Die Weltverbrennungsmaschine

Können Kapitalismus und Klimaschutz vereinbart werden? Für die veröffentlichte Meinung jedenfalls scheint diese Frage längst geklärt. Die Notwendigkeit, die fossile Wirtschaftsweise hinter sich zu lassen, wird diesseits der AfD in der Bundesrepublik kaum noch ernsthaft infrage gestellt. Selbst eine stockkonservative Wirtschaftspartei wie die CDU schafft es inzwischen, in ihren Deklarationen ein Bekenntnis zum Klimaschutz abzulegen. Doch zugleich werden in Nordrhein-Westfalen, kurz nach der Wahl Armin Laschets zum CDU-Chef, ganze Dörfer abgerissen, um die besonders klimaschädliche Braunkohleverbrennung auszuweiten.

Ein ähnlicher Abgrund zwischen schmutziger Realpolitik und luftigem ökologischen Anspruch prägt viele weitere Politikfelder des real existierenden Spätkapitalismus: Die Verpflichtung der EU, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken, kontrastiert mit einer europäischen Agrarreform, die an den ruinösen Strukturen industrieller Landwirtschaft in der Union weitgehend festhält. Die Verkehrswende läuft auf den Umstieg auf die Massenproduktion von Elektro-Pkw hinaus, die mit weit größeren Energieaufwand hergestellt werden müssen, als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und deren Betrieb nur dann klimaneutral wäre, wenn sie tatsächlich mit »Ökostrom« betrieben würden.

Der Kapitalismus kann CO2 nur im Modus der Krise reduzieren

nd-Kompakt

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Die viel diskutierte ökologische Wende scheint insofern vor allem zu einem festen Programmpunkt von Sonntagsreden verkommen zu sein. Alle wollen mehr Klimaschutz – und dennoch scheint die Wirtschaft ihren gewohnten, auf uferloses Wachstum geeichten Gang zu nehmen. Das Problem besteht hierbei darin, dass der Klimawandel als objektiv ablaufender Prozess sich im Gegensatz zur Öffentlichkeit nicht hinters Licht führen lässt von blumiger Rhetorik und leeren Versprechen. Denn entscheidend ist, was das kapitalistische Weltsystem letztendlich fabriziert. Und das sind in dieser Hinsicht seine beständig steigenden Emissionen von Treibhausgasen.

Im gesamten 21. Jahrhundert gab es nur zwei Jahre, in denen der weltweite CO2-Ausstoß zurückging: 2009, während der Weltwirtschaftskrise, die dem Platzen der transatlantischen Immobilienblasen in den USA und der EU folgte, und 2020, aufgrund des heftigen Krisenschubs, der durch den Covid-Lockdown getriggert wurde. Ohne Übertreibung kann daher festgehalten werden, dass die Reduktion von Treibhausgasemissionen in der kapitalistischen Weltwirtschaft nur um den Preis einer gravierenden »Wirtschaftskrise« möglich ist.

Mehr noch: die keynesianischen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung, mit denen der Wirtschaftseinbruch von 2009 bekämpft wurde, ließen den globalen CO2-Ausstoß 2010 um 5,9 Prozent hochschnellen, nachdem sie im Vorjahr um 1,3 Prozent zurückgingen. Ähnliches ist auch für 2021 zu erwarten, sollten die konjunkturellen und finanziellen Folgen der Pandemie nochmals eingedämmt und von einer abermaligen Blasenbildung abgelöst werden können. Den deutlichen, Weiterlesen Die Weltverbrennungsmaschine

Die Dialektik und der Humanismus der Praxis

Franz J. Hinkelammert

Mit Marx gegen den neoliberalen kollektiven Selbstmord
Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung

240 Seiten | 2020 | EUR 16.80  
ISBN 978-3-96488-056-7 

Kurztext: Karl Marx zeigt in seiner Kritik des Kapitalismus, wie durch eine bestimmte Auffassung des Verhältnisses von Markt und menschlichem Leben letzteres sekundär wird. Diese geradezu marktreligiöse Auffassung wurde im Neoliberalismus, auch durch Gegenkritik an Marx, radikalisiert. Hinkelammert analysiert diese Marx-Kritiken mit dem Ziel, der Marktreligion einen neuen Humanismus der Praxis entgegenzusetzen.

