Nach Glasgow und vor der Ampel: Wie weiter mit der Klimabewegung?

Kohlegegnerinnen und -gegner protestieren gegen gegen den Tagebau in Lützerath, 31.10.2021 (IMAGO / Future Image)

Uneiniger könnte die Klimabewegung kaum sein: Als Ende November die 26. UN-Klimakonferenz (COP26) in Glasgow stattfand, kursierten einerseits Bilder von Luisa Neubauer, Mitgründerin der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung, im angeregten Gespräch mit Prinz William und Barack Obama im Netz.[1] Nur kurz darauf äußerte sich Greta Thunberg in einem Tweet: „Eine Kurz-Zusammenfassung [der Konferenz]: Bla, bla, bla.“[2] Während die eine in der Gipfeldiplomatie mitspielen will, lehnt die andere sie mit fast despektierlichen Worten ab: Sinnbildlicher könnte die strategische Entzweiung der Klimabewegung kaum zum Ausdruck kommen.

Die Ergebnisse der 26. Weltklimakonferenz in Glasgow sowie der Koalitionsvertrag der Ampel wurden bereits im Voraus als die Meilensteine der Klimapolitik für die kommenden Jahre angekündigt: In Glasgow sollten die internationalen Vereinbarungen zu den Klimaschutzmaßnahmen zur Einhaltung des Pariser 1,5-Grad-Ziels erstmalig nachgeschärft werden. Und der in Berlin ausgehandelte Koalitionsvertrag zwischen SPD, den Grünen und FDP würde den Rahmen für die deutsche Klimapolitik der nächsten Jahre in den zentralen Transformationsbereichen Energie, Landwirtschaft, Bau und Verkehr setzen.

Doch beide enttäuschten die Erwartungen von Klimaaktivist*innen. Denn jetzt ist klar: Die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius, die Fridays for Future in den vergangenen Jahren forderte, ist nicht mehr haltbar. Im allerbesten Fall erwärmt sich die Erde auf mindestens 1,8 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter – und zwar nur für den Fall, dass alle Staaten ihre Versprechen einhalten, wofür es vielfach noch keine Maßnahmen und Umsetzungspläne gibt.[3] Wahrscheinlicher aber ist stattdessen eine deutlich stärkere Erwärmung auf rund 2,7 Grad[4] oder mehr. Und auch wenn die Ampel das 1,5-Grad-Ziel in der Prosa des Koalitionsvertrages prominent hervorhebt – Deutschland wird die eigenen Klimaziele in den nächsten Jahren wieder verfehlen.[5]Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Januar 2022. Klicken Sie hier, um zur Inhaltsübersicht dieser Ausgabe zu gelangen.

Während also die Ampel die eigenen Klimaschutzziele reißt, sagen Klimawissenschaftler*innen bereits voraus, dass auch eine Begrenzung der Erderwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“, wie es das Pariser Klimaabkommen vorschreibt, nicht ausreichen wird, um katastrophale Schäden abzuwenden.[6] 1,5 Grad sind die kritische Grenze, jenseits derer die Folgen nur noch schwer absehbar werden. Denn aufgrund der Kippelemente im Klimasystem hätte eine solche Erwärmung drastische Folgen: Weltweit würde das Überschwemmungsrisiko auf mehr als 20 Prozent der Landesflächen zunehmen und der Meeresspiegel würde jedes Jahr um vier bis acht Millimeter ansteigen.[7] Schon dieses Jahr fluteten Regenfälle Teile Chinas und Westeuropas. Allein im Ahrtal kamen mehr als 180 Menschen in reißenden Sturzfluten ums Leben, während fast zeitgleich im pazifischen Nordwesten der USA hunderte weitere den Folgen extremer Hitze erlagen, in Griechenland und Sibirien Waldbrände wüteten und es in Brasilien zu einer Rekorddürre kam.[8]

Für die Klimabewegung lautet daher die zentrale Frage: Wie kann sie sich nun neu ausrichten, wenn die Erreichung des 1,5-Grad-Ziels immer unwahrscheinlicher wird und die Konsequenzen der Klimakrise dafür umso dramatischer? Mit welchen Aktionen reagiert sie auf die sich zuspitzende Klimarealität – und auf welchen Feldern kann sie noch gewinnen?

