Datenjournalist:innen fordern offene Corona-Daten

https://netzpolitik.org/2020/datenjournalistinnen-fordern-offene-corona-daten/

Brief an das Robert-Koch-Institut

Bisher stellt das Robert-Koch-Institut die Zahlen zum Corona-Virus vor allem als Texte und Grafiken zur Verfügung. Das hindert Datenjournalist:innen an ihrer Arbeit. In einem gemeinsamen Brief an das Robert-Koch-Institut fordern sie tagesaktuelle und maschinenlesbare Daten. Wir veröffentlichen das Schreiben.

Mann steht vor aufragender Wand aus Schiffscontainern und schaut nach oben.
Daten zur aktuellen Covid-19-Situation sind zwar da, aber nicht nutzbar. Das kritisieren Datenjournalist:innen aus ganz Deutschland in einem Brief an das Robert-Koch-Institut. Sie fordern offene Corona-Daten. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Pat Whelen

Eine Initiative von Datenjournalist:innen aus ganz Deutschland kritisiert das Robert-Koch-Insitut für dessen bisherige Datenpolitik. Das Institut veröffentliche Daten bisher zu wenig und vor allem in Formaten, die sich nicht zur weiteren Analyse eignen – etwa in Berichten mit Texten und Bildern.

Um ihre Aufgabe erfüllen zu können, nämlich den gesellschaftlichen Diskurs über gute Entscheidungen in der Krise angemessen zu begleiten, brauchen die Journalist:innen allerdings maschinenlesbare Daten. Nur so können sie die Arbeit der Gesundheitsbehörden ausführlich darstellen und kritisch hinterfragen, heißt es in dem Schreiben, das die Journalist:innen heute an das Robert-Koch-Institut geschickt haben.

Insgesamt 45 Datenjournalist:innen haben unterzeichnet. Sie arbeiten in Daten-Teams unter anderem bei den öffentlich-rechtlichen Medien von ARD und ZDF, bei der Süddeutschen Zeitung, bei der Funke Mediengruppe oder beim Spiegel.

Zuverlässige Datenquelle

Die Initiative beklagt schlechte Erfahrungen und mangelhafte Informationen aus dem Robert-Koch-Institut: „In den vergangenen Tagen und Wochen haben Sie aus vielen unserer Redaktionen zahlreiche Datenanfragen erhalten, die leider zu oft nur teilweise oder gar nicht beantwortet worden sind.“

Deshalb haben sich die Datenjournalist:innen zusammengeschlossen und fordern nun gemeinsam tagesaktuelle Daten, als Zeitreihe und regional so fein wie möglich aufgegliedert, maschinenlesbar und immer gleich strukturiert. Außerdem sollten Datensätze nicht überschrieben werden, sondern auch alte Versionen erhalten bleiben. All das trägt dazu bei, dass die Daten in den einzelnen Redaktionen automatisiert ausgewertet werden können.

Als Vorbild nennt der offene Brief den Daten-Hub „RKI COVID19“. Diese Plattform wird betrieben von ESRI, einem Softwarehersteller für Geoinformationssysteme. Nach Angaben des Europäischen Datenportals entstand die Plattform in Zusammenarbeit mit dem RKI, der Uni Bonn und deren Arbeitsgruppe für geographische Gesundheitsforschung „GeoHealth Centre“.

Ein Datenkatalog als Orientierungshilfe

Dabei gliedern die Journalist:innen ihre Forderungen in zwei Bereiche: Einerseits wünschen sie sich, dass das Robert-Koch-Institut offenlegt, wie es die eigenen Daten bisher verarbeitet. Dazu zählt auch, in welcher Form das Institut und die Gesundheitsbehörden die Daten erfassen – etwa zu bestehenden Datenbanken, erfassten Merkmalen, vorhandenen Metadaten und begleitenden Dokumentationen.

Andererseits stellt die Initiative einen umfassenden Datenkatalog vor. Darin fordern sie die anonymisierten Datensätze zu Tests und Infizierten wie Fallzahlen, Sterbefälle, Genesene und Altersgruppen. Außerdem sollten Schätzungen der Reproduktionszahl R öffentlich verfügbar sein, genauso wie der Code hinter den Schätzungen zur aktuellen Situation im Rahmen des „Nowcasting“ oder anderen Publikationen. Diese Aufstellung sei allerdings nicht erschöpfend, stellen die Journalist:innen klar, sondern eine Anregung für einen andauernden Austausch.


