Kann man Hegel verstehen?

Kann man Hegel verstehen?44 Min

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Schon seine Zeitgenossen hatten Schwierigkeiten, ihn zu verstehen: Als Hegel 1818 einen Ruf als Professor ins preußische Berlin bekam, beklagten Studenten sein zischelndes Schwäbisch.

Vor zweihundertfünfzig Jahren in Stuttgart geboren, wurde er zu einem der einflussreichsten Philosophen aller Zeiten, sein Werk so monumental wie rätselhaft. Die Lehre vom Begriff, die Dialektik von Herr und Knecht, schließlich die große Erzählung vom Weltgeist – im System der hegelschen Philosophie kann man sich verlieren wie in einem Labyrinth.

Kann man ihn überhaupt verstehen?

Bücher zur Sendung:
Dietmar Dath: Hegel, Reclam Verlag 2020, EUR 10,00
Dina Emundts u.a.: Hegel. Eine Einführung, Reclam Verlag 2002, EUR 4,40
Sebastian Ostritsch: Der Weltphilosoph, Verlag Propyläen 2020, EUR 26,00

»Unschuldige« Nationalisten

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Rechte Sehnsucht nach osteuropäischem Großmachtstatus: Fahne der nur kurzlebigen »Belorussischen Volksrepublik« in Minsk (23.8.2020)

Hintergrund: Fatzkerei wird Staat

Es gibt wahrscheinlich nicht viel, worin Wladimir Putin und Rosa Luxemburg übereinstimmen würden. Aber einen Punkt gibt es: die entschiedene Kritik an der von Lenin 1917 formulierten und in den Jahren danach entwickelten Nationalitätenpolitik. Als alles noch offen war, schrieb Luxemburg in ihrer Anfang 1918 im Gefängnis entstandenen Analyse der russischen Revolution unter anderem:

Warum veröffentlicht die US-amerikanische Carnegie-Stiftung im Mai 2020 in Russisch eine ausführliche Rezension eines englischsprachigen wissenschaftlichen Werks, das fünfeinhalb Jahre früher, im Dezember 2014, erstmals erschienen ist? Rezensionen haben immer ihren Nachlauf, das ist normal; aber fünf Jahre sind für ein Buch schon eine ziemlich lange Lagerfrist auf dem Nachttisch des Rezensenten.

Die Rede ist von der Studie des schwedischen Osteuropahistorikers Per Anders Rudling »The Rise and Fall of Belarusian Nationalism 1906–1931« (Pittsburgh 2014). Rudling war zwei Jahre vor der Publikation seiner Geschichte vom »Aufstieg und Fall des belarussischen Nationalismus« durch einen akademischen Streit bekannt geworden: Die ukrainisch-nationalistische Lobby hatte versucht, ihn wegen seiner Kritik an den faschistischen Sympathien der ukrainischen Nationalisten im akademischen Milieu der USA und Kanadas unmöglich zu machen.

Rudling vertritt in seinem Buch die These, dass die belarussische Nation ein Produkt erfolgreicher sowjetischer Nationalitätenpolitik gewesen sei und dass der ihr zugeschriebene »Ismus« anders als der benachbarte ukrainische niemals rassistisch oder gegen Nachbarn feindselig eingestellt gewesen sei. Man kann diskutieren, ob das stimmt oder nur auf mangelnde Gelegenheit zur militanten Betätigung bzw. darauf zurückzuführen ist, dass der Autor den richtigen zeitlichen Rahmen gewählt hat – eine Studie, die Anfang der 1930er Jahre endet, hat wenig Gelegenheit, auf einige der finsteren Aspekte des belarussischen Nationalismus einzugehen, insbesondere die Kollaboration mit den deutschen Besatzern (1941 bis 1944), nachdem die sowjetischen Repressionen der dreißiger Jahre die Bewegung hart getroffen hatten.

Ihr Erbe, vor allem ihre Mitwirkung bei der Bekämpfung der Partisanen und dem Aufspüren geflohener Juden, wurde ab 1991 vom rechten Flügel der belarussischen Unabhängigkeitsbewegung aufgegriffen, der sich Weiterlesen »Unschuldige« Nationalisten