Darum eine Vier-Tage-Woche

Arbeitszeit

Titelbild_01_123_1_4c_1

Die Idee: Vollzeitbeschäftigte verringern auf 30 Stunden, bisherige Teilzeitkräfte arbeiten genauso lang – und alle bekommen das volle Gehalt.

© Simon Dawson/Getty 

Vollbeschäftigung und höhere Löhne: Ökonom Heinz-Josef Bontrup plädiert für eine Umverteilung der Arbeit – und erklärt, wie eine Vier-Tage-Woche funktionieren könnte.

Katja Kipping, die Vorsitzende der Linkspartei, hat die flächendeckende Einführung einer Vier-Tage-Woche vorgeschlagen, bei vollem Lohnausgleich. Eines ihrer Hauptargumente lautet: Die kürzere Arbeitszeit macht die Menschen glücklicher, gesünder und produktiver, wovon die Unternehmen profitieren. Auch die Gewerkschaft IG Metall hat eine Vier-Tage-Woche ins Gespräch gebracht, um die Krise in der Autobranche abzufedern, allerdings verbunden mit Lohneinbußen. Für eine Arbeitszeitverkürzung kann sich auch Heinz-Josef Bontrup erwärmen. „Das schaffen wir aber nicht, ohne eine breite Umverteilung hin zu den Beschäftigten“, sagt der Ökonom.

Herr Bontrup, wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Mit 40 Stunden in der Woche komme ich eigentlich nicht aus. Aber meine Arbeit ist die Wissenschaft, und die fühlt sich oft nicht wie Arbeit an.

„Wer kürzer arbeitet, ist auch produktiver.“

Heinz-Josef Bontrup, Arbeitsökonom

Die Linkenpolitikerin Katja Kipping hat eine Arbeitszeitverkürzung auf vier Tage ins Gespräch gebracht mit Verweis auf die höhere Produktivität. Ließe sich ein Fünf-Tages-Pensum wirklich auch in vier Tagen schaffen?

Es gibt ausreichend Studien, die belegen: Wer kürzer arbeitet, ist auch produktiver.

Werbung

Werbung

Aber wenn man sich zum Beispiel die Industrie anschaut, so sieht es so aus, als wäre dort jede Produktivitätsreserve ausgeschöpft worden. Oder nehmen wir Supermarkt-Kassiererinnen oder Pflegekräfte – hier ist kaum mehr Arbeitsleistung pro Stunde möglich oder wünschenswert.

Es stimmt, die Möglichkeiten zur Steigerung der Produktivität sind vielfach begrenzt – im verarbeitenden Gewerbe, aber auch gerade bei den Dienstleistungen. Wir sehen ja über die ganze Wirtschaft hinweg seit langem, dass die Produktivität immer langsamer wächst, also der wirtschaftliche Ertrag pro Arbeitsstunde. Von 1991 bis 2019 wuchs er um durchschnittlich 1,3 Prozent pro Jahr, von 2006 bis 2019 waren es nur noch 0,8 Prozent.

Heinz-Josef Bontrup war bis zu seiner Emeritierung Professor mit Schwerpunkt Arbeitsökonomie. 

© Ulrich Zillmann

Damit gibt es aber ein Problem bei der Arbeitszeitverkürzung: Die Unternehmen müssen den gleichen Lohn bezahlen, erhalten aber weniger Arbeitsleistung.

Das ist korrekt. Könnten die Beschäftigten trotz reduzierter Arbeitszeit zum gleichen Lohn die gleiche Leistung erbringen, dann würde sich die Verteilung des Volkseinkommens nicht ändern, das heißt, Beschäftigte und Unternehmen würden den gleichen Anteil erhalten wie zuvor. Aber leider wächst die Produktivität nicht so stark. Der einfache Weg zur Arbeitszeitverkürzung ist uns also versperrt.

Und dennoch plädieren Sie seit langem für die 30-Stunden-Woche …

Wenn wir eine Arbeitszeitverkürzung nicht verteilungsneutral hinbekommen, dann müssen wir eben an die Verteilung ran. Das bedeutet: Wenn Arbeitszeit und Arbeitsleistung sinken, der Lohn aber konstant bleibt, dann bleibt weniger für Unternehmen und Kapitalgeber übrig. Dagegen hätte ich auch nichts.

Die Unternehmen aber sicher schon.

Natürlich. Man muss dies aber vor dem Hintergrund sehen, dass es in den vergangenen Jahrzehnten eine massive Umverteilung zugunsten der Kapitaleinkommen gegeben hat. Die Unternehmen haben gut verdient, im deutschen Unternehmenssektor existiert eine gigantische Überschussliquidität von fast 520 Milliarden Euro – also Geld, das ihnen nach Investitionen, Dividendenausschüttungen und Schuldenbedienung übrig geblieben ist. Da ist genügend finanzieller Spielraum da.

Gegenwind für die IG Metall 

Vorschlag: Die IG Metall hat zur Rettung von Jobs in der Metall- und Elektroindustrie eine Vier-Tage-Woche ins Gespräch gebracht. Indem alle Beschäftigten weniger arbeiten, sollen sich die Arbeitsplätze trotz Strukturwandels halten lassen. Dafür sollen die Beschäftigten auch gewisse Lohneinbußen hinnehmen. Allerdings nur soweit, dass sie sich die Vier-Tage-Woche finanziell noch leisten können. Die Unternehmen könnten auf diese Weise Fachkräfte sichern und Kosten für Entlassungen vermeiden. 