Die Strategie der Klimabewegung bis zur Wahl

In den vergangenen drei Jahren bestand die Strategie von weiten Teilen der Klimabewegung darin, die Bundesregierung auf eine konsequente 1,5-Grad-Politik zu verpflichten oder mit breitem Protest auf neue progressive parlamentarische Mehrheiten hinzuwirken. Doch heute steht fest, dass diese Strategie nicht mehr greift. Für neue grüne und linke Mehrheiten hat das Ergebnis der Bundestagswahl nicht gereicht. Die Ampel-Koalition versucht sich zwar als Fortschrittskoalition zu verkaufen, bleibt am Ende aber doch bloß eine arithmetische Koalition ohne gemeinsames Klimaschutzprojekt.[9]

Das Verhältnis der Klimabewegung zum realpolitischen Parlamentsbetrieb und besonders zu den Grünen war nie ganz geklärt und sorgt immer wieder für kontroverse Debatten unter Aktivist*innen. Doch strategisch lief die Kommunikation von Fridays for Future bis zur jüngsten Bundestagswahl auf zwei Strategien hinaus, mit Hilfe derer die Aktivist*innen Druck auf die Regierung und den parlamentarischen Betrieb aufbauen wollten: Entweder würde die große Koalition ihrem politischen Druck nachgeben und wirksamen Klimaschutz per Gesetz verabschieden. Oder bei der nächsten Wahl würde die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Klimapolitik der schwarz-roten Regierung die Mehrheiten drastisch verändern und Parteien an die Regierung bringen, die dann in der nächsten Legislaturperiode – der entscheidenden letzten, in der die Erderhitzung noch auf 1,5 Grad begrenzt werden könne – für konsequenten Klimaschutz sorgen würden.[10] Sprecherinnen wie Luisa Neubauer adressierten ihre Forderungen also stets einerseits an die Bundesregierung und andererseits auch an die bürgerliche Mitte der Gesellschaft.

Doch trotz der Klimaproteste waren die Ergebnisse der Grünen mit 14,8 und der Linken mit 4,9 Prozent bei der Bundestagswahl enttäuschend.[11]Zusammen sind sie nur auf unter 20 Prozent der Stimmenanteile gekommen. Selbst unter jungen Wähler*innen von 18 bis 25 Jahren – also der Generation, die im Narrativ des Generationenkonflikts die Hauptrolle spielt – entschieden sich 22 Prozent am Wahltag für die FDP und damit für eine Partei, die staatlichen Interventionen zum Schutze des Klimas überaus skeptisch gegenübersteht.[12]

Das Fazit der Wahl lautet also: Dem Gros der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft reicht Klimaschutz als Lippenbekenntnis. Konkrete Maßnahmen, wie die Besteuerung umweltschädlicher Produktion oder gar Ordnungsrecht, sprich Verbote, überfordern sie. Und selbst die Jungen, die eigentlich ein genuines „Generationen-Interesse“ an wirksamem Klimaschutz haben sollten, sind in der Klimafrage gespalten. „Klima schützen oder abgewählt werden“ – diese politische Drohkulisse der Bewegung, mit der sie Druck auf die Regierung aufbauen wollte, ist somit seit dem 26. September nicht länger glaubwürdig.

Blätter-Jubiläumsabo

Leuchtet die Ampel grün?

