Lässt die Wölfe tanzen

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Qin Gang

Was im Mittelpunkt seiner Tätigkeit in Washington stehen wird, hat Qin Gang, Chinas neuer Botschafter in den Vereinigten Staaten, in seiner ersten Stellungnahme am Mittwoch offen erklärt. Es gehe darum, die Grundlagen der Beziehungen zwischen den USA und der Volksrepublik zu sichern, zudem die Beziehungen selbst wieder auf den richtigen Weg zu bringen – und dazu sei es notwendig, die Voraussetzungen für ein auskömmliches Verhältnis zu schaffen: »gegenseitigen Respekt, Gleichbehandlung, Win-win-Kooperation und friedliche Koexistenz«. Das sind wichtige Ziele, die die chinesische Diplomatie im Kern seit je, gegenüber den USA aber seit Jahresbeginn mit neuem Nachdruck verfolgt, weswegen die üblichen wüsten US-Vorwürfe von Beijing gelegentlich schroff beantwortet werden, etwa beim Außenministertreffen im März in Anchorage, zuletzt beim Treffen der stellvertretenden Außenminister in Tianjin. Die schroffen Antworten aus China sind dabei Mittel zum Zweck, Gleichbehandlung zu erreichen.

Qin wendet diese Taktik schon seit Jahren an. Vielen sind spitze Äußerungen aus seiner Zeit als Sprecher des chinesischen Außenministeriums noch gut in Erinnerung, mit denen er zuweilen auf heftige, allzuoft sachlich unbegründete Attacken aus dem Westen reagierte. In Teilen der chinesischen Öffentlichkeit hat ihm dies manchmal schenkelklopfenden Beifall eingebracht; im Ausland hingegen gilt er nicht wenigen als ein früher Vertreter der scharf, zuweilen aggressiv formulierenden »Wolfskrieger«-Diplomatie. Beides geht am Kern der Sache vorbei. Gegen Vorwürfe aus dem Westen, er habe zuweilen unnötig offensiv formuliert, hat sich Qin im Februar ausdrücklich verwahrt: »Es ist unvernünftig, China zu verleumden und gleichzeitig das Land zu hindern, sich zur Wehr zu setzen.« Wenn man etwas mit Wölfen vergleichen könne, dann die Staaten, die die Volksrepublik gewissen-, grund- und hemmungslos verleumdeten.

Cuba Sí

Im Westen warnen Beobachter wie der langjährige US-China-Korrespondent Dexter Roberts dennoch, Qins Entsendung nach Washington deute auf eine »viel weniger freundschaftliche, sogar feindliche Beziehung« zwischen den beiden Staaten hin. Sagt ein Mann aus einem Land, dessen Präsident die Manöver seiner Streitkräfte rings um China erheblich verstärkt und in dieser Woche offen von einem Großmächtekrieg schwadroniert hat. Dass ein Chinese denselben Ton anschlägt wie das eigene Führungspersonal oder doch zumindest einen, der Grobheiten nicht mehr mit Höflichkeit quittiert, das ist man im Westen offenkundig nicht mehr gewohnt, seit vor 121 Jahren Wilhelm II. forderte, »niemals wieder« dürfe »ein Chinese« es »wagen, einen Deutschen scheel anzusehen«, und deutsche Militärs zu furchtbaren Massakern nach China entsandte. Zeit wär’s, die damals fest etablierten Verhältnisse endgültig zu beenden und im Staatensystem Gleichbehandlung durchzusetzen – für alle.

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