In Erwägung (Resolution)

In Erwägung unserer Schwäche machtet
ihr Gesetze, die uns knechten soll´n
die Gesetze seien künftig nicht beachtet
in Erwägung, dass wir nicht mehr Knecht sein woll´n

Refrain:
In Erwägung, dass ihr uns dann eben
mit Gewehren und Kanonen droht
haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben
mehr zu fürchten als den Tod.

In Erwägung, dass wir hungrig bleiben
wenn wir dulden, dass ihr uns bestehlt
wollen wir mal feststell´n,
dass nur Fensterscheiben
uns vom guten Brote trennen, das uns fehlt.

In Erwägung, dass da Häuser stehen
während ihr uns ohne Bleibe laßt
haben wir beschlossen, jetzt dort einzuziehen
weil es uns in uns´ren Löchern nicht mehr paßt.

In Erwägung, es gibt zuviel Kohlen
während es uns ohne Kohlen friert
haben wir beschlossen, sie uns jetzt zu holen
in Erwägung, dass es uns dann warm sein wird.

In Erwägung, es will euch nicht glücken
uns zu schaffen einen guten Lohn
übernehmen wir jetzt selber die Fabriken
in Erwägung, ohne euch reicht´s für uns schon

In Erwägung, dass wir der Regierung
was sie immer auch verspricht, nicht traun
haben wir beschlossen, unter eig’ner Führung
uns ein gutes Leben aufzubaun

Refrain2.
In Erwägung, ihr hört auf Kanonen
andere Sprache könnt ihr nicht verstehn
müssen wir dann eben, ja das wird sich lohnen
die Kanonen auf euch drehn

Text: Bertolt Brecht , aus dem Theaterstück “Die Tage der Commune”
Musik: Hanns Eisler

Flüchtlingsgespräche

Durchgelesen: Bertolt Brecht – „Flüchtlingsgespräche“


Autor Bertolt Brecht
Flüchtlingsgespräche Bertolt Brecht Kritik Rezension

Die „Flüchtlingsgespräche“ schrieb Bertolt Brecht im Exil in Finnland und den USA.

Titel Flüchtlingsgespräche
Verlag Bibliothek Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1961
Bewertung     

Ein „Selbstgespräch zu zweit“ hat der Spiegel dieses Werk genannt, als es 1961 erstmals erschien. Bertolt Brecht hatte die Flüchtlingsgespräche zu Lebzeiten nicht mehr fertig gestellt. Der größte Teil des Textes entstand 1940 in Finnland, weitere Teile kamen 1942 in den USA hinzu. Dort war Brecht gelandet, nachdem ihn seine Flucht aus dem Dritten Reich, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, zunächst nach Prag, Wien, Paris und in die Schweiz, dann nach Dänemark, Schweden, Finnland und schließlich über die Sowjetunion nach Kalifornien geführt hatte.

Diese Ausgabe in der Bibliothek Suhrkamp versammelt erstmals in einer Einzelausgabe diesen Text, ergänzt um vier zusätzliche und später im Nachlass gefundene Passagen. Die Form ist typisch Brecht: Der Physiker Ziffel und der Arbeiter Kalle Winter treffen sich in einem Café in Helsiniki. Was sie verbindet, ist einerseits die deutsche Herkunft und die Flucht vor Hitler (der im gesamten Buch nicht namentlich erwähnt wird), andererseits die Einsamkeit und Langeweile im Exil. Die Unmöglichkeit, produktiv zu sein, bringt beide dazu, über Bier und Zigaretten zu klagen, mit Frauengeschichten und wissenschaftlichem Renommee zu prahlen und sogar eine eigene Schrift zu entwickeln. Vor allem aber ergehen sie sich in politischen und philosophischen Betrachtungen.

Dabei ist es keineswegs so, dass Kalle und Ziffel fern der Heimat frei von der Leber weg die Schreckensherrschaft zuhause und die Lage der Welt beklagen. Sie haben längst gelernt: Um das Gastrecht nicht zu strapazieren, das sie als Flüchtlinge genießen, sind Vorsicht und Rücksichtnahme das oberste Gebot. Sie tuscheln und verklausulieren – auch dann, wenn es um die großen Themen der Zeit geht. Ironie und Sarkasmus nutzt Bertolt Brecht als wichtigste Stilmittel der Flüchtlingsgespräche („Ich wunder mich nur, dass sie grad jetzt so aufs Zählen und Einregistrieren der Leut aus sind. (…) Sie müssen ganz genau wissen, dass man der und kein anderer ist, als obs nicht völlig gleich war, wens verhungern lassen.“).

Man kann darin durchaus so etwas wie einen Verfremdungseffekt sehen: Gerade dadurch, dass es selten konkret wird und viele Gedanken den (vermeintlich) provisorischen Charakter des Flüchtlingsdaseins behalten, gelingt es, die Slogans der Machthaber lächerlich zu machen und die Ideen der Zeit zu hinterfragen. Dass fast alle politischen Lager letztlich nur Phrasen zu bieten haben und eine Klientel gegen die andere auszuspielen versuchen, wird im Café in Helsinki nirgends so formuliert, ist aber dennoch überdeutlich.

