Warum Kinder in Europa von Ratten gebissen werden

falter.at

INTERVIEW: NINA HORACZEK 19-23 Minuten


Neunundvierzig Kinder und Jugendliche, die nicht mehr leben wollen. So viele minderjährige Patienten mit Selbstmordgedanken oder gar nach Selbstmordversuchen behandelten die Psychologinnen und Psychologen der medizinischen NGO Ärzte ohne Grenzen heuer alleine auf der griechischen Insel Lesbos.


Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Ausnahmsweise lesen Sie diesen Artikel kostenlos. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement oder testen Sie uns vier Wochen lang kostenfrei.

Die NGO ist sowohl auf Lesbos als auch auf der Insel Samos mit medizinischen und psychologischen Teams im Einsatz. Auch im Flüchtlingslager Vathy auf Samos hat mehr als jeder zweite Bewohner, der die Klinik von Ärzte ohne Grenzen aufsucht, Suizidgedanken. Marcus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen Österreich war als Einsatzleiter und Experte für humanitäre Fragen im Taliban-Gebiet in Afghanistan, im ehemaligen Bürgerkriegsland Sierra Leone oder auch im Südsudan tätig, hat nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti Katastrophenhilfe geleistet und in der Demokratischen Republik Kongo Ebola bekämpft. „Aber die Dimension des Elends der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln macht auch mich fassungslos“, sagt er im Gespräch mit dem Falter. ***

Falter: Herr Bachmann, wie sieht der Alltag der Menschen in den griechischen Flüchtlingslagern auf Lesbos und Samos aus?

Marcus Bachmann: Lassen Sie mich bei den Basics, beim Essen, beginnen. Die Menschen in diesen Lagern erhalten ausschließlich vorgekochtes Essen, kalt und in Plastik eingeschweißt. Selbst jetzt im Winter, wo die Temperaturen auf acht Grad sinken, gibt es kein warmes Essen. Die einzige Möglichkeit, sich selbst oder seinen Kindern eine warme Mahlzeit oder ein warmes Getränk zuzubereiten, ist das Kochen auf offenen Feuern. Die Kinder spielen auf dem Boden zwischen Zeltplane und Feuerstelle. Wenn zwischen diesen eng beieinander stehenden Zelten ein Topf umfällt, brennt es dort wie Zunder. Leider passiert dann oft ein Unglück.

Meinen Sie das große Feuer, das Anfang September im Lager Moria auf Lesbos ausbrach?

Bachmann: Ja. Bei diesem war die Ursache vermutlich eine andere, aber es war ja leider nicht das einzige. Es gab immer wieder große Feuer in den Lagern. Da sterben dann vor allem Frauen und Kinder.

Haben Sie Zahlen und Daten, wann es in den Lagern zuletzt gebrannt hat und wie viele Menschen in diesen Feuern gestorben sind?

Bachmann: Seit Jahren kommt es immer wieder zu schrecklichen Feuerunfällen. Schon im November 2016 verbrannten im Lager Moria auf Lesbos eine Großmutter und ihr Enkelkind bei einem Unfall beim Kochen mit offenem Feuer. Die Mutter des Kindes und sein zwei Jahre alter Bruder erlitten schwere Verbrennungen. Am 29. September 2019 starben bei einem Feuerunfall im Lager Moria eine afghanische Frau und ihr Kind. Am 16. März dieses Jahres verlor ein sechsjähriges Kind bei einem Brand im Lager Moria sein Leben und Dutzende Menschen ihre Unterkunft. Im Lager Vathy auf Samos ist es nicht besser. Dort hat es allein zwischen September und November 2020 drei Mal gebrannt. Am 26. September zerstörte ein Feuer drei Wohncontainer. Am 2. November verloren durch ein Buschfeuer 150 Menschen ihre Behausungen und am 11. November kam es durch offenes Feuer von Kochstellen zu einem Brand, der mehrere Unterkünfte zerstörte. Glücklicherweise gab es bei diesen Bränden keine schweren Verletzungen oder Todesfälle. Das sind nur einige Beispiele, keine vollständige Auflistung. Diese Brände verursachen unsägliches Leid, sie versetzen die Menschen in Angst und Panik. Besonders schlimm ist es, dass sie sehr starke Trigger für traumatisierte Flüchtende sind, die aus Kriegsgebieten kommen. Aber abseits von den Feuern sind speziell für Frauen, Mädchen und auch Kinder selbst so simple Dinge gefährlich, wie nachts auf die Toilette zu müssen.

Wieso?

