Zugezogen Maskulin: Die Verrohung und Verblödung der Menschheit

zeit.de

Eine Rezension von Daniel Gerhardt

Zehn Jahre Deutschrap, Rechtsruck und sonstiger Abfuck: Das Berliner Rapduo Zugezogen Maskulin reflektiert auf seinem neuen Album die erste Dekade seiner Karriere.

Zugezogen Maskulin: Die journalistische Perspektive haben sie nie ganz abgelegt: Hendrik "Testo" Bolz und Moritz "Grim104" Wilken sind Zugezogen Maskulin.
Die journalistische Perspektive haben sie nie ganz abgelegt: Hendrik „Testo“ Bolz und Moritz „Grim104“ Wilken sind Zugezogen Maskulin.© Rob Kulisek

Das neue Album von Zugezogen Maskulin heißt 10 Jahre Abfuck, und natürlich ist das kein Grund zum Feiern. Zeitgleich mit Thilo Sarrazins Zweitkarriere ging das Berliner Rap-Duo an den Start. Auf zwei Alben und einigen weiteren Kleinveröffentlichungen haben Hendrik „Testo“ Bolz und Moritz „Grim104“ Wilken seitdem beschrieben, wie alles den Bach runtergeht. Deutschrap, den sie als weitgehend unrettbare Reproduktionsmaschine von ebenso spätrömischen wie -kapitalistischen Zuständen erleben, das Land drum herum, das sein rechtes Gesicht immer offener zeigt, und natürlich auch die eigenen Lungenfunktions- und Leberwerte. Es war scheiße, es war dumm, und jetzt müssen wir da noch einmal durch.

Ganz am Anfang waren Zugezogen Maskulin Rapjournalisten, zumindest fast. Praktikum beim Szenemagazin, erste Begegnungen, Offenbarungen und Enttäuschungen. Den Journalistenblick haben Bolz und Wilken danach nie wieder aus ihrer Musik herausbekommen. Einerseits beherrschen sie den Abriss- und Abfuck-Rap, der in Deutschland momentan die besten Karriereaussichten bereitstellt, andererseits kommt bei ihnen zum Infight immer auch die Vogelperspektive hinzu. Zugezogen Maskulin sind so etwas wie die liebenswürdigen Bruchpiloten des Deutschrap, aber auch dessen strenger Blick. Sie beobachten, klagen an, überzeichnen und parodieren. Sie sind ein eigenes Genre innerhalb des Genres.

Schon mit ihrem zweiten Album Alle gegen alle kamen Zugezogen Maskulin im Jahr 2017 nah an die Perfektion dieses Ansatzes heran. Es war zugleich ihr Majorlabeldebüt und eine Null-Toleranz-Platte, krachig und kaputt produziert, voller Seitenhiebe und Tiefschläge gegen offensichtliche Feinde und die eigene Klientel. Fast noch schräger als das große Ganze schien Wilken und Bolz jedoch das Banale reinzulaufen: Anflüge menschlicher Unzurechnungsfähigkeit, die sich in Fitnessstudioprobeabos, mehrminütigen Kaffeebestellungen und anderen Vorboten des Weltuntergangs äußerten. Schon im siebten Jahr des Abfucks musste man sich fragen, wie viel Hass noch in Zugezogen Maskulin hineinpassen würde.

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Das neue Album der Gruppe erscheint deshalb mit zwangsläufig verschobenem Blickwinkel. Bolz und Wilken haben sich selbst nie geschont, aber auch noch nie so ungeschönt von sich selbst erzählt wie auf 10 Jahre Abfuck. Die Platte beginnt mit vier Sinnfragen und entfernt sich auch nie allzu weit von ihnen: Was machen wir hier und wie lange geht das noch so weiter, was haben wir erreicht und wie wollen wir uns in Zukunft verhalten zu Deutschrap und deutscher Gesellschaft? Bonusfrage außerdem: Was hat der Alkohol mit alldem zu tun?

Fangen wir hinten an, mit König Alkohol und dem wahrscheinlich komplexesten Lied, das jemals über trostloses Saufen geschrieben wurde. Zu Glockengeläut und einem Trap-Skelett ihrer Produzenten Ahzumjot und Silkersoft beschreiben Wilken und Bolz zunächst die kreative Treibstofffunktion ihrer Lieblingsdrinks – es wäre schlicht undankbar, das nicht zu tun. König Alkohol radikalisiert sich jedoch im weiteren Verlauf seiner dreieinhalb Minuten, vom Shotglas kommt der Track zum Kopfschuss und malt sich den schlimmsten aller Kater als Mischung aus Massenschlägerei und Rudelbums aus. Schon was anderes als die Batida-de-Côco-Partys der erfolgreichsten Mitbewerber.

Aber liegt in dieser Andersartigkeit auch der Sinn des eigenen Tuns, nach dem Zugezogen Maskulin suchen? Reicht es, dass sie drastischer und lustiger sind und den hässlichsten Deutschrap-Gepflogenheiten immer noch mindestens eine Metaebene hinzufügen? Jeder Schritt kehrt Überreste eines Witch-House-Tracks und die nächste stresserprobte Snare-Drum zu einer Triebtäterfantasie aus dem Berliner U-Bahnnetz zusammen (repräsentatives Reimpaar: „Hauptstadt der Fickerei / Titten aus der Mongolei“). Die Eskalation erfolgt diesmal schon in der ersten Strophe, die zweite nimmt sich, wohl auch selbstkritisch, den Männertyp des wohlmeinenden Feministen und sein Helfersyndrom zur Brust.

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