Mit der Ampel steht der Bewegung nun eine neue Regierungskoalition gegenüber und fordert sie zu strategischem Umdenken heraus. Denn die neue Regierung hat zentrale Begriffe, mit der die Klimabewegung in den vergangenen Jahren mobil gemacht hat, diskursiv schon übernommen. So steht das Ziel der Begrenzung der Erderhitzung auf 1,5 Grad prominent im Koalitionsvertrag. Auch auf ihrer Pressekonferenz zur Vorstellung des Koalitionsvertrages erklärten SPD, Grüne und FDP Klimaschutz rhetorisch zum zentralen Thema ihrer Regierung.[13] Doch die im Koalitionsvertrag verabschiedeten Maßnahmen – und darin sind sich Klimabewegung und Wissenschaftler*innen einig – reichen dafür bei weitem nicht aus. Deutschland tatsächlich auf den 1,5-Grad-Pfad zu bringen, würde realpolitisch bedeuten, in den Schlüsselsektoren Energie, Verkehr, Bauen und Landwirtschaft vollkommen neue Maßstäbe zu setzen.[14] Doch abgesehen von dem ambitionierten Ziel, bis 2030 im Energiebereich 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren zu beziehen,[15] gibt es im Regierungsprogramm der Ampel statt großer Projekte nur kleine Verbesserungen: Der Kohleausstieg ist „idealerweise“ bis 2030 vereinbart.[16] Im Bausektor sollen die 400 000 geplanten Wohnungen anscheinend weiterhin mit klimaschädlichem Beton und Stahl gebaut werden.[17] Im Verkehrsbereich setzt die Ampel weiterhin auf motorisierten Individualverkehr statt auf einen konsequenten Ausbau von Radinfrastruktur, Bus und Bahn. Ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, Tempo 30 in den Städten und ein Verbot von Inlandsflügen, wie es die Grünen im Wahlkampf noch forderten, fehlen.

Beim Verbrenner-Aus oder dem „Deutschlandtakt“ versucht sich die Koalition sogar mit Maßnahmen zu schmücken, die auf europäischer oder nationaler Ebene längst beschlossene Sache sind. Nicht besser sieht es im Landwirtschaftssektor aus. Dort soll der Anteil der ökologischen Landwirtschaft bis 2030 zwar von 10 auf 30 Prozent gesteigert werden, doch eine Umorientierung vom deutschen Exportmodell und seinen Dumpingpreisen ist nicht in Sicht. Inwieweit der Realo-Grüne Cem Özdemir, der weder Expertise noch Erfahrung im Landwirtschaftsbereich vorweisen kann, daran etwas zum Positiven ändern wird, ist mehr als fraglich.

Die ambivalente Rolle der Grünen

Besonders den Grünen fällt in der neuen Regierungskoalition eine ambivalente Rolle zu. Denn so unzureichend der Koalitionsvertrag im Klimabereich auch ist – in den nächsten vier Jahren werden sich die Grünen darin üben, ihren Wähler*innen zu erklären, warum sie nicht mehr erreichen konnten oder die Forderungen der Bewegung politisch nicht mehrheitsfähig sind. Für die Klimabewegung ist das ein veritables Problem: Denn die Grünen gelten bei vielen als glaubwürdige Verbündete im Kampf für Klimaschutz und können so aus ihrer herausgehobenen Sprechposition in der Regierung den Kämpfen der Bewegung für Kohleausstieg, Agrar- und Verkehrswende erheblichen Wind aus den Segeln nehmen. So bitter es ist: Die Grünen in der Regierung werden der Bewegung Mobilisierungen für konkrete Klimaschutzmaßnahmen vermutlich erschweren.

Doch nicht nur auf die Grünen, auch auf die ihnen nahestehenden Umweltverbände kommt es jetzt an, wie die Geschichte zeigt: Während Anfang der 2000er Jahre bei der Einführung der Hartz-IV-Reformen die Gewerkschaften stillhielten und eine Gegenmobilisierung verhinderten, ist derzeit noch unklar, wie weit die Loyalität der Umweltverbände zu den Grünen reicht. Gibt es starke, etablierte Stimmen, die den mangelnden Klimaschutz anprangern, könnte diese Kritik auch in der Bevölkerung Fuß fassen und Druck aufbauen. Andernfalls droht eine Spaltung zwischen der weniger institutionalisierten Bewegung auf der Straße, die ihre Politik eher aus der konkreten Realität der Klimakrise ableitet, und den Umweltverbänden, die den Politikbetrieb und Verhandlungsdiplomatie wertschätzen.