Bachmann: In der Nacht ist es dort stockdunkel und extrem unsicher. Viele Frauen und auch Kinder fürchten sich und hören deshalb zu Mittag mit dem Trinken auf, um nachts nicht auf die Toilette gehen zu müssen. Vorige Woche wurde ein dreijähriges Mädchen nachts vergewaltigt auf Weiterlesen Warum Kinder in Europa von Ratten gebissen werden

Ein besonderes deutsches Fest

schwarzer kanal.png

Am 18. Dezember vor 80 Jahren unterzeichnete Adolf Hitler die Weisung Nr. 21 »Fall Barbarossa« für den Überfall auf die Sowjetunion. Die Weihnachtszeit blieb nach der Niederlage 1945 Anlass für bundesdeutsche Politiker und ihre Helfer, »die Russen« wegen Kriegsvorbereitung anzuklagen, aufzurüsten und propagandistisch fertigzumachen. 2020 war keine Ausnahme.

Da wäre z. B. Bundeswehr-Brigadegeneral Jared Sembritzki. Am 20. Dezember veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) in ihrem Regionalteil Rhein-Main ein Interview mit ihm. Überschrift: »Russland ist unsere größte Bedrohung«. Der Mann ist seit Mai Stabschef im Europa-Hauptquartier der US Army in Wiesbaden, hat also den Überblick. Wobei »Europa« unkorrekt ist, denn »seit einigen Wochen gehört außer Europa auch Afrika zu unserem Kommando«. Den zweiten Kontinent kann man allerdings militärisch fast nebenbei erledigen. Dort stören laut Sembritzki vor allem jene Afrikaner, die unbedingt nach Europa wollen. Alles andere – Öl, Gold, Kupfer, seltene Erden, Kobalt usw. – erwähnt er nicht, ist ja auch stets reichlich vorhanden. Wenn da mal ein Staat zertrümmert wird, fällt das hier kaum auf.

Ganz anders »die Russen«. Die verhalten sich, sagt der General, in der Ukraine und vor allem auf der Krim aggressiv: »Das war schon ein deutliches Zeichen, nämlich dass die Russen bereit sind, sich einfach nicht mehr an die Regeln und Konventionen zu halten.« Sembritzki weiß, wovon er spricht. Er war dreimal zum »Einsatz« in Afghanistan, wo der Westen seit 2001 mit Regeln und Konventionen Krieg führt. Er erhielt dafür als erster Offizier das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit.

Cuba Si 2412-3012

Die FAS fragt: »Ist Russland die größte Bedrohung?« Sembritzki: »Ganz sicher.« Und daher: »Defender Europe 2020«, das große US-Manöver, das die Verlegung Zehntausender Soldaten Richtung Osteuropa vorsah, ist nicht der Pandemie zum Opfer gefallen, wie viele meinen. »Wir konnten die Übung nicht komplett absolvieren.« Aber der Kern habe stattgefunden: »Im Grunde ist nur das Rumfahren und Schießen deutlich geringer ausgefallen.«

Die nicht gefahrenen Kilometer kompensierte der russische Rechtsaußenpolitiker Alexej Nawalny. Wladimir Putin, der ihn angeblich umbringen wollte, ließ ihn im August nach Berlin zur Behandlung ausfliegen, und alsbald erschien die Kanzlerin am Krankenbett. Der Mann wiegt offenbar eine Division auf. Der lebendige Beweis dafür, dass »dieses Regime über Leichen« geht (Cem Özdemir, Die Grünen), wird seitdem mal hierhin, mal dahin in schweren Limousinen gekarrt. In der vergangenen Woche tauchte er mit großem Gefolge und Kamerateam in Dresden auf und wollte wissen, wo Putin in seiner Zeit als KGB-Mitarbeiter 1985 bis 1990 dort gewohnt und gearbeitet hat. Der heutige Wohnungsinhaber wollte nichts mit ihm zu tun haben, obwohl Nawalny nach den vereinten Bemühungen von Bild, Spiegel, ARD und ZDF zu den »Menschen 2020« gehört. Er ähnelt allerdings ein wenig den Elendsgestalten, die gegen KPD-Veranstaltungen in den 50er Jahren aufgeboten wurden, um von Greueln in Kriegsgefangenenlagern der Sowjetunion zu berichten. Das half beim Aufstellen der Bundeswehr und dem zweiten Anlauf nach »Barbarossa«. Und heute: Nicht einmal Nawalnys Videogespräch mit einem russischen Agenten, der die Unterhose des Kanzleringastes aus dem Effeff kannte, öffnet offenbar noch die Herzen.

Wenn aber Nawalny versagt, bleiben Sembritzki und dessen Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie erinnerte im Bundestag jüngst an »eine gute Tradition deutscher Außenpolitik«, mit Russland »aus einer Position der Stärke heraus« zu sprechen. Weihnachten bleibt seit mindestens 80 Jahren ein besonderes deutsches Fest.

Nicht einmal Nawalnys Videogespräch mit einem russischen Agenten, der die Unterhose des Kanzleringastes aus dem Effeff kannte, öffnet offenbar noch die Herzen.