Beruhigender Selbstbetrug

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Ungewissheit und Perspektivlosigkeit sind zur Epochensignatur geworden. Verunsichert sind vor allem jene, die etwas zu verlieren haben. Zwar haben haben sie es irgendwie »geschafft«, haben sich beruflich etablieren und in ihren Kleinbürgerverhältnissen einrichten können. Aber gerade dieser »mittlere Mann« (Ernst Bloch) ist besorgt, den erreichten Status nicht mehr lange halten zu können. Auch in ehemals gesicherten Gesellschaftsbereichen »sind die Druckwellen zu spüren, die von den Rändern herrühren. Fast jeder hat in seinem Freundes- und Bekanntenkreis Menschen mit prekären Jobs oder Personen, die soziale Rückschritte erleiden mussten«.¹

Besonders irritierend wirkt, dass Erfahrungen aus der Vergangenheit keinen Orientierungswert mehr besitzen. Es ist zwar nach wie vor richtig, dass ohne eine gute Ausbildung die beruflichen Chancen gering sind, aber viele erfahren trotz Qualifikationen und einschlägigen Zertifikaten lebensgeschichtliche Unwägbarkeiten, die in den letzten Dekaden merklich zugenommen haben und einen Schatten über alle Aspekte der Lebensgestaltung werfen. Man hat die permanente Leistungssteigerung als Motivationsprinzip zwar verinnerlicht, aber »Leistung garantiert noch keinen Erfolg«.²

Die Besorgten haben den Eindruck, des erkämpften Status nicht wirklich sicher sein zu können, denn auf der erreichten Sprosse der sozialen Stufenleiter ist es eng und die Drängelei der Nachfolgenden immer heftiger geworden. Nicht nur die Statistiken zeigen es, sondern auch die Alltagserfahrungen lassen befürchten, dass eine Konsolidierung der gesellschaftlichen Position weniger wahrscheinlich ist als ein Abstieg. Eine verunsichernde und letztlich auch psychisch destabilisierende Wirkung hat der zu diesen Erfahrungen vermittelte Eindruck einer weitgehenden Unkontrollierbarkeit des weiteren Lebensweges. Durch die Coronapandemie ist die Situation noch drückender geworden. Die Ansteckungswelle erscheint zwar als kollektives Schicksal, provoziert aber Sorgen (vorrangig um den Arbeitsplatz), mit denen jeder selbst fertigwerden muss.

Es verstärken sich Befürchtungen, die schon lange existieren, nun aber in neuer Intensität eine Rolle spielen, weil konkret geworden ist, was sich seit den ersten ökonomischen Krisensymptomen im vergangenen Jahr abgezeichnet hat und mit beschwörenden Formeln über eine baldige wirtschaftliche »Wiederbelebung« zu relativieren versucht wurde. Die mit den damaligen Prognosen geweckten Hoffnungen haben sich mit der Corona­ausbreitung endgültig erledigt. Aber das kommt für den herrschenden Block nicht ganz ungelegen: Die »konjunkturellen Probleme« können nun umstandslos mit »systementlastender« Wirkung auf die Pandemie abgeschoben werden.

Indizien für den Doppelcharakter der Krise, also die Verschränkung konjunktureller »Schwächetendenzen« mit seuchenbedingten Störungen der Wirtschaftskreisläufe, sind die Bereitstellung beträchtlicher Finanzmittel für die ökonomischen Akteure, aber auch die Verlängerung der Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes, um die Beschäftigten zu beruhigen. Diese »Nothilfe« ist jedoch kaum mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, der wenig zur Dämpfung der allgemeinen Verunsicherung beizutragen vermag, weil mit einem schnellen »Aufschwung« des Wirtschaftslebens kaum gerechnet werden kann.

Es gehört zum üblichen Verhalten von Krisenopfern, dass sie sich meistens still und angepasst verhalten.³ Das gilt für viele, aber nicht für alle. Eine kleinere Gruppe ist intensiv bemüht, sich psychisch durch die Übernahme als geeignet erscheinender »Erklärungsmuster« zu »beruhigen«. Meist sind es Surrogate mit einer geringen Halbwertzeit: Lässt ihre psychische Beruhigungs- und intellektuelle Betäubungswirkung nach, kann sich eine Spirale der Radikalisierung in Gang setzen.

