150 Jahre Pariser Commune

Akademischer Arbeiterliederchor

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„Am Abend des 17. März 1871 wurden Regierungsaufrufe an den Mauern von Paris plakatiert, damit man sie früh am nächsten Morgen lesen würde, doch am Morgen des 18. kümmerte sich niemand mehr um diese Erklärungen.“ (Louise Michel, Die Pariser Commune)

Von den wundersamen Ereignissen des 18. März 1871, den 72 Tagen eines friedlichen Lebens in der Commune und von ihrem Symbol, der Roten Fahne, erzählen wir in unserem Hörbeitrag zur Feier von 150 Jahren Pariser Commune. Mit Berichten von Zeitzeug*innen, philosophischen Einordnungen und Liedern zum, wie Engels ihn nannte, „ersten allgemeinen Festtag des gesamten Proletariats“

Neue Broschüre: Die Pariser Kommune 1871

Anfang der 1870er war der Kapitalismus in (fast) ganz Europa hegemonial. Die Ereignisse von Paris, damals eine der größten Städte der Welt, auf die wir im Folgenden eingehen wollen, zeigen jedoch, dass dies nicht so bleiben musste. „Marx und Engels hatten in dem Manifest der Kommunistischen Partei geschrieben, die Bourgeoisie schaffe sich ´ihren eigenen Totengräber´. Am 18. März 1871 konnte sich das französische Bürgertum davon überzeugen, wie recht sie gehabt hatten.“

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72 Tage lang hat die Pariser Arbeiter:innenklasse die Initiative ergriffen, sich bewaffnet, in einer proletarischen Revolution die herrschende Klasse aus der Stadt gejagt und die politische Macht erobert. In rasend schneller Zeit wurde der alte Apparat zerschlagen und die Umrisse einer ganz neuen Staatsform entwickelt: ein revolutionärer Staat, eine Diktatur des Proletariats, ein rätedemokratisches Modell, das das Potenzial hatte, den Weg zur Befreiung der Bevölkerung von Ausbeutung und Unterdrückung zu bestreiten. Ein widersprüchlicher und unfertiger Staat, der gleichzeitig das handfeste Machtinstrument der Arbeiter:innen, aber auch politischer Ausdruck unreifer utopischer und kleinbürgerlicher Befreiungsvorstellungen war. Die Pariser Kommune war ein dynamisches revolutionäres Experiment, das in kurzer Zeit so wichtige grundsätzliche Erfahrungen, Lehren und Fragestellungen hervorgebracht hat, dass wir heute noch davon lernen können.
Eine detaillierte Betrachtung ist auch deshalb so wertvoll, weil hier Marx und Engels noch zu Lebzeiten den Revolutionsverlauf, sowie die gemachten Fortschritte, Erfahrungen und Fehler kommentieren konnten. Karl Marx erkannte, dass die Kommune „die bisher größte Bedrohung für die Welt des Kapitals gewesen war – und die größte Inspiration für die neue Klasse, die das Kapital zwar erschaffen hatte, aber im Widerspruch zu ihm stand. Seinem Freund Ludwig Kugelmann schrieb Marx, die Kommunarden seien `Himmelsstürmer` und `ein neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit ist gewonnen´“ Es gibt zur Kommune eine vielfältige Bezugnahme von Marx und Engels, später auch von Lenin. Der russische Revolutionär nutzte die Erfahrungen der Kommune – im besonderen die Betrachtungen von Karl Marx und Friedrich Engels – zur Einschätzung der Oktoberrevolution 1917 und zur Begründung der bedeutendsten Elemente im Aufbau eines neuen proletarischen Staates.

Die Tage der Pariser Kommune waren eines der bedeutendsten Ereignisse des 19. Jahrhunderts. Der Kampf gegen die Diktatur und für Demokratie, für Sozialismus, Säkularisierung und Emanzipation der Frau markiert den Beginn einer neuen Epoche und gilt als Manifestationspunkt der Moderne. Doch warum erfahren wir im Schulunterricht und in den Veröffentlichungen der bürgerlichen Geschichtsschreibung von der Pariser Kommune bestenfalls als Randnotiz? Warum wird die Gründung des deutschen Reiches 1871 dermaßen herausgestellt und der Kampf der Kommune im selben Jahr in die Schmudellecke gestellt?

