Die digitale Hand

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Werbung für vorbildliche Bürger statt für Konsumprodukte. Die öffentliche Auszeichnung von besonders sozial engagierten Menschen ist Bestandteil des Sozialkreditsystems, wie hier in Rongcheng

Dystopisch. Kein Wort wird in hiesigen Medien häufiger verwendet, um das chinesische Sozialkreditsystem (Social Credit System, SCS) zu beschreiben und es als Unterdrückungsinstrument hinzustellen. Doch nicht nur bei den geistig 1984 Stehengebliebenen, auch bei fast allen Linken herrscht ein bemerkenswertes Unverständnis darüber, was das SCS ist. Dieses Jahr sollte es der Planung Beijings zufolge landesweit eingerichtet sein und obwohl es noch nicht in einer endgültigen Form angelaufen ist, lassen sich Ausgestaltung und Zweck des Systems schon deutlich erkennen.

Die Volksrepublik steht immer noch vor großen Herausforderungen. Die Kulturrevolution, gesellschaftliche Dynamisierung und Urbanisierung im Zuge der ökonomischen Reformen Deng Xiaopings haben zur Erosion des jahrtausendealten konfuzianischen Wertesystems geführt. Strukturen, die vormals von Familien oder dörflichen Kommunen selbst getragen wurden, müssen vom Staat neu organisiert werden. Durch den sprunghaften wirtschaftlichen und technischen Fortschritt Chinas sind strukturelle Diskrepanzen entstanden – das betrifft nicht nur die mangelnde Regulierung der privaten Unternehmen, sondern etwa auch die fehlende Einbindung von Hunderten Millionen Menschen vom Lande in ein funktionierendes Kredit- und Finanzwesen. Andere im Rahmen der rasch durchgeführten Reformen aufgetretenen Probleme sind Korruption, Betrug, Verletzungen von Urheber- und Patentrechten, fehlende Produktsicherheit, Steuerbetrug, mangelnde Einhaltung von Verträgen und ein allgemein niedriges Vertrauen in die Abläufe des Marktes.

Mehr als ein Kreditwesen

Ein wesentlicher Ansatz zur Lösung dieser Probleme ist der am 14. Juni 2014 vom chinesischen Staatsrat verabschiedete »Planungsentwurf für den Aufbau eines Sozialkreditsystems (2014–2020)«. Dort heißt es: »Ein Sozialkreditsystem ist ein wichtiger Bestandteil des sozialistischen marktwirtschaftlichen Systems und der sozialen Steuerung. (…) Es wird durch die rechtmäßige Verwendung von Kreditinformationen und ein Kreditdienstleistungssystem unterstützt, seine Anforderungen sind die Etablierung einer Kultur der Aufrichtigkeit und das Weitertragen von Ehrlichkeit und traditionellen Tugenden. Es nutzt Ermutigungen zur Erhaltung des Vertrauens und Beschränkungen gegen Vertrauensbrüche als Anreizmechanismen. Sein Ziel ist die Förderung einer Mentalität der Ehrlichkeit und des Kreditniveaus der gesamten Gesellschaft.«¹

Das klingt für okzidentale Ohren zunächst nach einer ungewöhnlichen Vermischung rein finanztechnischer Aspekte mit moralischen Ansprüchen. Dabei entspricht diese Doppeldeutigkeit dem chinesischen Begriff »Shehui xinyong«, dessen Übersetzung mit Sozialkredit nur unzureichend wiedergegeben werden kann. Während im Deutschen Kredit stark mit dem Finanzprodukt konnotiert ist, hat der Begriff im Chinesischen eine weiter reichende Bedeutung und umfasst auch Tugenden wie Ehrlichkeit oder Vertrauens- und Glaubwürdigkeit (die strikte westliche Trennung von privater Ethik und öffentlichen Angelegenheiten hat es in China nie gegeben). In Verbindung mit dem Begriff des Sozialen kann der »Sozialkredit« nahezu jede Maßnahme zur Verbesserung von Wirtschaft, Regierung oder Gesellschaft meinen.²