In seiner Haupttendenz handelt es sich bei diesen Verarbeitungsvorgängen um den Versuch, belastende Unsicherheitsgefühle durch ideologische Konstruktionen, die Halt versprechen, zu kompensieren. Deshalb entwickelt sich in Krisenzeiten verstärkt ein »Bedürfnis nach Weltanschauung« (Georg Lukàcs), eine Suche nach »Gewissheit« und »Überschaubarkeit«. Welche inhaltlichen Konsequenzen dieses Bestreben hat, hängt von der weltanschaulichen »Großwetterlage« und den ideologischen Hegmonialverhältnissen ab.

Dass sich gegenwärtig ein besonders intensives Bedürfnis nach schablonenhaften Erklärungen bemerkbar macht, mag auch mit den Orientierungsverlusten zusammenhängen, die durch eine Flut von »Informationen« verursacht werden, die oberflächlich und beliebig sind. Dadurch kann die Sehnsucht nach »plausiblen Erklärungen« und einer verbindlichen Autorität noch zusätzlich stimuliert worden sein. Aber in der Regel wird infolge des informationellen »Ausgeliefertseins« auch die Bereitschaft erhöht, noch intensiver in den Weltanschauungssumpf einzutauchen. Das Netz ist zwar voll von kritischem und verlässlichem Wissen, jedoch verschlungen sind die Wege, die zu ihm führen. Bei einer ziellosen Suche landet man leicht auf Ab- und Irrwegen.

Stunde der Exekutive

Die Coronazeit ist die »Stunde der Exekutive«, in der nicht nur administratives Formierungsbegehren, sondern auch eine verbreitete Unterwerfungsbereitschaft deutlich wird. Entrüstung über Übergriffe von »Ordnungskräften« und über die oft gravierende Widersprüchlichkeit der »Maßnahmen« gab es nur selten. Auch dann nicht, wenn in einigen Regionen Lesende im Stadtpark mit einer empfindlichen Geldstrafe belegt werden konnten; strenggenommen für das Buchlesen auf der Parkbank, denn die nicht lesenden Parkbesucher blieben unbehelligt! Für eine Studie über autoritäre Charakterstrukturen (die sich nach Meinung einiger Sozialpsychologen verflüchtigt haben) dürfte die Gegenwart mit ihrer herrschenden Unterwerfungsatmosphäre aufschlussreiches Material liefern.

Es existiert in der Bevölkerung ein weitgehendes Einvernehmen mit den staatlichen Maßnahmen. Mehr als 60 Prozent finden sie der Problemlage angemessen und weitere 20 Prozent treten sogar für eine härtere Gangart ein. Während die intellektuellen Mietköpfe und professionellen Sonntagredner von einem »neuen Gemeinschaftsgefühl« schwätzen, ist im Alltag der Ton rauher geworden und bricht sich ein Bestreben nach Distanz Bahn: »Maske aufsetzen!«

Nur von einer Minderheit werden die offiziellen Maßnahmen mit oft autoritativer Tendenz hinterfragt. Aus dieser Gruppe der Skeptiker mit sehr unterschiedlichen Positionen und politischen Präferenzen rekrutieren sich auch die Teilnehmer an den Coronademonstrationen: »In Berlin waren nicht nur Vertreter der extremen Ränder auf der Straße, Verschwörungsideologen und Diktatur-Rufer, sondern auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.«⁴ Irrationalistische Einstellungen und demokratische Geltungsansprüche präsentieren sich dabei in vielfältiger Gestalt, aber im medialen Rampenlicht standen die rechten Kritiker der Coronamaßnahmen, die dazu herhalten mussten, jegliche Kritik am politischen Umgang mit der Seuche zu diskreditieren.

