Zweierlei Kapitalismen

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picture alliance/CPA Media

Litten unter einem noch höheren Ausbeutungsgrad als das weiße Industrieproletariat: Sklaven auf einem Baumwollfeld im südlichen Bundesstaat Georgia, USA (um 1860)

»Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie.«

(Karl Marx, 1847)

Das Bild und die Videosequenz eines öffentlich vollzogenen Lynchmords gingen im Mai dieses Jahres um die Welt. George Floyd wurde in aller Öffentlichkeit, in Anwesenheit weiterer Polizisten, langsam zu Tode gefoltert. Sichtbar wurde zum wiederholten Mal die Bedenkenlosigkeit, mit der Schwarze auch wegen kleinster Delikte nackter Gewaltanwendung ausgesetzt sind. Dabei ging fast immer eine wesentliche Dimension verloren, nämlich der Ort, an dem der Mord stattfand: vor einem typischen Drugstore, wie es Hunderttausende in den USA gibt, im Süden der Stadt, und zwar gerade an der Grenze eines Häuserblocks, der seit Jahrzehnten dem offiziell seit 1968 verbotenen sogenannten Redlining unterliegt, das heißt jener Aufteilung des Stadtgebiets in vier Zonen, die dafür gesorgt hat, dass Schwarze in fast allen größeren US-amerikanischen Städten segregiert sind.

Lange Tradition der Segregation

Redlining steht für die unterste Kategorie, wenn es um die Vergabe von Hypotheken geht. Während die Einstufung als grüne, blaue oder weiße Zone günstige Hypotheken bedeutet und damit als direkte Unterstützung, ja als »affirmative Action« (die gezielte Gewährung gesellschaftlicher Vorteile für bestimmte soziale Gruppen; jW) für weiße Hausbesitzer gelten kann, signalisiert die Farbe Rot eine Gefahrenzone. Das Gebiet gilt als »hazardous«, als gefährlich, da sich dort in der Mehrzahl »Coloured People« sowie »Poor Jews« ansiedeln, die in einem Kreislauf systematischer Unterfinanzierung gefangen sind. Für Schulen oder Parks gibt es kein Geld, nur für eine Polizei, die die Weißen in ihren Bezirken schützt und die Schwarzen in ihren Ghettos in Schach hält.

George Floyd starb am Rand einer solchen »roten« Zone; die vorwiegend weiße Polizeigruppe wusste natürlich, in welchem Bezirk sie patrouillierte. Spontane Protestaktionen hatte es auch bei ähnlichen Vorfällen gegeben, doch dieses Mal gewannen sie an Fahrt: Die bereits seit 2014 bestehende »Black Lives Matter«-Bewegung organisierte ähnliche Proteste gegen Polizeigewalt in fast allen größeren US-amerikanischen Städten. Die Bewegung griff auch auf andere Länder über, auf England, Frankreich, Deutschland und weitere Staaten. Dabei handelt es sich nicht nur um den Ausdruck spontaner Solidarität mit einem Opfer polizeilicher Gewaltanwendung, sondern um die eigenen Erfahrungen von Rassismus, von Gewalt durch staatliche Organe und politischer Machtlosigkeit. In den USA wurde auch deutlich, wie tief die Verwurzelung eines nur oberflächlich eingedämmten Rassismus ist. Tatsächlich ist dieser Rassismus ein institutionell verankerter und struktureller. Seine Wurzeln reichen in die Geschichte der Sklavenwirtschaft zurück, die in den USA, namentlich in deren südlichen Staaten, vor und nach ihrer Konstituierung im Jahr 1776 herrschte. Spuren dieser Sklavenwirtschaft werden sichtbar, wenn es um öffentlich sanktionierte Gewalt geht, denen Schwarze (und auch andere Gruppen) ausgesetzt sind. Die Sklavenemanzipation von 1863 und die Civil-Rights-Gesetze von 1964 waren zwar wichtige, ja revolutionäre Fortschritte, doch haben sie den tief verankerten Rassismus nicht besiegen können.