Inhalt & Leseprobe:


www.vsa-verlag.de-Hinkelammert-Dialektik-Humanismus.pdf623 K

Hinkelammert verdeutlicht, wie sich die Auffassung des historischen Materialismus und damit der menschlichen Gesellschaft im Marxschen Denken entwickelt. Der Markt wird zum Ausgangspunkt des Wirtschaftens, der Mensch zu einem verachteten und ausgebeuteten Wesen. Ziel einer Befreiung wäre die Unterordnung des Marktes unter das Leben der Menschen. Das aber setzt eine Kritik der politischen Ökonomie voraus.

Zudem zeigt Marx, dass die Marktordnung als Wettbewerbsordnung gleichzeitig eine Klassenkampfordnung ist. Dieser Klassenkampf von oben bildet durch die entstehenden extremen Widersprüche auch einen Klassenkampf von unten heraus. Auf diese Entwicklung reagieren wiederum Interpretationen, die häufig die Form von (scheinbarer) Wissenschaft haben und beherrscht werden durch die »Sieger« im Wettbewerb. Sie bauen eine extreme Ideologie auf, die jeden Widerstand gegen diese Tendenzen des Wettbewerbs und gegen die Interessen der diesen Wettbewerb beherrschenden Gruppen für illegitim erklärt. Es entsteht eine Markt­ideologie, die gleichzeitig Marktreligion ist. Als Hauptvertreter dieser Richtung untersucht der Autor Friedrich August Hayek und dessen Traditionen, insbesondere Friedrich Nietzsche, Max Weber und Karl Popper.

Für Hinkelammert ergibt sich die Notwendigkeit, »diese gesamte Marxkritik aufs Neue zu diskutieren von einem Standpunkt aus, der den Dialog sucht und nicht einfach einen scheinbar wissenschaftlich geführten Bürgerkrieg«. Zu verteidigen sind dabei alle Menschenrechte, deren Verwirklichung eine Intervention in den Markt voraussetzt und deren Anwendung es erst möglich macht, menschenwürdig zu leben und damit die gegenwärtigen Tendenzen zum kollektiven Selbstmord hin aufzulösen.

Der Autor:
Franz J. Hinkelammert ist ein in Lateinamerika ­lebender Ökonom und Befreiungstheologe. Er ist Autor grundlegender Arbeiten zur Marx’schen ­Religions- und Kapitalismuskritik sowie zur Kritik 
der neoliberalen Ökonomie.

Der besondere Reiz des Zu-sich-selbst-Kommens

Peter Schabers Einführung in die politische Philosophie von Abdullah Öcalan

Braucht man denn noch eine Theorie?«, heißt es häufig in linken Kreisen, es sei doch schon über alles geschrieben worden. Dabei ist doch die Frage, wie wir die Theoriegenese neu denken können. Zwischen theoretischem Reduktionismus und rudimentärem Pragmatismus gibt es durchaus eine Realität, in der Theorie angewandt, überdacht, kritisiert und wiederaufgearbeitet wird. Eine epistemologische Realität, in der man Theorie nicht zum Dogma verkommen lässt, in der man aber philosophische Zielsetzungen klar formulieren kann. Die Geschichte der kurdischen Freiheitsbewegung ist auch die Geschichte eben dieser Dialektik. Zwischen Paradigmenwechsel und ständig wandelnden geopolitischen Realitäten muss die nun mehr als 40 Jahre alte Bewegung diesen politischen Lauf auf einem zugegebenermaßen sehr schmalen Grat immer wieder meistern. Wieso also nicht davon lernen?

»Die Überwindung der kapitalistischen Moderne« heißt ein Buch von Peter Schaber, das im Oktober im Unrast-Verlag erschienen ist. Schaber will eine Einführung in das Denken von Abdullah Öcalan bieten und den »Systementwurf«, der den Schriften des Gründers der PKK zugrunde liegt, herausarbeiten und »zum Weiterlesen und zum eigenen Studium Öcalans anregen«. 

Dieser politische Systementwurf kann kurz gefasst als rätedemokratisches Modell bezeichnet werden, in dem weniger der Umsturz einer politisch-staatlichen Ordnung das Ziel ist, als der Aufbau dezentraler und basisdemokratischer Einheiten, die eine Alternative zu Staatszentrismus und Autoritarismus darstellen sollen. Besonders wichtig sind hierbei Themen wie Frauenbefreiung, ökologischer Wandel und kollektive Selbstverteidigung.