Entsprechend umfassend muss man auch den politischen Ansatz des SCS verstehen. Alle erwähnten Probleme in China werden in dem Planungsentwurf angesprochen und als Teil des noch mangelhaften Kreditwesens aufgefasst. Ein Beispiel aus dem Unterkapitel zur Produktion: Auf diesem Gebiet gelte es, ein »Kreditberichtswesen für sichere Produktion«, eine »Verpflichtung auf sichere Produktion«, entsprechende Kreditakten und ein Bestrafungssystem bei »Vertrauensbrüchen in der sicheren Produktion« zu errichten.³ Kurzum: die Genossen wollen eine sichere Produktion für die Arbeiter gewährleisten. Dass sie dieses und die unzähligen weiteren im Planungsentwurf genannten Wirtschaftsziele unter den Begriff des Kreditwesens subsumieren, sollte nicht irritieren – es geht um eine Verbesserung aller Aspekte der ökonomischen und sozialen Sphäre (so gibt es eigene Abschnitte zum Finanz- und Steuerwesen, zur Preis- und Baupolitik, zum Arbeitsschutz, zur Bildung und Forschung, usw.)

Die Grundprinzipien

Im Kern besteht das SCS aus vier Elementen: Erstens der Zusammenführung aller bestehenden, aber noch verstreuten staatlichen Datenbestände über Unternehmen und Personen. In diesem Rahmen kommt es zwar auch zu einem Ausbau der Kameraüberwachung auf städtischen Plätzen, jedoch schätzt der China-Experte Jeremy Daum, dass das SCS »den Umfang der staatlichen Datensammlung nicht erweitert«. Der Westen projiziere seine eigenen Ängste bezüglich neuer Technologien auf China.⁴

Zweitens der Erweiterung der »klassischen« Anreiz- und Abschreckungsmechanismen durch sogenannte Red- und Blacklists, also Listen mit Beispielen besonders vorbildlicher Bürger (Rote Listen) und solchen, die Straftäter öffentlich anprangern (Schwarze Listen). Bekannt ist vor allem die nationale Blacklist des Obersten Volksgerichtshofs, auf der Personen aufgeführt sind, die gegen Gerichtsbeschlüsse verstoßen haben. Entgegen weitverbreiteten Vermutungen waren diese Blacklists eher wirkungslos – oftmals bekamen es die Betroffenen nicht einmal mit, dass sie öffentlich angeprangert wurden. Das SCS soll dieser bereits bestehenden Praxis zunächst einmal mehr Nachdruck verleihen.

Berühmt und im Westen skandalisiert wurden auf Basis der Blacklists erlassene Verbote, Tickets für Flüge oder Hochgeschwindigkeitszüge zu kaufen, die mehrere Millionen Bürger betrafen. Mit den eigentlichen Neuerungen des SCS hat dies aber wenig zu tun, die Verbote wurden auch hier infolge von Gesetzesbrüchen ausgesprochen. Neu ist lediglich die Zusammenführung der Informationen über die Vergehen eines Bürgers unter seiner Sozialkredit-Identifikationsnummer (die aber nicht mit einem Rating verbunden ist), um eine verbesserte Durchsetzung des Strafrechts zu gewährleisten.⁵ Im Gegensatz dazu sind die Redlists mit einem breiten propagandistischen Einsatz für sozialistische Werte und Normen verbunden. Die Durchsetzung des SCS in seiner ethischen Dimension wird dabei als kollektive Anstrengung der ganzen Bevölkerung verstanden.

Das dritte, entscheidende Moment des SCS ist die statistische Auswertung der gesammelten Daten durch Algorithmen und Big-Data-Technik. Dies findet hauptsächlich in wirtschaftspolitischen Zusammenhängen Anwendung. Der vierte und letzte Aspekt ist die Schaffung eines wirksameren Anreiz- und Strafmechanismus. Dies wird mit der Vergabe bzw. dem Abzug von Punkten in einem Ratingsystem erreicht. Besonders hier muss man jedoch vorsichtig sein. Entgegen zahlreichen Behauptungen wird nicht jedem chinesischen Bürger ein Sozialkreditwert zuwiesen – die staatlichen Dokumente erwähnen solche Punktwerte (Score) nicht einmal.

