Von wegen Vertrauen: Warum Firmen Zeiterfassung wirklich abschaffen

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22.06.2021 17:00 Uhr

Die Bundesregierung ignoriert EU-Recht und Arbeitsschutz. So führt Homeoffice oft zur Entgrenzung der Arbeitszeit

„Zukunft. Respekt. Europa.“ – so heißt das erste Kapitel im Wahlprogramm der SPD und ihres Kanzlerkandidaten Olaf Scholz. In seiner Rolle als Vizekanzler der Großen Koalition nimmt Scholz „Europa“ und „Respekt“ für Beschäftigte weniger ernst – denn der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat die Bundesregierung im Mai 2019 aufgefordert, eine gesetzliche Regelung zur Arbeitszeiterfassung in den Betrieben zu treffen. Bis heute ist keine solche Regelung in Sicht, dem Bundestag wurde kein Gesetzesentwurf vorgelegt. Eine spanische Gewerkschaft war damals mit ihrer Klage gegen die Deutsche Bank vorgegangen, um ein System zur Erfassung der geleisteten täglichen Arbeitszeit einzurichten.

Die Zeiterfassung ist kein Thema nur für Juristen, vielmehr sind überlange Arbeitszeiten für viele Beschäftigte ein Problem. Wer dauerhaft 55 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, hat ein deutlich höheres Risiko, tödlich zu erkranken. Das ergab eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationale Arbeitsorganisation (ILO) Danach nahm die Zahl der Todesfälle durch Herzerkrankungen wegen zu langer Arbeitszeiten, zwischen 2000 und 2016 um 42 Prozent. Dabei stieg die Zahl der tödlichen Schlaganfälle stieg um 19 Prozent. Überarbeitung sei somit „der führende Risikofaktor für Berufskrankheiten“, erklärte die WHO.

„Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet“

In vielen Unternehmen erfolgt die Verteilung der Arbeit nicht mehr nach dem Prinzip „Befehl und Gehorsam“, nach dem ein Vorgesetzter die einzelnen Arbeitsschritte vorgibt und deren Einhaltung kontrolliert. Vielmehr erfolgt häufig, gerade bei hochqualifizierten Angestellten, eine Vermarktlichung der Arbeitsbeziehung. Sie müssen sich in eigener Verantwortung innerhalb der Vorgaben direkt dem Kunden gegenüber am Markt orientieren. „Starre Abläufe, strenge Hierarchien oder Arbeit nach Plan in den zementierten Grenzen der Abteilungen passen nicht zu der digitalen Ära. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwindet und mit ihr vertraute Gewissheiten über feste Arbeitszeiten und -orte. Dank Smartphones, Laptops und Videokonferenzen ist es zunehmend egal, wo gearbeitet wird.

Gefragt sind flexible, dynamische, vernetzte Strukturen, die unmittelbar reagieren auf die Veränderungen“, beschreibt die Krankenversicherung DAK-Gesundheit die Situation. Oft gilt „Vertrauensarbeitszeit“: Dabei wird auf die Erfassung von Arbeitszeit verzichtet. Gerade mobile Arbeit oder Arbeit im Homeoffice wird von Unternehmen dafür gerne als Vorwand genutzt. „Der Spruch, dass Kontrolle durch Vertrauen ersetzt werden soll, verdeckt jedoch, worum es geht: Die Arbeitgeber schaffen die Zeiterfassung erst dann ab, wenn sie vorher Bedingungen geschaffen haben, unter denen sich die Abschaffung der Zeiterfassung für sie rechnet“, analysiert der Philosoph Klaus Peters die Folgen der Abschaffung der Stempeluhr beim Computer-Konzern IBM. In der Praxis erleben Beschäftigte, dass die Einführung der „Vertrauensarbeitszeit“ weitgehende negative Folgen hat. Denn die Zeiterfassung stellt eine Absicherung des Werktätigen dem Unternehmen gegenüber dar.

Das moderne Unternehmen „ermutigt Mitarbeiter, aktiv und schnell individuelle Lösungen an der direkten Kontaktstelle zum Kunden zu entwickeln, anstatt auf zentrale Vorgaben zu warten oder durch zu viele und zu starre bürokratische Planungs-, Kontroll- und Reporting-Aktivitäten gelähmt zu werden“, erklärt Achim Mollbach, Unternehmensberatung Kienbaum. Ein Beispiel ist OKR, die Führung nach Objectives & Key Results. Dabei ist nicht „der Weg“ das Entscheidende, vielmehr zählt nur das Ziel, etwa die Projekterreichung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wie viel Zeit der Beschäftigte dabei benötigt, ob er die Arbeit in der Woche oder am Samstag oder Sonntag erledigt, ist für das Unternehmen ohne Bedeutung.

