Launige Utopie

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Peter Hacks konnte sich die Abschaffung der Arbeitsteilung im Reich der Freiheit, verstanden als Abschaffung des Fachkönnens, nicht vorstellen. Darstellung der arbeitsteiligen sozialistischen Gesellschaft in Walter Womackas Mosaikfries »Unser Leben« (1964) am Haus des Lehrers in Berlin

Heinz Hamm ist Literaturwissenschaftler und forscht vor allem zu Goethe und Hacks. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 22. Mai 2019 über die erste Bühnenaufführung des »Faust«.

Am vergangenen Sonnabend fand in Berlin die 13. wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft statt. Sie stand unter dem Motto: »Unendlich nur ist der Zusammenhang« – Hacks und der Marxismus. Wir veröffentlichen an dieser Stelle mit seiner freundlichen Genehmigung den Vortrag von Heinz Hamm. Ausgewählte Referate werden im Hacks Jahrbuch 2021 veröffentlicht. (jW)

Im Bild des Kommunismus spielte von Anfang an die Aufhebung der Teilung der Arbeit eine entscheidende Rolle. Schon in den unveröffentlichten Texten aus den Jahren 1845 und 1846, in denen sich Marx und Engels mit Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner auseinandersetzten, hieß »die Gesellschaft kommunistisch zu organisiren«¹, das Privateigentum aufzuheben und damit auch die Arbeitsteilung; denn »übrigens sind Theilung der Arbeit & Privateigentum identische Ausdrücke«.²

Morgens Jäger, abends Kritiker

Mit Sicherheit verstanden Marx und Engels darunter nicht das Ende jeglicher unterschiedlicher Tätigkeit. Gemeint war das Aufheben eines Zustands, in dem das Individuum »unter die Theilung der Arbeit subsumirt« ist und »durch sie verein­seitigt, verkrüppelt«³ wird: »Und endlich bietet uns die Theilung der Arbeit gleich das erste Beispiel davon dar, daß solange die Menschen sich in der naturwüchsigen Gesellschaft befinden, solange also die Spaltung zwischen dem besondern & gemeinsamen Interessen existirt, solange die Thätigkeit also nicht freiwillig, sondern naturwüchsig getheilt ist, die eigne That des Menschen ihm zu einer fremden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht. Sowie nämlich die Arbeit vertheilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Thätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker, & muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Thätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt & und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu thun, Morgens zu jagen, Nachmittags zu fischen, Abends Viehzuchte zu treiben nach dem Essen zu kritisiren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.«⁴

Was Marx und Engels von der Aufhebung der Teilung der Arbeit im allgemeinen erwarteten, hatte für sie auch Gültigkeit für die künstlerische Arbeit im besonderen: »Die exklusive Konzen­tration des künstlerischen Talents in Einzelnen & seine damit zusammenhängende Unterdrückung in der großen Masse ist Folge der Theilung der Arbeit. (…) Bei einer kommunistischen Organisation der Gesellschaft fällt jedenfalls fort die Subsumtion des Künstlers unter die lokale & nationale Bornirtheit, die rein aus der Theilung der Arbeit hervorgeht, & die Subsumtion des Individuums unter eine bestimmte Kunst, sodaß es ausschließlich Maler, Bildhauer usw. ist, (…) In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderem auch malen.«⁵

Marx und Engels stellten dann 1848 im »Manifest der Kommunistischen Partei« klar, dass das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft werden solle, keineswegs der persönliche Besitz zur Erhaltung des Lebens. Wirklich Neues zum Kommunismus kam erst 1874 in der Stellungnahme von Marx zum Entwurf des Vereinigungsprogramms des Gothaer Parteitags hinzu. In den nicht zur Veröffentlichung bestimmten »Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei«⁶ kritisierte Marx die Forderungen des Entwurfs zur gerechten Verteilung, indem er gegenüberstellte, wie »innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Productionsmitteln gegründeten Gesellschaft« die Produzenten in der Verteilung der Produkte verfahren werden. Dabei wurde unvermittelt Überraschendes mitgeteilt. Auch im Kommunismus werde es am Anfang bei der Verteilung nicht gerecht zugehen, werde Ungleichheit nicht völlig beseitigt sein. Denn am Anfang »erhält der einzelne Producent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr giebt«. Die »ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter« würden damit zu ungleichen Anteilen am Konsumtionsfonds führen. Darüber hinaus könne sogar der Fall eintreten: »Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Antheil an dem gesellschaftlichen Consumtionsfonds erhält (…) der eine faktisch mehr als der andre, ist er reicher als der andre, etc.« Diese »Missstände« wären jedoch unvermeidbar; denn womit wir es am Anfang zu hätten, wäre »eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoos sie herkommt«.

