Der Preis: Die schärfste Waffe – OXI Blog

Geschrieben von: Heinz-J. Bontrup Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik 12-15 Minuten


Arbeit, menschliche Arbeit, Mühen und Leid, bestimmen den Preis von Gütern. Eine Einleitung zum Schwerpunkt von OXI 6/21, welche am 11. Juni erscheint.

Preiserhöhungen für Brot haben die Französische Revolution 1789 mit ausgelöst und sie sind bis heute in Frankreich ein Politikum. Extreme Preissteigerungen können Hyperinflationen bewirken, die in der Regel zu Währungsreformen führen. Inflationen entwerten das nominale Geld. Real hat es dann weniger Kaufkraft. Das Statistische Bundesamt berechnet deshalb amtlich, auf Basis eines Warenkorbes, regelmäßig unterschiedliche Inflationsraten und weist so beispielsweise für das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die Summe aller Güter und Dienste, eine nominale und eine reale (preisbereinigte) Wachstumsrate aus. 2020 ist hier das nominale BIP um -3,5 Prozent und das reale BIP um 4,9 Prozent gesunken, was bedeutet, dass die Preise um 1,4 Prozent gestiegen sind. Beim Preisindex des Bruttoinlandsprodukts werden dabei nicht nur die Verbraucherpreissteigerungen der Endnachfrage berücksichtigt, sondern auch die Preiserhöhungen von Investitionsgütern oder staatlichen Leistungen sowie von Importgütern. So ist es für Gewerkschaften selbstverständlich, dass sie in den Tarifverhandlungen mit den Unternehmerverbänden, wo es um mehr Lohn, den Preis für die Arbeitskraft geht, eine Preissteigerungsrate über die Laufzeit des Tarifvertrages versuchen zu antizipieren. Diese Preisantizipation versucht auch jede Bank bei der Vergabe von Krediten. Zwischen dem Nominal- und Realzins liegt eben die Preissteigerung, genauso wie zwischen Nominal- und Reallohn. Alle die hier nicht unterscheiden, unterliegen einer Geldillusion.

Gerade gibt es mal wieder, so muss man in einer ex-post Betrachtung konstatieren, für ein volkswirtschaftliches »Basisgut«, die Wohnung, das Haus, viel Aufregung und Empörung über Mietpreiserhöhungen und unisono regen wir uns fast ständig über Benzinpreiserhöhungen an den Zapfsäulen der Mineralölkonzerne auf. Steigen dagegen die Preise für Aktien oder Edelmetalle wie Gold und Silber kommt zumindest bei den Eigentümern dieser Vermögenswerte große Freude auf. Der Preis hat offensichtlich einen »Doppelcharakter«, weil er sich in zwei Richtungen bewegen kann: er kann steigen und fallen. Dem einen sein Leid, dem anderen seine Freude. In der Ökonomie gibt es immer zwei Seiten einer Medaille. So ärgert sich der abhängig Beschäftigte über Lohnsenkungen im Gegensatz zu jedem Unternehmer. Aber Vorsicht ist hier aus makroökonomischer Sicht geboten: Sinken die Preise allgemein auf breiter Front nicht aufgrund von Produktivitätssteigerungen, was zu mehr allgemeiner Wohlfahrt führt, sondern auf Grund eines Nachfragemangels, und es kommt zu einer Deflation, so ist womöglich eine schwere Wirtschaftskrise mit Arbeitslosigkeit das unerfreuliche Ergebnis.

Im Leben hat eben alles seinen Preis, sagt der Volksmund. Und trotzdem verstehen die Menschen über Preise und Preisbildung so gut wie nichts. Überprüfen Sie sich selbst und versuchen Sie einmal den Preis zu erklären. Was drückt er aus, wie kommt er zustande? Es ist nicht so einfach, wie man annimmt, oder? Der große schottische Ökonom Adam Smith (1723-1790) sagt in seinem epochalen Werk »Der Wohlstand der Nationen«, veröffentlicht 1776, über den Preis: »Der reale Preis von allem – also das, was jedes Ding den Menschen, der es erwerben will, wirklich kostet – ist die Anstrengung und Mühe seiner Beschaffung. (…) Sie enthalten den Wert einer bestimmten Menge Arbeit, die wir gegen etwas tauschen, das unserer Meinung nach zur gegebenen Zeit den Wert einer gleichen Menge enthält. Arbeit war der erste Preis, das ursprüngliche Kaufgeld, das für alles bezahlt wurde. Nicht mit Gold oder Silber, sondern mit Arbeit wurde aller Reichtum der Welt ursprünglich erkauft, und sein Wert für diejenigen, die ihn besitzen und ihn gegen neue Produkte tauschen wollen, ist genau gleich der Menge Arbeit, die sie damit kaufen oder sich verfügbar machen können.« Damit ist dann alles gesagt und der Preis erklärt, könnte man annehmen, aber es tun sich weitere Probleme auf. Arbeit, menschliche Arbeit, Mühen und Leid, bestimmen den Preis von Gütern. Werden Güter nicht natural, sondern mit Geld getauscht, verbirgt sich in der Tat hinter jedem Preis nichts anderes als menschliche Arbeit. Wir tauschen täglich immer nur in den Gütern vergegenständlichte Arbeit miteinander aus. Deshalb sollten wir uns bei jedem Kauf oder Verkauf fragen, wieviel Arbeitswerte stecken in dem festgelegten Preis. Werden hier tatsächlich Arbeitsäquivalente ausgetauscht?