Während die Politik in Glasgow und der Ampel-Koalition also eher in Trippelschritten vorangeht, ist die Klimakrise längst auf der Überholspur. Viele Klima-Aktivist*innen sind frustriert, desillusioniert und ratlos angesichts dieses drastischen Widerspruchs der Langsamkeit politischer Prozesse im Vergleich zur großen Bedrohung ihres Lebens und der gesellschaftlichen Zukunft. Auch nach außen wirkt die Klimabewegung ermattet und zerfasert, und die immer kleiner werdenden Klimastreiks machen zunehmend einen ritualisierten und kraftlosen Eindruck.

Klimabewegung in der Klimakrise

Doch nicht nur bei Fridays for Future, sondern auch in radikaleren Teilen der Klimabewegung wie Ende Gelände fehlt die Mobilisierungskraft. Seit dem unzureichenden Klimaschutzgesetz 2019, dem realpolitisch verlorenen Kampf im Dannenröder Wald gegen den Bau einer Autobahn und dem schlechten Ergebnis der Bundestagswahl fehlt der Bewegung ein zentraler Kristallisationspunkt. Die immer gleichen Aktionsformen von Tagebaubesetzungen und Demonstrationen schaffen keine neuen Anstöße für eine gesellschaftliche Debatte.

Mit der Ampel-Koalition an der Regierung muss daher ein Strategie-Wechsel her. Nicht nur für Fridays for Future, auch in anderen Teilen der Bewegung entbrandet jetzt eine Diskussion darüber, wie es nun weitergehen soll: Einige, die die Appelle an Politik und den Gemeinsinn der Gesellschaft nach der Wahl gescheitert sehen, argumentieren jetzt dafür, fossile Infrastruktur zu attackieren und sogar zu zerstören, um mit direkten Aktionen die Kosten der Umweltzerstörung für den Staat und die Wirtschaft in die Höhe zu treiben – bis zu einem Punkt, an dem Pipelines, neue Autobahnen und Tagebaue unrentabel werden. „Die Reaktion muss sein, dem parteipolitischen Nichthandeln, dem Status quo, unsere Unterstützung zu entziehen, anstatt ihn durch Appelle, doch endlich zu handeln, weiter zu legitimieren“, fordern beispielsweise die Aktivist*in Carola Rackete von Extinction Rebellion und Momo aus der Besetzung des Hambacher Forsts.[18]

Tadzio Müller, ein Mitinitiator vom Aktionsbündnis Ende Gelände, geht sogar noch einen Schritt weiter. Die Klimabewegung müsse sich angesichts der Lage nach der Bundestagswahl und dem Klimagipfel in Glasgow zwischen „Militanz und Irrelevanz“ entscheiden, so Müller, der vorhersagt, dass Aktivist*innen fossile Infrastruktur, Autos und Firmengebäude aus „politischer Notwehr“ zerstören könnten.[19]

Als historisches Beispiel für politische Sabotageaktionen, wie sie aktuell diskutiert werden, wird oft die Suffragetten-Bewegung angeführt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts, um das Frauenwahlrecht zu erkämpfen, die Kommunikationswege störte und Briefkästen sprengte. „Ziviler Ungehorsam plus“ oder Sabotage fossiler Infrastruktur sind die Schlagworte, die in der Diskussion immer wieder fallen.