„Homeoffice verleitet Arbeitnehmer zu Überstunden“, erklärt Yvonne Lott von der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung. „Selbstbestimmung klingt gut, ist aber auch eine Einladung zur Selbstausbeutung“, fasst die Stiftung Befragungen von Beschäftigten zusammen. Eine von ihr durchgeführte Studie hat bereits 2017 die Gefahren für die Gesundheit, vor allem durch fehlende Trennung zwischen Arbeit und Freizeit bestätigt: „Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 45 Prozent und ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. Offenbar verschwimmen die Grenzen zwischen den Lebensbereichen bei dieser Arbeitsweise besonders leicht.“

Stressfaktor: ständige Erreichbarkeit auf immer mehr Kanälen

Diese Problematik verschärft sich durch zunehmenden Technikeinsatz. Der Einsatz mobiler Geräte – etwa Smartphones – ermöglicht Arbeiten immer und überall. Verschärft wird das Problem der ständigen Erreichbarkeit durch unterschiedliche Kommunikationskanäle in der digitalen Arbeitswelt. Die Anforderungen per Mails, über Chats oder mit Sozialen Netzwerke zu kommunizieren, nehmen zu. Dies führt zur Überforderung, da es für viele Beschäftigte zu viele unterschiedliche Kanäle sind. Zumal sich die Angestellten häufig mit widersprüchlichen Anweisungen konfrontiert sehen. So stehen der allgemeinen Aufforderung, sich in Sozialen Medien zu engagieren und mitzudiskutieren, oft unterschiedliche Kulturen in einzelnen Abteilungen gegenüber, die dies als Zeitverschwendung betrachten. Diesen Widerspruch zu lösen, liegt dann oft in der Eigenverantwortung der Beschäftigten und führt zur Unsicherheit, was der richtige Weg ist.

Der Kampf um die Arbeitszeiten ist ein Dauerkonflikt im Kapitalismus. Bei den ersten Kämpfen um Tarifverträge ging es um Lohn und Arbeitszeit. Fehlt die Zeiterfassung, kann das Unternehmen nach eigener Einschätzung jederzeit über die Beschäftigten verfügen. Überstundenanträge, die ein Signal für Überarbeitung darstellen können, werden nicht mehr gestellt. Erst wenn der Beschäftigte protestiert, erfahren Vorgesetze ganz offen von den Belastungen. Fehlt die Zeiterfassung, fallen fehlendes Personal und steigende Überstunden gar nicht mehr auf.

Bereits vor der Corona-Krise warnte stellte der DGB Arbeitsstress auf einem besorgniserregend hohen Niveau fest. Insgesamt berichtete mehr als ein Viertel der Beschäftigten (26 Prozent), dass sie sehr häufig oder oft die Arbeitsmenge, die sie eigentlich erledigen müssten, nicht in der vorgesehenen Arbeitszeit schaffen können, so der DGB. Wie akut die Probleme sind, zeigen aktuelle Untersuchungen. Die Hans-Böckler-Stiftung warnt, dass Arbeiten zuhause als „Einfallstor für weitere Entgrenzung der Arbeitszeit“ genutzt wird.

Infolge der „digitalen Zugriffsmöglichkeiten im Homeoffice steigen die Erwartungen der Arbeitgeber:innen, ihre Beschäftigten auch außerhalb der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit“ unter Druck zu setzen und ihre Arbeitskraft zu nutzen, so die Forscher. Mehr als 39 Prozent der Befragten machten im Homeoffice Überstunden. „Durch Arbeitszeiterfassung kann unbezahlter Mehrarbeit entgegengewirkt werden“, so die gewerkschaftliche Stiftung. Aussitzen ist hier das Motto der Bundesregierung – im Interesse der Unternehmen, zulasten des Arbeitsschutzes. 

Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion – Aufruf zum stillen Gedenken in Potsdam und Umgebung

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80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion – Aufruf zum stillen Gedenken in Potsdam und Umgebung

15. Juni 2021 

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 beginnt ein mörderischer Vernichtungskrieg, der vor allem auf die Eroberung von Lebensraum im Osten zielt und klar einen antisemitischen, antikommunistischen und rassistischen Charakter aufweist. Schon zuvor wurden antirussische und antibolschewistische Stimmungen geschürt, doch mit dem Angriff auf die Sowjetunion wurde diese Ideologie in die Tat umgesetzt.

