Lässt sich die Umweltbewegung zu leicht ruhigstellen?

Die ständige Zunahme an Umweltproblemen erfordert das Rütteln an liebgewonnen Institutionen und Gewohnheiten

Nach rund 40 Jahren Umweltbewegung kaufen die Bundesbürger inzwischen für zwölf Milliarden Euro Bioprodukte. Was nach viel klingt, sind dennoch nur 5,5 Prozent des Gesamtlebensmittelumsatzes. Auch vier Jahrzehnte nach Gründung der Grünen kann von einem Siegeszug biologischer Lebensmittel und der ökologischen Landwirtschaft nicht die Rede sein, genauso wenig wie von einer „nachhaltigen“ Senkung der CO2-Emissionen, einem Rückgang des Materialverbrauchs oder von einem zukunftsfähigen Wandel der Konzerne.

Lediglich bei der Stromerzeugung scheint der Umstieg mit Hilfe von Windkraft und Photovoltaik zu gelingen, wenn, ja wenn da nicht sonderbare Bürgerinitiativen, kapitalstarke Lobbyorganisationen oder konservative Politiker der Energiewende einen Stein nach dem anderen in den Weg legen würden. Mit anderen Worten: Gewisse Lichtblicke sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Umweltbewegung auf der Stelle tritt, Fridays for Future hin oder her.

Weder Weltklimakonferenzen noch Umweltministerien mit vielen hundert Mitarbeitern oder Umweltverbände mit vielen hundert Millionen Euro Umsatz (Greenpeace: 340 Millionen Euro), noch Energieberater, Baumbesetzer oder A+++-Kühlschränke haben dazu geführt, dass aus all den guten Ideen umweltbewegter Menschen eine Trendwende wurde.

Pyrrhussiege der Umweltbewegung

Viele Errungenschaften, ja ganze Institutionen der Umweltbewegung sind nichts weiter als Parallelwelten: Spielplätze für die eigenen Belange, mit hübschem Zaun drumherum, um die anderen nicht zu stören.

Ein Beispiel: 1986 flog der Welt das Kernkraftwerk Tschernobyl um die Ohren und die Bundesregierung musste irgendwie handeln. Es war ein genialer Schachzug, den Druck der erstarkenden Grünen Partei aufgrund wachsender technischer und ökologischer Probleme mittels eines Ombudsmannes oder -frau namens „UmweltministerIn“ zu kanalisieren. Jene durften danach öffentlichkeitswirksam deutsche Reaktoren sichern – der erste Umweltminister Walter Wallmann mit dem „Wallmann-Ventil“ – oder durch den Rhein schwimmen wie der zweite Umweltminister Klaus Töpfer nach der Sandoz-Katastrophe. Hauptsache, im Verkehrs-, Landwirtschafts-, Wirtschafts-, Finanz- oder sonstigen Ministerien durfte so weitergemacht werden wie gewohnt.

So wurde eine Parallelwelt institutionalisiert, die gefährlich gut funktioniert: Bei Regierungsbeteiligungen erstreben und bekommen die Grünen das Umweltministerium, obwohl alle wissen, wo Geld verteilt wird und Strukturentscheidungen getroffen werden, die ökologische Desaster vorbereiten oder vergrößern. Natürlich dürfen UmweltministerInnen meckern und deren Einwände werden auch ein wenig berücksichtigt; allzu energisch dürfen sie allerdings nicht werden.

Das spürte als Erster der charakterstarke Klaus Töpfer, als er 1994 von Helmut Kohl abserviert und durch Angela Merkel ersetztwurde. Gebaut werden sollen die Autobahnen, Kohlekraftwerke und Agrarfabriken schließlich trotzdem. Wahrscheinlich sollte die Umweltbewegung fordern, dass das Umweltministerium aufgelöst wird: Entweder, es gibt in jedem Ministerium große, ökologisch tickende Abteilungen mit Veto-Recht, oder Ökologie bleibt Nebenschauplatz.

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Mehr Beispiele? Die Weltklimakonferenzen sind Tummelplätze für besorgte Wissenschaftler und mehr- oder weniger umweltbewegte Politiker. Dort werden rhythmisch Papiere verabschiedet, wie die Welt noch zu retten ist; wobei tunlichst darauf verzichtet wird, sich zu überlegen, wie man einen ökologischen Wandel wahrscheinlicher macht. Dazu müsste man Systemfragen stellen und ähnlich wirkmächtig werden wie die Welthandelsorganisation (WTO), die allerdings dafür sorgt, ökologischen Wandel unwahrscheinlich zu machen, weil sie durch ihre Freihandelsideologie Konkurrenzbeziehungen weltweit zementiert.