Im Preis enthaltene menschliche Arbeit ist aber nicht gleich. Sie drückt sich in unterschiedlichen Qualitäten und Quantitäten aus. Den Gütern sieht man das im Preis nicht an. Weder die Qualitäten noch die Quantitäten werden transparent gemacht und können so objektiv überprüft werden. Der den Preis zahlen will, häufig auch zahlen muss, wird mit seiner subjektiven Bewertung allein gelassen. Er kann nur Vermutungen anstellen, die dann in Redensarten wie, »der Preis war es mir Wert« oder das »Preis-Leistungsverhältnis war okay« münden. Hier gibt es realiter bei der Preiskontrolle aber Unterschiede. Das gerade ausgeführte gilt sicher für alle Endnachfrager, die nicht die geringste Chance einer objektiven Preisüberprüfung haben. »Konsumentensouveränität« ist eben eine Mär. Stellen Sie sich diesbezüglich einmal vor, Sie würden an einer Supermarktkasse die Kassiererin bitten, ihnen den Preis der eingekauften Güter hinsichtlich der darin enthaltenen quantitativen und qualitativen Arbeitswerte zu verifizieren. Die Kassiererin könnte es nicht und würde sie nur verwundert anschauen und womöglich für verrückt erklären. Ganz anders verhält es sich aber mit dem Preis und seiner Erklärung, wenn das Supermarktunternehmen seine Güter an den Beschaffungsmärkten von anderen Unternehmen einkauft. Hier verlangen die Einkäufer exakte Produktbeschreibungen und lassen sich Kalkulationen über den qualitativen und quantitativen Herstellungsprozess der Güter offenlegen, zumindest dann, wenn sie über Einkaufsmacht gegenüber ihren Lieferanten verfügen. Das hat zwar mit der Ideologie einer marktwirtschaftlichen Ordnung nichts zu tun, ist aber Realität.

Macht hat im Wirtschaftsleben immer Einfluß auf den Preis. Je mehr Macht hier zum Einsatz kommt, umso höher fallen die Preise aus. Der Monopolist, der den Markt unterversorgt hält, kann seine Güter weit über Wettbewerbspreise verkaufen und der Monopsonist seine Einkaufspreise soweit drücken, dass der Lieferant so gerade noch Überleben kann. Und Unternehmer sprechen auch nicht selten Preise in Kartellen ab. Hier kommt es dann immer zu Umverteilungen von Arbeitswerten der ohnmächtigen Wirtschaftsakteure zu den mächtigen Akteuren. Die Macht und nicht die Leistung bestimmt hier über die Verfügungsgewalt der Arbeit bzw. des Arbeitsertrages anderer Menschen. Im Preis steckt dann, ohne dass man es ihm ansieht, Ausbeutung.

Neben der Macht und Ausbeutung steckt im Preis immer auch Verknappung und auf der anderen Seite womöglich eine Überproduktion. So ist sofort einleuchtend, dass wenn das Angebot in Relation zur Nachfrage zu gering ist, der Preis steigt. Und es gibt in der Ökonomie auch Ressourcen, insbesondere die Umwelt, die hatte bis vor nicht langer Zeit, überhaupt noch keinen Preis. Eine Internalisierung in den Kostenkalkulationen der Unternehmen fand genauso wenig statt, wie eine Bepreisung beim Konsum von Gütern. Die Folge sind schwerwiegende volkswirtschaftliche Fehlallokationen.

In diesem Kontext muss darauf hingewiesen werden, dass die Preisbildung eine freie subjektive Entscheidungsmacht eines jeden Unternehmers darstellt. Sie gehört verfassungsrechtlich abgesichert zur unternehmerischen Freiheit in einer marktwirtschaftlich-kapitalistischen Ordnung. In zentralen Planwirtschaften werden dagegen die Preise staatlich festgelegt. Ein mehr als schwieriges Unterfangen, wenn der Preis auch für die blaue Unterhose in einer Volkswirtschaft geplant und festgelegt werden soll und nicht am Markt durch ein Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Genauso naiv ist es hier aber, auf Konkurrenz zu setzen. Der Wettbewerb zwinge die Unternehmer dazu, keine überzogenen Preise zu verlangen. In Analogie zum »politischen System der Demokratie« sprechen neoklassische/neoliberale Ökonom:innen von einer »Demokratie des Marktes«; Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übrigens von einer »marktkonformen Demokratie«.

