Bestialische Besatzer

Der Historiker Karl Heinz Roth über die Ausplünderung Griechenlands durch die Nazis, die Berliner Arroganz gegenüber Reparationsforderungen und die Notwendigkeit eines neuen 1968

Herr Roth, Kanzlerin Angela Merkel hat gegenüber Alexis Tsipras unlängst erklärt, sie wolle Griechenland im Euro behalten. Der SYRIZA-Premier antwortete: »Wir haben unseren Teil dafür getan. Tun Sie ihren.« Was müsste Berlin tun?

Karl Heinz Roth: Die Bundesregierung müsste einem Schuldenmoratorium und einem Schuldenschnitt zustimmen. Das ist der entscheidende Ausgangspunkt, um überhaupt zu einer Lösung der Griechenlandkrise zu kommen.

Karl Heinz Roth

Karl Heinz Roth, Jahrgang 1942, ist einer der profiliertesten linken Historiker in der Bundesrepublik. Nach einem Medizinstudium engagierte er sich bei den Studentenprotesten gegen Notstandsgesetzgebung und Vietnamkrieg. Roth gehörte dem Bundesvorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes an, arbeitete unter anderem als Betriebssanitäter der Kölner Ford-Werke und gehörte zu den wichtigsten operaistisch orientierten Stimmen der linken Szene, unter anderem als Mitgründer der Zeitschrift »Autonomie. Materialien gegen die Fabrikgesellschaft« 1975. Im selben Jahr geriet Roth in eine Schießerei mit der Polizei, bei der ein Beamter und ein Mitglied der linksradikalen Bewegung 2. Juni getötet wurden. 1986 begründete Roth die »1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts«, ebenfalls 1986 wurde er mit einer Forschungsarbeit über Filmpropaganda und Vernichtung der Geisteskranken und Behinderten im »Dritten Reich« promoviert. Wichtige Wegmarken kritischer Geschichtswissenschaft wurden die von Roth herausgegebenen O.M.G.U.S-Berichte gegen die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die I.G. Farben. Von ihm erschienen zahlreiche Bücher, unter anderem »Anschließen, angleichen, abwickeln. Die westdeutschen Planungen zur Übernahme der DDR 1952 bis 1990« (bei Konkret Literatur Verlag Hamburg), »Der Krieg vor dem Krieg. Politik und Ökonomik der ›friedlichen‹ Aggressionen Deutschlands 1938/39« (als Herausgeber gemeinsam mit Werner Röhr und Brigitte Berlekamp im VSA-Verlag Hamburg) oder »Reemtsma auf der Krim: Tabakproduktion und Zwangsarbeit unter der deutschen Besatzungsherrschaft 1941-1944« (gemeinsam mit Jan-Peter Abraham in der Edition Nautilus Hamburg). Ganz aktuell ist von ihm die Flugschrift »Griechenland am Abgrund. Die deutsche Reparationsschuld« im VSA-Verlag Hamburg erschienen. Mit Karl Heinz Roth sprach Tom Strohschneider.

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Derzeit wird weder über das eine noch das andere diskutiert. Sondern über eine Reformliste. Angemessen für die Herausforderung?

Nein, denn die Probleme sind gigantisch. Griechenland befindet sich am Abgrund. Etwa 15 Prozent der Kapitalsubstanz sind inzwischen vernichtet. Die bisherige Politik aus Troika-Diktaten und Sozialkürzungen haben die Wirtschaftsleistung um fast 30 Prozent schrumpfen lassen. Ob bei der Binnennachfrage, den Investitionen, im Gesundheitssektor: Wir sehen völlig katastrophale Daten. Wenn nicht radikale Schritte eingeleitet werden, dann wird nicht nur Griechenland, sondern, davon bin ich überzeugt, auch Europa, in eine sehr gefährliche Situation geraten.

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