Diese neuen Einsichten führten Marx dazu, dem eigentlichen Kommunismus eine »politische Uebergangsperiode«, eine »Periode der revolutionären Umwandlung« voranzustellen und von zwei Phasen der kommunistischen Gesellschaft zu sprechen: einer »ersten Phase« mit unvermeidbaren »Missständen« und einer »höheren Phase«. Erst in dieser, »nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Theilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit, verschwunden; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfniss geworden ist; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Productivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fliessen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!«

Engels nutzte wenige Jahre danach die Auseinandersetzung mit dem Werk des Philosophen und Ökonomen Eugen Dühring (1833–1921), um das bisher über den Kommunismus Gedachte, das nur wenig bekannt war, einer breiten Öffentlichkeit vorzutragen. Er zeichnete im Dritten Abschnitt, überschrieben »Sozialismus« und nicht »Kommunismus«, in großer Ausführlichkeit die geistige Entwicklung nach, die ihn und Marx zu den Wesenszügen der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft geführt haben. Durch Engels erhielt das Bild des Kommunismus seine nach außen wirksame Gestalt.

Ulbrichts Theorie des Sozialismus

Die Lehre von der einheitlichen kommunistischen Gesellschaftsformation in ihren zwei Phasen, einer »ersten« und einer »höheren«, bildete als wissenschaftlicher Kommunismus einen der drei Bestandteile des Marxismus-Leninismus und wurde nicht angetastet. Chruschtschow stellte noch im Oktober 1961 auf dem XXII. Parteitag der KPdSU den endgültigen und vollständigen Sieg des Sozialismus in der UdSSR fest und verkündete den Beginn der Ära des Kommunismus. Der heutigen Generation der Sowjetmenschen versprach er, dass sie schon im reifen Kommunismus leben werde.⁷ Erst Walter Ulbricht wagte einen neuen Zugang. Auf der wissenschaftlichen Session »100 Jahre ›Das Kapital‹« vom 12. und 13. September 1967 verkündete er ein neues Sozialismusverständnis: Der Sozialismus sei »nicht eine kurzfristige Übergangsphase in der Entwicklung der Gesellschaft, sondern eine relativ selbständige sozialökonomische Formation in der historischen Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus im Weltmaßstab. Früher war es üblich, (…) den Sozialismus nur als Übergangsphase anzusehen, in der sich die Gesellschaft von den ›Muttermalen‹ des Kapitalismus frei machen und die materiellen und geistigen Voraussetzungen für die zweite Phase des Kommunismus schaffen muß. Es wurde wenig beachtet, daß der Sozialismus sich auf seiner eigenen Grundlage entwickelt. Die Bürde der kapitalistischen Vergangenheit erschwerte diese Einsicht. Deshalb wurden häufig die Kategorien der sozialistischen Ökonomik, die formal den Kategorien der kapitalistische Ökonomik ähnlich sind (Geld, Preis, Gewinn usw.), als unvermeidliche ›Übel‹ betrachtet, deren Wirksamkeit überwunden werden muß.«⁸

Auf der wissenschaftlichen Session zum 150. Geburtstag von Karl Marx vom 2. bis 4. Mai 1968 wurde das nochmals vorgetragen. Ulbricht erklärte in den beiden großen Reden den Sozialismus zu einer selbständigen Gesellschaftsformation mit einer eigenen Qualität und einer langfristigen Lebensdauer. Er wollte das als eine »Vertiefung« der »Vorstellungen vom Sozialismus« gewertet wissen und nicht als eine Korrektur von Marx. Aber natürlich war sein Sozialismuskonzept von einer neuen, von Marx abweichenden Sichtweise geprägt. Der Sozialismus blieb zwar »die vorbereitende Gesellschaftsformation für den Kommunismus«.⁹ Die enge Bindung wurde jedoch entschieden gelockert und der eigentliche Kommunismus, die »höhere Phase«, in eine ferne Zukunft gerückt.