Punktwerte werden zwar durchaus eingesetzt, aber in völlig unterschiedlichem Ausmaß. Streng unterscheiden muss man zwischen dem auf die Unternehmen bezogenen »Corporate SCS« und dem auf Privatpersonen bezogenen SCS, das bisher nur als Pilotprojekt in 43 Städten und Regionen existiert, die im Dezember 2017 von der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission ausgesucht wurden. Jedes dieser Projekte hat ein anderes Punktesystem und andere Regularien sowie kulturspezifisch hübsche Eigennamen wie etwa in Xiamen »Jasmin-Sozialkredit«. Soziales Verhalten oder Konsumentscheidungen fließen auch in diesen Testprogrammen nicht in die Bewertungen der Bürger ein. Statt dessen weisen die Regierungsdokumente darauf hin, dass ein Punktesystem nur im Zusammenhang mit der Beachtung bereits bestehender Gesetze und Vorschriften benutzt wird und nicht der sozialen Verhaltenskontrolle der Bevölkerung dient.

Streng zu unterscheiden ist das staatliche SCS auch von den Sozialkreditprojekten privater Anbieter. 2015 erteilte die Chinesische Volksbank acht Konzernen die Genehmigung, eigene Programme zu entwickeln. Das bekannteste ist »Sesame Credit« (Zhima Xinyong) von Alibaba, eine Art umfassendes, aber freiwilliges Bonusprogramm. Relevant ist vor allem, dass keines dieser kommerziellen Pilotprogramme staatliche Autorisierung erlangt hat, da die Kommunistische Partei einen »möglichen Interessenskonflikt«, Verstöße gegen Fairnessgebote bei den Ratings sowie Probleme beim Datenschutz erkannte.⁶

Was in antikommunistischen Medien kaum Beachtung findet, ist zudem der Umstand, dass die Regierung sich selbst und die ganze Staatsverwaltung den Mechanismen des SCS unterwirft und einen »Überwachungsmechanismus für die Inte­grität der Regierung« fordert. Dazu veröffentlichte der Staatsrat Ende 2016 ein Dokument über die »Stärkung der Kreditwürdigkeit in Regierungsangelegenheiten«, das maximal mögliche Transparenz zum Ziel erklärt. Einerseits sollen im Sinne des demokratischen Zentralismus die Provinzregierungen und unteren Verwaltungsebenen von der Zentralregierung überwacht und kontrolliert, andererseits soll auch der öffentlichen Meinung ein größeres Gewicht eingeräumt und für die Bürger ein Beschwerdewesen zu staatlichen Verfehlungen etabliert werden.

Dass bis April 2017 bereits 470 lokale Regierungsbehörden auf Blacklists landeten, beweist die Ernsthaftigkeit dieser Maßnahmen. Die Juraprofessorin Xin Dai berichtet über weitere Initiativen: »Neben der Forderung nach der Stärkung konventioneller Mechanismen zur ›gesellschaftlichen Kontrolle‹ des Regierungsverhaltens, z. B. durch Petitionen und Whistleblowing, fordert das SCS die Regierungen auf allen Ebenen auf, externe Kreditagenturen und Forschungseinrichtungen bei der Erstellung und Veröffentlichung von Reputationswerten und Ratings für Regierungsorgane zu unterstützen.«⁷

Der lange Weg des SCS

Man versteht China nicht, wenn man nicht in Kontinuitäten denkt. Auch das SCS ist nicht das Produkt einzelner Politiker, sondern vorläufiges Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit der Kommunistischen Partei. Das Konzept steht in der Tradition der Politik des »Sozialmanagements« (Shehui guanli), das seit Mao Zedong zentraler Bestandteil des chinesischen Sozialismus ist. Grundlegend dafür sind Massenmobilisierungen, der Gedanke einer in ein übergreifendes System eingebetteten Selbstverwaltung sowie kontinuierliche Rückmeldungen zur lokalen und zentralstaatlichen Politik. Die Arbeitseinheiten der frühen Volksrepublik (Danwei) können als Vorläufer dieses Sozialmanagements gelten, die ebenso wie dörfliche Genossenschaften als kollektive Versuche der Selbstverwaltung und -verbesserung gesehen wurden.