Weil dass Kapital und die herrschende Klasse nach wie vor davor zittern, dass wir uns organisieren, erheben und nach der Macht greifen könnten, davor, dass sich die Ereignisse in ähnliche Form wiederholen könnten. Weil sie befürchten, dass wir aus den gemachten Fehlern lernen können und die Sache diesmal zu Ende bringen. Friedrich Engels rief schon 1891, zum 20. Jahrestag der Pariser Kommune: „Der sozialdemokratische Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun, ihr (…) wollt ihr wissen, wie diese Diktatur des Proletariats aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.“
Die Kommune ist letztendlich gescheitert, damit ist wohl nicht zu viel vorweggenommen. Protagonist:innen wie Unbeteiligte wurden von den Truppen der Bourgeoisie gnadenlos niedergemetzelt, das Blut floss durch die Straßen von Paris. Als revolutionäre Insel in einer konterrevolutionären Umgebung konnte die Kommune nicht überleben. Sie ist aber ebenso an ihren inneren Widersprüchen gescheitert, aus deren Betrachtung wir auch für unsere heutigen Anstrengungen noch viel ableiten können.“Dennoch war die Kommune die große Schule des internationalen Proletariats, die entscheidende theoretische Erkenntnisse und praktische Erfahrungen vermittelte.“

Am 18.03.1872 fand in London eine Festveranstaltung zu Ehren des 1. Jahrestages der Pariser Commune statt. Daraus hat sich die bis heute andauernde Tradition des Tages der politischen Gefangenen am 18. März entwickelt. Werfen wir auf den folgenden Seiten einen Blick auf Entstehung, Bestehen, Kampf und Niederwerfung der Kommune und ziehen unsere Schlüsse für Theorie und Praxis daraus!

Der Öko-Marx

monde-diplomatique.de

John Bellamy Foster 11-13 Minuten

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Anthony Giddens behauptete 1981, in seinen Frühschriften ließe Marx zwar ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein erkennen, später aber habe er eine „prometheische Haltung“ gegenüber der Natur entwickelt.1

Michael Redclift machte geltend, laut Marx habe die Umwelt die Funktion, „Dinge zu ermöglichen“, als wertschöpfenden Faktor habe er aber nur die Arbeitskraft gelten lassen.2

Nach Alec Nove glaubte Marx, da der Kapitalismus „das Problem der Produktion gelöst“ habe, könne die künftige „Gesellschaft der assoziierten Produzenten“ Probleme wie die „Nutzung seltener Ressourcen“ vernachlässigen. Für Marx sei also „ökologisches Bewusstsein“ im Sozialismus überflüssig.3

Haben diese Kritiker recht? Im 19. Jahrhundert war das große ökologische Problem des Kapitalismus in Europa und Nordamerika die schwindende Ertragskraft der Böden durch Nährstoffverluste. Daraus erwuchs eine malthusianische Angst vor Überbevölkerung. In den 1820er und 1830er Jahren ließ die Angst vor der Erschöpfung der Böden in Großbritannien und anderswo die Nachfrage nach Düngemitteln enorm ansteigen.

1835 traf in Liverpool der erste Frachter mit peruanischem Guano ein. Von 1841 bis 1847 stieg die importierte Menge von 1700 auf 220 000 Tonnen. Verzweifelte Bauern durchwühlten die Schlachtfelder von Waterloo und Austerlitz nach Knochen, die sie zermahlten und auf ihren Feldern verteilten.

Marx war keineswegs blind für Umweltfragen. Beeinflusst von den Überlegungen des deutschen Chemikers Justus von Liebig,4 entwickelte er um 1860 eine systematische Kritik der kapitalistischen „Ausbeutung“ der Erde, die vor allem auf zwei Punkte abhob: den Diebstahl ihrer Nährstoffe und die Unfähigkeit der Menschen, deren Regeneration zu gewährleisten. Seine Analyse der kapitalistischen Landwirtschaft mündete in die Darstellung der Art und Weise, wie Industrie und großformatige Landwirtschaft zusammenwirken, um die Böden und die Arbeiter auszusaugen.

Launige Utopie

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Peter Hacks konnte sich die Abschaffung der Arbeitsteilung im Reich der Freiheit, verstanden als Abschaffung des Fachkönnens, nicht vorstellen. Darstellung der arbeitsteiligen sozialistischen Gesellschaft in Walter Womackas Mosaikfries »Unser Leben« (1964) am Haus des Lehrers in Berlin

Heinz Hamm ist Literaturwissenschaftler und forscht vor allem zu Goethe und Hacks. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 22. Mai 2019 über die erste Bühnenaufführung des »Faust«.