Dieser Rassismus ist, wie erwähnt, bereits in der Anlage der Stadtgebiete sichtbar, in der jahrzehntelangen Fortschreibung von Verhältnissen, die die gesellschaftliche Ungleichheit ständig generieren und verstärken. Und wie in der Vergangenheit kommt es zu »Race Riots«, wie 2014 in Ferguson, wo die aus der Innenstadt von Saint Louis vertriebene schwarze Bevölkerung einen Bevölkerungsanteil von 65 Prozent ausmacht und die Arbeitslosenquote unter ihnen bei 30 Prozent lag (bei den weißen lag sie bei lediglich sechs Prozent). Die Ermordung eines Schwarzen führte hier zu tagelangen Protesten, zu Angriffen auf Geschäfte weißer Besitzer und zu anderen Übergriffen, um der Wut auf die Gewaltanwendung durch die Polizei Ausdruck zu verschaffen. Im gleichen Jahr entstand das Netzwerk »Black Lives Matter«, das sehr bald weltweit auf Resonanz und Solidarität stieß. Baltimore, wo die schwarze Bevölkerung besonders hart von der Finanzkrise im Jahr 2008 betroffen war und 53 Prozent des schwarzen Eigentums zerstört wurde, explodierte 2015 förmlich. Zehntausende Familien landeten auf der Straße. Später zeigte sich, dass Banken wie Wells Fargo nicht nur im Sinne des eigentlich verbotenen Redlinings bei der Hypothekenvergabe diskriminierten, sondern in und nach der Finanzkrise gezielt die Enteignung schwarzer Hausbesitzer betrieben.

Bewusstes Verdrängen

Versuche, an diesen Unterdrückungsverhältnissen etwas zu ändern, waren bislang erfolglos. So gab es Mitte der sechziger Jahre den Versuch, den Ursachen für die Zustände in den Ghettos, für die sich stets fortsetzende Armut und deren Begleitumstände, auf die Spur zu kommen. Auch damals war übrigens Minneapolis der Ausgangspunkt. Der sogenannte Kerner Report, der den Titel »The Harvest of American Racism« trug (der Report wurde benannt nach Otto Kerner, 1961–1968 Gouverneur von Illinois; jW), kam zu dem Ergebnis, dass die Segregation die Hauptursache für Armut, Rassismus und soziale Ungleichheit war – etwas was den Weißen kaum bewusst ist, den Schwarzen damals wie heute jedoch stets vor Augen steht. Nicht die Schwarzen sind für die Zustände verantwortlich, sondern die Weißen, deren Institutionen – von den Banken bis zu den Gerichten – die Unterentwicklung der schwarzen Ghettos betreiben. Der Bericht schlug umfassende Maßnahmen zur Gegensteuerung vor. Da sie Geld kosteten, legte der Präsident den Bericht zu den Akten. Kurz darauf gab Lyndon B. Johnson seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur zur Präsidentschaftswahl bekannt und Richard Nixon konnte sich bei den nächsten Wahlen als »Law and Order«-Kandidat durchsetzen, der mit den »Unruhen« kurzen Prozess machen würde. Es liegt auf der Hand, dass das Drehbuch Nixons von 1968 (oder 1972) auch für die Wahlen in diesem Jahr genutzt werden wird.

Die »Lösung« der Probleme besteht also darin, dass man Gewalt gegen Protestierende anwendet, die man als »Anarchisten« oder Radikale verunglimpft, die »unser Land« angeblich »nicht lieben«. Dass die jeweiligen Regierungen Verantwortung für die sozialen Zustände – für Armut, Diskriminierung und Rassismus – tragen, wird ausgeblendet. Man geht einfach darüber hinweg, hält die Bevölkerung, soweit sie nicht von den Zuständen profitiert, weitgehend im dunkeln oder lässt sich sogar höchst richterlich bestätigen, dass niemand wisse, weshalb es überhaupt so etwas wie Segregation gebe. Keinesfalls könne, wie es 1973 in einem Urteilsspruch des Supreme Court, des obersten Gerichtshofs der USA, hieß, die Regierung verantwortlich gemacht werden. Letztlich seien »unbekannte und vielleicht nie zu ermittelnde Fakoren« entscheidend.

Gegen solche Ignoranz, ein offensichtliches Nicht-wissen-wollen oder besser: bewusstes Verdrängen gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse haben in den letzten Monaten viele Menschen Stellung bezogen, nicht nur in den USA, sondern auch in einer Vielzahl europäischer Länder, in denen man endlich die Gelegenheit nutzte, Denkmäler in den städtischen Zentren von Bristol bis Berlin, von Philadelphia bis Boston und Chicago, die zur Verherrlichung von Krieg, Sklavenhandel, Kolonialismus und Massenvernichtung errichtet wurden, zu stürzen.