Dass die politische Rechte in den coronabedingten Irritationen eine Chance sieht, um ihr »eigenes Süppchen« zu kochen, dürfte nicht überraschen. Zumindest oberflächlich konnte sie auch den (wohl unzutreffenden) Eindruck erwecken, unter den Demonstranten einen maßgeblichen Block zu stellen. Das dürfte ihr durch den Einsatz ihrer symbolischen Hilfsmittel (im einfachsten Fall mit der Reichskriegsflagge vor dem Reichstag) auch unproblematisch gelungen sein, hat aber möglicherweise das Bild verzerrt.

Denn auch wenn rechte Demagogen und Aktivisten bei den Demonstrationen besonders »sichtbar« waren, haben sie nicht automatisch eine hegemoniale Bedeutung gehabt. Von den gegenwärtigen Verunsicherungen scheinen sie politisch (noch) nicht in einem relevanten Umfang profitieren zu können, obwohl Menschen in Situationen sozialer Verunsicherung und lebensgeschichtlicher Perspektivlosigkeit ihre Klientel sind, da sie ein nachdrückliches Orientierungsbedürfnis haben, das rechts-ideologisch befriedigt werden kann.

Da über ein kritisches Wissen, selbst über ein rudimentäres Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge in dieser »Wissensgesellschaft« nur noch wenige verfügen und die Aneignung verlässlicher Erklärungen ein voraussetzungsvoller Prozess ist, der Ausdauer und Nachdrücklichkeit erfordert, haben simplifizierende Erklärungen beste Chancen, akzeptiert zu werden. Dies vor allem, weil sie an verbreitete Selbsttäuschungen und ein fetischisiertes Alltagsbewusstsein anknüpfen können, die durch die marktgesellschaftliche Lebenspraxis erzeugt und am Leben gehalten werden.⁵

Um beispielsweise die gesellschaftlichen Ursachen von Arbeitslosigkeit zu begreifen oder um zu verstehen, weshalb auch in Phasen ökonomischer Prosperität die gesellschaftlichen Armutszonen sich ausbreiten, sind anspruchsvolle Verarbeitungsprozesse nötig. Aber kaum eine politisch relevante Organisation bemüht sich noch in einer dem Problem angemessenen Weise, das zu leisten, was in traditionellen sozialistischen Organisationen einmal als »Schulung« bezeichnet wurde. Im Kern der Sache ging es um die Erarbeitung eines Wissens über den Zusammenhang von Ausbeutungsstrukturen und individuellen Bedrängungserfahrungen. Ohne ein solches Bemühen erscheint die Wirklichkeit nicht nur als bedrohlich, sondern in ihrer krisenhaften Verfasstheit auch unveränderbar.

Im Gegensatz zum Anspruch linker Bildungs- und Weltbildarbeit, den gesellschaftlichen Widerspruchsentwicklungen auf den Grund zu gehen, haben rechte und irrationalistisch geprägte Gruppierungen es wesentlich leichter, ihre identitätsstiftenden Weltbildmuster zu vermitteln. Denn ihre Ideologiearbeit ist nicht voraussetzungslos: Sie können an alltägliche Selbsttäuschungen und ein ganzes Netz ideologischer Desorientierungen anknüpfen. Mit einem Wort: Sie können unproblematisch mit demagogischen Pseudoerklärungen arbeiten, die aus der kapitalistischen Lebenspraxis resultieren.⁶

Flucht in den Irrationalismus

Psychisch und mental angeschlagene, in ihrer Identitätsstruktur bedrohte Menschen gewinnen durch die Flucht in irrationalistische »Welterklärungen« einen, wenn auch fragilen Orientierungshorizont; sie erhalten den Eindruck, in einer sonst als unverständlich erlebten Sozialwelt die Gründe für die Destabilisierung ihrer sozialen Position »begriffen« zu haben. Die Überlagerung von Bedrohungserfahrungen mit einer regressiven Weltanschauung lässt die eigene Lebenssituation, die sich objektiv nicht verändert hat, zumindest vorübergehend erträglicher werden.

