Corona : „Der Neoliberalismus hat ausgedient“

Seit Anfang des Jahres arbeitet Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums, im Homeoffice. Noch nie habe er so viele Menschen getroffen wie in den vergangenen Monaten – aber eben nur virtuell, erzählt der 82-Jährige am Telefon. Seit 50 Jahren lädt er Regierungschefs, Majestäten, Vorstandsvorsitzende, Menschenrechtler und Umweltaktivisten ins schweizerische Davos, um sie ins Gespräch zu bringen. Im Januar 2021 wird es coronabedingt nur ein virtuelles Treffen geben. Das eigentliche Forum wurde auf den Frühsommer verschoben. Schwab hat die Zeit genutzt, um ein Buch über die Folgen der Corona-Krise zu schreiben („The Great Reset“, zusammen mit Thierry Malleret). Die deutsche Fassung erscheint Ende September.

ZEIT ONLINE: Herr Schwab, Ihr neues Buch könnte einige Leser überraschen. Die Zeit nach der Pandemie werde eine Phase massiver Umverteilung einleiten von den Reichen zu den Armen und von Kapital zu Arbeit, schreiben Sie. Das hört sich eher nach Linkspartei an und weniger nach Weltwirtschaftsforum.

Klaus Schwab:
 Vielleicht kennen mich viele Menschen einfach zu wenig. Ich stehe schon seit Jahren für einen verantwortungsvollen Kapitalismus ein. Derzeit sind wir mit zwei riesigen Herausforderungen konfrontiert: die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, auf nationaler und internationaler Ebene, sowie die Klimakrise. Diese Probleme müssen wir angehen. Und heute, mit der Corona-Pandemie, stellt sich noch eine dritte Herausforderung. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das widerstandsfähiger, inklusiver und nachhaltiger ist.

ZEIT ONLINE:
 Die Corona-Krise ist für Sie der Todesstoß für den Neoliberalismus. Was meinen Sie damit?

Schwab: Landläufig wird unter Neoliberalismus ein ungeregelter, ungehemmter Kapitalismus verstanden. Und gerade die Länder, die diese Strategie am stärksten vorangetrieben haben – beispielsweise die USAund Großbritannien – werden von Corona mit am härtesten getroffen. Die Pandemie hat somit einmal mehr gezeigt: Der Neoliberalismus in dieser Form hat ausgedient.

ZEIT ONLINE:
 Was ist Ihre Schlussfolgerung?

Ich plädiere nicht für eine Systemänderung. Ich plädiere für eine Systemverbesserung. 

Klaus Schwab

Schwab: Ich bin davon überzeugt, dass wir den Kapitalismus neu definieren müssen. Wir dürfen nicht nur das Finanzkapital berücksichtigen, sondern auch das Sozialkapital, das Naturkapital und das menschliche Kapital. Unternehmen, die heute erfolgreich sein wollen, müssen alle diese Komponenten Weiterlesen Corona : „Der Neoliberalismus hat ausgedient“

Ressentiment und Souveränismus

Neue Entwicklungen im Demonstrationsgeschehen um den Corona-Lockdown

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Beobachtungen

Unter den Linden steht am Samstag um halb Zehn ein „Friedenspanzer“, ein Bulli, der in großen Lettern „Stop Kapital Faschismus“ verkündet. Außerdem prangern an ihm die Schriftzüge „Bundeswehr abschaffen“ und eine alte Friedenstaube vor einem in deutsch-russischen Farben ausgefüllten Herz. Die Selbsterklärung in Nähe des Führerhäuschens verkündet: „Psst, dieser Fahrer träumt vom 1. Welt Frieden“, er fordert „Free Assange“ und in der hinteren Scheibe steht in falscher Orthographie: „Jedes Kind, dass heute VERHUNGERT, ist ERMORDET worden!!! Banken aber, werden GERETTET???“

Ein jüngeres Pärchen läuft an dem Wagen vorbei. Der junge Mann ist in Deutschlandfahne gehüllt, sie in eine Stars-and-Stripes-Fahne. Eine Gruppe leicht adipöser mittelalterlicher Männer und Frauen steht unter einem Dreifachensemble von Nationalfahnen. Ganz oben ist die russische, ganz unten die amerikanische, in der Mitte die Reichsfahne. Auf ihren T-Shirts steht „Bereit für den Weltfrieden“, eine stilisierte Taube hält eine US- und Russland-Fahne in dem Schnabel. Hinten stehen auf den weißen T-Shirts in dicken Lettern drei Begriffe: „Friedensvertrag – Souveränität – Freiheit“.