Dabei ist meistens ungeklärt, von welcher Art und Dimension der Sabotage und des kalkulierten Regelbruchs überhaupt die Rede ist: Geht es darum, parkenden SUVs die Luft aus den Reifen zu lassen, um auf diese Weise die gravierenden Auswirkungen von immer größeren und schwereren Pkw in die Schlagzeilen zu bringen, oder darum, Auto-Showrooms in Schutt und Asche zu legen? Sollen solche Aktionen ein explizites ökonomisches Ziel verfolgen, so wie zwei junge Frauen in den USA versuchten, mittels Sabotage-Akten die Dakota Access Pipeline zu stoppen?[20] Oder sollen die Abläufe in Kraftwerken so lange wie möglich unterbrochen werden, um direkt CO2-Emissionen zu verhindern – so wie es jüngst Aktivist*innen im Rheinland im Rahmen einer Ankettungsaktion taten, indem sie eine Bahntrasse zum Kohletagebau blockierten.[21]

Blätter-Probebabo

Die Eskalationsspirale wird angekurbelt

Getrieben von der Frustration über die unzureichenden realpolitischen Handlungen, beginnen also einige, die Eskalationsspirale anzukurbeln: Wenn die Klimakrise immer radikaler voranschreitet, dann müssten doch auch die Aktionen, um sie zu stoppen, radikaler werden, so die Argumentation. Diese „Logik der Eskalation“ scheint jedoch oft eher eine Reaktion auf die Bedrohung, Angst und Frustration durch die Klimakrise und das Versagen der Parteiendemokratie zu sein als eine konkrete Strategie. Würde sie tatsächlich massenhaft angewendet, hätte sie jedenfalls auch diverse Probleme zur Folge.

Erstens haben viele der bisherigen Sabotageakte auf fossile Infrastruktur keine große öffentliche Debatte über Klimaschutz nach sich gezogen und sind zudem selten über die klimaaktivistische Szene hinaus bekannt. Der Effekt im öffentlichen Diskurs ist also sehr gering.

Zweitens nehmen mit radikaleren Aktionsformen auch die gegen die Aktivist*innen verhängten Repressionen immer weiter zu. In den Vereinigten Staaten zog beispielsweise die Sabotage der Dakota Access Pipeline einen Freiheitsentzug von mehreren Jahren und enorme Geldstrafen für jene beiden Klima-Aktivistinnen nach sich, die sich öffentlich zu der Aktion bekannt hatten. Viele Aktivist*innen können oder wollen solche Strafen nicht tragen, finanziell können sie die Bewegung auch lähmen oder andere Projekte verhindern.

Drittens stellt sich bei der Eskalationslogik immer auch die Frage, ob es einen Exit aus dieser Strategie gibt: Wenn auch auf friedliche Sabotage keine realpolitischen Handlungen folgen, wie stoppt man dann die weitere Eskalation? Nicht zuletzt aber ist der öffentliche Erfolg von zivilem Ungehorsam immer daran gekoppelt, ob er gesellschaftlich als legitim betrachtet wird. Das heißt, Aktionen müssen, gerade wenn sie polarisieren, immer auch Unterstützung über die eigene Szene hinaus mobilisieren. Eine pauschale Debatte über Aktionen führt deshalb nicht weiter. Das konkrete Ziel und der Anlass sind entscheidend – die Aktionsform als dazu passendes, dem Ziel angemessenes Mittel muss sich daraus ableiten.

Was tun?

Die Strategiefrage für die nächsten vier Jahre muss daher auf Basis einer genauen inhaltlichen Analyse des Regierungsprogramms neu aufgerollt werden, um Hebel und Druckpunkte zu identifizieren: Wo ist der beste Ansatzpunkt, um möglichst viele Emissionen einzusparen, und wo könnten Menschen dafür mobilisiert werden?