Gleichzeitig verhandeln faktisch alle Länder oder Ländergruppen auch jenseits der WTO intensiv mit anderen Staaten weitere Handelsabkommen. Davon bekommt man allerdings nur etwas mit, wenn – wie in Südostasien – besonders wichtige Freihandelsverträge unterzeichnet werden (Der Anfang vom Ende des Eurozentrismus). Die WTO und ein Netz aus über 300 weiteren Freihandelsverträgen sorgt dafür, dass ein durch Standortwettbewerb kurzgeschlossener Planet geplündert wird, Umweltschutz (oder auch soziale Maßnahmen) haben in den Verträgen höchstens atmosphärische Relevanz.

Die Situation erinnert an Herbert Marcuses „Repressive Toleranz“: Demokratische Verfahren werden erhalten, verkommen allerdings zur Farce, weil andere Entwicklungsideen nach dem Credo „Immer mehr, immer billiger“ im Keim erstickt werden oder in Nischen verbleiben. Jeder Versuch, dagegen aufzubegehren, wird mit dem Hinweis auf eine gefährdete Wettbewerbsfähigkeit im Keim erstickt. Sämtliche Weltklimakonferenzen scheiterten letztendlich daran.

Ökologischer Umbau bis 2040?

Dabei lehrt die Corona-Epidemie, dass die Staaten noch immer umfassend handlungsfähig sind und der Welthandel und andere ökonomische Interessen hinter politische Gestaltungsaufgaben zurückgestellt werden können. Dies erkennend sollten Klimaforscher und -aktivisten sich dort einmischen, wo internationale Kooperation in wirkmächtige, durchsetzbare Verträge gegossen wird, anstatt wirkungslos im Klimakonferenz-Sandkasten zu spielen.

Noch ein letztes Beispiel für einen Pyrrhussieg der Umweltbewegung: Die weltweite Akzeptanz des 1,5- bzw. 2-Grad-Klimaziel. Kaum jemand widerspricht diesem Ziel (außer Rechtspopulisten oder Leugner des menschengemachten Klimawandels), schließlich betrifft es nur die ferne Zukunft und gefährdet nicht die Profite der kommenden Monate. Weil über den weiteren Fahrplan zum Erreichen des Ziels noch gesprochen werden muss, kann sogar die Braunkohleindustrie zustimmen. Und gesprochen wird bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Das gilt gleichermaßen für weltweite, europaweite oder nationale Aktionspläne. Genau so funktionieren auch regionale oder kommunale Umweltentwicklungspläne, bei denen sich interessierte Bürger und Stadtverwaltungen auf höchstem Niveau auf einen ökologischen Umbau z. B. bis zum Jahr 2040 verständigen. Der Stadtrat kann das Programm sogar einstimmig beschließen, schließlich verschwindet der Papiertiger danach in der Schublade, weil im kommenden Jahr sowieso erst die jüngst beschlossenen Vorhaben abgearbeitet werden.

Was danach kommt, wird sich zeigen. Weshalb umweltbewegte Menschen gut beraten sind, sich auf konkretere Projekte hin zu orientieren. Von innerörtlichen Verkehrsberuhigungen über die Proteste im Hambacher und Dannenröder Wald bis hin zum FCKW-Verbot anno 1987 (Vgl. Reiner Grundmann, Transnationale Umweltpolitik zum Schutz der Ozonschicht, FfM 1999) ist ein Engagement für die Umwelt dann von Erfolg gekrönt, wenn es (anders als bei dem 1,5- oder 2-Grad-Ziel) bei konkreten Projekten zu Entscheidungen kommt. Zu Gunsten der Umweltbewegung fallen Entscheidungen allerdings erst, wenn sie entsprechend stark ist.

Parallelwelten für umweltbewegte Individuen

Die Zahl umweltbewegter Menschen ist beachtlich: Mindestens ein Viertel der Bevölkerung steht grünen oder links-grünen Parteien nahe und die Biosupermärkte sind gut besucht. Millionen Menschen zeigen u. a. die Bereitschaft, deutlich mehr für Lebensmittel zu bezahlen als nötig. Allerdings sind auch die Parkplätze mit PS-Boliden gesäumt; was ist da los?