Die an allen möglichen Stellen der Demonstration erhobene Forderung nach einem „Friedensvertrag“ und die Häufung der Reichsfahnen sind das deutlichste Zeichen, dass längst nicht mehr die Anliegen der Lockdown-Skeptiker bei den Aufzügen dieser Regierungskritiker dominierend sind. Präsent sind auf die Lockdown-Maßnahmen bezogene Kommentierungen natürlich immer noch wie jene auf dem Schild einer grauhaarigen Frau in geblümter Hose: „Die gesundheitlichen Folgen der Corona-Massnahmen: – Existenzängste, – Einsamkeit, – Depression, – Wenig frische Luft und Sonne, – Weniger Sport, – Weniger Aktivität – Und damit will man die Gesundheit der Bevölkerung schützen?“

Die rechte Szene Weiterlesen Ressentiment und Souveränismus

Rechte Grundstimmung

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Teilnehmer einer rechten Kundgebung am Sonnabend auf den Stufen des Reichstagsgebäudes in Berlin

Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats haben am Sonnabend in Berlin Zehntausende aus dem ganzen Bundesgebiet und dem europäischen Ausland angereiste Menschen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie protestiert. Am Sonnabend nachmittag gelang es dabei Hunderten Faschisten, die zuvor eine vom »Reichsbürger« Rüdiger Hoffmann angemeldete Kundgebung vor dem Reichstag abgehalten hatten, die Absperrgitter zu überspringen und die nur schwach gesicherte Freitreppe des Parlamentsgebäudes mit ihren Fahnen zu besetzen. Zwar wurden sie schnell von der dann auch Pfefferspray einsetzenden Polizei vertrieben. Doch in rechten »sozialen Netzwerken« wurde der schon Tage zuvor angekündigte »Sturm auf den Reichstag« als Erfolg gefeiert.

Sonnabend mittag hatte die Polizei die Zahl der Demonstrierenden zunächst mit »mindestens 18.000« angegeben – nach allen Eindrücken vor Ort eine deutlich zu niedrig angesetzte Schätzung. Am Nachmittag sprach Polizeisprecher Thilo Cablitz schließlich von »mehreren zehntausend« Menschen auf der Straße des 17. Juni, wo die von der Stuttgarter Gruppe »Querdenken 711« angemeldete Kundgebung stattfand. Nach Polizeiangaben kam es am Nachmittag nach Stein- und Flaschenwürfen zu mindestens zwei Festnahmen. Zuletzt sprach die Polizei von bis zu 38.000 Teilnehmenden.

Kurz nach 14 Uhr war am Brandenburger Tor zu beobachten, wie in der Mitte des Pariser Platzes evangelikale Christen Lieder sangen. Auf T-Shirts stand »Christen im Widerstand« und »Jesus Christus Gottes Sohn Erretter«. Zwei, drei israelische Flaggen wurden geschwenkt. Wenige Meter weiter liefen einige NPD-Leute Richtung Unter den Linden. Sie trugen Schilder, auf denen mit »Unsere Freiheit ist unverhandelbar« für das Parteiblatt Deutsche Stimme geworben wurde. Am nördlichen Rand des Platzes hatte sich die Falun-Gong-Sekte mit einem Infostand plaziert und verkündete auf einem Plakat: »Das bösartigste Virus auf der Welt ist die Kommunistische Partei Chinas.« Auf der anderen Seite des Platzes, vor der US-Botschaft, wurde mit Sprechchören ein »Friedensvertrag« gefordert. Hier hatten sich ein paar hundert »Reichsbürger« versammelt, die schwarz-weiß-rote Fahnen und US-Flaggen mit sich führten. Eine ähnliche Kundgebung fand auch vor der russischen Botschaft statt, wo sich bis zu rund 3.000 »Reichsbürger« und Neonazis versammelten.