Die Führungsmacht Sowjetunion versagte Ulbrichts neuem Sozialismusverständnis die Gefolgschaft. Unter Erich Honecker wurde es entsorgt. Kurt Hager erklärte auf der Tagung der Gesellschaftswissenschaftler am 14. Oktober 1971: »Im Lichte dieser Feststellungen über die kommunistische Gesellschaftsformation ist die These vom Sozialismus als relativ eigenständige Gesellschaftsformation nicht haltbar. Diese These verwischt die Tatsache, daß der Sozialismus die erste, niedere Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation ist. Sie verwischt ferner die – am Beispiel der Sowjetunion historisch bewiesene – Tatsache, daß die entwickelte sozialistische Gesellschaft auf der Grundlage der Entwicklung der sozialistischen Produktionsverhältnisse und ihrer materiell-technischen Basis allmählich in die kommunistische Gesellschaft hinüberwächst. Die Theorie vom Sozialismus als relativ selbständige Gesellschaftsformation läßt sich also nicht mit der marxistisch-leninistischen Theorie des Übergangs vom Sozialismus zum Kommunismus in Übereinstimmung bringen.«¹⁰ Folgerichtig kam auch in den beiden Standardwerken zum Gegenstand¹¹ Ulbricht nicht mehr vor.

Kommunismus interessiert nicht

Peter Hacks erkannte die Bedeutung und die Tragweite der beiden Reden sogleich nach ihrer Veröffentlichung. Ende der neunziger Jahre plante er, Ulbrichts »Entwurf eines Sozialismus neuen Typs« umfassend darzustellen und als herausragende theoretische Leistung zu würdigen: »Wenige haben wahrgenommen, dass Walter Ulbricht eine vollständige Theorie des Sozialism vorgelegt hat, und zwar eine durchaus neue und wahrscheinlich abschliessende. Als sie fertig war, gelang ihren Gegnern schon, sie aus dem Vordergrund des Bewußtseins zu verdrängen (…). Ulbricht, dessen Denken ohnehin nicht leicht nachzuvollziehen war, wurde der Öffentlichkeit bis heute vorenthalten. (…) Ulbrichts Masterplan ist fast unbekannt, was fast überhaupt nichts schadet. Hätte irgendwas ihn gehindert, die 2 Reden zu schreiben und zu drucken, wäre der Schaden nicht auszudenken, würde die Menschheit Jahrhunderte brauchen, die sie vielleicht nicht hätte.«¹²

Noch am 22. Februar 2003 hatte Hacks an Hans Heinz Holz geschrieben: »Mir ist aufgefallen, daß (…) Ulbricht eine Bereicherung Stalins darstellt, und daß sein Hauptverdienst und Gipfel in eine Theorie des Sozialismus mündet, welche bis heute völlig unerwähnt herumliegt. Natürlich wäre das ein netter Stoff für den ersten Supplementband.«¹³ Das Vorhaben im Rahmen einer groß angelegten Darstellung, genannt »Marxistische Hinsichten«, wurde über erste Anfänge nicht hinausgeführt.

