Ankara marschiert ein

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Turkish Defense Ministry via AP

Der türkische Kriegsminister Hulusi Akar (r.) und Oberbefehlshaber Yasar Güler (l.) verfolgen den Angriff auf die kurdische Freiheitsbewegung (Ankara, 15.6.2020)

Die türkische Armee hat in der Nacht zum Mittwoch eine neue Bodenoffensive im Nordirak begonnen. Hunderte Kommandosoldaten seien in der Grenzregion Haftanin abgesetzt worden, berichtete der staatliche türkische Sender TRT. Die Kommandos würden von Drohnen und Kampfhubschraubern begleitet. Die Operation »Tigerkralle« sei aufgrund »vermehrter Angriffe auf Polizeistationen und Stützpunkte« durch die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gestartet worden, rechtfertigte das Verteidigungsministerium in Ankara den Einmarsch mit »legitimer Selbstverteidigung«.

»Es geht nicht nur um die PKK, es geht um die Existenz der Kurden«, warnte dagegen Hüseyin Dicle von der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK), einem die PKK und ihre Schwesterorganisationen im Iran, Irak und Syrien umfassenden Dachverband, gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur ANF. Die in der Türkei regierende faschistische Koalition aus der AKP und MHP habe das strategische Ziel, die Kurden »als Volk, als Gemeinschaft, als organisierte Kraft« zu vernichten.

Dem Einmarsch von Bodentruppen vorausgegangen waren großangelegte Luftangriffe. So hatten Kampfflugzeuge in der Nacht zum Montag Dutzende Ziele bombardiert. Während Ankara behauptete, die Angriffe hätten PKK-Unterschlüpfen gegolten, wurden auch das rund 200 Kilometer von der türkischen Grenze entfernte Flüchtlingslager Machmur sowie Checkpoints örtlicher Selbstverteidigungskräfte, ein Krankenhaus und selbst ein Heiligtum auf einem Berg in der Heimatregion der Jesiden in Schingal (Sindschar) beschossen.

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Das irakische Außenministerium protestierte am Dienstag gegenüber dem türkischen Botschafter in Bagdad gegen die Verletzung der Souveränität des Landes, während die vom Barsani-Clan geführte kurdische Regionalregierung in Erbil zu den Angriffen schwieg. Die KCK beschuldigte daher in einer Erklärung vom Mittwoch die irakisch-kurdischen Regierungsparteien ebenso der »Komplizenschaft« wie die US-geführte internationale Anti-IS-Koalition, die der Türkei den von ihr kontrollierten irakischen Luftraum geöffnet habe.

Nahezu zeitgleich mit türkischen Luftaktivitäten beschossen am Dienstag und Mittwoch die iranischen »Revolutionsgarden« grenznahe Gebiete in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, die iranisch-kurdischen Oppositionsgruppen als Rückzugsgebiet dienen. Die den iranischen »Revolutionsgarden« nahestehende Nachrichtenseite Bita Wan berichtete, die Angriffe seien erfolgt, nachdem sich die Türkei und der Iran auf einen gemeinsamen Kampf gegen grenzüberschreitenden »Terrorismus« geeinigt hätten. Am Montag hatten sich der iranische Außenminister Mohammad Dschavad Sarif und sein türkischer Amtskollege Mevlüt Cavusoglu in Ankara getroffen.

Abzuwarten bleibt, ob die Kooperation zwischen Ankara und Teheran soweit geht, dass türkische Truppen die Genehmigung erhalten, auch über iranisches Territorium einen Zangenangriff auf die als »Herz und Hirn« der kurdischen Befreiungsbewegung geltenden Kandilberge zu starten. So hat die türkische Armee in den letzten zwei Jahren bereits zwei rund 30 Kilometer tief in den Nordirak reichende Brückenköpfe in den Regionen Hakurk und Bradost errichtet. Zwar befinden sich zwischen den vorgeschobenen Stellungen der türkischen Armee und dem Kandilgebirge noch Dutzende Kilometer schwer passierbares Bergland, und die Invasionstruppen mussten immer wieder schwere Schläge durch die ortskundige Guerilla einstecken. Doch die Präsenz der türkischen Armee ebenso wie der intensive Einsatz von Drohnen schränkt die Bewegungsfreiheit der Guerilla erheblich ein. Erst Ende Mai war das Zentralkomiteemitglied der PKK, Kasim Engin, bei einem gezielten Luftangriff in der Bradost-Region getötet worden.

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