Alle Menschen schlüpfen im Verlauf eines Tages in unterschiedliche Rollen. Ein Arzt zeigt während einer stressigen Operation andere Handlungs- und Argumentationsroutinen als beim Abendessen mit seiner Familie, im Schwimmverein oder beim Einkauf im Biosupermarkt. Beim Wechseln der Rollen wechseln die Menschen Begründungszusammenhänge und Verhaltensmuster, wobei selbst offensichtliche Widersprüche keine argumentativen Nöte zur Folge haben (müssen).

Ferner erzielen Menschen Abgrenzungs- bzw. Distinktionsgewinne, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu konstatierte, wenn sie sich mittels gelebter „feiner Unterschiede“ moralisch überlegen fühlen können oder der Zugehörigkeit zu ihrer Gesellschaftsschicht versichern. Das ist nicht negativ zu verstehen, sondern das ist einfach so. Wenn das SUV und die Fernreisen ebenso wie der Einkauf im Bioladen zum kulturellen Code eines Menschen gehört, spielt Ökologie nur zufällig oder in ausgewählten Lebensbereichen eine Rolle.

Wir meistern Widersprüche regelmäßig selbst, etwa wenn wir einerseits Ski fahren aber sanften Sommerurlaub anstreben oder wir uns haufenweise Unterhaltungselektronik ins Haus holen aber stolz auf die eigene PV-Anlage sind. Es gelingt uns, indem wir widersprüchliche Handlungsweisen (für Außenstehende willkürlichen) unterschiedlichen Lebenssphären zuschlagen, die eben dies oder jenes erfordern. Außer wir besitzen innere Ressourcen wie der Wachstumskritiker Niko Paech, der bescheiden und glücklich lebt und dieses widersprüchliche gesellschaftliche Treiben überhaupt nicht nachvollziehen will.

„Wenn Doppelmoral zum Normalzustand einer sich aufgeklärt und fortschrittlich gerierenden Gesellschaft wird, enden alle vernunftgeleiteten Zukunftsaussichten. Dann beginnt nicht nur die Drift ins ökologische, sondern auch postzivilisatorische Desaster“, schreiben Manfred Folkers und Niko Paech in All you need is less (München 2020, S. 211).

Der Mensch stellt sich konkreten Herausforderungen

Der Mensch sucht nach Individualität, aber auch nach Gemeinsamkeiten. Er verinnerlicht wissenschaftliche Erkenntnisse und wirre Geschichten. Er wünscht Selbstbestimmung aber auch Rituale und Routinen, er ist ein völlig widersprüchliches Wesen. Deshalb scheitert es seit Jahrzehnten, auf der Basis bloßer ökologischer Vernunft eine Gesellschaft umkrempeln zu wollen, um ihr Überleben zu sichern.

Die meisten Menschen folgen keinen abstrakten Notwendigkeiten, sondern Gewohnheiten oder Zwängen. Sie stellen sich konkreten Herausforderungen, von denen sie sich etwas versprechen und orientieren sich an ihrem sozialen Umfeld. Sich über lange Zeiträume durch die Ablehnung üblicher oder das Durchführen unüblicher Handlungsweisen von seinen Mitmenschen abzugrenzen, schaffen nur wenige. „Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“ (Kurt Tucholsky).

Wenn Tucholsky Recht hat, ist es die Kernaufgabe der Umweltbewegung, umweltverträgliche Gewohnheiten gesellschaftsweit durchzusetzen. Von dieser Praxis ist sie jedoch himmelweit entfernt, weil der liberale Kapitalismus es ermöglichte, dass umweltbewegte Menschen passgenaue Angebote zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse sogar selbst hervorbringen.

So entwickelte sich eine Art Parallelgesellschaft, die in ihren eigenen Geschäften zum Shoppen geht, zu ihren eigenen Stromanbietern wechselt und so weiter – und so ihre moralischen Ansprüche befriedigt. Der Druck, Standards generell zu erhöhen, wurde so erheblich reduziert.

Weil es für umweltbewegte Menschen viel einfacher ist, in Bioläden einzukaufen oder sich Elektroautos anzuschaffen, als politische Veränderungen für alle Menschen durchzusetzen, geht es kaum voran mit dem Wechsel der Lebensroutinen für alle.

Die Folge: Ein paar neue Biomärkte, doch der überwiegende Teil der Landwirtschaft wird trotzdem in Agroindustrie verwandelt. Auch neue Windkraftanlagen lassen sich kaum mehr durchsetzen, der Kohleausstieg wird verzögert und Gewerbegebiete wachsen immer weiter. In Deutschland organisieren sich Umweltbanausen ganz offensichtlich deutlich erfolgreicher als die Lobby der Umwelt.