Am frühen Nachmittag strömten Menschen in Richtung der bereits gut gefüllten Straße des 17. Juni. Eben noch hatte die Polizei die Auflösung der Demonstration gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie auf der gesamten »Antretestrecke« – dem westlichen Teil der Straße Unter den Linden und der Friedrichstraße – angeordnet. Begründung: Die nach der Infektionsschutzverordnung vorgesehenen Mindestabstände wurden von den Teilnehmern »flächendeckend trotz wiederholter Aufforderung nicht eingehalten«.

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Da vom Brandenburger Tor her ständig Menschen Weiterlesen Rechte Grundstimmung

Erfolg mit Symbolkraft

jungewelt.de

Volker Hermsdorf

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Alexandre Meneghini /REUTERS

»Eine medizinische, wissenschaftliche und solidarische Macht«: Kubanische Ärzte auf dem Weg zu einem internationalistischen Einsatz (Havanna, 4.6.2020)

 

Hintergrund:Corona in Kuba

Die kubanischen Behörden haben am Donnerstag abend (Ortszeit) ein drastisches Maßnahmenpaket angekündigt, um einen in Havanna und einigen anderen Städten festgestellten starken Anstieg von Coronaneuinfektionen einzudämmen. Der 11,2 Millionen Einwohnern zählenden Inselrepublik war es bisher weltweit mit am besten gelungen, das Virus in Schach zu halten. Die täglichen Neuinfektionen konnten auf ein Minimum reduziert werden, und die Zahl der Todesopfer liegt mit knapp 0,8 pro 100.000 Einwohner weit unter den Werten anderer Länder der Region. Die Statistik der Johns-Hopkins-Universität bescheinigte Kuba am Freitag mit bisher 3.806 Infizierten, von denen 3.195 als geheilt gelten und 92 verstorben sind, eine noch immer günstige Situation.

Gesundheitsminister José Ángel Portal schlug jedoch Alarm, weil allein auf den vergangenen Monat mehr als 1.200 Neuinfektionen entfallen waren. Francisco Durán García, der Direktor für Epidemiologie des Gesundheitsministeriums, bezeichnete die Situation nach einem Ausbruch in Havanna als besorgniserregend. Ohne energische Maßnahmen werde das Erreichte in Frage gestellt, warnten Experten. Deshalb werde zunächst für die Zeit vom 1. bis zum 15. September eine teilweise Ausgangssperre für die Hauptstadt verhängt, kündigte Havannas Gouverneur Reinaldo García an. Zwischen 19 und fünf Uhr dürfen keine Personen- oder Gütertransporte stattfinden. Fahrten mit privaten Pkw und Motorrädern sind in dieser Zeit verboten.

Ausnahmeregelungen gelten für den Transport von Nahrungsmitteln und für lebensnotwendige Dienstleistungen. Betriebe, die keine unverzichtbare Produktion oder prioritäre Dienste ausführen, werden bis auf eine Mindestzahl von Mitarbeitern geschlossen. Wo möglich, sollen Beschäftigte ihre Tätigkeit in Tele- und Heimarbeit ausüben. Feiern und Veranstaltungen sind untersagt, der Reiseverkehr nach und aus Havanna wird eingeschränkt und an den zwölf Zugangspunkten zur Stadt kontrolliert. (vh)

