Neue WhatsApp-AGB Shoot the Messenger

Die neuen Geschäftsbedingungen von WhatsApp verärgern viele Menschen. Zu Recht: Facebook kann seine Versprechen bei Datenschutz und Sicherheit einfach nicht halten. Threema und Signal sind gute Alternativen. Wer sie installiert, sollte den alten Messenger im gleichen Zug löschen. Ein Kommentar.

Von WhatsApp auf Signal wechseln?
Endlich Ernst machen mit digitaler Souveränität und WhatsApp deinstallieren.    Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.comDimitri Karastelev

Herzen, Herzen und noch mehr Herzen. Wer die besonders sichere Messenger-App Signal benutzt, hat das Symbol in den vergangenen Tagen oft zu sehen bekommen. Es erscheint immer dann, wenn ein Kontakt aus dem Telefonbuch sich neu bei dem Kommunikationsdienst angemeldet hat, verbunden mit der Benachrichtigung „XYZ ist jetzt bei Signal!“

XYZ, das sind derzeit sehr viele Menschen. Seitdem Facebook den Nutzer:innen von WhatsApp neue Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen diktiert, boomen die Alternativen zum Marktführer. In den App-Stores von Google und Apple ist Signal aktuell die am häufigsten heruntergeladene Anwendung. Auch Threema, der datenschutzfreundliche Messenger aus der Schweiz, berichtet von astronomischen Download-Zahlen und führt die Charts der kostenpflichtigen Apps an.

Dazu hat im Fall von Signal wohl auch Elon Musk beigetragen. Der Tesla-Chef empfahl die App vor einer Woche seinen 42 Millionen Follower:innen auf Twitter (und löste damit ein Börsen-Hoch für ein anderes Unternehmen mit dem gleichen Namenaus). Musk ist auf Signal in guter Gesellschaft, schon vor Jahren tat auch NSA-Whistleblower Edward Snowden kund, sich auf den sicheren und datenschutzfreundlichen Kommunikationsdienst zu verlassen. Viele Journalist:innen und Aktivist:innen tun dies ebenfalls.

Facebooks Datenhunger kennt keine Grenzen

Der eigentliche Grund für die große WhatsApp-Flucht aber sind die kleinen Fenster, die bei den Nutzer:innen der Anwendung seit einiger Zeit aufploppen und die Zustimmung zu neuen Regeln einfordern. Zwei Dinge geben hier Anlass für Ärger: Da ist zum einen die für das Silicon Valley so typische Friss-oder-Stirb-Mentalität, mit der der Messenger seine User behandelt. Wer die neuen Regeln nicht bis zum 8. Februar akzeptiert, soll die App nicht mehr nutzen können. Viele Menschen haben es satt, nicht wenigstens eine Auswahlmöglichkeit zu haben, sondern die Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen.

Zum anderen ist da der Inhalt der neuen Geschäftsbedingungen. Facebooks Datenhunger kennt einfach keine Grenzen. Nun will der Konzern in noch größerem Umfang als bisher schon auf die Daten von WhatsApp-Nutzer:innen zurückgreifen. Künftig sollen sie auch dafür genutzt werden, Werbeanzeigen auf anderen Plattformen des Unternehmens zu personalisieren. In anderen Worten: Facebook will unser privates Kommunikationsverhalten auswerten, damit Werbekunden uns mit diesem Wissen noch besser manipulieren können.

Dabei geht es dem Konzern gar nicht um die Inhalte der Nachrichten. Weil WhatsApp vor einigen Jahren die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Signal-Gründer Moxie Marlinspike eingekauft hat, sind die Kommunikationsinhalte selbst vor dem Zugriff des Betreibers geschützt. Stattdessen geht es Facebook um Metadaten und die Dinge, die der Konzern daraus schließt: Wer kommuniziert mit wem? Wer nutzt welche Geräte? Wer nutzt die App wie häufig und wie lange?

Kein Wunder, dass die Leute sauer sind

Aus solchen Daten lassen sich Studien zufolge weitgehende psychologische Profilebilden. So kommt es schon mal vor, dass Facebook-Manager ihren Werbekunden versprechen, diese könnten auf der Plattform „emotional verletzliche Teenager“finden. Denen könnten sie ihre Werbebotschaften genau dann schicken, wenn diese sich „am wertlosesten fühlen“.

Besonders interessant an WhatsApps Datenschatz sind für den Konzern auch Identifier wie Telefonnummern, Werbe-IDs oder Gerätekennungen. Sie helfen dem Unternehmen, Daten aus unterschiedlichen Quellen einem Werbeprofil zuzuordnen. Facebook legt diese schließlich auch für Menschen an, die das Soziale Netzwerk gar nicht nutzen. Das Unternehmen sammelt nicht nur mit seinen eigenen Diensten wie Instagram oder WhatsApp Daten, sondern mit seinem Werbenetzwerk überall sonst im Netz.