Der Sklavenhalterkapitalismus

Marx hat sich, ebenso wie Engels, immer wieder mit den Entwicklungen in den USA befasst, u. a. als Korrespondent des New York Tribune(seit 1851) und der Wiener Die Presse, vor allem in den ersten beiden Jahren des amerikanischen Bürgerkriegs. Dabei werden die Probleme auf verschiedenen Ebenen angegangen: So werden sowohl die politischen Optionen als auch die zugrundeliegenden ökonomischen Interessen der verschiedenen Gruppierungen eingehend analysiert. Friedrich Engels steuerte vor allem detailliertes und höchst kompetentes militärisch-strategisches Wissen bei, um so die Chancen eines zeitweise höchst ungewissen Sieges der Nordstaaten über die südlichen Sklavenhalterstaaten einzuschätzen.

Das ursprüngliche Interesse von Marx, der sich ab Mitte der 1840er Jahre systematisch mit politischer Ökonomie befasst, gilt dabei schon früh dem besonderen Charakter der Sklavenarbeit in der Plantagenwirtschaft des Südens, die für ihn das Ergebnis einer zweiten Kolonialisierung und gleichzeitig Teil der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung ist. Bereits in »Elend der Philosophie« (1847), bei der Kritik an ­Proudhons »Philosophie des Elends«, zeigt Marx, dass es keineswegs neben der schlechten Seite der Sklaverei auch eine angeblich gute gebe, wie es in einem schematischen Hegelianismus heißen würde. Und Marx stellt gleichzeitig heraus, dass die »direkte Sklaverei«, wie sie in Surinam, in Brasilien und in den Südstaaten Nordamerikas herrsche, ein »Angelpunkt der bürgerlichen Industrie« sei, »ebenso wie die Maschinen etc.«.¹

»Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Großindustrie.«² Somit ist die Sklaverei eine »ökonomische Kategorie der höchsten Wichtigkeit«. Es zeigt sich also die überraschende Paradoxie, dass Nordamerika, »das vorgeschrittenste Land«, auf der Sklaverei basiert, ohne die man »die Anarchie, den vollständigen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation« hat. »Lasst die Sklaverei verschwinden, und ihr streicht Amerika von der Weltkarte.«³

Der auf der Plantagenwirtschaft beruhende Sklavenhalterkapitalismus ist Produkt einer zweiten Kolonisation. Wie bereits der enorm profitable Sklavenhandel des 17. und 18. Jahrhunderts erzielt auch der Sklavenhalterkapitalismus deutliche Profite, wenn auch nicht durch die Ausbeutung der »freien« Arbeit wie der sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelnde Industriekapitalismus. Marx stellt vor allem die Brutalität der modernen Sklaverei heraus, die alle früheren Formen übertroffen habe, wenngleich es diese Tendenz in historischen Zeiten auch etwa dann gab, wenn kommerzielle Interessen im Spiel waren und der Profit, beispielsweise aus Silberminen, gewaltig zu werden versprach.

Die moderne Sklavenwirtschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also zu einem Zeitpunkt, da der Sklavenhandel offiziell bereits verboten ist, ist kapitalistisch organisiert. Sklaverei beruht auf fortgesetzter Gewaltanwendung, ständiger Angst vor Folter und der Erwartung eines vorzeitigen Todes. Sklaven, die aufgrund eines Sklavenhandels, der erst in diesem Zeitraum, also zwischen 1810 und 1860, gewaltig expandiert, leicht ersetzbar sind, werden so rücksichtslos wie nur möglich ausgebeutet, verschlissen und buchstäblich zerstört. Die Sterblichkeitsrate ist hoch, und das ist durchaus gewollt. Die Sklavenbesitzer sind primär an maximaler Belastung interessiert. Bei der Bezahlung der Sklaven rechnet man mit einer »Nutzbarkeitsspanne« von allenfalls sieben Jahren. Dies gilt vor allem für männliche Sklaven, die weiblichen werden zudem zur Reproduktion einer wachsenden Sklavenschicht genutzt. Kurz: Der Ausbeutungsgrad ist noch höher als bei dem Industrieproletariat dieser Jahre, dessen Nutzbarkeit zumeist auf zwanzig oder dreißig Jahre veranschlagt wird. Die Arbeit in den Baumwollfeldern und sonstigen Landwirtschaftsbetrieben ist enorm anstrengend, zumeist unter den extremen klimatischen Bedingungen des amerikanischen Südostens. Als die um 1792 entwickelten Baumwollentkernungsmaschinen eingesetzt werden, wird dadurch die Arbeit nicht leichter, sondern auf größere Produktion ausgerichtet, und gerade in dieser Zeit nimmt auch der Profite versprechende Sklavenhandel wieder zu. Diese Intensivierung erklärt sich durch die kapitalistische Ausrichtung und die Einbettung in internationale Handelsbeziehungen – Baumwolle wird in der Zeit zu Recht als »King cotton« bezeichnet, dessen Produktion und Verarbeitung zu einem Leitsektor des industriellen Kapitalismus in England wie in anderen Ländern wird.