Zwei Prozesse waren für eine Fortentwicklung dieser Struktur entscheidend: die Erfahrung der Kulturrevolution, in der eine Massenbewegung außer Kontrolle geriet, und die Rezeption neuer Erkenntnisse der Wissenschaften. Insbesondere seit Ende der 70er Jahre befasste sich die Parteiführung intensiv mit der Kybernetik, also Forschungen zu Steuerungs- und Regelmechanismen in komplexen Systemen. Seither ist der Gedanke einer automatisierten Sozialverwaltung auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse explizites Ziel der KP Chinas. Der ehemalige Generalsekretär Hu Jintao (2002–2012) berichtete davon, dass die Forschungsarbeiten des chinesischen Vorreiters auf dem Gebiet der Kybernetik, Qian Xuesen (1911–2009), Anfang der 1980er Jahre an der Zentralen Parteischule studiert wurden. Im Kern habe die KP »moderne wissenschaftliche und technologische Ideen benutzt, die aus der Systemtheorie stammen, um leninistische Konzepte neu zu gestalten«, so Samantha Hoffman, Beraterin des Mercator Institute for China Studies (Merics).⁸ Seither beschäftigt sich die KP Chinas mit der Frage, wie komplexe Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme vor dem Hintergrund der dialektischen Weltanschauung des Marxismus gesteuert werden können.

Ende der 90er Jahre bildete sich die Theorie des Social Credit Systems als einem möglichen Steuerungsinstrument heraus. Als »Vater« des SCS gilt der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Lin Junyue, der ab 1999 eine Arbeitsgruppe dazu leitete. Nach Forschungsreisen in die USA und nach Europa erschien im März 2000 sein Bericht »Der Weg zum nationalen Kreditverwaltungssystem«, der sich zunächst nur auf das Kreditwesen als eine der wichtigsten volkswirtschaftlichen Kennziffern beschränkte. Darauf aufbauend veröffentlichte Lin Junyue 2003 ein Buch mit dem Titel »Social Credit System Theory«, auf dem alle späteren Konzepte aufbauten. Die erste hochrangige politische Erwähnung des SCS fand im Politischen Bericht des Generalsekretärs Jiang Zemin auf dem 16. Parteikongress der KP 2002 statt, der die Schaffung eines Sozialkreditsystems als Teil der Modernisierung des System der sozialistischen Marktwirtschaft anmahnte.⁹

Zeitgleich wurde mit dem »Sozialen Netzwerkmanagement« (Shehui wangge hua guanli) ein erster Versuch einer automatisierten sozialen Verwaltung gemacht, die an die Organisation der selbstverwalteten Kommunen und Danweis anknüpfte. Das Land wurde dabei netzförmig in Bezirke eingeteilt, in denen jeweils ein Zuständiger verschiedene Kennzahlen wie die Bevölkerungsgröße oder die Anzahl an Wohnungen im Blick hatte und auf eventuell auftretende Probleme und Unzufriedenheiten achtete. Zwischen den Bezirken und der Regierung fand ein regelmäßiger Datenaustausch statt.

Schließlich wurde 2007 die »Interministerielle Konferenz zur Konstruktion des Sozialkreditsystems« gegründet, die die Vorarbeiten zum Planungsentwurf von 2014 lieferte. Hier zeigte sich bereits der doppelte Fokus auf Marktökonomie und Kreditwesen einerseits, auf neue Modelle einer Basisverwaltung andererseits – alles eingekleidet in ethische Forderungen nach mehr gesamtgesellschaftlicher Integrität (Chengxin) und Vertrauenswürdigkeit (Yongxin). Zugleich wurde aus den Fehlern der Kulturrevolution gelernt und der Schwerpunkt auf die Schaffung eines stabilen institutionellen und rechtlichen Rahmens gelegt, in dem sich das SCS bewähren kann.

Den Markt kontrollieren

Das SCS ist trotz des gesamtgesellschaftlichen Ansatzes im Kern ein System zur effizienten Lenkung der sozialistischen Marktwirtschaft mittels eines diffizilen Zusammenspiels von Anreiz-, Straf- und Kontrollmechanismen. In einer Studie des Merics-Institut heißt es: »Zwar gilt die internationale Aufmerksamkeit bislang vor allem den möglichen Auswirkungen des Systems auf Privatpersonen. Doch die Hauptmotivation hinter dem Gesellschaftlichen Bonitätssystem (das SCS) ist eine andere: nämlich das Verhalten von Marktteilnehmern effektiver zu steuern.«¹⁰ Und der Unternehmerverband »European Union Chamber of Commerce China« warnt: »Alle Unternehmen in China, ob chinesische oder ausländische, staatliche oder private, werden bereits nach dem Corporate SCS bewertet, wobei einige bereits die Auswirkungen negativer Ratingergebnisse zu spüren bekommen haben.«¹¹ Laut dem Wirtschaftsmagazin Plusminus vom 15.1.2020 sind auch deutsche Firmen bereits betroffen. So landete etwa die Baufirma Züblin wegen der Nichtabgabe von Geschäftsberichten auf einer Blacklist.