Das Problem ist dabei nur, dass sich das Konkurrenzprinzip inhärent zerstört. Denn aus Konkurrenz folgt nicht nur eine gesellschaftliche »schöpferische Zerstörung«, wie es Joseph A. Schumpeter (1883-1950) formulierte, sondern eben auch Vernichtung von Konkurrenten und in Folge durch immer mehr Konzentration und Zentralisation eine Zerstörung des Wettbewerbs selbst. Der Ökonom und Soziologe Werner Hofmann (1922-1969) stellte dazu schon vor langer Zeit fest: »Die ‚Neigung zum Monopol‘ entspringt der Grundnatur des kapitalistischen Erwerbes selbst. Das Prinzip der Rendite vollendet sich im Monopolgewinn; so wie sich der andauernde Krieg der Konkurrenz der Hoffnung eines Jeden der Streitenden nach in der Überwältigung der anderen erfüllt. Dem Verhältnis der freien Konkurrenz wohnt damit von allem Anfang an die Tendenz seiner Selbstaufhebung inne. Das Monopol, weit entfernt davon, eine ‚Entartung‘ der freien Unternehmerinitiative, eine ‚Fehlentwicklung‘ der Konkurrenz darzustellen, ist vielmehr die heimliche Hoffnung aller. Innerhalb einer Ordnung, wo ‚Akkumulation ‚Moses und die Propheten‘ ist, gelingt dem Monopol, was alle anderen wollen.« – Und lässt sich auch nicht mit einem noch so scharfen Wettbewerbsrecht verhindern.

Die konkurrenzinhärente Zerstörung entspricht einem nicht zu beweisenden sofort unmittelbar einsichtigen ökonomischen Axiom in einer marktwirtschaftlich-kapitalistischen Ordnung, sozusagen ihrer DNA. Deshalb herrscht auch immer wieder große Aufregung, wenn einzelne Verwerfungen und Pervertierungen, wie extreme Ausbeutungen von Arbeitskräften und Korruption, innerhalb des Systems manifest werden. Dabei entsprechen sie im Befund nur der inneren Logik des Systems. Karl Marx würde sich heute über diese Aufregungen amüsieren und in seiner holistischen Kapitalismusbeurteilung nur bestätigt sehen.

Schon Adam Smith hat darauf aufmerksam gemacht, dass der Preis die »schärfste Waffe« der Unternehmer im kapitalistischen System ist. Sie wird ohne Rücksichtnahme nach der Devise »mitnehmen was möglich ist« zur Realisierung einer maximalen Profitrate im Zuge eines erweiterten Kapitalverwertungs- und Akkumulationsprozesses zum Einsatz gebracht. Der Preis mit seinen vier Bestandteilen (Lohn, Zins, Grundrente und Profit) ist dabei das Instrument und in die Bestimmung der Profitrate eingewebt. Hinter allen vier Einkommen (Preisen) steht, wie schon ausgeführt, aber immer nur menschliche Arbeit als Leistung. Der ausgezahlte Lohn entspricht jedoch nicht dem vollen Wert (Preis) der Arbeit, der gesamten Wertschöpfung, sondern nur dem Preis der Arbeitskraft. Wäre es anders, gäbe es keinen Mehrwert, also Zins, Grundrente und Profit und damit auch keinen Kapitalismus. Die demnach hier zugrundeliegende Ausbeutung der Arbeit impliziert, dass es in der Ordnung Menschen gibt, die selbst nicht arbeiten müssen, sondern andere für sich arbeiten lassen. Wer ausreichende Mehrwerteinkünfte bezieht, kann dies ohne Frage. Dies setzt aber Eigentum an Vermögenswerten (Kapital, Boden, Produktionsmittel) voraus und das sich das Vermögen möglichst hoch konzentriert in den Händen von Wenigen befindet. Jedenfalls darf die Masse der Lohnabhängigen, ein paar Wenige schon, neben ihrem Arbeitsentgelt, nicht über Mehrwerteinkünfte verfügen, dies wäre systemsprengend. Und auch hier zeigt sich, alles hat seinen »Preis«, selbst der Zusammenhalt des kapitalistischen Systems. Diesen »Preis« haben insbesondere alle Lohnabhängigen ohne Mehrwerteinkünfte bitter zu zahlen. Und alle anderen bedienen sich an diesem Preis, den man auch Ausbeutungspreis nennen kann.

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