Rentenspiele

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Man kann annehmen, dass die Herrschaften, die gerade das Regierungsprogramm einer »Ampel«-Koalition aushandeln, auch über eine zukunftsfeste Alterssicherung der Bevölkerung nachdenken. Und man muss vermuten, dass dabei auch der erneute Versuch eine Rolle spielt, mehr Kapitaldeckung in die künftigen Renten einzubauen. Dass die von der Schröder-Regierung installierte Riester-Rente krachend gescheitert ist, scheint dabei nicht zu stören. Die Damen und Herren von FDP und Grünen haben ihre Präferenz für eine Kapitaldeckung schon im Vorfeld der Bundestagswahl zum Ausdruck gebracht. Bei ihnen und beim Nochfinanzminister und wahrscheinlich baldigen Kanzler Olaf Scholz schwirren laut einiger Aussagen Gedanken an einen Staatsfonds herum, der auf scheinbar akzeptable Weise das Nützliche (Finanzierung von Klimaschutzinvestitionen) mit dem Angenehmen (Erträge/Profite zur Deckung der Altersrenten) verbindet. Das wäre dann die von unserem den Kapitalismus betreuenden Staat eingerichtete große Spardose, aus der die Ansprüche künftiger Rentnerinnen und Rentner in dreißig Jahren und mehr locker ausgezahlt werden können.

Als Beispiel für solche Spardosen schwebt den zukünftigen Koalitionären der Staatsfonds Norwegens, vielleicht auch der Singapurs oder Katars vor. Die werden allerdings aus überschüssigem Geld gespeist, der sich im Fall von Katar und Norwegen aus dem Öl- und Gasexport und im Fall Singapur aus der vorzüglichen Position des kleinen Stadtstaates als steuervermeidender Finanzplatz in Südostasien ergibt. In Deutschland müsste ein solcher Fonds in der langen Ansparphase aus den Sozialabgaben der Bürger, aus Steuern oder zusätzlicher Staatsverschuldung aufgefüllt werden. Alle diese Lösungen sind mit exakt den Problemen verbunden, die eigentlich gelöst werden sollen, nämlich eine zusätzliche Belastung der Geringverdiener zu umgehen, die Superreichen nicht zur Kasse zu bitten und zusätzliche Staatsschulden zu vermeiden.

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Millionenerbin Marlene Engelhorn – Superreichtum? Nein danke

Moderation: Susanne Führer 4 Minuten


Millionenerbin Marlene EngelhornSuperreichtum? Nein danke

Marlene Engelhorn (Lorena Sendic Silvera)

Das Ausmaß, mit dem sich Geld und Macht verschränken, ist „brandgefährlich für die Demokratie“, findet Marlene Engelhorn. (Lorena Sendic Silvera)

Die Wiener Studentin Marlene Engelhorn wird etliche Millionen Euro erben, und das findet sie ungerecht. Gemeinsam mit der Initiative „Tax me now“ fordert sie, große Vermögen umzuverteilen, etwa durch eine angemessene Erbschaftssteuer.

Eine lachende Erbin ist Marlene Engelhorn nicht.: Überraschend wurde ihr mitgeteilt, dass ihre Oma ihr einen zweistelligen Millionenbetrag vererben will. Die Reaktion der Wiener Literaturstudentin: „Ich hätte mich ganz gern gefreut, aber ich habe mich ehrlicherweise sehr geärgert“.

Denn Marlene Engelhorn findet es nicht gerecht, so viel Geld zu bekommen, ohne dafür etwas getan zu haben. Und vor allem, ohne dafür Steuern zahlen zu müssen: In Österreich gibt es keine Erbschaftssteuer.

Immer wenn Geld von einer Hand in die andere wandert, werde das besteuert, „außer wenn diese Hände schon reich sind, und das ist eine Frechheit“.

Eine Frage des Prinzips

Dabei geht es der jungen Österreicherin ums Prinzip: Erbschaften in einer Größenordnung wie ihrer seien keine Privatangelegenheit, sondern der Staat müsse große Teile dieser Gelder umverteilen. In ihrem eigenen Fall würde Marlene Engelhorn eine Erbschaftssteuer von 90 bis 95 Prozent für angemessen halten.

Dabei gehe es auch um die Demokratie. Denn der Einfluss von Reichen und Superreichen auf Politik und Gesellschaft sei viel zu hoch. Nicht nur in ihrem Heimatland seien Geld und Macht in einem Ausmaß miteinander verschränkt, das „brandgefährlich für eine Demokratie“ sei.

Dabei blickt Engelhorn auch über die Grenze nach Deutschland.

Reiche, die mehr Steuern zahlen wollen

Darum engagiert sich Marlene Engelhorn in der Initiative „Tax me now„, in der sich vermögende Bürger zusammengeschlossen haben und höhere Vermögens- und Erbschaftssteuern fordern, um einer „dynastischen Weitergabe“ immer weiter anwachsender Vermögen gegenzusteuern.

Mit ihrem zu erwartenden Erbe selbst Gutes zu tun, etwa durch eine karitative Stiftung, hielte sie für den falschen Weg. Großspender wie der US-Multimilliardär Bill Gates hätten zu viel Einfluss. Gesellschaften dürften nicht abhängig sein von der Wohltätigkeit weniger Superreicher.

Vielmehr müsse in einer Demokratie über die Verteilung von Vermögen demokratisch entschieden werden.

Aus der Privilegiertenblase in die Lebenswirklichkeit

Für Marlene Engelhorn war es ein langer Prozess, um zu diesen Ansichten zu gelangen. Denn sie wuchs in einem sehr wohlhabenden Elternhaus auf, „abgekapselt von allem anderen“ – Privatkindergarten, Privatschule, eine Blase der Reichen und Privilegierten, die unter sich blieben.

Erst an der Universität lernte sie Menschen kennen und schätzen, die aus anderen Verhältnissen stammen und sich schon mal überlegen mussten, ob sie sich nach der Vorlesung noch einen Kaffee leisten können. Marlene Engelhorn begann, ihre eigene Herkunft zu hinterfragen.

Und als sie dann von ihrem bevorstehenden Millionenerbe erfuhr, war das wie ein „Katalysator“: Marlene Engelhorn verschrieb sich dem Kampf für mehr Steuergerechtigkeit.

(pag)