Einem Bericht des Tagesspiegel [€] zufolge soll es künftig zudem noch stärker darum gehen, mit welchen Marken dieselben Nutzer:innen auf unterschiedlichen Facebook-Plattform interagieren. Werbende Unternehmen sollen Menschen dann künftig auch besser auf WhatsApp erreichen können. Das ist noch nicht ganz der inzwischen mehrfach vertagte Schritt, Werbung auch bei WhatsApp anzuzeigen, aber es ist kurz davor. Kein Wunder also, dass die Leute sauer sind.

Wer einmal lügt

Einige Verwirrung gab es in den letzten Tagen darum, ob das alles auch für Europa gilt. Klar ist, dass auch die Daten der WhatsApp-Nutzer:innen in Europa mit Facebook geteilt werden. Hier sollen sie allerdings nicht genutzt werden, um Anzeigen auf Facebook zu personalisieren. Sagen jedenfalls die Sprecher:innen von Facebook.

Die Datenschutzbestimmungen für Europasind in dieser Hinsicht uneindeutig. Hier heißt es unter anderem, andere Facebook-Unternehmen würden die Daten nicht „für die eigenen Zwecke der Facebook-Unternehmen“ verwenden. An anderer Stelle aber räumt Facebook sich das Recht ein, die Daten zu nutzen, um „unsere Dienste zu betreiben, bereitzustellen, zu verbessern, zu verstehen, anzupassen, zu unterstützen und zu vermarkten.“ Also was jetzt?

Allein dieses unwürdige Kommunikationsgebaren ist Grund genug, sich endgültig von WhatsApp zu trennen. Nach all den Skandalen und all den Versprechen, es in Zukunft besser machen zu wollen, versucht Facebook wieder, uns an der Nase herumzuführen. Statt klarer Kommunikation und echter Transparenz über die Datennutzung setzt uns der Marktführer unverständliches Kauderwelsch und widersprüchliche Angaben vor. Der Konzern geht davon aus, dass die Nutzer:innen die Bedingungen schon schlucken werden, auch ohne sie zu verstehen.

Was genau die Formulierungen bedeuten und wie Facebook sie auslegt, können wir nicht nachvollziehen. Es steht also lediglich das Wort des Unternehmens, dass die Daten nicht für die Personalisierung von Anzeigen verwendet werden. Wie viel ein Versprechen von Facebook wert ist, davon kann die EU-Kommission ein Lied singen. Der Konzern hatte ihr bei der Wettbewerbsprüfung der WhatsApp-Übernahme vorgespielt, eine Zusammenführung der Daten wäre weder gewollt noch technisch möglich. Dafür musste Facebook später eine Strafe von 110 Millionen Euro zahlen.

Der WhatsApp-Gründer finanziert heute Signal

Das Geschäft mit unseren Daten ist für Facebook offenbar einfach zu lukrativ, um nach den Regeln zu spielen. Dabei geht es heute zwar immer noch überwiegend um Werbung. Der Konzern hat jedoch auch Patente angemeldet, um die Kreditwürdigkeit von Menschen auf Basis ihrer Kommunikationsdaten zu berechnen. Doch der Überwachungskapitalismus ist kein gutes Geschäftsmodell für eine Infrastruktur, der die Menschen ihr halbes digitales Leben anvertrauen.

Das hat inzwischen auch der WhatsApp-Mitgründer Brian Acton verstanden. Nachdem er durch den Verkauf seines Messengers an Facebook zum Milliardär wurde, verließ er das Unternehmen 2018 wieder. Kurz darauf spendete er 50 Millionen Dollar für das Stiftungskapital, mit dem heute Signal finanziert wird.

Der Messenger kann dadurch kostenlos angeboten werden und auf die Überwachung seiner Nutzer:innen verzichten. Als ein US-Bezirksgericht den Messenger vor einigen Jahren dazu verpflichtete, die Daten eines Nutzers mit Strafverfolgungsbehörden zu teilen, erhielt diese lediglich die Infos, wann dieser seinen Account angelegt und das Programm zuletzt genutzt hat. Mehr Daten hatte Signal schlicht nicht gespeichert.

Auch Threema hat ein ganz einfaches Finanzierungsmodell: Man zahlt hier einmalig ein paar Euro für den Download der App, statt fortlaufend mit den eigenen Daten. Beide Apps sind Ende-zu-Ende verschlüsselt und Open Source. Unabhängige Sicherheitsexpert:innen können also jederzeit prüfen, ob der Quellcode hält, was die Anbieter versprechen.