Soll der Beruhigungspegel aufrechterhalten werden, müssen immer absurdere und realitätsfernere »Welterklärungen« akzeptiert werden. Das führt automatisch zu radikaleren Einstellungen, die Hass auch gegenüber denen stimulieren, die irrationale Positionen in Frage stellen, also als Störfaktoren bei der Selbststabilisierungsarbeit wahrgenommen werden. Zur Dynamik der Radikalisierung gehört, dass solcher Hass dem Leben des Bedrängten »endlich wieder eine Bedeutung, einen tieferen Sinn und eine klare, selbstgewissere Orientierung des eigenen Weges« gibt.⁷

Dieser Hass als Ausdruck einer Selbstradikalisierung spielt somit eine zentrale Rolle bei der Restabilisierung eines angegriffenen Selbstwertgefühls und bei der Kompensation beschädigter Selbstachtung, ist ein Moment im Modus der Selbstermächtigung.⁸ Die Aggressivität, die sich auf dem Weg der Selbstradikalisierung entwickelt, ist im psychoanalytischen Verständnis ein Umleitungseffekt selbstdestruktiver Tendenzen, hervorgerufen von Lebensbedingungen, die keine Zuversicht und keinen Zielhorizont mehr vermitteln. Es gehört zur Besonderheit dieses Hasses, dass er seine kompensatorische Wirkung entfalten kann, auch wenn er noch nicht zielgerichtet, noch auf kein Objekt bezogen ist. Er ist zunächst ebenso dumpf wie orientierungslos.⁹ Aber er verstärkt sich, wenn Ziele »identifiziert« sind, denn nur dann entfaltet sich seine volle psychische Entlastungswirkung.

Diese psychischen Verarbeitungsvorgänge verlaufen relativ reibungslos, weil die Schablonen des Irrationalismus, auch wenn sie real nichts erklären, dankbar angenommen werden. Mit ihrer Hilfe kann das verunsicherte Subjekt sich von den Bedrohungen ein Bild machen, um seine Handlungsfähigkeit aufrechterhalten zu können. Denn »will der Mensch sein Leben sinnvoll gestalten, braucht er ›Wahrheit‹ von sich und der Welt; ein Bild, das ihm erlaubt, wenigstens zu glauben, dass er sich auf den richten Weg befindet«.¹⁰ Selbst wenn die Orientierungsmuster grundfalsch sind, es sich um reine Phantasiegebilde handelt, können sie gerade in Krisenzeiten eine stabilisierende Funktion haben: Sie geben dem orientierungslosen Ich wieder Halt und vermitteln die Illusion von Sicherheit.

Dass sich die Verunsicherten mit vordergründigen Erklärungsmustern zufriedengeben, hängt mit den hohen Barrieren zusammen, die eine Selbstverständigung verhindern und die von der herrschenden Alltagspraxis erzeugt werden: Der unmittelbare Lebenszusammenhang wird als undurchschaubar und von diffusen Einflussfaktoren beherrscht erfahren, herrschende Macht zwar wahrgenommen, aber als »alternativlos« erlebt. Je verwirrender und rätselhafter jedoch das gesellschaftliche Geschehen erscheint, um so mehr erscheinen auch die auf dieser Grundlage sich entwickelnden »alternativen« Sozialbilder als Fetisch.

Fehlen den Alltagssubjekten angemessene Orientierungsschablonen und »Interpretationsmuster«, wird es für sie schwierig, ihre Wahrnehmungen rational zu verarbeiten und adäquate Begriffe zu bilden, mit denen sie ihre Widerspruchserfahrungen beschreiben könnten. Das bedrängte Subjekt reagiert deshalb oft »kopflos« und in gewissem Maße »infantil« auf die Zumutungen, denen es permanent ausgesetzt ist.

Undurchschaute Lebensverhältnisse

Der selbstrepressive Charakter vorherrschender Verarbeitungsformen von Bedrängungserfahrungen ist eine der Ursachen, dass Krisen den Betroffen nicht (oder nur partiell) die Augen öffnen.¹¹ Zwar geht »dem Denken das Leiden voraus«, wie Ludwig Feuerbach es einmal formuliert hat. Aber nicht jedes Leid provoziert auch produktives Denken. Am allerwenigsten ist das der Fall, wenn die Not besonders groß ist, eine krisenhafte Bedrängung alle Sinne absorbiert und (ideologische und praktische) Anpassung stimuliert.

