenn Reichtum Reichtum vernichtet

Out of Area – Out of Control (2. Teil)

http://www.streifzuege.org/2015/out-of-area-out-of-control-2-teil-2

05 Jun 2015
Warengesellschaft und Widerstand im Zeitalter von Deregulierung und Entstaatlichung

2. Teil: Fight Back
Streifzüge 32/2004
von Ernst Lohoff
Resümee des ersten Teils
Den gegenwärtigen Kapitalismus kennzeichnet das Auseinandertreten von sinnlich-stofflichem und monetärem Reichtum. Für die Warengesellschaft hat Reichtum nur insofern Existenzrecht, als er als Darstellungsform abstrakter Arbeit taugt. Diese Transformation wird aber zunehmend zum Problem. Der Marktradikalismus ist zugleich ideologischer Reflex und Verarbeitungsform dieses basalen und unhintergehbaren Systemwiderspruchs. Mit seinem breit angelegten Kommodifizierungs- und Deregulierungsprogramm setzt er sich darüber hinweg, dass sich die allgemeinen Voraussetzungen der Warenproduktion nur um den Preis schwerer Verwerfungen selber als Warenproduktion organisieren lassen. Diese Aufgabe lag, vom kapitalistischen Standpunkt aus gesehen aus guten Gründen, bis dato beim staatlichen Gesamtkapitalisten. Das marktradikale Konzept halluziniert den fundamentalen Unterschied von Maschine und Brennstoff und läuft strukturell auf den Versuch hinaus, das warengesellschaftliche Schiff durch sukzessive Selbstverheizung noch eine Weile unter Dampf zu halten. Weiterlesen Out of Area – Out of Control (2. Teil)

Out Of Area – Out Of Control (1. Teil)

http://www.streifzuege.org/2015/out-of-area-out-of-control-1-teil#more-330

04 Jun 2015
Streifzüge 31/2004
Warengesellschaft und Widerstand im Zeitalter von Deregulierung und Entstaatlichung

1. Teil: Der fatale Endsieg der Ware
VORLAUF SOZIALKRIKTIK
von Ernst Lohoff
I. Die Unselbständigkeit der Politik
1.
Seit den Tagen des Ersten Weltkriegs bis tief in die 70er Jahre hinein galt es als ausgemacht: Zukunft hat nur eine durch Staatseingriffe modifizierte und sozial eingehegte Marktwirtschaft. Insbesondere zur Zeit des Nachkriegsbooms teilten alle tonangebenden gesellschaftlichen und politischen Kräfte in den Weltmarktzentren diese Perspektive. In den 60er Jahren firmierte dieses Programm hierzulande unter dem Markennamen “Soziale Marktwirtschaft”, in den USA zur gleichen Zeit unter dem Label “Great Society”. Da wie dort stand außer Frage, dass der Staat als Gegengewicht zum freien Spiel der Marktkräfte aufzutreten hat. Insbesondere der Sozialstaat wurde als Synonym von Modernität gefeiert und “Reformpolitik” bezeichnete an beiden Ufern des Atlantiks nichts anderes als dessen energischen Ausbau. Weiterlesen Out Of Area – Out Of Control (1. Teil)