In der BRD werden Äcker überdüngt, und nur wenige Player haben das Sagen

Foto: Patrick Pleul/dpa

Demo »Wir haben es satt«, Auftakt 12 Uhr, Brandenburger Tor, Berlin

wir-haben-es-satt.de

Ein Großbündnis von mehr als 40 Klima- und Umweltverbänden, NGOs, Landwirten und Verbraucher- sowie Tierschützern mobilisiert am Sonnabend in Berlin gegen die Agrarindustrie und die EU-Subventionspolitik im Dienste der Konzerne. Zehntausende werden erwartet, wenn unter dem Motto »Wir haben es satt!« wieder für »eine bäuerlich-ökologischere Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung, für Klimagerechtigkeit und gutes Essen«, wie es im Protestaufruf heißt, demonstriert wird. Mit etlichen Aktionen, Reden und einer Großdemonstration geht es gegen die Macht der Agrar- und Lebensmittellobby sowie die Benachteiligung von Kleinbauern und nachhaltiger Alternativen.

Gründe für Protest gibt es genug: Das romantisierte Bild der klassisch bäuerlichen Landwirtschaft, das die Industrie verbreitet, kaschiert etwa, dass hier nur einzelne Player das Sagen haben. »Viele wissen nicht, dass weite Teile des Ernährungssektors zwischen wenigen Konzernen aufgeteilt sind«, heißt es etwa im »Konzernatlas 2017«, der u. a. von der Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Oxfam herausgegeben wurde. »Und der Trend zur Machtkonzentration geht weiter.«

Nicht ökologische Standards oder die Interessen von Beschäftigten oder Tieren sind hier daher entscheidend. Nein, knallharte Profitinteressen sind der Grund für verschärfte Konkurrenz und Preiskämpfe, den Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat, Naturzerstörung oder »Billigfleisch«.

So zum Beispiel in der Fleischindustrie, in der eine Handvoll Unternehmen den Markt unter sich aufteilen. Sie gelten als Mitverursacher des Klimawandels, stoßen massenhaft CO2 und Feinstaub aus, lassen Regenwälder abholzen. Für die Profite lassen sie Millionen von Tieren töten, nicht zu vergessen die Ausbeutung von Arbeitern, die für die zehrende »Produktion« von Fleisch meist knapp über Mindestlohn bezahlt werden. Daran haben auch »grüner« Konsum oder Lifestyle-Veganismus wenig geändert, mitunter nutzen die Fleischkonzerne sie sogar schlicht zur Erweiterung ihrer Produktpalette.

Vor allem die Agrarpolitik der Europäischen Union steht im Zentrum der Proteste. Denn die, so die Organisatoren, bevorteile systematisch die Industrie. Im Rahmen ihrer »Gemeinsamen Agrarpolitik«, kurz »GAP«, stellt die EU zwischen 2014 und 2020 jährlich rund 6,2 Milliarden Euro an Mitteln zur Verfügung. Ein Teil dessen fließt in die Förderung ökologischer Landwirtschaft, der Großteil indes in Direktzahlungen an Landwirte, die je nach Hektar landwirtschaftlicher Fläche gewährt werden. Heißt: Wer mehr Land hat, bekommt mehr Geld. »Schluss mit den Steuermilliarden an die Agrarindus­trie!« lautet daher eine Kernforderung der Proteste. Bei der Neugestaltung der GAP sollten Kleinbauern und ökologische Landwirtschaft stärker berücksichtigt werden.

Fragen der Ökologie oder Klimapolitik sind immer auch Klassen- und Systemfragen: Nicht nur die Monopolisierung des Marktes, die Begünstigung der Konzerne oder ihre Lobby sind das Problem – die Profitmacherei selbst ist letztlich der Grund für Naturzerstörung, Pestizideinsatz und Verschleiß von Arbeitskräften oder Tieren.

jW in Gefahr
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