Hilflos gegen Big Pharma

Erst Pfizer, nun : Gleich zwei große Pharmakonzerne haben die Lieferung von Corona-Impstoff in die EU eingeschränkt. Dies führt nun zu Knappheit bei den Vakzinen. Doch die EU-Kommission will nicht vor Gericht ziehen – und Verantwortung übernimmt auch niemand.

Selten hat man EU-Politiker in Brüssel so wütend gesehen wie in diesen Tagen. „Das ist nicht akzeptabel”, schimpfte Gesundheitskommissarin Kyriakides nach zwei Krisensitzungen mit Vertretern des Pharmakonzerns AstraZeneca. „Das Vertrauen ist ernsthaft erschüttert“, empörte sich ein EU-Diplomat. Selten habe eine Firma so schlecht mit den Europäern kooperiert. „Das stinkt zum Himmel“, ärgert sich der CDU-Europaabgeordnete Liese.

AstraZeneca hatte am Freitag überraschend erklärt, dass man Probleme mit der europäischen Lieferkette habe – und deshalb die Lieferung in die EU kurzfristig reduzieren müsse.

Statt 80 Millionen Impfstoffdosen sollen es bis Ende März nur noch 31 Millionen sein. Dabei läuft die Versorgung mit Vakzinen in Großbritannien reibungslos. Offenbar wurde der für die EU bestimmte Impfstoff “abgezweigt” – oder gar nicht erst produziert.

Grund genug, die Beziehungen zu AstraZeneca abzubrechen oder wenigstens rechtlich gegen den Konzern vorzugehen, sollte man meinen. Lettlands Außenminister E. Rinkevics forderte, die EU solle juristische Schritte prüfen. Auch die Grünen sind dafür.

Aber weit gefehlt. Brüssel klammert sich an den Deal wie Ertrinkende an einen Strohhalm. Dies liegt vor allem daran, dass die groß angekündigte Impfkampagne längst nicht so gut läuft wie versprochen.

Nicht nur AstraZeneca ist in Verzug. Auch von der deutschen Firma Biontech und ihrem US-Partner Pfizer kommt nicht genug Impfstoff in der EU an. Auch hier gibt es Lieferprobleme, auch deshalb liegen in Brüssel die Nerven blank.

Wer ist verantwortlich? Keiner!

Normalerweise würde man nun die Verantwortlichen suchen und zur Rechenschaft ziehen. Doch in Brüssel ist dies kaum möglich. Die Verträge unterliegen strikter Geheimhaltung, nicht einmal die an der Verhandlung beteiligten Personen sind bekannt.

Deshalb ist auch unklar, wer für was verantwortlich ist. Dabei wäre es schon wichtig, zu klären, wie es sein kann, dass europäische Firmen zuallererst nicht-europäische Kunden bedienen.

Wieso werden die USA, Großbritannien und Israel besser mit dem Impfstoff des deutschen Pharmalabors Biontech versorgt als Deutschland?

Legitime Fragen, keine Antworten

Wieso beliefert der britisch-schwedische Konzern AstraZeneca zuerst Großbritannien, nicht aber Schweden und den Rest der EU? Das sind legitime Fragen, Antworten sucht man vergebens.

Denn die EU hat sich in die Fänge von Big Pharma begeben und viel Steuergeld gezahlt – in der naiven Hoffnung, das würden die Konzerne mit besonderer Treue honorieren.

Nun sind die EUropäer auf Gedeih und Verderb auf die Pharmafirmen angewiesen – und haben nicht einmal einen Verantwortlichen, der für das Debakel gerade steht…

Siehe auch “Wie Brüssel mit Big Pharma kungelt”, “AstraZeneca wehrt sich” und meinen Beitrag für den “Cicero”: “Zwischen Dilettantismus und Dirigismus”.

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Newsletter “Watchlist EUropa”. Er kommt jeden Morgen heraus und kann per Mail bestellt werden. Mehr hier

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