Die »ökonomische Basis« wirkt sich zwar durchaus auf die Entstehung solcher Bewusstseinsformen aus, jedoch in vermittelter Weise: Auch im Krisenfalle ist das Ideelle, das im Kopfe umgesetzte Materielle (wie Marx es formuliert hat) – nur: was entsteht, ist nicht automatisch progressives Bewusstsein. Es ist »kritisch« nur in einem unmittelbaren Sinne: Es äußert sich in spontanen Formen der Verängstigung und Frustration – solange keine progressiven, sondern nur stagnative und resignativ geprägte Verarbeitungsmöglichkeiten existieren.¹²

Im Prinzip ist die Dominanz rückwärtsgewandter Orientierungen auch Ausdruck fehlender progressiver Bewegungen, die fähig sind, Frustrationen und Bedrückungen aufzufangen. Die aber entstehen nicht spontan, sie müssen konstituiert werden, sich entwickeln und ihre progressiven Zielsetzungen plausibel vermitteln können.

Angst und Resignation, panische Fluchtreaktionen und leichtfertige Glaubensbereitschaft sind – wenn auch in unterschiedlichen Abstufungen – von einem Komplex soziokultureller Vermittlungen, biographischer Besonderheiten, von Machtverhältnissen und Interessenorientierungen sowie dem Charakter der politischen Auseinandersetzungen bedingt. Es handelt sich bei ihnen um psychische und geistige Dispositionen, die auch als Einfallstor für rechtsextreme Orientierungen dienen können.

Diese krisengeprägten Reaktions- und Verarbeitungsformen sind Ausdruck intellektueller und psychischer Rückbildungsprozesse auf das Niveau vorrationaler Psycho- und Identitätsstrukturen, die als »Schutzwelten« fungieren, wenn rationale Interpretationsmuster blockiert sind und eine ungefilterte Realitätserfahrung unerträglich zu werden droht.

Diese Artikulationsformen als Zeichen der Entfremdung sind die auf der öffentlichen Bühne sichtbarsten Indizien für die Existenz eines breiten Stromes irrationalistischer Weltbilder und rückwärtsgewandter Orientierungen, die tief in der Psyche klassengesellschaftlich sozialisierter Menschen verankert sind. In ihren »gewöhnlichen« Alltagserscheinungen gehören beispielsweise auch Esoterik und New-Age-Angebote dazu.

Solche Formen des Irrationalismus sind in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft weit verbreitet und tief verwurzelt, aber keinesfalls ein vorrangiges »Unterschichten«-Phänomen, denn es ist zu einem großen Teil »die urbane Bildungselite, die sich von der Realität verabschiedet hat«.¹³

Der Geist geistloser Zustände

Die Propagandisten von Religionsersatz haben ein relativ leichtes Spiel, weil das gesellschaftliche Klima ihnen zuarbeitet: Astrologie und Okkultismus haben ihre Wurzel in den gleichen Entfremdungsverhältnissen wie Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus: Weil man orientierungslos ist, existiert die Bereitschaft, zu »Sinn«-Surrogaten zu greifen.

Zu ihnen gehören auch die verbreiteten esoterischen Moden, die Selbsterfahrung, Selbstvergewisserung und emotionalen Halt in einer aus den Fugen geratenen Welt versprechen. Immer öfter wird psychische »Selbstoptimierung« angestrebt, um den Anforderungen eines Alltags genügen zu können, der durch beruflichen Bewährungsdruck und unsichere Lebensperspektiven geprägt ist. Mit großer Geschwindigkeit haben sich durch dieses Verlangen nach »Sinn-Ressourcen« auch Wunderglauben und mythische Ursprungskulte ausgebreitet. Entsprechende Publikationen haben große Zuwachsraten, und die Spiritualismusbranche bildet ein einträgliches Betätigungsfeld, denn 50 Prozent der Deutschen glauben an außerirdische Wesen, 20 Prozent halten Kontakte mit dem Jenseits für möglich, 23 Prozent sind überzeugt, dass sie früher schon einmal gelebt hätten, und jeder siebte glaubt an Magie und Hexerei. Dieser esoterische Untergrund ist die »andere Seite« einer gesellschaftlichen Gemengelage von instrumentellem Denken und der Dominanz einer verzehrenden Marktradikalität.