Von Anfang an war die Ermordung, Versklavung und Deportation von großen Teilen der Bevölkerung einkalkuliert. Nicht nur Wehrmacht, Polizei und SS, auch andere Dienststellen und die deutsche Wirtschaft waren an den Plänen und der Umsetzung beteiligt. Mit der Wehrmacht folgten Einsatzgruppen der SS, Waffen-SS und Polizei und setzen den Massenmord und die Vernichtung der Juden um.

Bereits im ersten Kriegsjahr gehen mehr als drei Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus deutscher Sicht sind es slawische Untermenschen, die nicht versorgt werden sollen. Ein Jahr später lebt nur noch eine Million von ihnen. Politkommissare und Juden werden meist sofort ausgesondert und ermordet. Bis zum Kriegsende sterben drei der mehr als fünf Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen an Hunger, Krankheiten und durch Erschießen.

Nicht nur die jüdische Bevölkerung und Kriegsgefangenen werden systematisch ermordet, auch die Zivilbevölkerung wird terrorisiert. Städte und weite Landstriche werden ausgehungert, weite Teile des Landes zerstört und entvölkert. Unter den sogenannten Vergeltungsmaßnahmen im Rahmen der Partisanenbekämpfung werden Abertausende hingerichtet. Bei dem Rückzug der deutschen Armee nach ihrer Niederlage in Stalingrad hinterlässt sie verbrannte Erde. Mehr als 27 Millionen, in der Mehrheit Zivilisten, kommen auf sowjetischem Boden ums Leben.

Erst in den letzten Jahren begann man, auch dem Überfall auf die Sowjetunion und dem deutsch-sowjetischen Krieg zu gedenken. Doch es gibt bis heute kaum Gedenkorte sowie keine Entschädigung für die getöteten Zivilisten und die Millionen von ermordeten und gefallenen Sowjetsoldaten. Gedenken wir also hier in Potsdam und Umgebung an den Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren auf den zahlreichen sowjetischen Ehrenfriedhöfen, an den Orten der Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen und an den antifaschistischen Erinnerungsorten.

VVN-BdA Potsdam

Lasst uns endlich Frieden schließen

https://das-blaettchen.de/2021/06/lasst-uns-endlich-frieden-schliessen-57457.html

Am 22. Juni 2021 jährt sich zum 80. Mal der faschistische Angriff auf Russland und die Völker der Sowjetunion. Für uns, die Unterzeichner, ist dieser Tag ein Tag der Trauer, der Scham und des Nachdenkens über eigene historische Schuld. Von deutschem Boden, geplant von deutschen Politikern, ging ein beispielloser Vernichtungskrieg aus, geboren aus politischer Hybris und Rassismus gegen die Völker der Sowjetunion, besonders die Juden und andere Minderheiten. Er brachte unendliches Leid über die Menschen und forderte allein in der Sowjetunion mehr als 27 Millionen Opfer, vor allem aus Russland, der Ukraine und aus Belarus.

Es ist Teil der Verantwortung unserer Generation, dass niemand diese Gräueltaten je vergessen oder relativieren darf. Denn zur Geschichte Europas gehört auch, dass die Sowjetunion unter großen Opfern den Faschismus besiegt und Deutschland von dieser Ideologie befreit hat. Zur Geschichte des deutsch-russischen Verhältnisses gehört ebenso, dass die Sowjetunion und ihr Rechtsnachfolger Russland maßgeblich die Wiedervereinigung Deutschlands und ein Ende des Kalten Krieges ermöglicht haben.

Wir wissen: Frieden in Europa gelingt nur, wenn auch Russland Teil der Lösung ist.

Deshalb rufen wir die Politiker Europas in Ost und West auf: Bewegt Euch! Verlasst endlich die Sphäre und die Logik des Kalten Krieges! Nicht die Panzertruppen oder Rüstungszahlen müssen wachsen, sondern die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Macht es, wie es die Menschen in Russland, Deutschland und Europa in der konkreten Arbeit in Städtepartnerschaften, im Jugendaustausch, in Wirtschafts- und Wissenschaftskooperationen tun. Verlasst die mentalen Gefängnisse der Feindbilder, Ressentiments und Ängste! Lasst uns endlich Frieden schließen! Die Völker Europas warten schon lange darauf.

Dies ist die Lehre des 22. Juni. Und dafür stehen wir.

Adelheid Bahr, Peter Brandt, Reiner Braun,
Daniela Dahn, Martin Hoffmann, Michael Müller,
Matthias Platzeck und Antje Vollmer

Nachbemerkung der Redaktion: Dieser Aufruf erscheint – auch dank finanzieller Beiträge zahlreicher Unterstützer, darunter Das Blättchen, – heute, am 22. Juni 2021, als Anzeige in der russischen Zeitung Kommersant.


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