Nach der Pandemie ist vor der Krise: Warum sich die Welt ändert – Kolumne – DER SPIEGEL

Dieser Rest des Sommers ist doch hervorragend geeignet, um nachzudenken, was einen wirklich glücklich macht, findet Sibylle Berg.

Dieser Rest des Sommers ist doch hervorragend geeignet, um nachzudenken, was einen wirklich glücklich macht, findet Sibylle Berg.

Foto: Kathrin Ziegler / Getty Images

Gleich ist er zu Ende, der Sommer. Die ersten Blätter werden schon braun und das Jahr, nun ja. Das bedeutete für viele Menschen Trauer. Weil jemand, den man liebt, krank war oder verstarb. Oder weil der Traum endete, unverletzlich zu sein.

Erstaunlich, dieses Gefühl der Unsicherheit, auf einmal. Dabei könnte es uns ständig begleiten, dieses Wissen um die Fragilität der Welt, der Gesundheit, der Gewohnheiten. Und weil das keiner aushält, verdrängt man es meist und tut, als wäre alles für immer. Als wäre alles ein Naturgesetz. Unser Leben, die Familie, der Job, der Garten, der Urlaub.

Dieses angebrochene Jahr zeigt uns die eigene Ohnmacht. Nichts wurde versprochen, nichts ist sicher. Ein Virus, ein Krieg, eine Naturkatastrophe, ein Unfall, ein Blitz – kann einem alles nehmen. Das ist doch kaum auszuhalten, dass nichts Unzerstörbarkeit besitzt.

Und wollten wir nicht reduzieren, alles?

Die einen verdrängen, die anderen sind voller Sorgen und viele wollten sich für ihre neu gewonnene Erkenntnis so gern belohnen. Verreisen müsste man. Aber – wohin? Und womit? Und wollten wir nicht reduzieren, alles? Weg von Konsum, der nicht glücklich macht, so hieß es. Aber macht es glücklich, mit den eigenen Leuten auf den Brocken zu tigern, oder zum Murtensee, oder ins Weinland, und alles, was man sieht, sind Leute wie man selbst, und was man hört dito. Dann doch lieber zu Hause bleiben, auf dem Balkon: Komm, wir machen es uns auf Balkonien nett.

Doch da geht es nicht weg, das Gefühl, nur ein Mensch unter Milliarden zu sein, der Natur ausgeliefert, als deren Teil sich zu betrachten die meisten verlernt haben, so schön versiegelt und eingezäunt hatten wir sie. Und nun soll das alles sein? Der Blick auf den Parkplatz, den Schatten der Bäume, die man immer sieht, und nun werden sie schon gelb?

Irgendjemand schrieb irgendwo in die Weiten des Netzes, dass ich immer moralisch überlegen tue. Ja nun, dachte ich. Was soll sein? Soll ich in den Untiefen meiner Gedanken kramen, um sie hier aufzuschreiben? Das machen doch schon genug andere Kolumnist*innen. Lame, wie wir Britinnen sagen.

Ich tue nicht überlegen, ich versuche herauszufinden, wie man mit diesem kurzen Leben zurechtkommt, ohne allzu viel Schaden anzurichten und ohne zu unglücklich zu sein. Sich gegen die Welt, wie sie einem scheint, aufzulehnen, ist ein Weg. Aber er ist unsicher, denn keinem ist es vergönnt, mehr als einen winzigen Bruchteil des Ganzen zu begreifen.

Maybe ja, vielleicht nein, eher nein

Der Bruchteil, den ich verstehe, ist: Unser aller Leben wird sich ändern. Die Ausrede der Kapitalisten, dass der Fortschritt die Erde reparieren wird, kann sich nicht einlösen. Keiner weiß, ob man mit der KI die Meere vom Plastik leer räumt, oder die Klimaerwärmung stoppt, die Ressourcen ersetzt. Maybe ja, vielleicht nein, eher nein.

Und darum wird sich das Leben fast aller (außer einiger Milliardäre) ändern. Das Fliegen, Shoppen, Verbrauchen, Essen, Wohnen, Fahren wird nicht so weitergehen wie bisher. Vielleicht wird nun alles so bleiben wie es ist, mit Verzicht auf etwas, was keinem je zustand. Das kann man bedauern, man kann dagegen demonstrieren, aber es wird nichts ändern.

Titel: GRM: Brainfuck. Roman

Herausgeber: Kiepenheuer&Witsch

Seitenzahl: 640

Autor: Berg, Sibylle

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Nach der Pandemie ist vor der Krise. Dieser Rest des Sommers ist doch hervorragend geeignet, um nachzudenken, was einen wirklich glücklich macht. Die Menschen, die in den Achtzigern und Neunzigern junge Erwachsene waren, könnten sich fragen, ob sie damals in tiefer Trauer waren, mit den kleineren Wohnungen, den nicht stattfindenden Kurztrips und Shopping-Wochenenden, ohne Flatscreen-TV und Smartphones, mit weniger Autos und Stress und ohne das Gefühl, das alles, was zählt, mit Geld zu erwerben ist.

Jene, die damals und später geboren wurden, wissen es schon. Die meisten von ihnen haben begriffen, dass dieses großartige Wachstum nur bedeutet: obszöner Reichtum für wenige auf Kosten von fast allen.

Und jetzt klinge ich schon wieder, als wüsste ich alles besser. Ich weiß nichts. Wie wir alle.

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