Wer sich umfassend über dieses ausufernde Segment der »Wissensgesellschaft« informieren will, wer »Erlebnisse mit Engeln« oder »Kontakte mit Verstorbenen« sucht, etwas über »Heilarbeit durch Energieübertragungen« erfahren will, muss sich auf den Weg zu den Esoteriktagen machen, die in vielen Städten regelmäßig organisiert werden und neuerdings auch unter den Namen »Wohlfühlmesse« firmieren. Er lernt dann unter anderem, was »feinstoffliche Virenscanner« sind, die von Schwermut und Ängsten zu befreien versprechen. Man kann, so ein weiteres Angebot, seinen »individuellen Weg zu den Engeln« finden, sich »spirituell beraten« lassen oder gleich die »Matrix-Dimension« erleben. Denjenigen, die dann noch nicht das sie Ansprechende gefunden haben, wird Hilfe angeboten, den »Weg durch die eigene Seelenlandschaft« zu finden; er kann durch »Tierkommunikation« (mit seinen verblichenen Lieblingen) sein Bewusstsein zu erweitern versuchen, aber auch Hilfe bei einem »Reinkarnationstherapeuthen« oder einer Astrologin finden. So durch die eine oder andere »Handreichung« gerüstet, ist der Besucher dann für die »schamanische Heilreise«, für »Rückführungen«, die »Einblicke in frühere Zeiten« ermöglichen, und für »Kontaktaufnahmen mit dem Jenseits« in die richtige Stimmung versetzt und »spirituell« vorbereitet.¹⁴

An dem, was dem Geiste genügt, ist die Größe seines Verlustes zu erkennen, hat Hegel einmal über Zustände mentaler Verwirrung gesagt.

Anmerkungen

1 Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Berlin 2017, S. 153

2 Heinz Bude: Gesellschaft der Angst. Hamburg 2014, S. 52

3 Vgl.: Werner Seppmann: Krise ohne Widerstand? Berlin 2011

4 Dunja Hayali: »Laut, vulgär, handgreiflich«, in: Die Zeit, Nr. 33/2020, S. 9

5 Vgl.: Erich Hahn/Thomas Metscher/Werner Seppmann: Kritik des gesellschaftlichen Bewusstseins. Über Marxismus und Ideologie. Hamburg 2013

6 Vgl.: Werner Seppmann: Ein Gespenst geht um in Europa. Rechte Mobilisierung zwischen Populismus und Neofaschismus. Linke Alternativen, Kassel 2018

7 Ernst-Dieter Lantermann, Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus. München 2016, S. 85

8 Vgl.: Ute Osterkamp: Rassismus als Selbstermächtigung. Hamburg 1996

9 Das ist wie bei Jugendlichen, die, nachdem sie um sich geschlagen haben, sagen »Ich hatte einen Hass«, dessen Quellen aber nicht identifizieren können.

10 Leo Kofler: Geistiger Verfall und progressive Elite. Sozialphilosophische Untersuchungen. Bochum 1981, S. 101

11 Thomas Lühr: Prekarisierung und Rechtspopulismus. Lohnarbeit und Klassensubjektivität in der Krise, Köln 2010

12 Vgl.: Hartmut Krauss, Das umkämpfte Subjekt. Widerspruchsverarbeitung im ›modernen‹ Kapitalismus. Berlin 1996

13 Tobias Haberl: Die große Entzauberung. Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen. München 2019, S. 46

14 Diese Zitate sind eine kleine Auswahl, die aus den Prospekten und von Infoblättern stammen, die ich während des Besuchs einer »Wohlfühlmesse« eingesammelt habe, die im März 2017 im Wissenschaftspark (!) Gelsenkirchen stattfand.

Werner Seppmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. April 2020 über die Auswirkungen einer Digitalisierung der Arbeitswelt für die Lohnabhängigen.

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