Hinzu kommt: So lange ökologisch orientierte und besorgte Menschen lediglich rational begründete Schreckgespenster an die Wand malen, wie das von führenden Klimaforschern wie Stefan Rahmsdorf bis hin zu Fridays for Future viel zu viele betreiben, werden sie in der Mehrheitsgesellschaft eher Abstumpfungsprozesse fördern als eine Aufbruchsstimmung. Weil Menschen mit sich im Reinen sein wollen und an Gewohnheiten festhalten, so lange sich nichts subjektiv besseres bietet, liegt das Ignorieren oder Leugnen der Probleme näher als Veränderung.

Die nächste politische Kampagne ist wichtiger als der nächste Bioladen-Einkauf

Menschen, die für nachhaltige Produkte ohne Probleme mehr als das Eineinhalbfache bezahlen und als einzigen Mehrwert ein gutes Gewissen erhalten, sind Avantgarde, nicht mehr und nicht weniger. Wenn sie tatsächlich wünschen, dass alle diese Produkte kaufen, dass also Nachhaltigkeitskriterien für alle gelten sollen, ist eine Geringschätzung der „konventionell“ einkaufenden Mehrheit nicht nur kontraproduktiv, sondern Ausrede für eigene politische Untätigkeit.

Wobei der Bioladen-Einkauf kein politischer Akt ist. Für mich persönlich ist er notwendig, damit ich mir morgens vor dem Spiegel ungetrübt in die Augen blicken kann. Für eine allgemeinverbindliche Durchsetzung ökologischer Standards, einer Verkehrs- oder Energiewende etc. spielt mein individuelles Konsumverhalten keine wichtige Rolle, sondern ob ich bereit bin, in die Rolle des Homo Politicus zu schlüpfen.

Längst wird von einer großen Mehrheit der Menschen unter anderem ein wesentlich strengerer Tierschutz gewünscht, der gleichzeitig zu würdevolleren Haltungsbedingungen und einer ökologischeren Erzeugung führt. Laut Umfragen sind zwei Drittel der Bevölkerung bereit, mitunter deutlich mehr dafür zu bezahlen. Ähnlich optimistisch stimmen das erfolgreiche Volksbegehren Artenvielfalt (Umweltschützer feiern Sieg der direkten Demokratie) oder Umfragen zum Kohleausstieg.

Gleichzeitig ist eine Mehrheit der Menschen ganz offensichtlich nicht bereit, sich „zum Affen zu machen“ und freiwillig mehr als nötig auszugeben, obwohl die „eigentlich“ gewünschten Produkte auch jetzt schon erhältlich sind. Deshalb liegt viel Verantwortung auf den Schultern von Millionen Menschen, die längst selbst aktiv sind: Wären deutlich mehr umweltbewegte Bürger zusätzlich zum Weg in den Biosupermarkt auch zu politischen Aktivitäten bereit, wären viele Erfolge programmiert!

Weil das Wissen über wachsende Umweltprobleme tief in der Bevölkerungsmehrheit verankert ist, werden ökologische Regulierungen akzeptiert werden, wenn sie alle gleichermaßen betreffen. Selbst wenn dadurch Konsumgüter und -dienstleistungen in einem gewissen Rahmen für alle teurer werden.

Wandel entsteht nicht durch die Konsumentscheidungen von Minderheiten. Den Druck dafür kann nur politisches Handeln erzeugen. Was zur Durchsetzung ökologischer Standards fehlt, ist eine Massenbewegung, wie sie in Ansätzen durch Fridays for Future entstand. Solange sich umweltbewegte Menschen allerdings nicht organisieren – ob in Parteien, Nichtregierungsorganisationen oder sonstigen Unternehmungen ist vergleichsweise unwichtig – verkommen Proteste zu hübschen Events, die schöne Bilder für die Presse liefern, während eines Shutdowns aber wieder verschwinden.

Substanzielles bewirken kann nur eine große politische Bewegung, die mithilfe eskalierender Kampagnen und gleichzeitiger Lobbyarbeit konkrete Forderungen artikuliert, bis sie Gesetz werden. Die Bewegung gäbe es längst, wenn Millionen Kunden von Biolebensmitteln, Wähler ökologischer Parteien und vielen weiteren umweltbewussten Menschen bewusst wäre, dass sie sich durch den Konsum nachhaltiger Produkte nicht moralisch freikaufen können: Das richtige Leben im falschen endet mit der Weigerung, Verantwortung als Staatsbürger zu übernehmen.

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