Am vergangenen Sonnabend fand in Berlin die 13. wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft statt. Sie stand unter dem Motto: »Unendlich nur ist der Zusammenhang« – Hacks und der Marxismus. Wir veröffentlichen an dieser Stelle mit seiner freundlichen Genehmigung den Vortrag von Heinz Hamm. Ausgewählte Referate werden im Hacks Jahrbuch 2021 veröffentlicht. (jW)

Im Bild des Kommunismus spielte von Anfang an die Aufhebung der Teilung der Arbeit eine entscheidende Rolle. Schon in den unveröffentlichten Texten aus den Jahren 1845 und 1846, in denen sich Marx und Engels mit Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner auseinandersetzten, hieß »die Gesellschaft kommunistisch zu organisiren«¹, das Privateigentum aufzuheben und damit auch die Arbeitsteilung; denn »übrigens sind Theilung der Arbeit & Privateigentum identische Ausdrücke«.²

Morgens Jäger, abends Kritiker

Mit Sicherheit verstanden Marx und Engels darunter nicht das Ende jeglicher unterschiedlicher Tätigkeit. Gemeint war das Aufheben eines Zustands, in dem das Individuum »unter die Theilung der Arbeit subsumirt« ist und »durch sie verein­seitigt, verkrüppelt«³ wird: »Und endlich bietet uns die Theilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar, daß solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft befinden, solange also die Spaltung zwischen dem besondern & gemeinsamen Interessen existirt, solange die Thätigkeit also nicht freiwillig, sondern naturwüchsig getheilt ist, die eigne That des Menschen ihm zu einer fremden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht. Sowie nämlich die Arbeit vertheilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Thätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker, & muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Thätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt & und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu thun, Morgens zu jagen, Nachmittags zu fischen, Abends Viehzuchte zu treiben nach dem Essen zu kritisiren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.«⁴

Was Marx und Engels von der Aufhebung der Teilung der Arbeit im allgemeinen erwarteten, hatte für sie auch Gültigkeit für die künstlerische Arbeit im besonderen: »Die exklusive Konzen­tration des künstlerischen Talents in Einzelnen & seine damit zusammenhängende Unterdrückung in der großen Masse ist Folge der Theilung der Arbeit. (…) Bei einer kommunistischen Organisation der Gesellschaft fällt jedenfalls fort die Subsumtion des Künstlers unter die lokale & nationale Bornirtheit, die rein aus der Theilung der Arbeit hervorgeht, & die Subsumtion des Individuums unter eine bestimmte Kunst, sodaß es ausschließlich Maler, Bildhauer usw. ist, (…) In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderem auch malen.«⁵

Marx und Engels stellten dann 1848 im »Manifest der Kommunistischen Partei« klar, dass das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft werden solle, keineswegs der persönliche Besitz zur Erhaltung des Lebens. Wirklich Neues zum Kommunismus kam erst 1874 in der Stellungnahme von Marx zum Entwurf des Vereinigungsprogramms des Gothaer Parteitags hinzu. In den nicht zur Veröffentlichung bestimmten »Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei«⁶ kritisierte Marx die Forderungen des Entwurfs zur gerechten Verteilung, indem er gegenüberstellte, wie »innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Productionsmitteln gegründeten Gesellschaft« die Produzenten in der Verteilung der Produkte verfahren werden. Dabei wurde unvermittelt Überraschendes mitgeteilt. Auch im Kommunismus werde es am Anfang bei der Verteilung nicht gerecht zugehen, werde Ungleichheit nicht völlig beseitigt sein. Denn am Anfang »erhält der einzelne Producent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr giebt«. Die »ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter« würden damit zu ungleichen Anteilen am Konsumtionsfonds führen. Darüber hinaus könne sogar der Fall eintreten: »Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Antheil an dem gesellschaftlichen Consumtionsfonds erhält (…) der eine faktisch mehr als der andre, ist er reicher als der andre, etc.« Diese »Missstände« wären jedoch unvermeidbar; denn womit wir es am Anfang zu hätten, wäre »eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoos sie herkommt«.

Diese neuen Einsichten führten Marx dazu, dem eigentlichen Kommunismus eine »politische Uebergangsperiode«, eine »Periode der revolutionären Umwandlung« voranzustellen und von zwei Phasen der kommunistischen Gesellschaft zu sprechen: einer »ersten Phase« mit unvermeidbaren »Missständen« und Weiterlesen Launige Utopie