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Am Montag hatte Kuba als erstes lateinamerikanisches Land mit der klinischen Erprobung eines eigenen Impfstoffes gegen SARS-CoV-2 an zunächst 20 Freiwilligen zwischen 19 und 59 Jahren begonnen. Da in den ersten 48 Stunden außer einem nicht ungewöhnlichen leichten Schmerz an der Einstichstelle keine unerwünschten Nebenwirkungen aufgetreten seien, werde das im Finlay-Institut für Impf­stofforschung entwickelte Serum mit der Bezeichnung »Soberana 01« am kommenden Montag zusätzlich 20 Probanden im Alter zwischen 60 und 80 Jahren injiziert, kündigte Vicente Vérez, der Direktor der Einrichtung, an. Danach würden die Tests bis zum 30. Oktober in einer zweiten Phase mit Hunderten weiteren Freiwilligen fortgesetzt und die Ergebnisse am 15. Februar 2021 veröffentlicht werden, erklärte Vérez am Mittwoch. Er teilte außerdem mit, das international renommierte Institut hoffe, bereits im Oktober mit den klinischen Studien für einen zweiten Impfstoffkandidaten beginnen zu können. 

Trotz der seit Monaten ständig verschärften US-Blockade Weiterlesen Erfolg mit Symbolkraft

»Damit der Kapitalismus für alle Amerikaner funktioniert«

9. August 2020 Joachim Bischoff: Trump macht Wahlkampf mit Dekreten

Die Corona-Pandemie hat das gesellschaftliche Leben in den USA weiter fest im Griff. Seit Beginn der Pandemie sind mehr als 4,88 Mio. Infektionsfälle bestätigt worden und mehr als 160.000 Menschen ums Leben gekommen. Zuletzt starben mehr als 2.000 Menschen binnen 24 Stunden an den Folgen von Covid-19.

Das Infektionsgeschehen war in den USA zeitweilig zurückgegangen, dann aber wieder deutlich angestiegen. Expert*innen machen dafür eine vorschnelle Lockerung der Corona-Beschränkungen verantwortlich. US-Präsident Donald Trump drängt im Wahljahr 2020 auf eine rasche Rückkehr zur Normalität, um die Wirtschaft wieder zu beleben.

Trotz der leichten wirtschaftlichen Erholung in den USA ist die Lage am Arbeitsmarkt weiterhin sehr düster. In der Woche bis einschließlich 1. August etwa stellten rund 1,2 Mio. Menschen einen Neuantrag auf Arbeitslosenhilfe. Auch in den Vorwochen lag die Zahl der Neuanträge deutlich über einer Million.

Trotzdem waren landesweit immer noch 16,3 Mio. Menschen arbeitslos. »Die Verbesserungen am Arbeitsmarkt spiegeln die Wiederaufnahme der Wirtschaftsaktivität wider, die durch die Coronavirus-Pandemie – Covid-19 – und die Bemühungen zu ihrer Eindämmung begrenzt war«, erklärte die Behörde für Arbeitsmarktstatistik. Neueinstellungen gab es demnach unter anderem im Gastgewerbe, im Freizeitsektor, im Einzelhandel und im öffentlichen Dienst.

Der US-Arbeitsmarkt hat sich im Juli leicht erholt. Es wurden 1,763 Mio. Stellen außerhalb der Landwirtschaft geschaffen, wie die Regierung mitteilte. Die ermittelte Arbeitslosenquote fiel auf 10,2% nach 11,1% im Juni. Damit wurde auf dem Arbeitsmarkt wieder Boden gut gemacht nach den Entlassungswellen, die in der Corona-Krise im Frühjahr Vollbeschäftigung in Massenarbeitslosigkeit umschlagen ließen.

Doch es geht aktuell langsamer  Weiterlesen »Damit der Kapitalismus für alle Amerikaner funktioniert«

Stirbt man AN oder MIT Corona? Molekularbiologe zerlegt Verharmloser

Stirbt man AN oder MIT Corona?