Häufig wird als Alternative auch der Messenger Telegram empfohlen, was an dieser Stelle ausdrücklich nicht passieren soll. Es geht schließlich um sichere und datenschutzfreundliche Anwendungen und bei Telegram sind Chats standardmäßig nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt. Viele Nutzer:innen wissen nicht, dass ihre Kommunikation ungeschützt ist, solange sie nicht aufwendig einen „Geheimen Chat“ starten. Gruppenchats lassen sich zudem bei Telegram gar nicht Ende-zu-Ende-verschlüsseln.

Endlich Ernst machen mit digitaler Souveränität

Wer Wert auf Privatsphäre legt, nutzt Threema und/oder Signal. Sie haben einen Funktionsumfang, der sich hinter dem von WhatsApp nicht verstecken muss. Neben verschlüsselten Gruppenchats gibt es auch sichere Sprachnachrichten und Anrufe. Threema bietet zudem die Option, das Programm auch ohne Telefonnummer zu verwenden. Bei Signal gibt es integrierte GIFs, sich automatisch löschende Nachrichten, verschlüsselte Videochats und die Möglichkeit, mit einem Emoji auf gesendete Nachrichten zu reagieren.

Chat-Anwendungen sind deshalb eine großartige Möglichkeit, endlich mal Ernst zu machen mit informationeller Selbstbestimmung und digitaler Souveränität. Dazu gehört auch, nicht nur die Alternativen zu installieren, sondern WhatsApp tatsächlich zu deinstallieren. Shoot the Messenger. 

Einen Run auf WhatsApp-Alternativen erleben wir schließlich nicht zum ersten Mal. Dass Facebook auf die Daten der Nutzer:innen des 2014 aufgekauften Messengers zugreifen will, hat auch in der Vergangenheit schon zu Wechsel-Wellen geführt. An der Dominanz von WhatsApp auf den Märkten in Europa und den USA hat das bislang aber wenig geändert. Viele nutzen Threema, Signal und andere lediglich als Zweitmessenger, gelöscht haben sie WhatsApp nicht.

Das ist verständlich, denn der Nutzen einer Kommunikationsinfrastruktur ist größer, je mehr andere Menschen dort erreichbar sind. Solange wir nicht Messenger-übergreifend miteinander kommunizieren können, ist dieser sogenannte Netzwerkeffekt für den marktbeherrschenden Player ein klarer Vorteil. Damit Menschen den alten Messenger auch wirklich löschen, braucht es zunächst eine kritische Masse an Kontakten auf dem neuen. Für alternative Messenger könnte dieser Moment jetzt gekommen sein.

Überzeugungsarbeit in Kleingruppen

Im Umkehrschluss bedeutet der Netzwerkeffekt nämlich auch: Je mehr Menschen den Messenger wechseln, desto geringer wird der Nutzen von WhatsApp. Wer bei anderen Überzeugungsarbeit leisten will, kann dies erfahrungsgemäß am besten in kleineren Gruppen tun. Ob Fußballmannschaft, Kirchenkreis oder Pokerrunde, ob Clique, Arbeitsgruppe oder Familienchat – selbst wenn die anderen sich nicht von den Datenschutz-Argumenten überzeugen lassen, dann vielleicht von der Aussicht auf weniger gemeinsame Kommunikation.

Es stimmt: Die Kommunikation mit den Menschen, die jetzt nicht mitwechseln, wird vorerst komplizierter. Gleichzeitig wird sie nicht unmöglich. Wer den Messenger wechselt, reißt nicht alle Brücken ein: Anrufe, SMS, Videochats, Mails, Soziale Netzwerke und so weiter bieten weiter Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben.

Ohnehin kann man davon ausgehen: Die nächste Wechselwelle kommt bestimmt. Facebook wird den Überwachungskapitalismus nicht aufgeben und hat längst noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die Daten der WhatsApp-Nutzer:innen zu Geld zu machen. Spätestens dann, wenn bei WhatsApp wirklich Werbung geschaltet wird, werden auch die anderen kommen.

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Über den Autor/ die Autorin

Ingo ist Kommunikationswissenschaftler und seit 2016 Redakteur bei netzpolitik.org. Er schreibt und spricht über Datenpolitik, Überwachungskapitalismus und den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Ingo gibt Workshops für junge und ältere Menschen in digitaler Selbstverteidigung und lehrt an Universitäten zur politischen Ökonomie digitaler Medien. Außerdem moderiert er Veranstaltungen und Diskussionen, etwa auf der re:publica oder beim Netzpolitischen Abend in Berlin. Ingo ist Mitglied des Vereins Digitale Gesellschaft sowie der sozialethischen Kammer der EKD und berät kirchliche Organisationen bei der digitalen Transformation.   Kontakt: Ingo ist per Mail an ingo | ett | netzpolitik.org (PGP-Key) erreichbar und als @roofjoke auf Twitter unterwegs.

Veröffentlicht 14.01.2021 um 20:12

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