Dieser Systementwurf basiert auf vielen Studien und Überlegungen von Öcalan, die er im Gefängnis unter den Auflagen der türkischen Justiz unternommen und formuliert hat – seit 1999 ist er inhaftiert. Diese Weiterlesen Der besondere Reiz des Zu-sich-selbst-Kommens

Recycling: National Knockdown – Die „Querdenken“-Bewegung steht auf. (07.12.2020)

https://www.freie-radios.net/105906

1. Teil (Hauptteil)
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Sie sind immer noch da: Verbindungen von Nazis und „ganz normalen“ Bürger_innen durch geteilte Verschwörungstheorien und alle möglichen weiteren regressiven Ideologien. Wer von diesen Bürger_innen noch nicht bei Pegida mitgemacht hat, hat mit den Anti-Corona-Protesten nun eine weitere Möglichkeit erhalten, gemeinsam mit Nazis Politik zu machen. Die gemeinsame Politik funktioniert in traditionell deutscher, gemeinsamer Arbeitsteilung: Die Nazis prügeln und die Bürger_innen geben den zivilgesellschaftlichen Support. In dieser Sendung diskutieren wir, warum und wie die „Querdenken“-Bewegung entstanden ist, wie sie sich organisiert, auf welcher ideologischen Grundlage sie funktionieren und warum es diese in dieser Form nur in Deutschland gibt. Mit tollen Gästen. 

Audio
01:48:13 h, 77 MB, mp3
mp3, 99 kbit/s, Mono (44100 kHz)
Upload vom 14.12.2020 / 14:00

Der kommende Krieg – Rosa-Luxemburg-Stiftung

Bestellhinweis

Der US-China-Konflikt wird dem 21. Jahrhundert sein Gepräge aufdrücken. Faktisch tut er es längst. Da in einem kalten Wirtschaftskrieg auch der klimapolitische Staatsinterventionismus als Realität in China und als sozialökologisches Transformationsprojekt im Westen unter die Räder einer marktgetriebenen Entwicklung geraten kann, ist die Zukunft der Menschheit auf dem Planeten Erde immer mehr von diesem Konflikt und seiner Entschärfung abhängig. Das «Schwerter zu Pflugscharen» von einst muss heute lauten: globale Abrüstung, Entspannungsdiplomatie und klimapolitischer Multilateralismus unter Einbindung Chinas für den sozialökologischen Systemwechsel weltweit, weil die Klimakatastrophe nun einmal nicht vor Ländergrenzen haltmacht.

Dass der Aufstieg des rechtsautoritären Nationalismus und die Entfaltung seiner Macht gegenüber China auch innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas die marktliberalen Kräfte stärken, ist dabei eine besonders brisante Entwicklung. Dies unterstreicht, dass China und seine Regierungspartei keineswegs ein monolithischer Block sind, sondern von den internationalen Kräfteverhältnissen und den Kräfteverhältnissen in den einzelnen Staaten des Westens abhängen.

Inhalt:

  • Vorwort
  • 1 Trump und «Global Trumpism»
  • 2 Die organische Krise des Kapitalismus und der Aufstieg des rechtsautoritären Nationalismus oder: die gesellschaftlichen Wurzeln des «Rechtspopulismus»
  • 3 Die Dysfunktionalität des rechtsautoritären Nationalismus für den Block an der Macht und seine Einhegung
  • 4 Chinas Aufstieg: die historisch große Herausforderung für das American Empire
  • 5 Seeblockade und die One-Belt-One-Road-Initiative: Der Krieg hat längst begonnen
  • 6 Die globale Finanzkrise als verpasste klimapolitische Chance
  • 7 Mit dem Westen in die Klimakatastrophe, mit China zu ihrer Abwendung?
  • 8 Tertium non datur? Vor der fürchterlichen Entscheidung
  • Literatur

Zu18: Shoshana Zuboff. Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus

  • Shoshana Zuboff
  • 2018
  • Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus
  • campus
  • The age of surveillance capitalism

Ueberwachungskapitalismus sammelt und privatisiert grenzenlosen Wissens, lässt die organische Reziprozität mit dem Menschen fallen und vernichtet die Individualität durch Leben im Schwarm. Ueber 700 Seiten Vergleich mit Totalitarismus, Behaviorismus etc.