Das Corporate SCS wird dazu verwendet, alle Unternehmensaktivitäten zu überwachen, ihre Marktaktivitäten auszuwerten und ihr wirtschaftliches Verhalten zu steuern, kurz: die dysfunktionale unsichtbare Hand des Marktes zu ersetzen durch eine staatlich gelenkte digitale. Der entscheidende Schritt dahin erfolgte im September des vergangenen Jahres mit der Implementierung der Testversion des nationalen Wirtschaftsüberwachungssystem »Internet plus Monitoring System« durch ein staatlich geleitetes Konsortium, dem auch Huawei, Alibaba und Tencent angehören.

Das System erstreckt sich über alle wirtschaftlich relevanten Bereiche, darunter auch Arbeitsschutzmaßnahmen, die Einhaltung von Naturschutzregeln, Produktqualität, Vertragsrecht, Steuerzahlungen sowie alle industriepolitischen Vorgaben der Regierung. In allen Bereichen wirkt sich das Fehlverhalten der Unternehmen negativ auf den Wert ihres Sozialkredits aus, der auf einer Skala von 0 bis 1.000 Punkten liegt, die wiederum in Kategorien von D bis zum Höchstwert AAA eingeteilt werden. Der Wert wiederum wirkt sich direkt auf die Geschäftschancen des Unternehmens aus, bei schlechtem Abschneiden winken etwa mehr Inspektionen, ein erschwerter Marktzugang (etwa durch Ausschluss bei staatlichen Ausschreibungen), schlechtere Kreditbedingungen, Ausschluss von staatlicher Förderung und höhere Steuern. Umgekehrt werden Unternehmen mit hohem Sozialkredit mit geringeren Steuern, mehr Förderung, besserem Marktzugang und günstigen Krediten belohnt. Darüber hinaus können auch hohe Manager oder Rechtsvertreter der Unternehmen persönlich belangt werden. Bislang haben die chinesischen Behörden eine Liste mit rund 300 Anforderungen und Richtlinien an die Unternehmen aufgestellt, negative Bewertungen gibt es u.a. für verspätete Lohnzahlungen oder Umweltverschmutzungen. Ein wichtiger Punkt sind dabei die »Joint sanctions« – das gemeinsame Bestrafen eines Unternehmens durch alle Behörden, die mit ihm zu tun haben.

Der Hauptvorteil des Corporate SCS liegt in den fließenden Punkteskalen anstelle von starren Vorgaben des Rechtssystems, gegen die entweder verstoßen wird oder nicht (einschließlich oft zu leichter Strafen wie bloßen Geldbußen). Zudem wird die konkrete Umsetzung der für einen positiven Sozialkredit erforderlichen Maßnahmen den Unternehmen im Sinne der »Selbstregulierung« selbst überlassen. Der planwirtschaftliche Staat muss nicht mehr jede Maßnahme selbst anordnen, er kann sich auf die Vorgaben allgemeiner, flexibler Richtwerte beschränken, also auf die Errichtung eines umfassenden Systems von ökonomischen Anreizen zur Steuerung der Wirtschaft.

Die zentrale Institution ist dabei die von der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission geführte »Nationale Plattform für den Austausch von Bonitätsinformationen«, die seit Oktober 2015 in Betrieb ist und dazu dient, Daten der Zentral- und Provinzregierungen und auch von kommerziellen Kreditratingsystemen in einem einheitlichen Datensatz über möglichst viele Marktaktivitäten zusammenzuführen. Für die Zusammenführung der Daten hat jedes Unternehmen einen 18stelligen »Unified Social Credit Code« erhalten. Über das Webportal »Credit China« der Plattform wird schließlich nicht nur ein Teil der relevanten Unternehmensinformationen, sondern auch eine Blacklist von Firmen mit besonders schlechtem Sozialkredit, d. h. großem Fehlverhalten, veröffentlicht. Wie stark das gesamte SCS sich auf den Corporate-Bereich fokussiert, zeigt sich daran, dass 80 Prozent der dort gesammelten Daten Angaben über Unternehmen sind.¹² Bemerkenswert ist außerdem, in welcher Rolle Privatpersonen vom SCS betroffen sind. Im Planungsentwurf von 2014 wird im Abschnitt »Kreditaufbau unter natürlichen Personen« spezifiziert, dass es vorrangig um Beschäftigte in öffentlicher Funktion wie Beamte, Anwälte, Rechtsvertreter und Manager von Unternehmen, daneben medizinisches Personal, Lehrer, Forscher, Medienvertreter und andere geht, bei denen Kreditunterlagen »im ökonomischen und sozialen Leben« eingerichtet werden sollen.