Sklaverei scheint in dieser Phase geradezu als »alternativlose« Voraussetzung der weiteren kapitalistischen Entwicklung. Es handelt sich dabei nicht mehr um eine »patriarchalische« Form der Sklaverei, wie sie vor 1800 und in früheren Epochen existiert hat, der es um bloße Subsistenz ging, sondern um eine kapitalistische, auf maximaler Ausbeutung und Profit gerichtete Sklaverei. Die Sklavenbesitzer des Südens sind Kapitalisten, wie Marx immer wieder betont, wenngleich sie nicht als Kapitalbesitzer, sondern als bloße Landbesitzer oder Farmer erscheinen. Doch sie sind und handeln als Kapitalisten. Sie besitzen Land und erwerben Sklaven, die einen »Tauschwert« haben, den die Industriearbeiter nicht haben, und deren gesamter von ihnen erwirtschafteter Mehrwert als Profit gesehen wird.⁴ Diese Form der Ausbeutung stellt eine »Anomalie« im System des Kapitalismus dar, der normalerweise auf der Ausbeutung von »freier« Arbeitskraft beruht.

Während Adam Smith die Sklavenwirtschaft als ineffizient und deshalb unterlegen hinstellt, besteht für Marx kein Zweifel an deren Profitabilität, auch wenn das Sklavenhaltersystem bestimmten Bedingungen unterliegt, auf die noch einzugehen ist. Dazu gehört die Notwendigkeit einer ständigen Überwachung und Kontrolle, da es immer wieder zu spontanen Revolten kommt, die entsprechend blutig niedergeschlagen werden. Es bedarf also der Aufseher, der berüchtigten »Peitsche«, harter Bestrafungen und der brutalen Folter, um die Produktion in Gang zu halten.

Sklaverei als Herrschaftsverhältnis

Marx hat sich immer wieder – von den »Grundrissen« (1857) bis zum »Kapital« (1867) – mit den diversen Sklavenaufständen befasst, die freilich stets erfolglos verlaufen. In aller Klarheit hat er herausgestellt, dass die Sklaverei ein »Herrschaftsverhältnis« ist, das auf ständiger nackter Gewalt des Besitzers und der absoluten Machtlosigkeit der Sklaven beruht. Darin besteht also die »Institution«, auf die sich die amerikanischen Verfechter und Apologeten noch lange berufen werden. In den »Grundrissen« zitiert Marx amüsiert, wie sich im angeblich fortschrittlichen, gebildeten England ein westindischer Plantagenbesitzer (auch Planter genannt) darüber echauffiert, dass die befreiten Sklaven in Jamaika sich von den Zwängen des Kapitalismus emanzipieren, indem sie sich auf das Produzieren von Gebrauchswerten beschränken und ansonsten der »Faulenzerei« hingeben. Für ihn, den wettbewerbsorientierten Planter ist dies ein Grund zur Wiedereinführung der Sklaverei. Marx kommentiert: Sie, die befreiten Sklaven »haben aufgehört, Sklaven zu sein, aber nicht um Lohnarbeiter zu werden, sondern self-sustaining, für den eigenen notdürftigen Konsum arbeitende peasants. Das Kapital als Kapital existiert ihnen gegenüber nicht, weil der verselbständigte Reichtum überhaupt nur existiert entweder als unmittelbare Zwangsarbeit, Sklaverei, oder vermittelte Zwangsarbeit, Lohnarbeit.«⁵