Ueberwachungskapitalismus

  1. neue Marktform, die menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für ihre versteckten kommerziellen Operationen der Extraktion, Vorhersage und des Verkaufs reklamiert
  2. eine parasitäre ökonomische Logik, bei der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einer neuen globalen Architektur zur Verhaltensmodifikation untergeordnet ist
  3. eine aus der Art geschlagene Form des Kapitalismus, die sich durch eine Konzentration von Reichtum, Wissen und Macht auszeichnet, die in der Menschheitsgeschichte beispiellos ist
  4. Fundament und Rahmen einer Ueberwachungsökonomie
  5. so bedeutend für die menschliche Natur im 21. Jh. wie der Industriekapitalismus des 19. und 20. Jhs. für die Natur an sich
  6. der Ursprung einer neuen instrumentären Macht, die Anspruch auf die Herrschaft über die Gesellschaft erhebt und die Marktdemokratie vor bestürzende Herausforderungen stellt
  7. zielt auf eine neue kollektive Ordnung auf der Basis totaler Gewissheit ab
  8. eine Enteignung kritischer Menschenrechte, die am besten als Putsch von oben zu verstehen ist – als Sturz der Volkssouveränität

Einleitung

1. Heimat oder Exil in der digitalen Zukunft

Ueberwachungskapitalismus beansprucht menschliche Erfahrung als Rohstoff für Verhaltensdaten, ein Teil zur Verbessserung von Produktion/Dienstleistungen, der Rest als proprietärer Verhaltensueberschuss für Vorhersageprodukte, die erahnen was ein einzelner jetzt oder in Zukunft tun wird. Diese werden gehandel auf Verhaltensterminkontraktmarkt.

Keine Rede von konstruktiven Reziprozität zwsichen Produzent und Konsument, sondern beispiellose Asymmetrien an Wissen und Macht.

stellt sie die Praktiken des Ueberwachungskapitalismus als unvermeidbar hin, wo sie doch in Wirklichkeit ebenso akribisch kalkulierte wie üppig finanzierte Mittel zu eigennützigem ökonomischem Handeln sind.

Teil I. Die Grundlagen des Ueberwachungskapitalismus

2. Bühne frei für den Ueberwachungskapitalismus

iTunes/iPod revolutionierten 2001 die Musikindustrie, und Weiterlesen Zu18: Shoshana Zuboff. Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus

Zugehörige Dateien

Liebe Leserin, lieber Leser,

30 Jahre danach sind viele Geschichten über die politische Wende in der DDR und insbesondere über den Weg in die deutsche Einheit noch immer nicht erzählt. Dabei stehen individuelle Erfahrungen weiterhin nicht selten im Gegensatz zum offiziellen Erinnerungsdiskurs. Ich erinnere mich beispielsweise an das damalige Tempo der gesellschaftlichen Veränderung und dass es manchmal schwerfiel, Schritt zu halten. Ich erinnere mich an die vielen neuen Parteien und Bewegungen, die in dieser Zeit entstanden sind und die heute keine oder kaum noch eine Rolle spielen. Ich erinnere mich an die Runden Tische, an denen die unterschiedlichsten politischen Akteure um den künftigen Weg stritten und neue Demokratieerfahrungen sammelten. Ich erinnere mich an die Aufbruchsstimmung, die Stefan Heym bereits auf der großen Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 in die Worte fasste, es war, «als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit». Es gab eine kurze Zeit, in der alles möglich schien – sogar ein demokratischer Sozialismus.

Wie engagiert an den Runden Tischen und später in der letzten Volkskammer der DDR um Mehrheiten gerungen wurde, habe ich selbst miterlebt. Die Atmosphäre und das Arbeitspensum, das die Abgeordneten bis zum 3. Oktober 1990 bewältigten, sind heute kaum vermittelbar. Dabei wäre es durchaus lohnenswert, wissenschaftlich zu ergründen, welche Formen politischer Meinungsbildung, Demokratie und Partizipation in den Aufbrüchen 1989/90 erfolgreich ausprobiert wurden. Leider ist vieles davon auf dem Weg in die deutsche Einheit auf der Strecke geblieben.

Einige Mitstreiter*innen aus der Zeit der revolutionären Um- und demokratischen Aufbrüche in der DDR sind auch heute noch aktiv, andere haben sich, oft enttäuscht von den Möglichkeiten realer Einflussnahme, zurückgezogen. Die damaligen Weiterlesen Zugehörige Dateien

Das IfS. Faschist*innen des 21. Jahrhunderts

Der rechte Rand.
Das antifaschistische Magazin (Hrsg.)