Eine Art NÖSPL

Die ökonomische Öffnung Chinas und der fortschreitende Abbau von »klassischen« planwirtschaftlichen Methoden mit strikten staatlichen Vorgaben ist nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass mit dem Corporate SCS schrittweise ein wesentlich effizienteres Modell der Wirtschaftssteuerung umgesetzt wird. Das betrifft auch die Rolle ausländischer Unternehmen, die in den Freihandelszonen zwar mehr Spielraum zur Betätigung in China erhalten, jedoch zum Preis der Unterwerfung unter die Aufsicht und die Regulationsmechanismen des Corporate SCS.

Auch im Westen sieht man das große Potential dieser Politik. Seitens des Merics-Institut wird prognostiziert: »Das Gesellschaftliche Bonitätssystem verkörpert Chinas Vision, ein extrem leistungsfähiges und zugleich anpassungsfähiges Wirtschaftssystem unter politischer Führung zu schaffen. Wird das System wie geplant umgesetzt, kann es zu einem hochkomplexen und ausgefeilten Modell für eine IT- und Big-Data-gestützte Marktregulierung werden. Dies wiederum könnte dazu führen, dass Entwicklungsstufen übersprungen, innovative Geschäftsaktivitäten forciert und die Fähigkeit der chinesischen Gesellschaft gestärkt wird, sich schnell an nicht vorhersehbare Veränderungen anzupassen. Im Vergleich dazu würden westliche Marktwirtschaften träge und hochgradig fragmentiert wirken mit einer geringen Beweglichkeit und Durchsetzungsfähigkeit sowie fehlenden langfristigen Strategien.«¹³

Zugespitzt könnte man sagen: Das Corporate SCS ist eine Art chinesisches Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung in ethischem Gewand. Wieviel Ähnlichkeiten es tatsächlich mit diesem ökonomischen DDR-Reformprogramm hat, und welche Wirkungen es zeitigt, müsste noch genauer erforscht werden. Insbesondere die Verwerfungen infolge der Coronakrise lassen noch keine genauen Beobachtungen der Effekte des Corporate SCS zu. Welche Effekte das SCS aber für Privatpersonen hat, wird im zweiten Teil erörtert.

Anmerkungen

1 Vgl. Planning Outline for the contruction of a Social Credit System 2014–2020

2 Vgl. Xin Dai: Toward a Reputation State: The Social Credit System Project of China. Peking 2018

3 Vgl. Planning Outline for the contruction of a Social Credit System 2014–2020

4 Jeremy Daum: Untrustworthy: Social Credit is’t what you think it is. 2019

5 Vgl. Jeremy Daum: Who did China ban from flying. 2018

6 Vgl. Xin Dai: Toward a Reputation State: The Social Credit System Project of China

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. Samantha Hoffman: Programming China: The Communist Party’s autonomic approach to managing state security. Mercator Institute for China Studies, 2017

9 Vgl. Roger Creemers: China’s Social Credit System: An Evolving Practice of Control. Leiden 2018

10 Mirjam Meissner: Chinas gesellschaftliches Bonitätssystem. Marktregulierung mit Hilfe von Big Data hat weitreichende Folgen für Unternehmen in China. Merics, 2017

11 European Union Chamber of Commerce in China: The Digital Hand. How China’s Corporate Social Credit System Conditions Market Actors. August 2019

12 Vgl. Meissner: Chinas gesellschaftliches Bonitätssystem

13 Ebd.

Marc Püschel ist Redakteur dieser Tageszeitung und arbeitet im Ressort Thema.

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