Auch darin liegt der Reiz beim heutigen Wiederentdeckung dieses Werks: Parallelen zur aktuellen Situation gibt es nicht nur beim Blick auf die Schwierigkeiten des Lebens in der Fremde als Migrant, sondern auch hinsichtlich der Ursachen von Flucht: Krieg, politische Verfolgung, nicht zugleich soziale Ungleichheit als Folge eines entfesselten Kapitalismus („Mit unserer ganzen Existenz hängen wir allesamt von der Wirtschaft ab und sie ist so eine komplizierte Angelegenheit, dass, sie zu überblicken, so viel Verstand nötig ist, als es überhaupt nicht gibt!“) als die dahinterstehenden Kräfte.

Erstaunlicherweise gelingt es Brecht, diese Themen in eine fast angenehme Lektüre zu verwandeln. Er wählt für die Flüchtlingsgespräche einen süffisanten Ton, der tatsächlich unterhaltsam ist, freilich auch schmerzhaft. Denn er steht natürlich im strengen Kontrast zu der lebensbedrohlichen Lage, in der Ziffel und Kalle noch vor Kurzem waren (und schon bald wieder sein könnten, sollte sich das Land, in dem sie ein Refugium gefunden haben, entschließen, sie loswerden zu wollen), und der prekären Situation, in der sie sich ohne Arbeitserlaubnis, ohne persönliches Netzwerk und ohne nennenswerten sozialen Status in der Fremde noch immer sind.

Bestes Zitat: „Die beste Schule für die Dialektik ist die Emigration. Die schärfsten Dialektiker sind die Flüchtlinge. Sie sind Flüchtlinge infolge von Veränderungen und sie studieren nichts als Veränderungen. Aus den kleinsten Anzeichen schließen sie auf die größten Vorkommnisse, das heißt, wenn sie Verstand haben. Wenn ihre Gegner siegen, rechnen sie aus, wie viel der Sieg gekostet hat, und für die Widersprüche haben sie ein feines Auge. Die Dialektik, sie lebe hoch!“

Ein „Selbstgespräch zu zweit“ hat der Spiegel dieses Werk genannt, als es 1961 erstmals erschien. Bertolt Brecht hatte die Flüchtlingsgespräche zu Lebzeiten nicht mehr fertig gestellt. Der größte Teil des Textes entstand 1940 in Finnland, weitere Teile kamen 1942 in den USA hinzu. Dort war Brecht gelandet, nachdem ihn seine Flucht aus dem Dritten Reich, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, zunächst nach Prag, Wien, Paris und in die Schweiz, dann nach Dänemark, Schweden, Finnland und schließlich über die Sowjetunion nach Kalifornien geführt hatte.

Diese Ausgabe in der Bibliothek Suhrkamp versammelt erstmals in einer Einzelausgabe diesen Text, ergänzt um vier zusätzliche und später im Nachlass gefundene Passagen. Die Form ist typisch Brecht: Der Physiker Ziffel und der Arbeiter Kalle Winter treffen sich in einem Café in Helsiniki. Was sie verbindet, ist einerseits die deutsche Herkunft und die Flucht vor Hitler (der im gesamten Buch nicht namentlich erwähnt wird), andererseits die Einsamkeit und Langeweile im Exil. Die Unmöglichkeit, produktiv zu sein, bringt beide dazu, über Bier und Zigaretten zu klagen, mit Frauengeschichten und wissenschaftlichem Renommee zu prahlen und sogar eine eigene Schrift zu entwickeln. Vor allem aber ergehen sie sich in politischen und philosophischen Betrachtungen.

Dabei ist es keineswegs so, dass Kalle und Ziffel Weiterlesen Flüchtlingsgespräche

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Ballade über die Frage „Wovon lebt der Mensch“ (What keeps mankind alive?)

Deutsch

Macheath:
Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben,
Und Sünd und Missetat vermeiden kann,
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben,
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an.
Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt,
Das eine wisset ein für allemal,
Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt,
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein auch armen Leuten,
Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

Jenny:
Denn wovon lebt der Mensch?

Macheath:
Denn wovon lebt der Mensch?
Indem er stündlich, den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst.
Nur dadurch lebt der Mensch, 
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.

Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein,
Der Mensch lebt nur von Missetat allein!

English

Macheath:
You gentlemen who tell us how to live properly,
And how to avoid all sins and crime,
Must first makes sure that we have food to eat.
Then you can resume your talking, that’s where it begins.
You with your paunch and us with our bravery,
You know what’s best for all of us.
No matter how much you twist it, or try to change the truth,
First comes food, then comes the morals.
And it also must be possible for the poor,
To cut themselves a slice of the bread.

Jenny:
What keeps mankind alive?

Macheath:
What keeps mankind alive?
It’s a fact that hourly people torture, oppress, strangle, and eat.
Only after man goes through that,
Can he forget that he is a man.

Chorus:
Your Gentlemen, imagine there is only you,
Mankind lives on crime alone!