Einblicke in 20 Jahre »Institut für Staatspolitik«

184 Seiten | zahlreiche Fotos | 2020 | EUR 12.80  
ISBN 978-3-96488-074-1 

Kurztext: »Dass das ›Institut für Staatspolitik‹ (IfS) ein extrem rechter Thinktank ist, konnte in den vergangenen 20 Jahren im antifaschistischen Magazin ›der rechte rand‹ früh nachgelesen werden. Aus unterschiedlichen Perspektiven haben die Autor*innen des Magazins kontinuierlich die radikalen Positionen, metapolitischen Strategien oder personellen Vernetzungen recherchiert und reflektiert.« (Andreas Speit)

Inhalt & Leseprobe:


www.vsa-verlag.de-drr-Das-IfS-Faschisten-2020.pdf339 K

Vor 20 Jahren eröffnete das »Institut für Staatspolitik« (IfS), anfangs im hessischen Bad Vilbel, seit 2003 im sachsen-anhaltinischen Schnellroda angesiedelt, den politischen Kampf im vorpolitischen Raum, um Debatten anzustoßen und Diskurse zu beeinflussen. Über Jahre blieb der Einfluss dieses heterogenen Netzwerkes um Karlheinz Weißmann und Götz Kubitschek, der auch den ebenfalls in Schnellroda ansässigen Verlag »edition antaios« leitet, vermeintlich ohne große Auswirkung.

Diese »Neue Rechte« räumte im Laufe der Jahre selbst ein, dass ihr Einfluss sich in der Mitte der Gesellschaft kaum bemerkbar mache. Die angebliche wissenschaftliche Arbeit führte anfänglich jedoch zu einer moderaten Rhetorik der radikalen Argumentation, die das Spektrum rechts von der Union nach und nach aufgriff.

Erst mit den diskursiven Verschiebungen durch renommierte Persönlichkeiten ohne extrem rechten Hintergrund stieg der politische Einfluss. Das Sag- und Wählbare verschob sich. Diese Raumgewinnung nutzte das IfS, das auch das Parlamentarische nicht ignorierte. Bei der Gründung der AfD waren Akteure aus dem Milieu dabei.

Ohne das einflussreiche Personen-Netz um Björn Höcke und den angeblich aufgelösten »Flügel« in der Partei Weiterlesen Das IfS. Faschist*innen des 21. Jahrhunderts

Newton und Mendelejew irrten, Marx nicht?

von Ulrich Busch

Der Unterschied zwischen Mainstream und Non-Mainstream, zwischen den Economics, wie sie sich üblicherweise in den Lehrbüchern und Medien finden, und Auffassungen, die davon abweichen, ist wohl in keiner Disziplin größer als in der Ökonomie. Umso mehr ist es anzuerkennen, wenn Ökonomen immer wieder versuchen, mit ihren alternativen Theorien und Überzeugungen gegen die etablierte Lehre anzukämpfen und vor deren Übermacht nicht zu kapitulieren.

Trotz aller Würdigung, die Karl Marx 2017 und 2018 offiziell zuteil geworden ist, gehören die Marxsche ökonomische Theorie und der gesamte Marxismus zum Non-Mainstream. Das heißt, sie finden in Lehrbüchern, sofern überhaupt, nur eine marginale Erwähnung und ihre Erklärungsansätze spielen in der aktuellen wissenschaftlichen Debatte so gut wie keine Rolle. Die schon 1867 von Marx beklagte „Verschwörung des Schweigens“ hat seitdem weiter zugenommen. Ausgenommen hiervon ist lediglich der „linke“ antikapitalistische Diskurs, worin Altmarxisten, junge Suchende und „bunte Linke“ über sozialökonomische Alternativen zum gegenwärtigen Kapitalismus debattieren. Die hier diskutierten Auffassungen haben aber oftmals mit der originären Theorie von Karl Marx nur noch wenig zu tun. Sie speisen sich zunehmend aus anderen, auch aus nichtwissenschaftlichen Quellen, was nicht zuletzt ihre Vulgarisierung zur Folge hat. Dem arbeiten die Autoren vorliegenden Buches, die Wirtschaftswissenschaftler Klaus Müller und Stephan Krüger, kräftig entgegen, indem sie versuchen, „dem Marxschen Original gerecht zu werden, modische Umdeutungen Weiterlesen Newton und Mendelejew irrten, Marx nicht?

Launige Utopie

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Peter Hacks konnte sich die Abschaffung der Arbeitsteilung im Reich der Freiheit, verstanden als Abschaffung des Fachkönnens, nicht vorstellen. Darstellung der arbeitsteiligen sozialistischen Gesellschaft in Walter Womackas Mosaikfries »Unser Leben« (1964) am Haus des Lehrers in Berlin

Heinz Hamm ist Literaturwissenschaftler und forscht vor allem zu Goethe und Hacks. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 22. Mai 2019 über die erste Bühnenaufführung des »Faust«.