Hier der Brief:

#OpenCoronaData – Appell an das Robert Koch-Institut von 45 Datenjournalistinnen und Datenjournalisten

An den
Präsidenten des Robert Koch-Institut
Herrn Professor Dr. Lothar H. Wieler
Nordufer 20
13353 Berlin

Stuttgart / Hamburg / Baden-Baden, den 18. Mai 2020

Sehr geehrter Herr Prof. Wieler,

die Bekämpfung der Pandemie stellt Gesellschaft, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Medien vor großen Herausforderungen. Sie haben stets betont, dass wir sehr lange mit diesem Virus werden leben müssen. Das bedeutet für uns als Journalistinnen und Journalisten, dass wir mitten in einer sehr lange andauernden Situation der Berichterstattung stehen.

Unsere Aufgabe ist es ausführlich darzustellen und kritisch zu hinterfragen, wie Entscheidungen fallen, ob Prozesse funktionieren und wie Akteurinnen und Akteure in der Bekämpfung der Epidemie handeln – auch Gesundheitsbehörden. Wir benötigen daher umfassende Informationen zu dieser Epidemie, um den gesellschaftlichen und politischen Diskurs über die richtigen Entscheidungen in dieser Krise evidenz- und faktenbasiert zu begleiten und zu bereichern. Das gelingt in besonderer Weise, wenn wir dazu verlässliche Daten darstellen und analysieren können. Leider reichen die Daten, die das Robert Koch-Institut bisher veröffentlicht, dafür nicht aus. Auch die Art der Veröffentlichung (z.B. in text- und bildbasierten Berichten, statt in maschinenlesbaren Datensätzen) hindert uns daran, die Bevölkerung ausreichend über die Epidemie zu informieren.

Deshalb wenden wir, die unterzeichnenden 45 Datenjournalistinnen und Datenjournalisten, uns mit einem gemeinsamen Anliegen an Sie und fordern Sie auf, offene Corona-Daten schnellstmöglich bereitzustellen und diesen Ansatz mit Nachdruck voranzutreiben und zu unterstützen.

Stellen Sie die Corona-Daten des Robert Koch-Instituts möglichst umfassend, vollständig, regelmäßig und zeitnah für die Öffentlichkeit zur Verfügung.

Bitte tragen Sie auch Sorge dafür, dass Ihre Behörde (und insbesondere Ihre Pressestelle) personell, technisch und inhaltlich in die Lage versetzt wird, diesem datenbezogenen Informationsinteresse der Medien Rechnung tragen zu können.

In den vergangenen Tagen und Wochen haben Sie aus vielen unserer Redaktionen zahlreiche Datenanfragen erhalten, die leider zu oft nur teilweise oder gar nicht beantwortet worden sind. Wir benötigen aber freien Zugang zu Informationen. Das schließt insbesondere auch die Daten ein.

Der diesem Brief anhängende Katalog beschreibt, welche Daten Medien brauchen, um die dringend nötige Aufklärung in der Coronakrise zu leisten. Natürlich ist diese Aufstellung nicht erschöpfend. Darum möchten wir dringend anregen, mit uns in einen kontinuierlichen Prozess einzutreten. Der Presseworkshop zur Reproduktionszahl war ein gutes Beispiel für einen vertrauensvollen, offenen und tiefgreifenden Austausch. Wir vertrauen darauf, dass Sie diese Art der Zusammenarbeit mit den Medien, insbesondere mit uns Datenjournalistinnen und Datenjournalisten, intensivieren.

Mit offenen Daten tragen Sie wesentlich dazu bei, dass das Vertrauen der Bevölkerung in unsere Berichterstattung und letztlich in die staatlichen Institutionen in dieser Krise nicht verloren geht. Wir beobachten mit größter Sorge, dass immer mehr Fake News auftauchen und sich viele Menschen rationalen Überlegungen verschließen und Verschwörungstheorien zuwenden. Wir hoffen inständig, das RKI dafür gewinnen zu können, dieser Entwicklung das Beste entgegenzusetzen, was einer offenen Gesellschaft passieren kann: Transparenz und Öffentlichkeit – allen voran auch bei den Corona-Daten.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Datenjournalistinnen und Datenjournalisten*

*Die Initiative ist ein informeller Zusammenschluss von Datenjournalistinnen und Datenjournalisten deutschsprachiger Medien. Ansprechpartner für Rückfragen sind: Johannes Schmid-Johannsen, Björn Schwentker und Jan Georg Plavec.