Marx definiert hier die Sklaverei wohlgemerkt aus der Perspektive des Sklaven. Herrschaft, Ausübung von Macht, findet freilich sowohl bei der freien Lohnarbeit wie der Arbeit der Sklaven statt, doch ist sie bei der letzteren nicht nur eine unerlässliche Voraussetzung, sondern deren integraler Bestandteil. Die Machtlosigkeit der Sklaven ist allerdings nur einer der Hauptaspekte, wenn es die »moderne« Form der Sklaverei zu bestimmen gilt. Ein anderer, von Marx nur angedeuteter, besteht in der totalen gesellschaftlichen Isolation, dem »sozialen Tod«, dem die Sklaven ausgesetzt sind. Sie sind nicht nur Eigentum ihres Besitzers, sondern selbst ohne jegliche Verfügung über Eigentum, verfügen weder über sich, ja nicht einmal über ihre eigenen Familien, soweit ihnen solche zugestanden wurden. Damit unterscheiden sie sich etwa von den Leibeigenen des Feudalismus, denen gewisse Verfügungs- oder auch Schutzrechte gewährt wurden.⁶

Was die ökonomische Entwicklung der USA betrifft, so sieht Marx zwei Formen des Kapitalismus: Neben dem industriellen, in den Nordstaaten (wie auch in England, Frankreich oder Deutschland) praktizierten industriellen Kapitalismus existiert der Sklavenhalterkapitalismus der Südstaaten. Letzterer erwies sich bei agrikulturellen Monokulturen durchaus als effizient, solange sich die Kosten der ständigen Überwachung in Grenzen hielten. Der Sklavenhalterkapitalismus war freilich höchst arbeitsintensiv – Maschinen kamen noch nicht zum Einsatz, die Landwirtschaft war noch kaum industrialisiert, was erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts der Fall ist. Doch es gab, abgesehen von den größeren Zuwachsraten in den Nordstaaten, in deren Industrien kräftig investiert wurde, vor allem zwei miteinander verbundene Faktoren, die langfristig die Sklavenhalterwirtschaft des Südens unterminierten. Da war zum einen der expansive Drang zur Eroberung immer neuer Herrschaftsgebiete, wie er hinter dem Krieg gegen Mexiko stand, das besiegt wurde und die Hälfte seines Territoriums verlieren sollte, und der versuchten Einführung der Sklaverei in sogenannten Randstaaten wie Missouri.

Dieser Expansionsdrang beruhte hauptsächlich darauf, dass sich die einheimischen Böden aufgrund mangelnder Rotation erschöpft hatten. Gerade dieser Aspekt des gestörten »Stoffwechsels« mit der Natur, auf den Marx in seinen ökologischen Studien der 1860er gestoßen war, sollte entscheidend sein bei der Auslösung des amerikanischen Bürgerkriegs im Jahre 1861 und dem durch ihn herbeigeführten Ende des Sklavenhalterkapitalismus. Die Kultivierung der typischen Exportartikel der Südstaaten – neben Baumwolle vor allem Tabak und Zucker – blieb nur solange lukrativ, als ausreichende Mengen von Sklaven und fruchtbaren Bodens zur Verfügung standen. Eine intensivere, moderne Bebauung des Bodens erschien nicht möglich, ja sie wurde aufgrund des Überflusses an unfreier Arbeit nicht einmal ins Auge gefasst. Die Stagnation in manchen Südstaaten war derart, dass man sich in Staaten wie beispielsweise in Maryland, Virgina oder South Carolina sogar darauf verlegte, Sklaven zu exportieren. Angesichts der schwindenden Machtbasis waren die Oligarchien in den Südstaaten bereit, bei der nächsten Gelegenheit in die Offensive zu gehen. Aufgrund ihrer Abhängigkeit von extensivem Landbesitz und Sklavenarbeit sahen sie sich gezwungen, aggressiv gegen die Nordstaatler vorzugehen, die an liberalen Grundsätzen, an »freier« Lohnarbeit und einer »Free Soil«-Expansion ohne Sklavenarbeit festhielten, deswegen aber nicht ohne weiteres bereit waren, die Einheit der Nation aufs Spiel zu setzen.

Anmerkungen

1 Karl Marx: Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons »Philosophie des Elends«. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 4, S. 63–182, hier: S. 132

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Berlin 1974, S. 199

5 Ebd., S. 231 f.

6 Vgl. Orlando Patterson »On Slavery and Slave Formations«, in: New Left Review, Nr. 117, 1979, S. 31–67

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. Juni 2020 über die geschichtsrevisionistischen Reden deutscher Politiker zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs.

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