Gegenschlag: Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände wies den Vorschlag umgehend zurück. Eine Vier-Tage-Woche bei steigenden Stundenlöhnen sei nicht machbar. Sie würde den wirtschaftlichen Schock noch verstärken, sagte Geschäftsführer Steffen Kampeter der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Auch der Präsident des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, der Ökonom Michael Hüther, lehnte den Vorschlag rundheraus ab, „denn er wäre nichts anderes als die Verlängerung und damit Kapitulation vor der Krise“, sagte Hüther. Im zweiten Quartal sei die deutsche Wirtschaft um zehn Prozent geschrumpft. „Und da soll das der Gesetzgeber zu steigenden Arbeitskosten und damit höheren Risiken für die Arbeitsplätze verstetigen?“ 

Aber nicht allen Unternehmen geht es gut, gerade viele kleine arbeiten am Limit.

Das stimmt. Unglücklicherweise liefert das Statistische Bundesamt bis heute keine umfassende, nach Größenklassen differenzierte Berechnung des Wertes, auf den es im Kapitalismus ankommt: die Rendite. Man darf aber nicht vergessen, dass die Rendite bei kleinen Unternehmen häufig höher ist als bei den großen Konzernen, einfach weil sie geringere Kapitalmassen einsetzen müssen.

Auf die Gewerkschaftsforderung nach einer 40-Stunden-Woche kommentierte in den 50er Jahren der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard: „Ein Volk, das, um auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben, ständig hohe Investitionen vornehmen muss. Ein solches Volk sollte sich nicht Überlegungen nach Verkürzung der Arbeitszeit hingeben.“

Und er hat nicht recht gehabt. Heute kommt aber noch etwas hinzu: Um zu einer 30-Stunden-Woche für alle zu kommen, müssen wir nicht nur die Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten senken bei vollem Lohnausgleich. Wir müssen auch die Arbeitszeit der Teilzeitbeschäftigten auf 30 Stunden erhöhen, damit die mehr verdienen und von ihrer Arbeit auch wieder leben können.

Das würde also bedeuten: Vollzeitarbeiter würden für 30 Wochenstunden den alten 38-Stunden-Wochenlohn erhalten. Teilzeitarbeiter würden auf 30 Stunden aufgestockt und erhielten dafür ebenfalls einen 38-Stunden-Lohn.

Ja, damit würde dieses Projekt noch teurer. Wenn die Unternehmen das alleine schultern müssten, dann würde der Anteil der Kapitaleinkünfte – Profite, Zinsen und Miete – am Gesamteinkommen um zwölf bis 14 Prozentpunkte sinken. Das ist zu viel. Daher müsste die private Beschäftigung durch eine sinnvolle öffentliche Beschäftigung ergänzt werden. Das heißt, die Kosten für eine 30-Stunden-Woche für alle müsste der Staat übernehmen.

Mit welchem Argument will man so eine umfassende Reorganisation durchsetzen?

Dass wir nur so in einen Zustand der vollbeschäftigten Wirtschaft zurückkommen. Und da wollen wir wieder hin. Derzeit gibt es noch immer viele Arbeitslose oder zahllose Menschen, die mehr arbeiten wollen, aber nicht können. Das bedeutet eine gigantische Verschwendung von Ressourcen. Ohne Vollbeschäftigung arbeitet eine Volkswirtschaft unter ihrem Optimum. Das ist der erste Punkt.

Der zweite: Die Unterbeschäftigung zeigt, dass derzeit Arbeitskraft im Überfluss vorhanden ist. Das drückt auf die Lohnentwicklung. Jeder vierte abhängig Beschäftigte arbeitet heutzutage im Niedriglohnsektor, der Preis für Arbeit verfällt, das kann so nicht weitergehen. Kommen wir dagegen wieder zur Vollbeschäftigung, wird auch Arbeit wieder knapper und ihr Preis kann steigen.

Sie wollen die Arbeitszeit für viele Menschen verkürzen, gleichzeitig aber auch viele Arbeitslose wieder in Arbeit bringen und die Arbeitszeit der geringfügig Beschäftigten aufstocken. Selbst wenn dies umzusetzen wäre: Wie stellen Sie sicher, dass all die neuen Arbeitskräfte auch die geeigneten und benötigten Qualifikationen haben?

Das ist tatsächlich ein Problem, da muss man sich nichts vormachen. Da fällt mir auch nichts Besseres ein als Weiterbildungs- und Qualifikationsoffensiven, wo wir ohnehin große Defizite haben. Da muss dann was getan werden, um die qualitative Lücke zu kompensieren. Das geht alles.

Geht da noch mehr? Kassiererinnen haben oft mehr als genug zu tun.

© Ina Fassbender/ AFP 

Schaut man sich die Arbeitszeitverkürzungen der vergangenen Jahrzehnte an, so waren dies stets Ergebnisse schwerer Kämpfe. Nun sind die Gewerkschaften anscheinend weder in der Stimmung, noch in der Lage für solche Kämpfe. Wer soll die Arbeitszeitverkürzung durchsetzen?

Ich werde von Gewerkschaftsseite schwer kritisiert für meine Vorschläge zur Umverteilung der Arbeit. Das ist mir unverständlich. Denn die Arbeiterbewegung hatte immer zwei Forderungen: mehr Lohn und weniger Arbeit. Tarifpolitik wird für mich von beiden Säulen getragen. Aber an die eine Säule, die Arbeitszeit, will man seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr ran. Seit 1993 ist die Lohnquote gesunken, dadurch entging den Beschäftigten über die Jahre insgesamt eine Summe von 1,4 Billionen Euro. 1400 Milliarden! Die sind bei den Kapitaleinkommen gelandet. Ich weiß nicht, wie die Gewerkschaften diesen Trend ohne Vollbeschäftigung dauerhaft brechen wollen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s