Mein Freund, der Neonazi: Querdenken-Moderator pflegt seit Jahren Kontakt in die rechtsextreme Szene

Wie rechtsoffen ist die Querdenken-Bewegung? Eine Recherche von CORRECTIV zeigt: Ein Mitglied des Kernteams nimmt seit Jahren einen Podcast mit einem bekannten Rechtsextremen auf und traf 2019 den Vorsitzenden der NPD. Organisator Michael Ballweg schweigt dazu. 

Mit Holocaustleugnern will Michael Ballweg nichts zu tun haben. „Ich möchte dir mitteilen, dass du auf unseren Demonstrationen nicht mehr willkommen bist.“ Mit diesen Worten beendet der Initiator der Querdenken-Bewegung während eines Interviewsdie Zusammenarbeit mit Nikolai Nerling, der im Internet als „Der Volkslehrer“ bekannt ist, und laut Medienberichten in erster Instanz wegen Holocaustleugnung verurteilt wurde. 

Nach der Besetzung der Reichstagstreppen durch Rechtsextreme, Reichsbürger und Anhänger der QAnon-Bewegung im Zuge der Querdenken-Demonstration am 29. August musste Ballweg sich in Interviews und Talkrunden dazu positionieren, ob die Bewegung offen für Rechtsextremisten sei. Seine Standardantwort: Bei Demonstrationen gebe es keine Eintrittskarten, jeder könne sich ihnen anschließen. Man könne schließlich keine Eintrittskontrollen durchführen. 

Von Nikolai Nerling distanzierte Ballweg sich, weil Nerling in seiner Rede am 29. August Bezug auf die sechs Millionen Opfer des Holocaustgenommen hatte. Das habe ihn „schockiert“, erklärt Ballweg in einem Video auf dem Youtube-Kanal von Querdenken 711. Nerling sei ab nun auch im Pressebereich „nicht mehr willkommen“. Auf die Rede hingewiesen hatte Ballweg zuvor das Politmagazin Monitor. Doch Nerlings Gesinnung ist spätestens seit dem Jahr 2018 durch mehrere Medienberichte öffentlich bekannt. 

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Gewöhnung an rechten Terror

Eine dieser Polizeimeldungen, bei der einem eigentlich mehrmals die Kinnlade runterklappen müsste: Durch Zufall sind bei Razzien in Baden-Württemberg und Bayern Ermittler auf eine Gruppe gestoßen, die offenbar in Wehrmachtsuniformen samt Naziabzeichen Kriegsszenarien nachgestellt – oder geübt – hat. Zahlreiche Kriegswaffen sowie Granaten und Zündkapseln wurden entdeckt, es brauchte mehrere Lkw, um sie abzutransportieren. Bei dem Einsatz mussten Beamte sogar einen Schuss abgeben. Antifaschistische Experten weisen darauf hin, dass womöglich wieder eine neue extrem rechte »Wehrsportgruppe« aufgeflogen ist. Entsprechende Gruppen hatten vor allem in den 1970er bis 1990er Jahren für einen Umsturz trainiert, einige waren in rechte Terroranschläge wie das Münchner Oktoberfestattentat 1980 involviert. Die Behörden schert das wenig: Sie ließen die Tatverdächtigen wieder auf freien Fuß.

Diese mittlerweile schon fast erwartbare Reaktion der Polizei ist dabei nicht mal das Bitterste. Das ist vielmehr die öffentliche Reaktion: Aufschrei und Empörung sind im Anschluss an das Auffliegen der Gruppe einfach ausgeblieben. Man könnte spekulieren, dass zwischen zweiter Welle der Corona-Pandemie und US-Wahlkampf einfach wenig mediale Aufmerksamkeit übrig bleibt, doch es geht wohl darüber hinaus: Fast täglich fliegen derzeit irgendwo in Deutschland extrem rechte Strukturen auf, ein Großteil davon in Sicherheitsbehörden. Selbst antifaschistische Rechercheprofis kommen bei den ganzen »Einzelfällen« kaum noch hinterher. Bei einem Teil der Bevölkerung droht nun Gewöhnung und Abstumpfung einzusetzen. Das ist vielleicht die größte Gefahr.

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