Schaut man genauer auf die eingangs benannten Felder im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung, zeigt sich schnell: Beim Kohleausstieg kann die Bewegung sehr wahrscheinlich einen großen Erfolg feiern. Dieser soll bei ausreichendem Ausbau erneuerbarer Energien auf 2030 vorgezogen werden. Die vereinbarten Ausbauziele unterfüttern dieses Ziel. Gleichzeitig plant die Ampel aber auch, für die restlichen 20 Prozent eine neue Gasinfrastruktur als „Brückentechnologie“ aufzubauen. Da Gas genauso klimaschädlich ist wie die nun abzuschaltende Kohle, könnten sich neue Proteste gegen den Aufbau dieser Gasinfrastruktur richten.

Im Landwirtschaftsbereich gibt es eine große unabhängige ökologische Bewegung, deren Agenda Überschneidungen mit der Klimabewegung aufweist. Allerdings fehlen zentrale Orte der Umwelt-, Tier- und Naturzerstörung als Kristallisationspunkte für die Bewegung – die Mast- und Schlachtindustrie ist beispielsweise sehr dezentral organisiert und abgeschirmt.

Im Bereich Bauen wiederum – einem weiteren zentralen Sektor für Emissionseinsparungen – dreht sich der Bewegungskonflikt viel mehr um die sozialen Fragen von Verdrängung und bezahlbaren Mieten als um das Thema Klima. Energetische Sanierung als klassisches Klimathema steht für viele Mieter*innen in erster Linie für Mieterhöhungen. Eine Klima-Mobilisierung in diesem Bereich hat deshalb wenig Aussichten auf Erfolg. Die Interessen von Mieter*innen und Klimabewegung überschneiden sich hier nicht unmittelbar und können sich unter den aktuellen gesetzlichen Bedingungen sogar entgegenstehen. Die Frage ist daher, ob hier klassische Interessenvertretung einzelner Organisationen mehr erreichen kann.

Neben der Mobilisierung gegen Gaskraftwerke bleibt also vor allem ein zentrales strategisches Feld für die Klimabewegung, nämlich der Verkehrssektor. Nachdem das zuständige Ministerium 16 Jahre von der CSU geführt wurde, sind die Verkehrsemissionen unverändert hoch.[22]Ja, während alle anderen Sektoren ihre Emissionen seit 1990 deutlich senken konnten – nicht zuletzt aufgrund des Abbaus der DDR-Industrie –, sind die des Verkehrs nahezu gleich geblieben.[23] Und während die Schiene in Deutschland immer maroder wird, schreitet der Autobahnbau munter voran.

Mit dem Koalitionsvertrag und einem FDP-geführten Verkehrsministerium ist in Person von Volker Wissing zudem ein dezidierter Gegner der Verkehrswende zuständig für den angeblichen Wandel. Nur mit einer Klimabewegung, die den Minister vor sich hertreibt, kann es in diesem Bereich vorangehen. Mit den Blockaden der Internationalen Automobil-Ausstellung 2019 und 2021 und der Besetzung im Dannenröder Wald gegen einen Autobahnbau wurde bereits deutlich, wie so etwas aussehen kann. Gegen den FDP-Minister, der sich bereits als „Anwalt der Autofahrer“ positioniert,[24] können zudem auch Umweltverbände im bürgerlichen Spektrum der Klimabewegung gut mobilisieren.

Im Verkehrsbereich werden jedoch nicht alle Weichen im Bundesverkehrsministerium gestellt. Viele Kompetenzen für Straßenbau und -planung, Flächennutzung wie Parkplätze, Tempo-Begrenzungen oder den öffentlichen Nahverkehr liegen bei den Kommunen und Bundesländern. Dies bietet Chancen für eine Verkehrswende am Auto-Minister vorbei.

Die besondere Qualität des Verkehrsbereichs besteht zudem darin, dass die Verkehrswende eine Abkehr von abstrakter Emissionspolitik bedeutet – hin zu einer sozialen Politik, die Städte lebenswerter und gesünder macht, den öffentlichen Raum als Ort der Demokratie wiederbelebt und zudem Biodiversität auf dem Land sichert. Gerade wenn sich die Klimakrise weiter verschärft, sind autofofreie Städte mit mehr Grünflächen weit resilienter als die Autobahn-Betonwüsten der obszönen „autogerechten Stadt“ des vergangenen Jahrhunderts.

