Pandemie-Vorsorge Weltbiodiversitätsrat fordert Strategiewechsel im Kampf gegen Viren

Junge Orang-Utans, die in die Fänge von Wilderern geraten sind

Junge Orang-Utans, die in die Fänge von Wilderern geraten sind

Foto: Wahyudi / AFP

Auf erschreckende Weise zeigt die Ausbreitung des Coronavirus, was passiert, wenn die Natur außer Kontrolle gerät. Als im vergangenen Dezember im chinesischen Wuhan die ersten Fälle einer rätselhaften Lungenkrankheit auftraten, ahnte noch niemand, das daraus eine weltweite Pandemie werden würde. Nach offiziellen Angaben ist das Virus auf einem Tiermarkt auf den Menschen übergegangen – aber noch immer fahnden Wissenschaftler nach den genauen Umständen. Corona hat die Welt kalt erwischt.

Manche Biologen und Virologen waren allerdings kaum überrascht. Seit Jahren hatten sie vor Krankheiten gewarnt, die von Tieren auf den Menschen übergehen und erhebliches Gefahrenpotenzial bergen. Im Kampf gegen solche sogenannten Zoonosen hat der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) nun ein Umdenken gefordert. Denn das Auftreten von Zoonosen ist kein Zufall. Die Ausbreitung werde vollständig durch menschliche Aktivitäten angetrieben, heißt es in einem nun veröffentlichten Bericht, an dem 22 führende Experten aus aller Welt beteiligt waren.

Das Coronovirus ist seit der Spanischen Grippe von 1918mindestens die sechste globale Gesundheitspandemie, die ihren Ursprung in der Tierwelt hat. Ungefähr 70 Prozent aller neu auftretenden Krankheiten sind Zoonosen – bekannte Beispiele sind Ebola, Zika oder das Nipah-Virus. Aber auch Influenza und das Aids auslösende HI-Virus haben ihren Ursprung im Tierreich. Überträgerarten können beispielsweise Fledermäuse oder Nagetiere sein, dazu Primaten, Wasservögel und Nutztiere wie Schweine, Kamele und Geflügel.

Experten des IPBES schätzen, dass 1,7 Millionen derzeit unentdeckte Viren in Säugetieren und Vögeln schlummern. Davon könnten bis zu 850.000 die Fähigkeit entwickeln, den Menschen zu infizieren. Künftig könnten demnach Pandemien öfter auftreten, sich schneller ausbreiten und mehr Menschen töten als Covid-19. Außerdem rechnet der Weltbiodiversitätsrat mit hohen Schäden für die Weltwirtschaft, wenn es nicht zu einer grundlegenden Änderung des globalen Ansatzes im Umgang mit Infektionskrankheiten kommt.

Zu den Hauptfaktoren bei der Verbreitung von Zoonosen zählt der Bericht die Umweltzerstörung. „Was die Ursachen für die Covid-Pandemie oder irgend eine andere Pandemie sind, ist kein Geheimnis“, sagte Peter Daszak, einer der Autoren. „Dieselben menschlichen Aktivitäten, die den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt vorantreiben, treiben durch ihre Auswirkungen auf unsere Umwelt auch das Pandemierisiko an.“

Veränderungen in der Landnutzung – insbesondere die Ausweitung und Intensivierung der Landwirtschaft – sowie nicht nachhaltiger Handel, Produktion und Konsum stören die Natur und erhöhen den Kontakt zwischen Wildtieren, Vieh, Krankheitserregern und Menschen. „Das ist der Weg zu Pandemien“, so Daszak. Mit anderen Worten: Je stärker der Mensch in den Lebensraum von Wildtieren eindringt, umso größer ist das Risiko, sich mit neuen, bisher unbekannten Viren zu infizieren.

Das Pandemierisiko könne durch die Reduzierung der menschlichen Aktivitäten, die auch den Verlust der biologischen Vielfalt vorantreiben, durch eine stärkere Erhaltung von Schutzgebieten und durch Maßnahmen, die die nicht nachhaltige Ausbeutung von Regionen mit hoher biologischer Vielfalt reduzieren, deutlich verringert werden. Dies wird den Kontakt zwischen Wildtieren, Vieh und Mensch mindern und dazu beitragen, das Übergreifen neuer Krankheiten zu verhindern, so der Bericht.

Die konkreten Maßnahmen, die der Bericht aufzählt:

  • Die Einrichtung eines internationalen Rats zur Pandemieprävention. Hier sammeln Experten Erkenntnisse über neu auftretende Krankheiten, identifizieren Hochrisikogebiete oder zeigen Forschungslücken auf. Ein solcher Rat könnte auch ein globales Überwachungssystem koordinieren.

  • Die Schaffung eines internationalen Abkommens mit klaren Vorgaben zu nationalen Pandemiepräventionsprogrammen

  • Landnutzungsprojekte, die auf Pandemieprävention ausgelegt sind

  • Regulierung des Fleischhandels mit Blick auf Tierarten mit hohem Pandemierisiko – beispielsweise durch Steuern oder Abgaben auf Fleischkonsum und Viehzucht.

  • Verringerung oder Beseitigung von Arten mit hohem Krankheitsrisiko im Wildtierhandel und verstärkte Strafverfolgung bei illegalem Handel. Aufklärung der Bevölkerung in Seuchen-Hotspots.

  • Das Wissen indigener Völker soll in Pandemie-Präventionsprogramme einfließen.

Weitere Ansätze zur Verhinderung von Pandemien werden seit einiger Zeit von Wissenschaftlern diskutiert. So könnte beispielsweise eine globale Datenbank erstellt werden, die Biologen aus der Beprobung von Tausenden Tierarten gewinnen. Mit der Datenauswertung ließe sich erfassen, welche Tiere für den Menschen besonders riskante Erreger beherbergen.

Der IPBES-Bericht kommt immerhin zu einem positiven Fazit: „Wir sind zunehmend in der Lage, Pandemien zu verhindern“, so Daszak. Aber: „Die Art und Weise, wie wir das derzeit angehen, ignoriert diese Fähigkeit weitgehend. Unser Ansatz hat praktisch stagniert.“ Statt auf Prävention zu setzen, versuche man derzeit, Krankheiten durch Impfstoffe und Therapeutika einzudämmen und zu kontrollieren, nachdem sie ausgebrochen sind. Das ist vor allem aus wirtschaftlicher Sicht unsinnig. Denn die Experten schätzen, dass die Kosten für die präventive Bekämpfung von Pandemien um das Hundertfache niedriger sind als die Beträge, die es braucht, wenn ein Virus erst einmal um die Welt gegangen ist.

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