Bei Ulbricht erhielt der Sozialismus ein hohes Maß an Selbständigkeit zugesprochen. Dennoch blieb sie bloß eine relative. Kann ein Marxist weitergehen und die Bindung an die »höhere Phase« noch mehr lockern, ohne sich dem Vorwurf des Revisionismus auszusetzen? In dem kleinen Essay »Kunst und Revolution« vom März 1971 konnte Hacks noch ohne Vorbehalt formulieren: »Bekanntlich begnügen sich die Kommunisten nicht damit, die bürgerliche Gesellschaft abzuschaffen; sie haben vielmehr im Sinn, die sozialistische und nach der die kommunistische Gesellschaft herzustellen.«¹⁴ Später wurde ihm die klassenlose Gesellschaft Kommunismus fragwürdig. Erstmals 1976 offenbarte Hacks der Öffentlichkeit, freilich nur der westdeutschen, dass er den Kommunismus für etwas hält, das es nie geben wird: »Das Ideal ist eine wünschenswerte Sache, die nicht ist, und von der man gleich zugibt, daß sie an keinem Ort und zu keiner Zeit sein wird; (…) Echte Ideale sind der allseitig ausgebildete Mensch oder ›Jedem nach seinen Bedürfnissen‹ oder die Gleichwertigkeit der Geschlechter; sie liegen in der Zukunft und zugleich im Nirgendwo; wir wissen, das kriegen wir nie und müssen es immer kriegen wollen.«¹⁵ Der Bezug auf den Kommunismus war gewollt und durch das Zitat klar erkennbar; beim Namen wurde er freilich nicht genannt; offenbar sollte verhindert werden, dass der Tabubruch mit der richtigen Aufschrift ein allzu großes Aufsehen erregt.

Hacks vermied es fortan, vom Kommunismus zu sprechen. Dafür wurde er zwei Jahre später in dem Gespräch in der Akademie der Künste der DDR »Über sozialistischen Realismus heute« vom 5. Mai 1978 scharf getadelt. Wolfgang Harich warf Hacks vor, dass er in seinen »Reden den Kommunismus vergessen habe und die Zukunft«.¹⁶ Hacks entgegnete darauf, dass ihn nicht interessiere, was das nächste Jahrtausend ist: »Wolfgang Harich hat gesagt, ich denke über den Sozialismus nach, und, wie er fürchtet, auch noch in Form einer relativ selbständig langen Gesellschaftsformation. Er hat recht, die interessiert mich – und der Kommunismus interessiert mich wenig.«¹⁷ Harich fand das Verhalten von Hacks empörend und beschwerte sich heftig in einem Brief an André Müller sen.: »Leider muß ich Dir vermelden, daß ich mich innerlich immer mehr von Hacks zu lösen beginne – nicht von seiner nach wie vor von mir bewunderten Dichtkunst, wohl aber von dem mir widerwärtigen Aristokratismus, den er an den Tag legt und den ich bis vor kurzem immer für bloße Koketterie gehalten hatte. Seit zwei Diskussionszirkel-Abenden, von ihm geleitet, in der Akademie weiß ich nun, daß der Mann wirklich so versnobt und überheblich ist, wie er immer tut. Hinzu kommt sein totales Nicht-verstehen-Wollen meiner langjährigen Grünen-Listen-Affinität, seine Weigerung, auch nur die Gründe, die ich dafür habe, einmal zu prüfen. Hacks’ Aversion gegen all das gipfelte in dem Satz: ›Der Kommunismus interessiert mich nicht, schon gar nicht der von Harich, der darunter nur die Pflege von Singvögeln versteht.‹ Vorher hatten wir über Bedürfnisse diskutiert, und ich hatte darauf aufmerksam gemacht, daß es auch die Bedürfnisse von Heroinsüchtigen, Nymphomaninnen und Antiquitätensammlern gäbe. In der Bejahung der Nymphomaninnen-Bedürfnisse stimmten wir noch überein, aber bei den Antiquitäten schnappte Hacks ein und meinte, es sei besser auf der Stufe des Sozialismus stehenzubleiben, für immer!«¹⁸

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In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre entschloss sich Hacks, in einer Schrift zur Ökonomie der Kunst seine Stellung zum Kommunismus von Marx und Engels auch in der DDR öffentlich zu machen. Die Schrift mit dem Titel »Schöne Wirtschaft. Ästhetisch-ökonomische Fragmente«erschien im April 1988 im Aufbau-Verlag und umfasst sechzig Texte zwischen einer halben und drei Seiten lang. Die Kritik am Kommunismusbild der Klassiker findet statt im letzten Fragment mit dem Titel »Die Kunstwerke des Karrenschiebers«¹⁹ und wird erstmals begründet mit einer Kritik an der aufgehobenen Teilung der Arbeit im Kommunismus. Der Titel des Fragments nimmt Bezug auf eine Stelle im »Anti-Dühring« von Engels: »Der dem Herrn Dühring überkommnen Denkweise der gelehrten Klassen muß es allerdings als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen, daß es einmal keine Karrenschieber und keine Architekten von Profession mehr geben soll und daß der Mann, der eine halbe Stunde lang als Architekt Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt, bis seine Tätigkeit als Architekt wieder in Anspruch genommen wird.«²⁰ Hier wurde im Jahr 1876 bekräftigt, was schon dreißig Jahre zuvor verkündet worden war: Dass es im Kommunismus keine Maler mehr gibt, sondern höchstens Menschen, die unter anderem auch malen.

