Chiles kybernetischer Traum von Gerechtigkeit Projekt Cybersyn (2/2)

Beflügelt von der Aufbruchstimmung im sozialistischen Chile der Allende-Zeit entwickelt eine Gruppe von Ingenieuren ein Computernetzwerk, mit dem die Wirtschaft des gesamten Landes gesteuert werden soll – ein Experiment, das wie Science-Fiction anmutet: Projekt Cybersyn.

(Gui Bonsiepe )
Die Anzeigen im Operations-Room. (Gui Bonsiepe )

Der exzentrische britische Kybernetiker Stafford Beer sieht die Wirtschaft wie einen menschlichen Körper, ein System, das sich selbst regulieren kann, dezentral und in Echtzeit. Sein Team und er verkabeln Firmen im 4.000 Kilometer langen Land, sammeln Daten im einzigen verfügbaren Großrechner, schreiben eine Software, die Engpässe erkennen soll – bevor sie überhaupt entstehen. Die ersten Resultate: vielversprechend.

(privat Vanilla Beer)Stafford Beer. (privat Vanilla Beer)

Doch das Team kämpft gegen die Zeit: Die chilenischen Unternehmer horten Lebensmittel, Spediteure streiken, Sanktionen der Amerikaner ruinieren den Export. Die Inflation erreicht Rekordhöhen, und die Rechten im Land planen schon den Putsch, der schließlich zur Pinochet-Diktatur führt.

Projekt Cybersyn (2/2)
Chiles kybernetischer Traum von Gerechtigkeit 
Von Jakob Schmidt und Jannis Funk

Redaktion: Tina Klopp
Regie: die Autoren
Produktion: Dlf/WDR 2020

Hier können Sie den 1. Teil der Sendung hören:

Projekt Cybersyn (1/2)

Chiles kybernetischer Traum von Gerechtigkeit Projekt Cybersyn (1/2)

Beflügelt von der Aufbruchstimmung im sozialistischen Chile der Allende-Zeit entwickelt eine Gruppe von Ingenieuren ein Computernetzwerk, mit dem die Wirtschaft des gesamten Landes gesteuert werden soll – ein Experiment, das wie Science-Fiction anmutet: Projekt Cybersyn.

01_Ops_Room_Gesamtansicht (Copyright © Gui Bonsiepe, 1972, 2006)
Der Operations- Room des Projektes Cybersyn. (Copyright © Gui Bonsiepe, 1972, 2006)

1970 wird Salvador Allende zum Präsidenten von Chile gewählt. Er schlägt einen gewaltfreien Weg zum Sozialismus ein, verstaatlicht binnen kurzer Zeit große Teile der Wirtschaft.

Doch das Management hunderter Fabriken überfordert die Verwaltung. Der zentralistische Ansatz, wie ihn die Staaten des Ostblocks verfolgen, ist zum Scheitern verurteilt. Allende sucht fieberhaft nach neuen Ansätzen – und gibt schließlich Cybersyn in Auftrag.

(Deutschlandradio / Jannis Funk und Jakob Schmidt)Fernando Flores mit seiner Familie. (Deutschlandradio / Jannis Funk und Jakob Schmidt)

Vor dem Hintergrund des Scheiterns einer sozialistischen Vision erzählt „Projekt Cybersyn” von Idealisten, die ihrer Zeit auf tragische Weise voraus sind und am Ende an der Realität zerbrechen. Von einem dramatischen Showdown zwischen Boykott und Militärputsch, der keinen Raum mehr lässt für Utopien.

Projekt Cybersyn (1/2)
Chiles kybernetischer Traum von Gerechtigkeit 
Von Jakob Schmidt und Jannis Funk
Regie: die Autoren

Redaktion: Tina Klopp
Produktion: Dlf/WDR 2020
(Teil 2 am Freitag, 10.4.2020, 20.05 Uhr)

Hier können Sie den 2. Teil der Sendung hören:

Schulen im Ausnahmezustand: Homeschooling forever?

Stühle in einem leeren Klassenraum

Es gibt derzeit, neben der Impfdebatte, wohl kaum ein Thema, das so hitzig diskutiert wird, wie die Frage der Bildung in pandemischen Zeiten. Das ist auch wenig verwunderlich, sind von der Entscheidung, ob und in welcher Form Bildungseinrichtungen offenstehen, doch zahlreiche Menschen mit divergierenden Interessenlagen betroffen: Lehrerinnen, die zwar die Sorge um die Entwicklung ihrer Schüler umtreibt, die aber vielleicht selbst zur Risikogruppe gehören; Kinder und Jugendliche, die am besten im gewohnten Schulumfeld lernen; Eltern, die sich aufreiben zwischen Homeoffice und Homeschooling; Arbeitgeber, die Präsenz im Arbeitsalltag nach wie vor für unverzichtbar halten; Sozialarbeiter und Kinderärztinnen, die auf die gestiegene Zahl vernachlässigter Kinder aus dem Frühjahr verweisen und deshalb für offene Schulen plädieren; Virologinnen, die unermüdlich betonen, dass Kontakte zwingend beschränkt werden müssen.

Halbherziger KMK-Beschluss

In dieser Gemengelage sind die Kultusministerinnen und -minister samt ihrer Landesregierungen wahrlich nicht zu beneiden, ruft doch jede ihrer Entscheidungen zwangsläufig Widerspruch hervor. Umso mehr sollte man eigentlich davon ausgehen, dass Beschlüsse gut begründet getroffen sowie stringent kommuniziert und umgesetzt werden – um alle Beteiligten bestmöglich zu informieren, zu überzeugen und zu unterstützen.

Doch weit gefehlt: Auch die jüngste Entscheidung der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten mit der Kanzlerin vom 19. Januar zu „grundsätzlich“ geschlossenen Schulen bis Mitte Februar überlässt den Ländern reichlich Interpretationsspielraum, wie sie die „restriktive“ Vorgabe umsetzen.

Bereits zu Jahresbeginn beschloss die Kultusministerkonferenz (KMK) in einem halbherzigen Beschluss ohne konkrete Kriterien, den Schulbetrieb in drei Stufen – beginnend mit den Jüngsten und endend mit Präsenzunterricht für alle – wiederaufzunehmen, „sollten es die Situationen in den einzelnen Ländern zulassen“. Für Abschlussklassen sollten die bereits bestehenden Ausnahmen weiter gelten, um Prüfungen vorbereiten zu können. Doch dazu, ob und wie Prüfungen im zweiten Jahr der Pandemie tatsächlich sinnvoll und gerecht stattfinden können, äußerte sich die KMK Weiterlesen Schulen im Ausnahmezustand: Homeschooling forever?