Am vergangenen Sonnabend fand in Berlin die 13. wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft statt. Sie stand unter dem Motto: »Unendlich nur ist der Zusammenhang« – Hacks und der Marxismus. Wir veröffentlichen an dieser Stelle mit seiner freundlichen Genehmigung den Vortrag von Heinz Hamm. Ausgewählte Referate werden im Hacks Jahrbuch 2021 veröffentlicht. (jW)

Im Bild des Kommunismus spielte von Anfang an die Aufhebung der Teilung der Arbeit eine entscheidende Rolle. Schon in den unveröffentlichten Texten aus den Jahren 1845 und 1846, in denen sich Marx und Engels mit Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner auseinandersetzten, hieß »die Gesellschaft kommunistisch zu organisiren«¹, das Privateigentum aufzuheben und damit auch die Arbeitsteilung; denn »übrigens sind Theilung der Arbeit & Privateigentum identische Ausdrücke«.²

Morgens Jäger, abends Kritiker

Mit Sicherheit verstanden Marx und Engels darunter nicht das Ende jeglicher unterschiedlicher Tätigkeit. Gemeint war das Aufheben eines Zustands, in dem das Individuum »unter die Theilung der Arbeit subsumirt« ist und »durch sie verein­seitigt, verkrüppelt«³ wird: »Und endlich bietet uns die Theilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar, daß solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft befinden, solange also die Spaltung zwischen dem besondern & gemeinsamen Interessen existirt, solange die Thätigkeit also nicht freiwillig, sondern naturwüchsig getheilt ist, die eigne That des Menschen ihm zu einer fremden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht. Sowie nämlich die Arbeit vertheilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Thätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker, & muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Thätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt & und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu thun, Morgens zu jagen, Nachmittags zu fischen, Abends Viehzuchte zu treiben nach dem Essen zu kritisiren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.«⁴

Was Marx und Engels von der Aufhebung der Teilung der Arbeit im allgemeinen erwarteten, hatte für sie auch Gültigkeit für die künstlerische Arbeit im besonderen: »Die exklusive Konzen­tration des künstlerischen Talents in Einzelnen & seine damit zusammenhängende Unterdrückung in der großen Masse ist Folge der Theilung der Arbeit. (…) Bei einer kommunistischen Organisation der Gesellschaft fällt jedenfalls fort die Subsumtion des Künstlers unter die lokale & nationale Bornirtheit, die rein aus der Theilung der Arbeit hervorgeht, & die Subsumtion des Individuums unter eine bestimmte Kunst, sodaß es ausschließlich Maler, Bildhauer usw. ist, (…) In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderem auch malen.«⁵

Marx und Engels stellten dann 1848 im »Manifest der Kommunistischen Partei« klar, dass das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft werden solle, keineswegs der persönliche Besitz zur Erhaltung des Lebens. Wirklich Neues zum Kommunismus kam erst 1874 in der Stellungnahme von Marx zum Entwurf des Vereinigungsprogramms des Gothaer Parteitags hinzu. In den nicht zur Veröffentlichung bestimmten »Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei«⁶ kritisierte Marx die Forderungen des Entwurfs zur gerechten Verteilung, indem er gegenüberstellte, wie »innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Productionsmitteln gegründeten Gesellschaft« die Produzenten in der Verteilung der Produkte verfahren werden. Dabei wurde unvermittelt Überraschendes mitgeteilt. Auch im Kommunismus werde es am Anfang bei der Verteilung nicht gerecht zugehen, werde Ungleichheit nicht völlig beseitigt sein. Denn am Anfang »erhält der einzelne Producent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr giebt«. Die »ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter« würden damit zu ungleichen Anteilen am Konsumtionsfonds führen. Darüber hinaus könne sogar der Fall eintreten: »Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Antheil an dem gesellschaftlichen Consumtionsfonds erhält (…) der eine faktisch mehr als der andre, ist er reicher als der andre, etc.« Diese »Missstände« wären jedoch unvermeidbar; denn womit wir es am Anfang zu hätten, wäre »eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoos sie herkommt«.

Diese neuen Einsichten führten Marx dazu, dem eigentlichen Kommunismus eine »politische Uebergangsperiode«, eine »Periode der revolutionären Umwandlung« voranzustellen und von zwei Phasen der kommunistischen Gesellschaft zu sprechen: einer »ersten Phase« mit unvermeidbaren »Missständen« und Weiterlesen Launige Utopie