Auschwitz Komitee empört über Putins Äußerung zu „Völkermord“ an Russen

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Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner Foto: picture alliance / ZB

Das Internationale Auschwitz Komitee hat den Angriff Russlands auf die Ukraine verurteilt und dabei insbesondere die Wortwahl zur Begründung der Invasion kritisiert. »Weltweit verfolgen Überlebende des Holocaust und ehemalige Häftlinge der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager die Nachrichten zum Putinschen Überfall auf die Ukraine mit Entsetzen und großem Schmerz«, teilte Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, am Samstag mit.

»Nie hätten sie gedacht, dass nach den Erfahrungen von Auschwitz und den Leiden des 2. Weltkrieges ein russischer Staatsmann Europa in die Finsternis eines Krieges zurücktreiben würde.«

Heubner betonte, mit besonderer Empörung stellten die Überlebenden des Holocaust fest, dass Putin zur Begründung seines Krieges immer wieder die Begriffe »Völkermord« und »Entnazifizierung« heranziehe.

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Seit Tagen rätseln viele Analyst*innen über die Motive Putins und der politisch Verantwortlichen, die Ukraine offen anzugreifen. Ilya Matveev, ein linker russischer Soziologe, hatte 2021 die ökonomischen und geopolitischen Interessen des russischen Imperialismus analysiert. Mit dem Angriff auf die Ukraine musste er aber feststellen, dass es Putin nicht allein um ökonomische und geopolitische Sicherheitsinteressen gehe, also nicht nur um den Westen und die NATO. Denn nur mit diesen Interessen lasse sich das aktuelle Agieren Russlands nicht erklären. Matveev stellte selbstkritisch zu seinen eigenen Thesen fest, dass er einen wichtigen Punkt übergesehen habe: die imperialistische, nationalistische Ideologie der herrschenden Elite. Sie beanspruche eine historische Mission für sich, nämlich das historische Russland in seiner alten Größe wiederherzustellen.

Aber hätte das nicht vorher auffallen können? Auffallen müssen? Ja, denn wer in Russland unterwegs war, dem sprang die massive imperiale Geschichtspolitik allerorts ins Auge. Ein Beispiel ist die interaktive Ausstellung «Russland. Meine Geschichte», die mittlerweile in 23 Städten in Russland dauerhaft zu sehen ist. Technisch ist sie auf dem Stand der Zeit, nur museumspädagogisch ist sie mehr als fragwürdig. Die Ausstellung, die sich vor allem an Jugendliche wendet, bedient sich eines einfachen Farbkonzepts, um zu zeigen, ob ein Herrscher gut oder schlecht war. Gut, also grün, ist die Ausstellung, wenn der Herrscher bzw. der Staat stark waren und Territorien dazugewannen. Rot sind hingegen die Epochen, in denen der Herrscher geschwächt war und interne Konflikte das Imperium lähmten. Es geht der Ausstellung also nicht um die Vermittlung von Kompetenzen zur kritischen Reflexion historischer Narrative, sondern darum, ein Bild imperialer Stärke zu vermitteln.

Aber es brauchte nicht unbedingt die Besuche vor Ort, man hätte es auch in zahlreichen Publikationen lesen können. Die Zeitschrift Osteuropa titelte ihr Juliheft 2021 mit «Der Geist der Zeit. Kriegsreden aus Russland» und ging auf die aktuelle russische Geschichtspolitik und die Erklärungen Putins vom Juli 2021 ein. Andreas Kappler warnte deutlich: «Putins Drohungen sollten ernst genommen werden.» Bereits 2020 hielt Andrej Kolesnikov fest: «Der herrschende Diskurs [in Russland] ist imperial, militaristisch, bedrohungszentriert.»

Es wurde also gesehen, aber von uns Linken nicht laut ausgesprochen. Vielmehr wurde die Kritik oftmals als «Feindbildproduktion» abgetan und beiseitegewischt. In den letzten Tagen hat sich aber gezeigt, dass wir es unmissverständlich hätten kritisieren müssen!

Die Ukraine – nur ein Teil des russischen Imperiums?

Der imperiale Phantomschmerz prägt schon länger die russische Geschichtspolitik und ist insofern kein neues Phänomen. Bereits 2005 in seiner jährlichen Rede zur Lage der Nation sprach Putin von dem Zerfall der Sowjetunion als der «größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts». Die massiven ökonomischen Turbulenzen und die gravierenden sozialen Probleme, die der Zerfall der Sowjetunion nach sich zog, beschäftigten Putin dabei allerdings erst in zweiter Linie. An erster Stelle stand für ihn die Frage der Russ*innen außerhalb Russlands. Und diese Menschen, auf die Putin in seiner Rede abzielte, leben nicht nur in der Ukraine, sondern auch in anderen Staaten wie Belarus oder Kasachstan.

Ein wichtiges Zeugnis dieser imperialen Geschichtspolitik ist der im Juli 2021 unter dem Namen Putins veröffentlichte Artikel mit dem Titel «Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer». Putin legt darin seine (geschichts-)politische Perspektive dar. Ukrainer, Belarussen und Russen seien eigentlich ein Volk. Diese Einheit führt Putin auf die Rus, die mittelalterlichen slawischen Herrschaftsverbände, zurück. In einem Parforceritt durch die Jahrhunderte werden in dem Text Begründungen dafür aufgezählt, warum die Ukraine eigentlich keine eigenständige Nation sei. Es sei der historische Zufall des Mongolensturms gewesen, der zur Teilung der Rus geführt habe. Später hätten dann fremde Herrscher versucht, die Eigenständigkeit der Ukraine zu befördern und sie vom Zarenreich zu entfremden.

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