»Marxisches Wunschbild«

Marx und Engels erwarteten von der Abschaffung der Teilung der Arbeit im Reich der Freiheit²¹, dass alle Menschen ihre Anlagen unbehindert ausbilden und verschiedene Tätigkeiten frei auswählen und ausüben können. Wie das praktisch gehen soll, ließen sie offen. Hacks nahm sich die Freiheit, in die Leerstelle eine eigene Sicht einzubringen. Er las die abgeschaffte Arbeitsteilung als Abschaffung des Fachkönnens und fand damit in der Vision nur die eine Bedeutung vermittelt: »Das muß meinen (und meint), daß im Kommunismus alle Arbeiter für alle Arbeiten geschickt sind.« Die Stellungnahme war drastisch: »Nur rottengeisterischer Unfug kann sagen: Jeder kann alles können.« Diese Lesart muss verstanden werden als scharfe Absage an ein denkfaules und arbeitsscheues Gammlertum, an eine Ideologie im Gefolge der Revolte von 1968, die den Ausstieg aus dem Arbeitszwang für links und antikapitalistisch hielt. Hacks reagierte deshalb auf den »Traum der Klassiker« so empfindlich, weil er ihn der Gefahr des Missbrauchs ausgesetzt sah: nämlich einer Ideologie Vorschub zu leisten, die nicht nur die Normen und das Leistungsregime des Kapitalismus, sondern die Notwendigkeit »fachmenschlicher Arbeit« überhaupt in Frage stellt: »Das ganze Marxische Wunschbild vom alltüchtigen Menschen, muß befürchtet werden, ist die linksromantische, die anarcho-demokratische Verklärung der industriellen Einstampferei. Nur derjenige ist in jeder Hinsicht gleich tüchtig, der in keiner Richtung tüchtig ist.« In seinem eigenen Gebiet der Kunst fand Hacks seine Befürchtungen schon vollauf bestätigt: »Die Ästhetik der Mode lehrt: jede menschliche Tätigkeit sei als solche schon Kunstschaffen und jedes menschliche Erzeugnis ein Kunstgegenstand; es bedürfe dazu nur des Entschlusses, sie so zu nennen.«

Ist Hacks mit seiner Marx-Kritik ein Revisionist? Der Revisionismus in der Arbeiterbewegung glaubt an einen Sozialismus ohne Erringung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse und ohne Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Beides trifft auf Hacks nicht zu. Er glaubt nicht an die Möglichkeit eines friedlichen Hineinwachsens in den Sozialismus. Eine marxistisch-leninistische Partei, die die Interessen der Arbeiterklasse vertritt, müsse die politische Macht besitzen und die Führung der Gesellschaft innehaben. Allerdings dürfe die führende Rolle der Partei nicht mehr nach dem Modell ausgeübt werden, wie es in der Sowjetunion entstanden war. Vor allem für den Bereich der Wirtschaft müsse sie neu bestimmt werden. Für Hacks gibt es weiterhin keinen Sozialismus ohne Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Allerdings hält er nicht, wie von der Klassikern vorgesehen, die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel für notwendig. Unabdingbare Voraussetzung für Sozialismus bleibt die gesellschaftliche Organisierung der großen Industrie. Die kleine und mittlere Warenproduktion und das Dienstleistungsgewerbe sollten dagegen zum Wohle der Menschen besser in Privatbesitz bleiben.

