„Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland“

Wir sehen die Autorin Katharina Warda, wie sie heute aussieht. Locken, braune Augen und einen relativ ersten Gesichtsausdruck, fotografiert vor einer blauen Wand.

Eine meiner Erinnerungen lautet so:

1990, Wernigerode. Ich bin fünf Jahre alt. Der Griff meiner Mutter um meine Hand wird fester. Vor uns der historische Marktplatz mit dem mittelalterlichen Rathaus, täglicher Schauplatz für Hochzeiten. Als Kinder in der DDR sammelten wir hier noch fliegende Pfennige ein. Zu meiner Linken strömen Menschen herbei, die sich zusammenschließen. Zu meiner Rechten, in der Kulisse der Fachwerkhäuser eine Versammlung in Reih und Glied, ein Aufmarsch von Neonazis. Der Griff meiner Mutter wird noch fester, tut fast schon weh. Sie nimmt die Beine in Hand und verschwindet mit mir in der nächsten Gasse.

Noch bevor der „Wind of Change“ die Treuhand in meine Heimatstadt Wernigerode brachte und mit ihr die Massenarbeitslosigkeit, kamen die Nazis aus den angrenzenden alten Bundesländern. Gut ausgestattet mit Geld, einem Gefühl von Perspektiven und festen ideologischen Strukturen. Eine Wahlverwandtschaft mit den so lange getrennten ostdeutschen Brüdern und Schwestern. Eine Wahlverwandtschaft, die mir von nun an meine Heimat zur Hölle machte. Eine Hölle, die fortan in den Medien als Dunkeldeutschland bezeichnet wird.

Die Rede vom „dunklen Deutschland“ prägt, wie der Osten wahrgenommen wird

Dieses „Dunkeldeutschland“ begleitet den Osten eigentlich schon lange: Bereits vor der Wiedervereinigung kam der Begriff in der BRD als abwertende Bezeichnung der DDR auf. Er zielte auf die spärliche Straßenbeleuchtung der Städte, ihre reklamefreien, dunklen Nächte. Zur Wendezeit wird Dunkeldeutschland zum Schlagwort und taucht immer da auf, wo es um die „Zone“, „drüben“ oder die Tristesse der ehemaligen DDR geht. 1994 wird der Begriff sogar Kandidat für das Unwort des Jahres, neben anderen sprachlichen Demütigungen gegenüber den Menschen der neuen Bundesländer. So fasst es die Süddeutsche Zeitung zusammen. Die Metapher „Dunkeldeutschland“ und der abwertende Blick auf den Osten, der damit verbunden ist, sind nie ganz aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen verschwunden. Und wer es doch vergessen hatte, den erinnerte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede zu den Anschlägen auf ein Asylheim in Heidenau 2015 daran. Das dunkle Deutschland, das diese Anschläge hervorgebracht habe, stehe einem „hellen, lichten Deutschland des bürgerschaftlichen Engagements“ gegenüber, meinte er, dieses dunkle Deutschland sei das Land der Hetzer und Brandstifter.

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