Kein Erfolg ohne starke Bündnispartner

Die Erfahrungen der zurückliegenden Jahre im Klimabereich zeigen eines allerdings auch ganz deutlich: Ohne starke gesellschaftliche Bündnispartner kann die Klimabewegung den Kampf gegen fossile Industrieinteressen und den stupiden PS-Liberalismus eines FDP-geführten Ministeriums nicht gewinnen.

Gerade der Verkehrsbereich bietet hier vielfältige Möglichkeiten der Kooperation: In den Tarifkonflikten der Beschäftigten der Bahn und des ÖPNV kann die Klimabewegung ihre starke Position im gesellschaftlichen Diskurs nutzen, um die Streiks der Beschäftigten zu legitimieren. Damit kann sie beweisen, dass klimafreundliche Jobs mit guten Arbeitsbedingungen einhergehen. Der Schulterschluss mit Beschäftigten in den Verkehrsbetrieben schafft mehr Akzeptanz für Klimaschutz und setzt mittelfristig auch die gewerkschaftsnahe SPD unter Druck, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit nicht länger gegeneinander auszuspielen. Die Fridays-for-Future-Kampagne zu den Tarifverträgen der Bus- und Bahnfahrer*innen im öffentlichen Dienst 2019 war dafür ein erster Ansatz.[25]

Weitere Verbündete im Verkehrsbereich sind alle Gruppen, die von der herrschenden Zentrierung aufs Auto nicht profitieren: Menschen ohne eigenen Pkw, Senior*innen und Familien. Für sie sind weniger Autos nicht nur aus Klimaschutzaspekten wünschenswert – sie machen die Stadt auch klimaangepasster, sicherer und lebenswerter. Die Kampagne „Berlin autofrei“ zeigt, wie so etwas aussehen kann: Dezentral in Kiezteams organisiert sammeln die Unterstützer*innen Unterschriften für einen Volksentscheid, mit dem die Stadt innerhalb des Berliner Rings in Zukunft nur noch für gewerblichen Verkehr, ÖPNV und Fahrräder offenstünde.[26]

Erfolgreiche Beispiele für eine neue Bewegungsstrategie

Im Kampf um den Dannenröder Wald in Hessen haben sich zudem Bündnisse zwischen Verkehrsaktivist*innen und Umweltbewegten angebahnt. Dort, wo für Autobahnen weitere ökologisch wertvolle Flächen versiegelt oder Wasserreservoirs gefährdet werden, wehrt sich oftmals auch eine lokale Umweltbewegung gegen die Neu- und Ausbauten – gute Bündnispartner*innen für eine starke Klimabewegung auf dem Land.

Ob in der Stadt oder auf dem Land, mit Aktivist*innen oder Busfahrer*innen: Klimakämpfe, die sich nicht nur gegen das Auto richten, sondern auch für bessere Arbeitsbedingungen, für sichere Städte oder für den Erhalt von Wäldern, Tier- und Pflanzenarten streiten, haben ein besonderes Potential. Denn sie versprechen nicht nur eine bessere Zukunft, sondern sie verbessern das Leben für Menschen ganz konkret in der Gegenwart – und zwar auch dann, wenn das 1,5 Grad-Ziel nicht mehr erreicht werden kann.

Solche Kampagnen sind erfolgreiche Beispiele für eine neue Bewegungsstrategie post 1,5 Grad: Zum einen können sie Menschen motivieren, im Hier und Jetzt anzusetzen, um für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Zum anderen aber machen sie Klimakämpfe zu gesellschaftlichen Bewegungen und legitimieren sie damit über die Interessen der „nächsten Generationen“ hinaus – und begeistern damit vielleicht sogar breite Teile der Gesellschaft für ganz konkreten Klimaschutz. Denn nur so wird die Klimabewegung am Ende Erfolg haben können, bei ihrem Kampf gegen die Beharrungskräfte in Politik und Wirtschaft.