Hacks zielt mit seiner Kritik an der »launigen Utopie« der aufgehobenen Arbeitsteilung auf das Kommunismusbild der Klassiker im Ganzen. Der Kommunismus solle als »Ideal« stehenbleiben, aber dürfe mit seinen Erwartungen und Vorgaben nicht mehr die Ausbildung des Sozialismus behindern. Dem Vorbild Walter Ulbricht folgend, steht Hacks damit im marxistischen Denken für das Bestreben, den Sozialismus aus den logischen Zwängen der Marxschen Kommunismusvision herauszulösen und ihn bei weiterhin klarer Abgrenzung vom Kapitalismus als eigenständige Gesellschaftsformation anzuerkennen.

Anmerkungen 

1 Marx/ Engels: III. Sankt Max. In: MEGA² Erste Abteilung (= I) Bd. 5 Text, S. 496

2 Marx/Engels: [Konvolut zu Feuerbach]. In: A. a. O., S. 33

3 Marx/Engels: III. Sankt Max. In: A. a. O., S. 495

4 Marx/Engels: [Konvolut zu Feuerbach]. In: A. a. O. , S. 34f

5 Marx/Engels: III. Sankt Max. In: A. a. O., S. 452

6 Marx: Randglossen. In: MEGA² I Bd. 25 Text, S. 13 ff.

7 Vgl. dazu im einzelnen: Olga Pavlenko: Die Transformation des sowjetischen Mythos vom Kommunismus in der Epoche Nikita Chruščëvs (1953–1964). In: Jahrbuch für historische Kommunismusforschung. Berlin 2012, S. 63–82

8 Walter Ulbricht: Die Bedeutung des Werkes »Das Kapital« von Karl Marx für die Schaffung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus in der DDR und den Kampf gegen das staatsmonopolistische Herrschaftssystem in Westdeutschland. In: Neues Deutschland, Nr. vom 14. September 1967, S. 5. Wieder in: Broschüre. Berlin 1968, S. 38. Wieder in: Ders.: Zum ökonomischen System des Sozialismus in der DDR. Bd. 2. Berlin 1968, S. 530f.

9 Ebd.

10 Kurt Hager: Die entwickelte sozialistische Gesellschaft. Aufgaben der Gesellschaftswissenschaftler nach dem VIII. Parteitag der SED. Referat auf der Tagung der Gesellschaftswissenschaftler am 14. Oktober 1971 in Berlin. Berlin 1971, S. 31f.

11 Wolfgang Schneider: Zur Geschichte der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus. Marx, Engels und Lenin über das Wesen und die Phasen der kommunistischen Gesellschaft. Berlin 1977 und Rolf Dlubek/Renate Merkel: Marx und Engels über die sozialistische und kommunistische Gesellschaft. Die Entwicklung der marxistischen Lehre von der kommunistischen Umgestaltung. Berlin 1981

12 Peter Hacks: Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955–2003. Hg.v. Heinz Hamm. Berlin 2018, S. 474f. (=MH)

13 Peter Hacks/Hans Heinz Holz: Nun habe ich Ihnen doch zu einem Ärger verholfen. Briefe – Texte – Erinnerungen. Berlin 2007, S. 81

14 Hacks: Werke (=HW) Bd. 13, S. 138

15 Erstdruck in: Peter Schütze: Peter Hacks. Ein Beitrag zur Ästhetik des Dramas, Antike und Mythenaneignung. Mit einem Originalbeitrag von Peter Hacks „Der Fortschritt in der Kunst“. Kronberg/Ts. 1976. In: HW Bd. 13, S. 235

16 Berlinische Dramaturgie. Band 3: Ästhetik. Hg.v. Thomas Keck und Jens Mehrle. Berlin 2010, S. 228

17 Ebd.

18 Wolfgang Harich an André Müller, Berlin, den 25.6.1978. Unveröffentlicht.

19 Peter Hacks: Schöne Wirtschaft. In: HW Bd. 14, S. 315 ff. Die folgenden Hacks-Zitate sind dieser Schrift aus der Werkausgabe entnommen.

20 Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (»Anti-Dühring«). Zweiter Abschnitt. Kapitel VI. In: MEGA 2 I Bd. 27, S. 388

21 Offenbar um Missverständnisse zu vermeiden, verwendete Engels im »Anti-Dühring« nicht mehr die Formulierung »Abschaffung der Teilung der Arbeit«, sondern sprach jetzt von der »Abschaffung der alten Teilung der Arbeit«.

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