Der Molekularbiologe und Science Buster Martin Moder hat in einem sehenswerten Video einen komplizierten Sachverhalt einfach erklärt: Und die Frage beantwortet, ob die Menschen an oder mit Corona sterben. Denn die meisten Statistiken geben die Anzahl der Covid-19-Toten als diejenigen an, die verstorben sind und zuvor eine bestätigte Corona-Infektion hatten. Heißt das, die meisten sind nur MIT Corona gestorben? Nein, sonst könnte man auch behaupten, dass kaum ein Menschen jemals an HIV gestorben sei. Das ganze Video:

Hier liegt nämlich der Denkfehler begraben: Es geht nicht darum, ob ein Patient auch ohne Vorerkrankung an dem Virus gestorben wäre, sondern ob er ohne Vorerkrankung das Virus überlebt hätte. Moder, der das Video für den EU-Mythbusters-Wettbewerbgedreht hat, räumt mit einigen Fake News auf und Weiterlesen Stirbt man AN oder MIT Corona? Molekularbiologe zerlegt Verharmloser

In guter Gesellschaft – Verena Bentele fragt, wo’s hakt – Folge 3 – Gewinner und Verlierer der Corona-Krise

https://www.vdk.de/deutschland/pages/podcast/podcast/80063/folge%203_gewinner%20und%20verlierer%20der%20coronakrise?dscc=ok

In guter Gesellschaft – Verena Bentele fragt, wo’s hakt – Folge 3 – Gewinner und Verlierer der Corona-Krise
#3 | Marcel Fratzscher, wer sind die Gewinner und Verlierer der Corona-Krise

Marcel Fratzscher, wer sind die Gewinner und Verlierer der Corona-Krise können wir die Lasten der Corona-Krise sozial gerecht verteilen?

In guter Gesellschaft mit Prof. Ph.D. Marcel Fratzscher spreche ich über die Auswirkungen der Corona-Krise. Können wir die Lasten gerecht verteilen oder bürden wir den Schwächeren mal wieder den Mammutanteil auf?
Als Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat Marcel Fratzscher das Konjunkturpaket der Bundesregierung unter die Lupe genommen. Im Podcast erklärt er uns, wo Nachbesserungsbedarf besteht, warum der Staat jetzt auf keinen Fall sparen sollte und welche Maßnahmen nötig sind, um Armut in Deutschland langfristig einzudämmen.

Mit einem Experiment widerlegt diese Ärztin alle Masken-Verweigerer


Ärztin macht Experiment

Die Argumente der Masken-Verweigerer sind so mannigfaltig wie ihre Fantasie. Häufigste – und auf den ersten Blick plausibelste – Behauptung ist, dass man durch eine handelsübliche Atemmaske schlechter atmen könnte. Und sogar, dass das CO2 sich anstauen würde und es dadurch gesundheitsgefährdend werden könnte. Das ist natürlich Quatsch. Einen Fake in einem Kettenbrief dazu haben wir bereits hier widerlegt:

Und eine Ärztin hat uns hier bereits die wichtigsten Fakten und Mythen rund um Atemmasken aufgeschrieben:

Insbesondere in den USA verbreiten Masken-Verweigerer aber unbeirrt den Mythos, sie können mit Maske „nicht atmen“. Verknüpft wird diese Behauptung meistens auch noch mit der ebenso falschen Behauptung, dass Masken gar nicht dabei helfen würden, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Eine US-Ärztin hat in einem viralen Facebook-Post jetzt mit beiden Mythen aufgeräumt und ein kleines Experiment gestartet

Viraler Post der Ärztin*

„Hallo Freunde! Ich habe zahlreiche Beiträge gesehen und gehört, wie sich die Leute beschwerten, dass sie „mit einer Maske nicht atmen können“ oder dass sie keine Maske tragen wollen, weil „der Sauerstoffgehalt beim Tragen einer Maske dramatisch abnimmt“. Auch „eine Maske schützt nicht davor, das Virus einzuatmen“, aber im gleichen Satz argumentieren sie, dass sie keine Maske tragen werden, weil sie „ihr ausgeatmetes Kohlendioxid wieder einatmen“.

Ich bin mir nicht sicher, wie diese Theorie überhaupt einen Sinn ergeben kann; wenn Sie wirklich glauben, dass das Virus in die Maske eindringt und Sie es einatmen, wie glauben Sie dann auch, dass Ihr ausgeatmetes CO2 „hängen bleibt“? Viren brauchen einen Vektor, um sich auszubreiten, der Vektor von COVID-19 sind Atemtröpfchen, die nicht ohne weiteres durch eine richtig getragene Maske gelangen. Als Reaktion zu meinem vorherigen Beitrag über das Tragen von Gesichtsmasken habe ich ein kleines Experiment durchgeführt.