[1] The Earthshot Prize, Prinz William, Preisträger und Finalisten stehen bei der COP26 im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, www.earthshotprize.org, 3.11.2021.

[2] Greta Thunberg, twitter.com, Status am 13.11.2021. Vgl. dazu: Susanne Götze, Der Klimapakt von Glasgow: Mehr als nur „Bla, bla, bla“, in: „Blätter“, 12/2021, S. 9-12.

[3] Der Weltklimagipfel steuert auf 1,8 Grad Erwärmung zu – und erste Versprechen werden aufgeweicht, www.stern.de, 5.11.2021.

[4] Chelsea Harvey, Climate Pledges Still Not Enough to Keep Warming Below 2-Degree Limit, www.scientificamerican.com, 23.11.2021.

[5] Öko-Institut, Projektionsbericht: Deutschland verfehlt Klimaziele, www.oeko.de, 19.10.2021.

[6] Kate Abnett, COP26. Explainer: What’s the difference between 1.5°C and 2°C of global warming?, www.reuters.com, 9.11.2021.

[7] Christoph Koch, Was wäre wenn … sich die Erdtemperatur um zwei Grad Celsius erhöhte?, www.brandeins.de.

[8] Kate Abnett, a.a.O.

[9] Albrecht von Lucke, Ampel auf Grün: Die sozial-ökologisch-liberale Illusion?, in: „Blätter“, 11/2021, S. 5-10.

[10] Nora Marie Zaremba, Erste Fridays wollen in den Bundestag. Vom Marsch auf der Straße zum Marsch durch die Institutionen, www.tagesspiegel.de, 20.9.2020.

[11] Der Bundeswahlleiter, www.bundeswahlleiter.de, 2021.

[12] Lisa Breuer, FDP und Grüne bei unter 25-Jährigen hoch im Kurs. So haben die jungen Wähler in Deutschland abgestimmt, www.tagesspiegel.de, 26.9.2021.

[13] Pressekonferenz im Video. Ampelspitzen stellen Koalitionsvertrag vor, www.spiegel.de, 24.11.2021.

[14] Wuppertal Institut, Studie: Wie Deutschland bis 2035 CO2-neutral werden kann, www.wupperinst.org, 13.10.2020.

[15] Mehr Fortschritt wagen, Koalitionsvertrag 2021-2025 zwischen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), Bündnis 90/Die Grünen und den Freien Demokraten (FDP), S. 56.

[16] Ebd., S. 58.

[17] Die graue Energie: Der entscheidende Hebel für Klimaschutz beim Bauen, www.bauwende.de.

[18]  Carola Rackete und Momo, Seid Sand im Getriebe, in: „die tageszeitung“, 13.9.2021.

[19] Jonas Schaible, „Wer Klimaschutz verhindert, schafft die grüne RAF“, www.spiegel.de, 21.11.2021.

[20] Elizabeth Flock, The pipeline saboteurs, in: „The Economist“, 11.11.2021.

[21] Züge stehen still. Klima-Aktivisten in NRW ketten sich an Bahngleise, in: „Kölner Express“, 5.11.2021.

[22] Verkehr steuert in falsche Richtung, www.tagesschau.de, 4.11.2021.

[23] Daten & Fakten, www.allianz-pro-schiene.de/themen/umwelt/daten-fakten.

[24] Künftiger Verkehrsminister Wissing sieht sich als Anwalt der Autofahrer, www.spiegel.de, 28.11.2021.

[25] Inken Behrmann und Valentin Ihßen, Streikmacht fürs Klima, www.jacobin.de, 18.10.2021.

[26] Vgl. www.volksentscheid-berlin-autofrei.de.

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