»Unschuldige« Nationalisten

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Rechte Sehnsucht nach osteuropäischem Großmachtstatus: Fahne der nur kurzlebigen »Belorussischen Volksrepublik« in Minsk (23.8.2020)

Hintergrund: Fatzkerei wird Staat

Es gibt wahrscheinlich nicht viel, worin Wladimir Putin und Rosa Luxemburg übereinstimmen würden. Aber einen Punkt gibt es: die entschiedene Kritik an der von Lenin 1917 formulierten und in den Jahren danach entwickelten Nationalitätenpolitik. Als alles noch offen war, schrieb Luxemburg in ihrer Anfang 1918 im Gefängnis entstandenen Analyse der russischen Revolution unter anderem:

Warum veröffentlicht die US-amerikanische Carnegie-Stiftung im Mai 2020 in Russisch eine ausführliche Rezension eines englischsprachigen wissenschaftlichen Werks, das fünfeinhalb Jahre früher, im Dezember 2014, erstmals erschienen ist? Rezensionen haben immer ihren Nachlauf, das ist normal; aber fünf Jahre sind für ein Buch schon eine ziemlich lange Lagerfrist auf dem Nachttisch des Rezensenten.

Die Rede ist von der Studie des schwedischen Osteuropahistorikers Per Anders Rudling »The Rise and Fall of Belarusian Nationalism 1906–1931« (Pittsburgh 2014). Rudling war zwei Jahre vor der Publikation seiner Geschichte vom »Aufstieg und Fall des belarussischen Nationalismus« durch einen akademischen Streit bekannt geworden: Die ukrainisch-nationalistische Lobby hatte versucht, ihn wegen seiner Kritik an den faschistischen Sympathien der ukrainischen Nationalisten im akademischen Milieu der USA und Kanadas unmöglich zu machen.

Rudling vertritt in seinem Buch die These, dass die belarussische Nation ein Produkt erfolgreicher sowjetischer Nationalitätenpolitik gewesen sei und dass der ihr zugeschriebene »Ismus« anders als der benachbarte ukrainische niemals rassistisch oder gegen Nachbarn feindselig eingestellt gewesen sei. Man kann diskutieren, ob das stimmt oder nur auf mangelnde Gelegenheit zur militanten Betätigung bzw. darauf zurückzuführen ist, dass der Autor den richtigen zeitlichen Rahmen gewählt hat – eine Studie, die Anfang der 1930er Jahre endet, hat wenig Gelegenheit, auf einige der finsteren Aspekte des belarussischen Nationalismus einzugehen, insbesondere die Kollaboration mit den deutschen Besatzern (1941 bis 1944), nachdem die sowjetischen Repressionen der dreißiger Jahre die Bewegung hart getroffen hatten.

Ihr Erbe, vor allem ihre Mitwirkung bei der Bekämpfung der Partisanen und dem Aufspüren geflohener Juden, wurde ab 1991 vom rechten Flügel der belarussischen Unabhängigkeitsbewegung aufgegriffen, der sich in der »Belarussischen Nationalen Front« (im Deutschen oft falsch mit »Volksfront« wiedergegeben) organisierte. Diese Partei war in den ersten Jahren der belarussischen Unabhängigkeit weitgehend erfolglos, ab der Jahrhundertwende im wesentlichen aus dem US-Exil heraus tätig, wohin sich ihr Vorsitzender Sjanon Pasnjak bereits 1996 abgesetzt hatte.

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Heute kommt dieser extrem rechte Flügel in der Oppositionsbewegung gegen Präsident Alexander Lukaschenko allmählich wieder zum Vorschein. Einstweilen eher auf der symbolischen Ebene mit der weiß-rot-weißen Fahne der Opposition. Sie ist die »historische« belarussische Nationalfahne (denn es gab den Staat, den sie repräsentierte, die »Belorussische Volksrepublik«, nur ein gutes Jahr lang, 1918/19), und sie trägt im Zentrum einen Lanzenreiter, der an das Großfürstentum Litauen erinnern soll.

Dieses feudale Staatswesen der frühen Neuzeit war durch historischen Zufall zu einiger Bedeutung gelangt, weil es nach dem Mongolensturm des 13. Jahrhunderts die Kontrolle über die verlassenen Territorien des Kiewer Russlands übernehmen konnte. Durch eine dynastische Heirat im 14. Jahrhundert kam es in eine bis ins 18. Jahrhundert dauernde Personalunion mit Polen und verschaffte diesem die Herrschaft über große Teile der heutigen Ukraine und den bis heute nie verabschiedeten Anspruch, eine osteuropäische Großmacht zu sein. Mit dem heutigen Baltenstaat Litauen hat dieses Großfürstentum nur den Namen gemeinsam: eine Amtssprache war ostslawisch, eine Bibelübersetzung in diese Kanzleisprache im 16. Jahrhundert gilt als eines der ersten schriftlichen Dokumente der belarussischen Kultur. Aber gegen den übermächtigen Einfluss erst der polnischen, dann der russischen Sprache und Kultur konnte sich aus diesen Anfängen bis ins 20. Jahrhundert keine eigenständige belarussische Kultur entwickeln. Dies geschah tatsächlich erst in den 1920er Jahren im Zuge der sowjetischen Nationalitätenpolitik und ihrer Linie der »Einwurzelung« an der Peripherie des Landes.

Der belarussische Nationalismus kannte immer zwei Strömungen: eine, die auf die kulturelle und sprachliche Nähe zu Russland setzte, und eine gegensätzliche, die das Großfürstentum und in dessen Nachfolge das heutige Belarus kulturell in »Mitteleuropa« verortet. Die letztere Tendenz hat bei heutigen belarussischen Nichtregierungsorganisationen klar die Oberhand. Die in Moskau angesiedelte, aber von nach dem Maidan exilierten Ukrainern betriebene »Social Engineering Agency« hat in einer kürzlich erschienenen Studie nachgewiesen, wie sich die Aussagen auf den Demonstrationen zum »Tag der Freiheit« von Jahr zu Jahr radikalisiert haben: Aktueller Stand ist die Forderung, die Bündnisse von Belarus mit Russland auf politischer, militärischer und wirtschaftlicher Ebene zu lösen. Parallel soll das Russische aus den Medien, dem Schulunterricht und der Öffentlichkeit verdrängt werden. Gleichzeitig versucht eine vor allem in sogenannten sozialen Netzwerken geführte Kampagne, den Gebrauch der belarussischen Sprache »schick« zu machen.

Und da kramt die Carnegie-Stiftung das fünf Jahre alte Buch von Rudling aus, das den belarussischen Nationalismus für »unschuldig« erklärt. So ein Zufall aber auch.

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