Unten seht ihr mich in 4 Situationen. Ich trug jede Maske 5 Minuten lang und überprüfte meine Sauerstoffsättigung (als Prozentsatz unten angegeben) zusammen mit meiner Herzfrequenz (HR, in Schlägen pro Minute) mittels nicht-invasiver Pulsoxymetrie. Denken Sie daran, dass ich unmittelbar davor die chirurgische Maske 5 Stunden lang getragen hatte!

Ergebnisse:

Keine Maske: 98%, HERZFREQUENZ 64
Chirurgische Maske: 98%, HR 68
N95-Maske: 99%, HR 69
N95 plus chirurgische Maske (so tragen die meisten Gesundheitsdienstleister Masken): 99%, HR 69.

Es gibt in keinem Szenario eine signifikante Veränderung meiner Sauerstoffsättigung (oder Herzfrequenz). Auch wenn es für einige unangenehm sein mag, können Sie immer noch atmen. Als Ärztin fordere ich Sie dringend auf und bitte Sie, eine Maske zu tragen, um sich selbst und diejenigen zu schützen, die nicht sicher eine Maske tragen können (viele meiner Patient*innen, weil sie unter 2 Jahre alt sind).“ (*Übersetzung der Redaktion)

Masken funktionieren

Wenn CO2 die Masken nicht durchdringen, wäre erstens jedes medizinische Personal nach nur einem Tag im OP schon erstickt. Und zweitens könnte dann das Corona-Virus die Maske erst Recht nicht durchdringen, liebe Masken-Verweigerer. Wie Atemmasken die Tröpfcheninfektion behindern und dich demnach vor Corona schützt, haben wir ausführlich erklärt und belegt:

Masken mögen unangenehm sein, klar. Aber sie sind eine Maßnahme, die nachweislich die Verbreitung des Virus verlangsamt. Und als Ausgleich für das Aufheben von Ausgangsbeschränkungen ist es doch ein kleiner Preis, um Freiheiten zurück zu gewinnen, oder? Dazu müssen sie aber auch getragen werden. Denn wisst ihr, liebe Masken-Verweigerer, was wirklich gesundheitsschädlich ist? Eine Pandemie mit einem Virus, das viel tödlicher ist als die saisonale Grippe.

Artikelbild: Screenshot facebook.com

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»Infektionen wurden billigend in Kauf genommen«

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Bewohner des unter Quarantäne gestellten Göttinger Hochhauses klatschen während einer Kundgebung (23.6.2020)

In Göttingen sind Hunderte Bewohner eines Hochhauses unter Quarantäne gestellt worden. An den Coronamassentests dort sind Sie als Medizinstudentin beteiligt. Wie laufen die ab?

Wir Studierende der Universitätsmedizin Göttingen sind quasi ausgeliehen, um in dem Hochhaus unter der Regie von Ordnungs- und Gesundheitsamt zu helfen. Vor unserem Einsatz wurden wir eingewiesen, wie die Abstriche durchzuführen sind. Anfangs lief das allerdings noch ziemlich katastrophal. Die Tests wurden in einem Bus, einem sogenannten mobilen Coronatestzentrum, durchgeführt. Aus meiner Sicht war das aber eher ein Vireninkubator. In dem Bus gab es keine Möglichkeit, für Durchzug zu sorgen. Es ließen sich keine Fenster öffnen, damit Tröpfchen mit dem Virus nicht im Raum stehen. Und dennoch sollten gleichzeitig zwei Familien dort hinein und sich gegenüber voneinander sitzend abstreichen lassen. Das war die Arbeitssituation in der ersten Stunde, wurde später allerdings entzerrt.

Wer wohnt in diesem Haus, und wie ist die Lage dort?