[…]

Datenkatalog

A. Offenlegung der Datenspeicherstruktur der Corona-Daten des Robert Koch-Instituts bzw. (soweit in Abstimmung mit dem RKI erstellt) der Gesundheitsbehörden in Deutschland (Namen der Datenbanken, Angaben der Merkmale bzw. Spalten, Metadaten und Dokumentationen)

B. Die folgenden Daten sollten generell tagesaktuell, als Zeitreihe, und regional so fein wie möglich aufgegliedert veröffentlicht werden. Das Datenformat sollte maschinenlesbar und immer gleich strukturiert sein. Als Vorbild kann der Daten-HUB “RKI COVID19” dienen (https://npgeo-corona-npgeo-de.hub.arcgis.com/datasets/dd4580c810204019a7b8eb3e0b329 dd6_0/data). Wo immer möglich, wäre es wünschenswert, in diesen Datensatz die genannten neuen Merkmale einzupflegen. Datensätze sollten nicht überschrieben, alte Versionen erhalten bleiben.

1. Bereitstellung aller anonymisierten Datensätze der Epidemie insbesondere des Infektionsgeschehens als vollständige (auch historische) Zeitreihen, insbesondere:

    • a. Fallzahlen mit imputiertem Erkrankungsbeginn (wie im Nowcast verwendet)
    • b. Sterbefälle mit Sterbedatum
    • c. Fallzahlen mit zusätzlichen Kategorien nach IfSG (z.B. §§ 23, 33, 36 oder 42, wie im Lagebericht dargestellt) z.B. nach Arbeitsstatus oder Wohnverhältnissen der positiv getesteten Personen
    • d. Genesene mit dem bereits vorliegenden echten oder geschätzten Genesungsdatum (ersetzt durch die Angaben aus den erweiterten
    • Meldepflichten, sobald diese vorliegen)
    • e. Altersgruppen so genau wie möglich (idealerweise 5 Altersjahre)
    f. Alle Zeitstempel im Ablauf des Meldeverfahrens (z.B. Eingang der Meldung beim Gesundheitsamt, Erkrankungszeitpunkt, Datenweitergabe an Land, Datenweitergabe an RKI, Veröffentlichung durch das RKI)

2. Tägliche Angaben zu Testungen und deren Ort (Z.B. Arztpraxis oder Stationstyp im Krankenhaus), getesteten Personen (mit Geschlecht und Altersgruppe), positiven Testergebnissen, Anzahl übermittelnder Labore und Testkapazitäten, Anzahl von Laboren mit Rückstau und dessen Ausmaß in abzuarbeitenden Proben, Ausmaß von Lieferschwierigkeiten und der betroffenen Artikel.

3. Die genaue Schätzung von R mit Konfidenzintervallen, die anscheinend auch auf Länderebene zur Verfügung gestellt wird wie z.B. für Berlin.

4. Der Code hinter dem Nowcast aber auch hinter Veröffentlichungen wie den „Beispielszenarien der SARS-CoV-2- Epidemie 2020 in Deutschland“

5. Aus dem „R-Workshop“ ist uns ferner bekannt, dass das RKI regelmäßig Gesundheitsämter abfragt, wie groß die Belastung ist. Die Ergebnisse dieser regelmäßigen Umfrage würden wir auch gerne veröffentlicht sehen.

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Über den Autor/ die Autorin

Julia ist von Mitte April bis Mitte Juli Praktikantin in der Redaktion. Sie hat Germanistik und Soziologie studiert und fast einen Masterabschluss. Bei Jugend hackt hat sie 2017 endlich Menschen gefunden, um über Technik zu sprechen – und dann wurden es immer mehr. Außerdem recherchiert und redet sie gerne im Radio oder auf Bühnen; am liebsten über Gesellschaft, IT, Gleichberechtigung, Zugang zu Wissen und wie man alles besser machen kann. Sie ist per Mail erreichbar, am liebsten verschlüsselt.

Veröffentlicht 18.05.2020 um 17:48

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