In dem Komplex leben mehr als 600 Menschen unter für mich schockierenden Bedingungen. Allein die Anzahl der Menschen, die in einer Wohnung leben müssen, ist unfassbar. Ich bin mir sicher, dass viele sich solche Bedingungen, besonders in so einer Akademikerstadt wie Göttingen, gar nicht vorstellen können. Um sich zurückzuziehen oder Abstand zu halten, ist dort absolut kein Platz. Die Leute sind zusammengepfercht. Beim Testen ist mir etwas aufgefallen, was mich besonders schockiert hat: Viele Bewohner, besonders die Kinder, haben Infektionen im Mund- und Rachenbereich oder ihre Zähne sind in einem extrem schlechten Zustand. Viele Erwachsene haben zudem prekäre Jobverhältnisse und bangen ausgerechnet in dieser Lebenssituation um ihre finanziellen Einkünfte.

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Es wurde kritisiert, dass alle Bewohner des Hochhauses am Donnerstag vergangener Woche unter Quarantäne gestellt wurden, anstatt diejenigen zu separieren, die positiv auf das Virus getestet worden waren. Welche Folgen hatte das?

Durch diese verantwortungslosen Maßnahmen hat man billigend in Kauf genommen, dass sich auch diejenigen mit dem Coronavirus infizieren, die bis dahin noch negativ waren. Es wäre besser gewesen, die positiv Getesteten von den anderen frühzeitig räumlich zu trennen. Ich bin mir sicher, dass es die Situation vor Ort entspannt und den Fokus auf die deutlich wichtigere gesundheitliche Versorgung der Menschen gelegt hätte.

Bei den aktuellen Masseninfektionen mit dem Coronavirus wurde in den Medien mit rassistischen Stereotypen gearbeitet. Stets steht dabei der Vorwurf im Raum, die Betroffenen hätten ihre Situation selbst verschuldet. Wie erleben Sie die Diskussion in Göttingen?

Göttingen ist eine von der Kultur geprägte Stadt mit vielen Studierenden aus den unterschiedlichsten Ländern. Wir dürfen uns aber nichts vormachen: Rassismus gehört auch hier noch zur Tagesordnung, was ich leider an Beispielen gegenüber meiner eigenen Person, als Kind einer persischen Familie, nur bestätigen kann. Einige Medien nutzen rassistische Stereotype und auf die Armut der Leute abzielende Klischees für den Verkauf ihrer Zeitungen. Auch die Berichterstattung in und über Göttingen war voll damit. Dass die Betroffenen selbst die Schuld tragen sollen, ist Bullshit. Menschen, die gezwungen sind, unter solchen Umständen zu leben, sind genausowenig an der Verbreitung des Virus »schuld« wie die Arbeiterinnen und Arbeiter, die bei Tönnies unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften müssen.

Wie haben Sie die Proteste gegen das Einsperren der Bewohner und das Vorgehen der Polizei gegen die Menschen dort erlebt?

Das große Polizeiaufgebot und die Vollausrüstung haben mich eingeschüchtert und mir Angst gemacht. All das signalisierte, dass ein deeskalierender Umgang nicht vorgesehen war. Besonders schockiert war ich davon, dass Polizisten Pfefferspray gegen Kinder eingesetzt haben. Die hatten in den ersten Reihen am Zaun gestanden. Es war offensichtlich, dass das Pfefferspray sie treffen würde. Es wäre für alle besser gewesen, in eine Interaktion miteinander zu treten und den Austausch mit Dolmetschern zu intensivieren, statt Gewalt gegen die Bewohner anzuwenden.

Setare Torkieh ist Medizinstudentin in Göttingen

Systemrelevant – Der Wirtschafts-Podcast des IMK

bisher 13 Folgen unter

 https://www.boeckler.de/de/podcasts-22421.htm

Die Corona-Krise bedeutet auch wirtschaftlich eine nie dagewesene Herausforderung für unsere Gesellschaft. Wir besprechen die neuesten Entwicklungen und Debatten mit Prof. Dr. Sebastian Dullien, dem Direktor unseres Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).